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Herrfelder Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8 j
Nr. 64.
Sonnabend, den 1. Juni
1913.
Die heutige Nummer umfaßt 8 Seiten.
Erstes Blatt.
nichtamtlicher teil.
Politischer^ochenbericht.
Pfingsten, das liebliche Fest, daS freilich in diesem Jahre wegen der Ungunst der Witterung einen weniger anmutigen Charakter trug, hat für unser innerpolitischeS Leben die Vertagung der Reichstages gebracht. Mit vollstem Rechte konnte der Reichskanzler den in die Ferien gehenden Volksvertretern zum Schlüsse noch Worte warmen DankeS und freudiger Anerkennung spenden. Mit der prompten und einmütigen Annahme der Wehrvorlagen ist in der Tat ein Stück wertvollster positiver Arbeit geleistet worden. Die pessimistischen Erwartungen, die man vielfach an den Reichstag der 110 Sozialdemokraten geknüpft hatte, haben sich wenigstens im ersten TagungSabschnitte noch nicht bestätigt. Freilich, wenn eS nach den edlen Hundertzehn selber gegangen wäre, dann hätte das Vaterland auch nicht den mindesten Zuwachs für seine Wehrkraft empfangen, dann befänden wir uns in einer etatSlosen Zeit, in der den Beamten ihre Gehälter und den staatlichen Arbeitern ihre Löhne gesperrt wären, dann stockte die gesamte EtaatSmaschinerie, dann stände daS Reich nackt und wehrlos da.
Auch der preußische Landtag wird nach der Pfingstpause nur noch flüchtig zufammentreten, um sich alsdann ebenfalls zu vertagen. Die jüngsten Vorgänge im Abgeordnetenhaus«, wo eS bei der Beratung deS BefitzbefestigungSgefetzeS für die Ostmark zu einem heftigen Zufammenprall zwischen der Rechten und dem Zentrum gekommen ist, waren geeignet, dem Märchen vom schwarz- blauen Block den letzten, tödlichen Stoß zu geben, nachdem schon zuvor im Reichstage bei zahlreichen Gelegenheiten, wie der Aenderung der Geschäftsordnung, der Ostmarkenzulage, den elsaß-lothringischen Angelegenheiten usw., die dissen- tierende Haltung der „Schwarzen" und „Blauen" dem Gerede von dem Bestehen eines Bündnisses zwischen beiden gründlichst den Boden entzogen hatte. Wer auch jetzt noch an dieser Fiktion festhält und mit ihr hausieren geht, der beweist damit, daß ihm daS parteiagitatorische Interesse höher steht als die Wahrheit. Wir aber wollen nicht verfehlen, dem Wunsche Ausdruck zu geben, daß bei der weitgehenden Uebereinstimmung, die zwischen gläubigen Katholiken und gläubigen Evangelischen in allen grundlegenden Fragen der Welt- und LebenSan» schauung besteht, sich Zentrum und Konservative auch künftig recht oft zusammenfinden mögen.
In England ist ein Riesenstreik im Gange. Nach den Eisenbahnern im vorigen Jahre kamen die Grubenarbeiter mit ihrem AuSstande, der überall furchtbare Verheerungen angerichtet hat. Kaum ist dieser beendet, bricht nun der Stteik unter den Leichterarbeitern im Londoner Hasen loS und verursacht in weiterer Folge die allgemeine Arbeitseinstellung der Transportarbeiter. Such dieser Stteik ist wieder echt sozialdemokratischen Ursprungs. Die organisierten Transportarbeiter weigern sich, mit ihren Nichtorganisierten Berufskollegen zusammenzuarbeiten. Diese Weigerung bedeutet einen unerhörten Eingriff in die Willensfreiheit der einzelnen Arbeiters wie der Arbeitgeber und eine terroristische Beeinflussung der ArbeitSverhältnisseS, wie sie ärger nicht gedacht werden kann. Raffen sich die Staaten nicht endlich aus, um solchen kulturfeindlichen und unsittlichen Treiben gründlichst ein Ende zu bereiten, so geraten wir allmählich in Zustände hinein, die nicht mehr weit entfernt sind von dem ZuchthauSideal deS sozialdemokratischen ZukunftSstaateS.
In Frankreich ist Paul DechanelzumKammer- Präsidenten gewählt worden. Seine Wahl bedeutet eine Niederlage bei Radikalismus CombeSfchrr Färbung und eröffnet Aussichten auf daS Zustandekommen einer Wahlreform auf der Grundlage deS Porportionalsystem». Durch die Ein- sührung dieses Wahlsystems dürste die Herrschaft der Radikalen endgültig beseitigt werden.
Politische Wirtiinsen der deutschen Wehrvorlagen.
Der Entschluß, zwei neue Armeekorps auszustellen und ein neue- Geschwader unserer Flotte hinzuzufügen war an und für sich eine große Sache. Daß aber der Entschluß von dem deutschen Volk so willig und freudig ausgenommen und von der Volk-vertretung so rasch und mit so überwältigender Mehrheit gebilligt wurde, mußte die Wirkung im AuSlande bedeutend verstärken und die Achtung vor unserer Nation er- Höhen. Die „France militaire", daS größte militärische Fach- blatt Frankreich», daS im vorigen Sommer einen Hetzartikel nach dem andern gebracht hatte und in herausforderndem
Tone die Zeit zum LoSschlagen gekommen sah, muß jetzt wehmütig bekennen: Deutschland hat keinen Angriff zu fürchten, eS ist zu stark dazu.
ES fragt sich nun, ob diese Wirkung im AuSlande zu einer Veränderung der politischen Lage in Europa führen wird. Die Antwort hängt hauptsächlich von England ab. Im letzten Jahrzehnt ist eS seiner alten Tradition gefolgt, die jeweilig stärkste Macht deS Festlands durch Bündnisse und Ententen mit anderen Staaten lahm zu legen und durch Schürung von Kontinentalkriegen günstige Gelegenheit zur Erweiterung seiner Seeherrschaft zu schaffen. Dabei hat eS weder eine Isolierung Deutschlands noch eine Schwächung der deutschen Kraft erreicht. Andererseits beweist die Geschichte der Beziehungen Englands zu den Vereinigten Staaten von Amerika, baß die englische Politik klug genug war, sich mit einer emporstrebenden Macht, deren hartnäckige Befehdung den höchsten Einsatz erfordert hätte, lieber zu vertragen alS zu schlagen.
Die englische Presse spiegelt den Kampf der Meinungen darüber wieder, ob jetzt ein solcher Wendepunkt Deutschland gegenüber gekommen fei. Bei den AnnäherungSbestrebungen deS vergangenen WinterS spielte auf der englischen Seite unzweifelhaft der Wunsch mit, eine Verstärkung der deutschen Wehrkraft, wenigstens zur See, zu verhindern. Da dieS nicht geglückt und die Kriegsbereitschaft der deutschen Flotte, insbesondere auch durch Erhöhung deS MannschaftSbestandeS, beträchtlich erhöht worden ist, wenden sich die Blicke der Anhänger der alten Tradition in England wieder mehr auf Frankreich. Die Morning Post und andere konservative Blätter befürworten die Umwandlung der englisch-französischen Entente in eine wirkliche Allianz. Die liberale Presse dagegen rät davon ab, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, und daS Echo daS auS der französischen Presse kommt, ist geeignet, die Bedenken zu verstärken. Trotz der Mahnung deS „TempS", die Allianzidee mit wohlwollender Zurückhaltung zu behandeln, kommt doch in anderen Pariser Zeitungen der wunde Punkt deutlich zum Vorschein. Da wird nämlich die Verstärkung deS englischen LandheereS zur Bedingung einer Allianz in der Erkenntnis gemacht, daß die Ueberlegenheit der englischen Flotte einen viel zu geringen Vorteil bietet und in einem deutsch-sranzösischen Konflikt die letzte Entscheidung doch nur aus dem Lande fallen kann.
Daß England sich entschließen sollte, ein Landheer aufzu- stellen, daS der französischen Armee eine der deutschen Ueberlegenheit zu Lande gegenüber genügend große Zahl von Hilss- truppen abgeben könnte, halten wir für sehr unwahrscheinlich. Ohne Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in England ließe sich daS nicht machen, und, um sie durchzusetzen, sind die inneren Schwierigkeiten zu groß. In der französischen Zumutung an England, sich mit Soldaten besser zu wappnen, sehen wir daher daS deutlichste Zeichen dafür, daß die Verstärkung unserer Landmacht den politischen Ersolg erzielt hat, den sie erzielen sollte, d. h. daß in Frankreich eine wohltätige Ernüchterung von den chauvinistischen Treibereien eingetreten und die Neigung, für England den Landsoldaten zu machen, abgekühlt ist.
Jini > und Ausland.
Berlin, den 30. Mai.
AuS Brandenburg a. d. Havel, 30. Mai, wird gemeldet : Zur Feier der sünjhundertjShrigcn Wiederkehr deS Tages, an dem die Hohenzollern in Brandenburg einzogen, traf der Kaiser um 10 Uhr unter Glockengeläute und Hochrufen der Menge in der festlich geschmückten Stadt ein. In seiner Begleitung befand sich Prinz OSkar. Am Portal der St. Katharinenkirche, deren Wiedereinweihung heute erfolgt, wurde der Kaiser von den städtischen Behörden und der Geistlichkeit empfangen. Unter den Ehrengästen befinden sich der Reichskanzler, die Minister Trott zu Eolz und Lentze, der Oberpräsident Conrad und andere. Beim FestgotteSdienst hielt Generalsuperintendent Köhler die Weiherede.
Die Vertreter deS Magistrats und des Stadt- verordnetenkollegiumS von Berlin sind am Mittwoch früh unter Führung deS Oberbürgermeisters Kirfchner zu ihrem angekündigten mehrtägigen Besuch in Wien ein- getroffen. Der Wiener Bürgermeister Dr. Neumayer begrüßte die Berliner Gäste bei ihrer Ankunft auf dem Nordwestbahnhose herzlichst, in seiner Rede betonend, die Wiener hießen ihre Berliner Gäste nicht nur als Vertreter einer der bedeutendsten Städte der Welt und Angehörige deS gewaltigen Deutschen Reiche», sondern auch als liebe deutsche Bluts- freunde und StammeSgenossen willkommen.
Mit der Frage der ReichSerbschaftSsteuer wird sich der BundeSrat nicht allein mit Rücksicht auf den bekannten Beschluß deS Reichstages, sondern auch unmittelbar auf Grund von Anträgen einzelner Bunbe»staaten zu beschäftigen haben. Nach dem „Fränk. Courier" ist nämlich dem BundeSrat ein gleichlautender Antrag von 5 BundeSstaaten auf Wiedereinstellung der Erbschaftssteuer in die DeckungS- novelle für die Wehrvorlagen zugegangen.
Der durch feine deutschfeindliche Gesinnung bekannte DirektorHeiler von der elsaß-lothringischen Maschinen
fabrik in G r a j e n st a d e n hat sich jetzt entschlossen, im Interesse der Arbeiterschaft dieser Fabrik von seinem Posten zurückzutreten, da die reichSländische Regierung für den Fall eines weiteren Verbleibens Direktor HeilerS an der Spitze beS genannten industriellen Unternehmens mit Entziehung ihrer ferneren Aufträge für daS Werk gedroht hat. Mit dem Rücktritt deS Direktors Heiler kann der Grafenstader Fall wohl alS erledigt betrachtet werden.
Gestern mittag hat daS Hochwasser der Donau mit 562 Zentimetern über normal einen bedrohlichen Stand erreicht. Die beiden untereren DonaukaiS in Pest und Ofen sind überflutet. In Alt-Ofen steht ein ganzer Stadtteil unter Wasser. Im Hotel „Fiume" am Donaukai und in mehreren Privathäusern sind die Kellerräume bereits überflutet. Weitere- Steigen der Donau ist zu befürchten. Aus Südungarn laufen sortgesetzt entsetzliche Nachrichten über die Hochwasser- katastrophe ein. 14 Städte und Ortschaften, darunter Lugo», KaransebeS und Reschitza find gänzlich zerstört. Wie viele Menschenleben zugrundegegangen find, wird osfiziell erst in einigen Tagen bekanntgegeben werden können. Auch baS Torontaler Komitat ist ganz verwüstet. Die Ortschaft Csebza mit 300 Häusern ist vom Erdboden verschwunden. Mehr alS 100 000 Morgen Ackerland stehen unter Wasser. — Die gestrigen Abendblätter melden über die Hochwasserkatastrophe im Temesvarer Komitat, daß allein in den drei Gemeinden Csebza, Macedonia und Kanak bis heute vormittag 130 Menschenleichen gesunden wurden. Sieben weitere Ortschaften stehen noch heute ganz unter Wasser. Die Anzahl derTodeS- opser ist ganz unbestimmbar. Die Staatsbahnlinie nach Orjova und Bukarest ist unterbrochen. Auch Arad wird von einer großen UeberschwemnungSgefahr bedroht.
Nach einer aus Fe' eingetroffenen amtlichen Depesche versucht« am Mutwoeq nie auS acht Kompagnien bestehende, durch Geschütze unterstützte Mobilgarde zum ersten Male einen AuSfall im Norden von Fez gegen die in einer Entfernung von 12 Kilometer lagernden Heerhausen der Berber. Der Erfolg dieses Unternehmens ist noch unbekannt. General Lyautey hofft übrigens, durch die Priesterschaft, deren Einfluß auf die Stadtbevölkerung von Fez sich während der kritischen Tage wirksam erwies, auch einen Teil der belagernden Stämme zu gewinnen. Die Priester sind ermächtigt, den Aufständischen weitgehende Versprechungen zu machen und den jetzt friedlich heimkehrenden Stämmen im Namen deS Sultans und der Residentschaft große wirtschaftliche Vorteile zuzusagen. Gleichwohl verhehlt sich General Lyautey nicht, daß die Gc» samtlage noch immer sehr ernst bleibt und daß ihm geraten erscheint, die Verbarrikadierung der einzelnen Stadtteile von Fez bis auf weiteres sortbestehen zu lassen. — AuS Fez wird gemeldet, daß während deS Gefechte- vom Sonnabend auf Sonntag die Berber an sechs verschiedenen Stellen bis in die Mitte der Stadt vorgedrungen waren. Erst Sonntag mittag zogen sie sich zurück. Sie erbeuteten am Sonntag die Fahne über dem Heiligtum des Muley Dris. Der dadurch gesteigerte Fanatismus der Stämme zeigte sich in den erbitterten Angriffen am 28., wo den ganzen Tag gekämpft wurde. Die Lage gilt als ernst.
Auf dem tripotitanischen Kriegsschauplätze haben laut Meldungen von italienischer Seite bei Tobruk neue Kämpfe der italienischen Truppen mit den türkischen und arabischen Etrcitkräftcn stattgesunden. Die Kämpfe endeten mit dem Rückzüge beS FeindeS, der angeblich schwere Verluste erlitten hat, während die Italiener nur 2 Tote und 3 Verwundete gehabt hoben wollen. — Ueber die italienischen Flottenoperationen im Aegäischen Meere liegt einstweilen nicht» neucS vor.
Die Entwickelung der neuen aufständischen Bewegung in Albanien bleibt einstweilen abzuwarten. Die Pforte versucht eS zunächst mit einem gewissen Entgegenkommen gegenüber den rebellischen Libanesen; so wurden den Stämmen in der Gegend von Puka und Sclineich Erleichterungen in den Abgaben bewilligt. Bei Vaspat in Vilajet Skutari sank ein Kamps zwischen einer türkischen Gendarmerieabteilung und einer starken Arnautenbande statt. Die Arnauten waren die Angreifer; die türkischen Gendarmen wiesen den Angriff zwar ab, sie zogen sich jedoch dann ihrerseits zurück, da sie fürchteten, daß die Arnauten Verstärkungen erhalten und nachher von neuem angreifen könnten.
Der Negerausstand ausderJnselKuba dauert noch immer fort, anscheinend, weil die Regierung nicht genug Streitkräfte gegen die Rebellen zu mobilisieren vermag. ES ist nicht ausgeschlossen, daß sich der Aufstand noch lange hinzieht, wenn nicht die kubanische Regierung bald energischer gegen die Aufständischen vorgeht. Auch muß immer mit der Möglichkeit einer militärischen Intervention der Vereinigten Staaten aus Kuba zur Wiederherstellung der Ordnung auf dieser Insel gerechnet werden. Ueber die Zwecke des Negerausstande» herrscht noch keine volle Klarheit; manche nehmen an, eS handele sich hierbei um die Errichtung einer Negerrepublick, wie eS solche auf der Insel Haiti und an der Westküste Ssrika» (Liberia) gibt.