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herrfelder Kreisblatt

Gratisbeilagen: Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 13».

Mittwoch, den 20. November

1913.

Amtlicher teil.

HerSfeld, den 18. November 1912.

Diejenigen Herren Bürgermeister, welche gemäß meiner Rundverfügung vom 10. März 1911 I. 3212 noch nicht über daS Ergebnis der F l u r b e s i ch t i g u n g in diesem Herbste berichtet haben, werden an die Berichterstattung mit Frist bis zum 25. d. MtS. erinnert.

In Betracht kommen nur diejenigen Gemeinden, in denen daS ZufammenlegungSverfahren schon beendet ist und für welche gemäß der eingangs erwähnten Rundversügung die Flurbestchtigungen ausdrücklich vorgeschrieben worden sind.

3. I. No. 13337. Der Landrat.

I. A.

W es sei, KreiSsekretär.

nichtamtlicher teil.

»«Klag.

Das Kirchenjahr geht seinem Ende entgegen und bringt uns, ehe es scheidet, noch zwei ernste Tage: Bußtag und Totenfest. Mit Recht hat man den Bußtag in den Spätherbst gelegt, in dem die Erde den Winter­schlaf zu träumen beginnt. Die Natur ist im völligen Absterben begriffen, der Wind hat das letzte Laub von den Bäumen geschüttelt, schwere Wolken hängen zumeist am verdüsterten Himmel, und ein Zug der Trauer geht ^urch Wald und Flur, just die rechte Stimmung, um den Menschen zur stillen Einkehr bei sich selbst zu mahnen.

Nun mag es vielleicht auf den ersten Blick etwas befremdend erscheinen, daß die Staats- und Kirchen- behörden überhaupt einen bestimmten Tag festgesetzt haben, an dem in das laute Treiben der Städte und in das idyllischere Leben der Dörfer der Mahnruf hineinschallt:Tut Buße!" Die Bank, da die Spötter sitzen, ist reich besetzt, und da ertönen denn die höhnenden Rufe:Sündigt nur fleißig und wohlgemut dreihundert- vierundsechzig Tage im Jahre; wenn ihr am staatlich festgelegten November-Mittwoch büßt und betet, so habt ihr mit dem Himmel abgerechnet und eure Schuldigkeit getan!"

Ja freilich, wenn man den Bußtag in diesem Sinne auffaßt, dann verhallt der Ton der Kirchenglocken, die heute die Gemeinden zur Andacht rufen, wertlos in der Lust. Wenn man wirklich ersassen will, was dieser eine, in seinem äußeren Ernste dem Karfreitag ähnelnde Wochentag der Buße bedeutet, so muß man sich über den Begriff der Buße an sich klar werden, man muß inne werden, daß überhaupt die äußerlich zur Schau

inkebr.

Bußtags-Erzählung von L. Winfeld.

Wir hatten die holprige Landstraße hinter uns und bogen in eine breite, prächtig gepflegte Tannenallee ein. Die Räder des Wagens mahlten lautlos im feuchten Sande. Es war, als wollten sie unsere überraschende Ankunft auf Schloß Brandenstein ganz und gar in den Schleier des Geheimnisses hüllen.

Erst, als wir die Rampe hinauffuhren, erhielten die flinken Dinger ihre Sprache wieder. Ihr lautes Knirschen rief den Diener und das Stubenmädchen aus dem Hause.

Wo ist meine Frau?" fragte mein Freund, während uns der Diener auf der Diele die Mäntel abnahm.

Die beiden Leute wechselten verlegene Blicke.

Die gnädige Frau ist" begann der Diener stockend.

Im Park," vollendete das Mädchen rasch,und wünscht, nicht gestört zu werden."

Achim von Brandenstein runzelte dre Brauen. Fliegende Röte stieg ihm in die Schläfen, ebbte jäh zurück, um geisterhafter Blässe Platz zu machen. Er­dachte eine Weile nach. Dann hatte er offenbar fernen Entschluß gefaßt.

Begleitest Du mich in den Park?" fragte er m bittendem Ton. Seine Augen schienen durch mich hin­durch nach etwas Schrecklichem zu schauen, das sich in der Ferne erhob.

Ich hätte es gern abgelehnt, wenn es Hoflicherweye möglich gewesen wäre. Daß Achim seine Frau- ob mit ober Unrecht argwöhnte, lag klar auf der Hand. Ich erinnerte mich dunkel eines Gerüchtes, das von einer völlig zerrütteten Ehe der Brandensteins fabelte.

Unter peinlich lastendem Schweigen gingen mir nebeneinander durch den herbstlichen Garten. Graue Novembernebel umwanden die nackten Baumkronen mit ihren merkwürdig traurig stimmenden Gazeschleiern.

getragene Zerknirschung oder auch das wie ein flüchtiger Schatten über unser Gewissen dahinhuschende Bewußt­sein unserer Fehlerhaftigkeit nie und nimmermehr den Begriff der Buße vollendet. Das Bewußtsein, daß wir unablässig und immer wieder abweichen vom Wege des Rechten und Guten, wohlverstanden, auch wenn wir nicht gerade gegen die Satzungen des Strafgesetzbuchs verstoßen, muß uns in voller Kraft und in vollem Um­fange erfüllen, unser Herz muß uns hinführen zum Urquell aller Gnade und Vergebung, und der ernste Wille muß uns beherrschen, auf diesem oder jenem Wege wieder gut zu machen, was wir gefehlt haben, dann tun wir wirklich Buße. Der Bußtag erscheint uns dann im Lichte eines schönen Symbols. An dem Sinnbild dieses ernsten, stillen Tages sollen wir lernen, daß der im Strome des Lebens oft so gedankenlos dahintreibende Mensch Stunden stiller Einkehr und An­dacht haben muß, wenn er nicht seelisch versumpfen will in dem ruhelosen, haßerfüllten, liebeleeren Treiben des Alltags, wenn er nicht abstumpfen will gegen die Stimme des Gewissens, die ihn mahnt, das Edle, Schöne und Wahre zu suchen.

Unter diesen Voraussetzungen senkt sich am Bußtag selbst in dem ruhelosen Treiben der Großstädte, wo Tag und Nacht die Pulse eben jenes auf rein materieller Grundlage sich entwickelnden Lebens lauter und kräftiger schlagen als im stillen Frieden des Landlebens, ein Wolkenschleier über alles das, was uns an die All­täglichkeit des Lebens, in Arbeit und Vergnügungen, erinnert. Ernste Worte der Mahnung hören wir in den Gotteshäusern, Selbsterkenntnis zu üben und Reue zu empfinden. Selbsterkenntnis ist, wie ein allbekannter Ausspruch sagt, der erste Schritt zur Besserung, in der Uebung der Selbsterkenntnis liegt also auch ein Stückchen Buße. Fassen wir unser inneres Wesen ernst ins Auge und gehen wir mit uns einmal derb und ehrlich ins Gericht, dann werden wir vielleicht dazu kommen, unsere Eigenliebe hier und da zu überwinden, Feinden versöhnt die Hand zu reichen, Gerechtigkeit zu üben, wo wir blind verurteilten, Milde, wo wir hart und er­barmungslos waren, freundliches Entgegenkommen da, wo wir bisher nur selbstsüchtige Kälte kannten. Ver­suchen wir es also mit der Selbsterkenntnis, zu der die Bußtagsglocken uns rufen, dann werden wir auch den ernsten Entschluß zur Umkehr fassen und uns mutig aufraffen zu reinerem Tun, zu edlerem Streben.

Der Balkankrieg. Der türkische Sieg.

K o n st a n t i n o p e l, 18. November. Ueber die für die Türken siegreiche Schlacht in der Tschataldschalinie meldet der

Der Horst, das Wäldchen auf der Höhe des in Terraffen ansteigenden Parkes, stellte seine schwarzen Fichten ernst und streng gegen das weiche Perlmutt des Horizonts. Aus der Tiefe der sich im Dunkel verlierenden Wege schaute weinende Schwermut.

Noch nie zuvor hatte der Park so trübselig auf mich gewirkt. Ich schrak zusammen, als von einer alten Eiche, die trotzig ihr roßbraunes Laub gegen alle Stürme wahrte, ein raschelndes Blatt zu meinen Füßen nieder­sank. Gleich daraus wurde mir die Stille, die ringsum in summendem Lauschen lagerte, noch fühlbarer.

Mein Freund fah scheinbar von allem nichts. Er machte langsame, immer langsamere Schritte. Seine Augen hatten einen Ausdruck, als blickten sie nach innen; als ließen sie die Erinnerungen, die ein langes Leben in feiner Seele aufgehäuft, Revue passieren. Oder ging er ehe er mit seiner Frau zu richten begann mit sich selbst ins Gericht?

Wie kam ich nur darauf? Der Gedanke packte mich mit förmlicher Wucht. War es nicht meine Pflicht, meinen Freund darauf hinzuweisen?

Weißt Du, daß heute Bußtag ist?" fragte er plötzlich, und ein leises, durch den Gram, der seinen Hintergrund bildete, rührendes Lächeln kam in feine Augen, als er meine Verlegenheit sah.--Also hatte er meine Absicht erraten?

Ein Tag der Einkehr," begann er wieder nach kurzem Schweigen.So recht passend in diese trübe, lichtlose Zeit. Die Natur hat sich in sich selbst zurück­gezogen, in ihre Träume eingesponnen. Wer weiß, vielleicht bereiten sich in den schlummernden Bäumen gute Gedanken vor, wie jeder im kommenden Jahr noch besser als früher seinen Teil zum großen, allgemeinen Blühen beitragen kann. Ich begreife nicht, wie man den Herbst traurig nennen kann. Solch ein versonnener, grauer Himmel über Bäumen, die neue Kraft zu sammeln suchen, kann einen doch nur zu frischem Handeln, zu ernstem Sichselbstprüfen anregen.

Neberrascht starrte ich ihn an. Von dem bitteren

KüegSkorrelpondent deSBerliner Lokal-AnzeigerS":ES war ein nebliger Morgen. Ein Teil der türkischen Artillerie feuerte mit schwarzem Pulver und alsbald waren große Teile der Verteidigungslinie in undurchdringlichen Nebel und Qualm gehüllt, der einen Schleier zwischen den beiden kämpfenden Linien bildete. Aus der bulgarischen Seite blitzte eS unauf­hörlich von dem Abfeuern der eigenen Geschütze, sowie von dem Aufschlägen der türkischen Geschosse. Ein türkisches Kriegsschiff, das in der Bai lag, nahm an dem Kamps« teil und gab Breitseiten seiner schwersten Artillerie aus die bulgarische Flanke ab. ES war unzweifelhaft der schwerste Artilleriekampf seit dem russisch'japanischen Kriege. Dann wurde plötzlich Kleingewehrfeuer hörbar. Die Bulgaren hatten in der Nacht ihre Infanterie vorgeschoben und versuchten nun, die Eisen­bahnschleife von BachseiSköi zu nehmen, indem sie auf dem Ufer deS Karasu entlang vorgingen. Die türkische Artillerie nahm sie jedoch scharf ausS Korn und nach kurzer Zeit mußte sie diesen Angriff einstellen. DaS Knattern der Gewehre und der Maschinengewehre zeigte unS bald darauf, daß ein ähn­licher Angriff bei Hamidijo unternommen wurde. Doch er scheint abgeschlagen worden zu sein. Doch bald verstummte daS Kleingewehrfeuer. ES war jetzt 10 Uhr morgens. Die Erde erbitterte unter dem Donner der Geschütze und zerbarst unter dem Krachen der Granaten. Die Bulgaren waren unermüdlich, aber ihre Schrapnells zersprangen zu hoch und taten wenig Schaden. So weit ich überblicken konnte, waren die Türken vortrefflich geschützt. Die Leute waren bester Laune und aßen ihr Brot, von dem ganze Wagenladungen gestern eingetroffen waren. Der türkische Sieg wird jetzt offiziell bestätigt. Von den angeblich gefangen genommenen 8000 Bulgaren sollen 30M nach Konstantinopel gebracht I werden. Ferner sollen nach Zeiruogsmeldungen etwa 40 Ge­schütze erbeutet sein. Die Siegesnachrichten verursachen in allen Kreisen größte Freude und Begeisterung.

DT. Konstantinopel, 18. November. Der gestrig« Angriff der Bulgaren hat auf der Pforte sehr überrascht, wenngleich der erfolgreiche Widerstand der türkischen Truppen großen Jubel verursacht hat. Nach den direkten Verhand­lungen zwischen Sofia und Konstantinopel und besonders nach der vom Zaren Ferdinand abgegebenen Erklärung, daß in Kürze eine Anwort auf den türkischen FriedenSvorschlag zu erwarten sei, hatte man nicht mit neuen kriegerischen Ereigniffen gerechnet. Man hat hier sür den bulgarischen Angriff zwei Erklärungen: Entweder die Bulgaren wollten angesichts der täglich eintreffenben Verstärkungen aus türkischer Seite durch einen Vorstoß die wirklichen Streitkräfte der ottomanischen Armee erfahren, oder sie wollten die Türken überrumpeln, um sie durch eine neue Niederlage zur Annahme der harten FriedenSbedingungen zu zwingen, die sich jetzt die Pforte anzunehmen weigert. Sollte der letztere Grund maßgebend gewesen fein, dann ist der Plan fehlgejchlagen. Denn der erfolgreiche Widerstand und Vorstoß der türkischen Truppen hat die Krieg-begeisterung auf der Pforte neubelebt und die

I Zorn, der ihn seiner Frau nachspüren hieß, war nichts mehr zu entdecken. Er lehnte sich, ohne noch Miene zu machen, der oder den Schuldigen auf die Schliche zu kommen, an den silbrigen Stamm einer Birke, und verzeihende Milde breitete sich über seine schöngeschnittene Stirn.

Ich bin Dir eine Erklärung schuldig," fuhr er fort, mir offen in die Augen sehend,Du ahnst wohl, was seit unserer Ankunft in mir vorgegangen. Ich wollte anfangs Maria stellen, in unerbittlicher Strenge Rechen­schaft von ihr fordern. Ich werde es nicht tun. Sprich Du mit ihr! Bringe sie zur Einsicht in sich selbst. Mache ihr unumwunden klar, daß ein Leben, wie sie es führt, sie vor sich selbst erniedrigt. Ich liebe sie" seine Stimme zitterte leichtwie ich sie immer geliebt habe. Ich will ihr alles verzeihen, wenn sie reuig zu mir kommt. Sie soll an unser Kind, an unseren ver­storbenen Liebling, denken."

Seine Augen glänzten feucht. Ich wandte mich ab, meine Bewegung zu verbergen.

Da tönte durch die Traumstille ein feines, silbernes Läuten. Brandenstein erhob erschrocken den Kopf.

Wären nicht diese kahlen Bäume, der geisternde Nebel, der graue Himmel, so glaubte ich, der Sommer sei mir neu geschenkt, wo meine Kleine mit Lies, ihrem zahmen Reh, durch den Garten tollte. Gerade so läutete das Glöckchen, das Lies am Halse trug.

Wo ist denn das Tierchen geblieben?" fragte ich.

Fortgelaufen, als das Kind starb. Wir haben es nie wiedergesehen."

In tiefen Gedanken schritt er neben mir weiter. Plötzlich blieb er stehen und erfaßte krampfhaft meinen Arm. Ich folgte der Richtung seines Blickes.

Wir waren zu Füßen des Horstes angelangt. Eine mit Rasen belegte Lichtung tat sich vor uns auf. Mitten auf dem Grasplatz erhob sich, von schwarzem Gitter eingefriedigt, ein kleiner, grüner Hügel.

Das weiße Marmorkreuz zu Häupten des Hügels erglänzte feierlich im grauen Novemberlicht.