Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark, to
Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer ein- gespaltenen Zeile 10 Pfg., im amtlichen Teile 20 Pfg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.va^v»«
Herchlder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" • Fernsprech-Nnschluh Nr. 8 - ’
Nr. 76. Dienstag, den 1. Juli 1613.
Zu dem am 1. Juli 1913 neu beginnenden Vierteljahr ladet das
Bersfeltkr Kreisblatt
zu recht zahlreichen Bestellungen ein.
Von dem reichhaltigen Inhalte des Hersfelder Kreisblattes sei folgendes hervorgehoben'
Der amtliche Teil
enthält die Bekanntmachungen des Königlichen Landratsamtes sowie zahlreicher anderer Zivil- und Militärbehörden. Für alle Handels- und Gewerbetreibende sind die amtlichen Bekanntmachungen von besonderer Wichtigkeit.
Der politische Teil
enthält allgemein verständlich geschriebene Leitartikel sowie das interessanteste auf dem Gebiete der Politik des In- und Auslandes.
Die Nachrichten aus Provinz
und Nachbargebiet enthalten alle wichtigen Ereignisse aus der Stadt und dem Kreis Hers- feib, sowie diejenigen aus den benachbarten Bezirken.
Der vermischte Teil
bringt Nachrichten aus alten Gegenden der Welt.
Die Letzten Nachrichten
bringen die neusten Ereignisse politischen und nichtpolitischen Inhalts.
Die Romane,
Novellen, Humoresken etc. erscheinen in jeder Nummer fortsetzungsweise.
Die Gratisbeilagen
bestehen in einem 8tägigen Illultr. Sonntage: blatt und einer 14tägigen jßlultr. £and- wirtrchaftlicben Beilage, außerdem am 1. Oktober in einem Auszug aus dem Cisen- babnfabrplan der in Betracht kommenden Strecken, sowie am 1. Januar in einem Öland- halender und einem JWärkteverzeicbnfs.
Der Jibonnementepreis beträgt vierteljährlich 1,40 Mark.
Der Glückstag.
Von G. Wahl.
(Fortsetzung.)
Freilich hatte daS niemand dem Evchen erzählt, aber die Kleine hatte eS doch gemerkt.
Und Papa und Mama setzten große Hoffnungen aus diesen Freier. Evchen hatte die Mutter strahlend zum Papa sagen hören:
„Bei dieser Partie spielt die leidige Geldsrage keine Rolle I Unsere Klara wird ihm schon gefallen, sie ist ja hübsch, fleißig und wirtschaftlich."
Doch der Papa sagte hierzu mit schwerem Seufzer: „Ich wollte eS ihr und unS wünschen, Frauchen! Aber freue dich nur nicht vorher, warte e- ab!"
Dieser urplötzlich am Horizont aufgetauchte Bewerber war der einzige Sohn der liebsten Jugendfreundin der Frau Geheim- rat, und beide Mütter hatten schon immer im Herzen den Wunsch getragen, daß auS ihm und Clara einmal ein Paar werden sollte. Aber Fel x Meyer hatte eS bisher vortrefflich verstanden, jedem HeiratSplan au- dem Wege zu gehen.
Nun aber zeigte er sich den Wünschen seiner Eltern geneigt. Er hatte daS Junggesellenleben satt, oder — sollte ihn etwa gar Claras Photographie, die zum Geburt-tage seiner Mutter dort eintraf, zur Nachgiebigkeit bestimmt haben?
Seit acht, nein, beinahe vierzehn Tagen wurde nun Felix Mayer im GeheimratShause erwartet.
Daher auch EvchenS weiße- Kleid.
Die Mutter hatte freilich über diese Laune der Tochter die Achseln gezuckt und behauptet, heute käme kein Besuch. Aber Evchen dachte: „Man kann ja nicht wissen--"
Sonderbarerweise war der Papa heute schon in aller Frühe mit der Cläre fortgefahren. t .
„Sie machen eine Landpartie," erklärte dem Evchen die Mutter. m
Jetzt in der Nachmittag-stunde war auch die Mutter spazieren gegangen und Eva mit dem Mädchen ganz allein
Amtlicher teil.
Caffel, den 23. Juni 1913.
Am 1. Juli wird die Postagentur in Philipp-thal (Werra) in ein Postamt III umgewandelt. (V. 4. Nr. 450.)
Kaiserliche Ober-Postdirektion. Unterschrift.
An da- Königliche LandratSamt in HerSseld.
HerSseld, den 26. Juni 1913.
Wird veröffentlicht.
I. 7608. Der Landrat.
I. A.:
Trost, RegierungS-Supernumerar.
Königliche £ ebran statt für Mein-, Obst- und Gartenbau zu Geifenbeim a. Rb.
Wir bringen hiermit zur Kenntnis, daß an der Königlichen Lehranstalt im Jahre 1913:
1. ein ObstverwertungSkursu- für Frauen in der Zeit vom 28. Juli bis 2. August,
2. ein ObstverwertungSkursu- für Männer und HauS- Haltung-lehrerinnen in der Zeit vom 4. bis 14. August ab» gehalten werden.
Die Kurse beginnen an den zuerst genannten Tagen vormittags um 9 Uhr. Der Unterricht wird theoretisch und praktisch erteilt, sodaß die Teilnehmer Gelegenheit haben, die verschiedenen VerwertungSmethoden einzuüben.
DaS Honorar beträgt für den KursuS zu 1.: für Preußen 6 Mk., für Nichtpreußen 9 Mk., für den KursuS zu 2.: für Preußen 10 Mk., für Nichtpreußen 15 Mk.
Anmeldungen find an die Direktion zu richten.
AlleS Nähere ist aus den Satzungen der Lehranstalt, die unentgeltlich verabfolgt werden, zu ersehen.
* * * Her-seld, den 26. Juni 1913.
Wird veröffentlicht.
I. 7423. Der Landrat.
I. A.:
T r o st, RegierungS-Lupernumerar,
nichtamtlicher CelL
Reichstag.
Die Wehrvorlage in dritter Lesung.
Im Gegensatze zu der äußerlichen Ruhe der letzten Sitzung-tage ging er am Sonnabend im Reichstage wieder einmal recht hoch her. Zunächst gab er die versaffungSmäßig notwendige Zustimmung zu seiner Vertagung bis zum 20. November, nahm daS Abkommen zur Vereinheitlichung deS
im Hause. Nun konnte die Echummel ganz ungestört und nach Herzenslust träumen.
Und daS tat sie auch, — nur mit einer merkwürdigen Unruhe im Herzen. Sie mußte wieder und wieder denken: wenn sich jrtzt die Tür austäte, und Felix Mry.'r träte herein!
Und--da läutete eS auch schon.
Mit leisem Schrei fuhr Evchen auS ihrem Stuhl empor, denn Jette stand auf der Schwelle und meldete „Herr Mryer."
Wortlos starrte Evchen aus einen jungen Mann, der sich tief vor ihr verneigte.
Sie blickte auf dunkle-, lockiges Haar, ein schmales, blaffe- Gesicht und in ein paar wunderschöne, schwermütige Augen, die geradezu hilfesuchend die ihren trafen.
Mit zwei Schritten stand Evchen neben ihm, ihm beide Hände zum Willkommen reichend.
„Herr Meyer, endlich! Wie lange haben wir Sie erwartet! Und nun kommen Sie jetzt, da niemand zu Hause ist. Papa ist mit Clara spazieren gefahren," ein Gefühl un- gemeiner Erleichterung befiel sie bei diesen Worten, und triumphierend fügte sie hinzn: „und Mama ist auch auSge- gangen."
Wieder verbeugte sich Meyer stumm.
„Aber daS tut nichts," sagte sie, ihn bei der Hand fassend, „kommen Sie nur näher, ich bin ja hier! Aber bitte, dieser Stuhl ist weicher, so!"
Halb mit Gewalt drückte sie ihren Gast in einen Polsterstuhl, sich dicht zu ihm setzend.
„Sie haben wohl eine schlechte Fahrt gehabt, Herr Meyer? Sie sehen so bleich auS!"
„B—bleich? O n—nein,--ich--ich bin sehr »—unglücklich, mein Fräulein."
Evchen erschrak.
„Warum denn. Herr Meyer?"
_ st—.stott—lottere," würgte er heraus.
„Oo — immer?" fragte die Kleine teilnehmend.
„N—n—nein, — w—wenn sch—schöne Damen — und
— ich bin fremd--"
Evchen wurde feuerrot. Sie verstand! Sie hatte Eindruck gemacht — er war verwirrt!
WechselrechtS, die Novelle zum SchutzgebietSgesetz und daS Gesetz über die Aenderung zweier thüringischer Wahlkreise endgültig an und trat dann in die dritte Beratung der Wehrvorlage ein. AlS erster Redner erhält der Abg. Scheidemann das Wort, der in seiner bekannten maßlosen Weise den Standpunkt der Sozialdemokratie darlegt, so daß er sich mehrsach Rügen und Ordnung-rufe zuzieht. Dabei übertönt der lärmende Beifall seiner Freunde den Widerspruch der bürgerlichen Parteien. Umgekehrt sind die Rollen verteilt, während der Abg. Schultz (Bromberg) von der Reichspartei Herrn Scheidemann eine kurze Erwiderung zuteil werden läßt. Man sieht, die Debatte gestaltet sich von Ansang an äußerst lebhaft, aber eS herrscht doch noch der Eindruck einer geordneten parlamentarischen Verhandlung. Leider bleibt eS nicht so, vielmehr erhebt sich während der folgenden Rede deS Reichskanzlers ein ungeheurer Skandal. Da Herr von Bethmann- Hollweg den Spieß umkehrt und ähnlich Vorwürfe, wie Herr Scheidemann sie gegen die bürgerlichen Parteien, gegen die Sozialdemokratie erhebt, ihr zuruft, daß sie gar nicht bessern, sondern nur zerstören wolle, gerät die äußerste Linke ganz außer sich und zwingt durch ihr Toben den Kanzler bei öfteren zu Pausen in seiner Rede, die Rechte aber spendet stürmischen Beifall. Noch einmal ergreift Herr Scheidemann da- Wort, um die Sozialdemokratie zu verteidigen und den Kanzler auss heftigste anzugreifen, und noch einmal prallen d e Kundgebungen btr Zustimmung und deS Mißfallen- mit schrillem Klang aufeinander. Aber die Erregung geht offenbar weder hier noch dort besonders tief, die GeneraldiSkussion wird geschloffen, und die Spezialberatung beginnt gleich darauf in aller Ruhe.
Sie würde in wenigen Minuten erledigt sein, wenn ei nicht zu einer längeren Debatte über ein gestern in Ersurt gefällte- Urteil käme. Die Sozialdemokraten beantragen, in die Wehrvorlage eine Bestimmung aufzunehmen, nach der im ReichSstrafgefetzbuch einzelnen Paragraphen Zusätze wegen mildernder Umstände angefügt werden. Der Kriegsminister bittet um Ablehnung. Verschiedene Mitglieder bei HauseS sprechen zwar auch nicht für den Antrag, wünschen aber eine bestimmtere Erklärung deS Krieg-minister-, daß eine Reform eintreten werde. Schließlich wird die Diskussion hierüber abgebrochen und auf Montag vertagt. Der Rest der Vorlage sowie das Gesetz über den Wehrbeitrag und daS Stempelsteuergesetz werden schnell durchberaten. Die entscheidenden Abstimmungen aber finden erst am Montag statt, der auch die dritte Lesung der übrigen Deckung-vorlagen bringt. Außerdem wird als erster Gegenstand aus die Tagesordnung eine von der freisinnigen Partei beantragte Novelle zum Militär- strafgesetz g stellt, durch die mehrere Paragraphen Zusätze über mildernde Umstände erhalten sollen. Von den Erklärungen, die eventuell der Reichskanzler hierzu abgeben wird, wollen die Parteien zum Teil ihre Stellung zu dem sozialdemokratischen Antrag abhängig machen.
Bei den nunmehr beginnenden Einzelberatungen beantragt
„Nun, Herr Meyer, daS ist kein Unglück! Und meinet» wegen sorgen Sie sich nur nicht. Ich verstehe Sie und helfe Ihnen auS. Wir werden doch nun sicher viel beisammen sein."
Mcyer drückte dankbar EvchenS Hand, und dann beichtete er ihr auch, erst langsam, stockend, dann immer fließender und beredter eine traurige Geschichte, in der ihn ein böser Mädchenmund auSgelacht hatte.
Evchen hatte Tränen in den Augen.
„DaS war aber abscheulich!" sagte sie entrüstet. „Ich werde Sie nie-, niemals auSlachen."
„Ja Sie, — Sie find gut und schön!"
„Schön? Ich?" Evchen lachte hell auf. „Aber ich bin ja surchtbar häßlich!"
Und sie wies ihm ihr Stumpfnäschen, der armen Mutter Schreck, erklärte ihm, daß ihr Gesicht viel zu rund wäre, um fein zu sein und fuhr mit allen zehn Fingern in ihre Lockenwirrnis.
„Sehen Sie nur, hieraus wird im Leben kein Zopf, mein Haar ist und bleibt kurz; aber Clara, ja, die ist schön."
Eilends holte sie deren Bild herbri. Aber eS fand keine Gnade vor deS jungen Mannes Augen, er fand die Schwester kalt und stolz.
DaS war nun Musik für EvchenS Ohren, und ihr kleine- Herz hüpfte im Takt vor Freude, Ganz hell und licht wurde eS um sie, und sie hätte ausjauchzen mögen vor Seligkeit, wäre ihr nicht zugleich so seierlich zu Sinne gewesen.
Und ihrem Gast erging e- ebenso; er fühlte sich so frei, so leicht — EvchenS süßeS Geplaud« schläserte jeden Wunsch, jedes Bedenken bei ihm ein. Er dachte gar nicht mehr an den Zweck seines Besuches, und der Zauber, den daS liebliche Mädchen auf ihn auSübte, umspann ihn mehr und mehr.
Doch die Zeit, deren Verrinnen die beiden kaum bemerkten, stand nicht still.
EvchenS Mutter kehrte zurück.
Jette empfing sie mit feierlichem Gesicht.
„Der Herr ist drinne bei Fräulein Evchen."
„Der Herr? Welcher Herr?"
„Na — der Herr Meyer!"
(Schluß folgt.)