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herrWer Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 104.
Donnerstag, den 4. September
1913.
Roberts Enthüllungen.
Ansang 1912 erregte eine Broschüre, deren Versasser unter dem Decknamen „Lookout" über „Englands Welthenschast und die deutsche LuxuSflotte" geschrieben hatte, bei unS so gewaltiger Aufsehen, daß die Schrift im Handumdrehen in annähernd 26 000 Exemplaren abgesetzt werden konnte. Aber zu einem Kapitel („Die KriegSgefahr 1911") zuckte man doch die Achseln, weil man sich nicht vorstellen konnte, daß eS wirklich so „nahe daran" gewesen sein sollte. Da laS man, daß in Sheerneß die Promenaden für das Zivilpublikum gesperrt worden seien, weil Tag und Nacht an der Sperre der HafenS gearbeitet wurde, daß englische Torpedoboot- Flottillen die Nordsee abstreiften, um, falls sie aus deutsche Kriegsschiffe stießen, diese anzugreifen, daß von Lamlash bis Weiha'wei in allen Erdteilen sämtliche britischen Seestreitkräste mobil gemacht hätten, daß in Falmouth die 3. und 4. Division Linienschiffe sogar schon „klar zum Gefecht" dalag.
Also man wollte eS nicht ernst glauben, waS „Lookout" erzählte, obwohl er verblüffende Einzelheiten gab, und obwohl das englische UnterhauSmitglied Faber auch schon Andeutungen über die englische KriegSbereitschast und KriegSlust im Herbst 1911 gemacht hatte. Nun kommt aber ein ganz unverdächtiger Zeuge: Lord Roberts. Dieser englische Feldmarschall und Agitator sür die allgemeine Wehrpflicht veröffentlicht in der „Review" einen Artikel, in dem er alles bestätigt, waS im vorigen Jahre uns mitgeteilt worden ist. Bei „Cromarty" seien die Hauptkräste der britischen Hochseeflotte zusammengezogen gewesen, um von dort auS den Hauptschlag gegen Deutschland zu führen, und ebenso seien die Landtruppen bereit gestellt worden, um sofort bei KriegSauS- bruch nach — Flandern eingeschifft zu.werden, also an die belgische Küste, um dort BelgienS Neutralität „zu schützen" und später Hand in Hand mit den französischen Armeen auS der Flanke gegen Deutschland zu wirken.
ES trifft sich schön, daß gerade jetzt, wo diese Enthüllungen austauchen, in Belgien die großen Manöver stattfinden. Generalidee: Abwehr eines von Osten, also auS Deutschland, eindringenden HeereS. Der belgische Generalstab bemüht sich also, einer Lage gewachsen zu sein, wie sie kaum je eintreten wird, denn wir greifen Belgien nicht an, im selben Moment aber versichert einer der ersten englischen Militärs, im KriegS- sall werde Belgien — von den Engländern militärisch besetzt werden. Nun wird man in Brüssel also wissen, von wo die eigentliche Gefahr herkommtl
In „Englands Weltherrschaft und die deutsche LuxuS- flotte" hatte übrigens „Lookout" auch diese Landung bereits als beabsichtigt angegeben. ES heißt dort darüber: „Feld- marschall French fuhr im Automobil alle Marschstraßen an der Südgrenze BelgienS entlang ab. Von den BezirkS- kommandoS in Lille und anderen französischen Städten dieser Strecke aber wurde aus höheren Beseht in den Lehrerkreisen, literarischen Vereinen, Redaktionen und Handelskammern durch
Zwei beiden.
Preisgekrönter Roman auS der Zeit vor hundert Jahren von M. T r 0 m m e r S h a u s e n.
(Fortsetzung.)
„WaS gibt'S hier?" fragte sie in gebrochenem Deutsch.
„Die junge Frau hat frische Eier gebracht," versetzte die Wirtin.
Gierig sah die Marketenderin in den Korb.
„Kochen Sie mir gleich zwei davon," befahl sie. „Ich habe den ganzen Tag noch nichts Ordentliches im Setbe gehabt."
Die Wirtin gehorchte widerwillig und mit mürrischem Gesicht. Die Marketenderin, Msre (Seratb genannt, kümmerte sich wenig darum. Sie lachte und schwatzte und war mit den kärgsten Antworten zufrieden.
AlS sie ihr Essen verzehrt hatte, erhob sie sich.
„Ich gehe noch auf die Straße, kommen Sie mit?" fragte sie die junge Eierverkäuserin, die ihr gefiel. „ES ist zwar verdammt wenig zu sehen in euren langweiligen deutschen Nestern, mais que voulez-vous ?*
Die Bäuerin stand bereitwillig aus und folgte ihr.
„Kann ich ein Wort mit Ihnen allein reden?" fragte sie in glattem Französisch.
Die Marketenderin sah die junge Frau forschend an. Ein scharfer Blick fuhr über die schlanke Gestalt. „Kommen Sie," antwortete sie kurz.
Sie öffnete die Tür zu ihrer an der Treppe gelegenen Kammer und winkte ihrer Begleiterin, einzutreten.
„Sie sind keine Bäuerin," sagte sie, als sie die Tür geschlossen und die tranige Lampe angezündet hatte.
„Verraten Sie mich nicht. Ich möchte Ihre Hilfe," sagte die junge Frau mit einem so herzbeweglichen Blick, daß dieses durch die Krieg-fahrten hart gewordene Geschöpf ein seltsam weicher Gefühl durchzuckte.
Die Bäuerin näherte sich ihr.
„Unter den Gefangenen find zwet Frauen, sagte sie halblaut.
die Gendamerie angefragt, wer sich im MobilmachungSfalle alS Dolmetscher der englischen Sprache den Militärbehörden zur Verfügung stellen wolle. Vorgesehen ist die Ueberführung von 167 000 Mann englischer Truppen nach Frankreich bei KriegSauSbruch, die allem Anschein nach unter Neutralität-- Verletzung von Süden her in Belgien einmarschieren und dadurch eine der deutschen Armeen, die gegen Frankreich bestimmt sind, am Mittelrhein festhalten sollen. Und nun erklärt Robert- alle- daS für wahr.
FranroMe Vuloerforgen.
Man erinnert sich wohl noch, daß im vorigen Jahre aus den französischen Kriegsschiffen eine Reihe von teilweise recht schweren Unglück-fällen vorkamen, die sämtlich aus die schlechte Beschaffenheit deS in der Marine geführten Pulvers zurückgeführt werden mußten, daS eine verzweifelte Neigung zeigte, sich stets am unrichtigen Ort und zu gänzlich unpassender Zeit zu entzünden. Die stete Angst vor Explosionen hatte die französischen Marinemannschasten schließlich derart verängstigt, daß wiederholt Paniken auSbrachen, bei denen die Leute jegliche Disziplin vermissen ließen. Man mußte sich daher entschließen, sämtliche- Pulv r von Bord zu schaffen, und da Kriegsschiffe ohne Pulver eigentlich herzlich wenig nützen können, und die französischen Fabriken ein brauchbares Pulver herzustellen nicht imstande waren, ging man inS AuSland auf die Pulversuche. Sehr bald wurde auch aller Welt verkündet, daß man in Schweden das Gesuchte gefunden und daß nunmehr alle Not ein Ende habe. So ganz einfach scheint die Sache aber doch nicht verlaufen zu sein, denn das sührende amerikanische Militärblatt bringt in einer seiner letzten Nummern eine sehr interessant- Nachricht. In Amerika besteht eine du Pont Powder Company, die ein ganz vorzüglicher Pulver herstellt und eine Ehre dareinsetzt, daS amerikanische Heer und die Flotte mit dem besten Pulver der Welt zu versorgen. Wenn nun auch die Haupteinnahmen dieser Fabrik auS Priv.tkreiscn stammen, da der Verdienst an den staatlichen Lieserungen auS naheliegenden Gründen nicht allzu groß sein kann, hat sie eS -och bisher stets verschmäht, sich um die Pulverlieserungen sür andere Großstaaten zu bewerben. In der großen Verlegenheit, in der sich die französische Regierung nunmehr schon über Jahr und Tag btfinbet, hatte sie sich schließlich auch an die genannte Gesellschaft mit der Aufforderung gewandt, sämtliche Pulverlieserungen sür Frankreich zu übernehmen. AuS patriotischen Gründen lehnte aber die Fabrik dieses verlockende und großen Gewinn verheißende Anerbieten ab.
Daraufhin versuchten die Franzosen die Fabrik zu bewegen, in Frankreich eine Niederlassung zu gründen, die selbstverständlich allein durch den französischen Staat mehr wie lebenS- sähig gewesen wäre. Aber auch auf diesen Vorschlag gingen die Amerikaner nicht ein, und so wandte sich dann die sranzösische Regierung in ihrer Not an den amerikanischen Marine-
Die Marketenderin hob gleichmütig die Schultern. „Das kommt vor bei den einfältigen Preußen. Dies wäre nicht daS erstemal. Aber so geht'S. Wer A gesagt hat, muß auch B sagen. Mitgefangen, mitgehangen. Ich soll Ihnen doch nicht etwa helsen, diese törichten Weiber zu befreien?"
Die Hand der Bäuerin glitt in die Tasche. AlS sie wieder herauSkam, spielten die Finger wie von ungefähr mit ein paar Goldstücken.
„Sie sprachen vorhin davon, daß Ihnen noch am Heirat-- gut Ihrer Tochter etwas fehle," bemerkte sie. Ich kann Ihnen vielleicht dazu beitragen, wenn Sie mir ebenfalls behülflich fein wollten."
Die Augen der Marketenderin hefteten sich begierig auf daS Geld.
„Ja, wenn ich etwas tun kann," meinte sie bedächtig. „Aber wie? Wissen Sie einen Weg?"
Die Bäuerin rückte so nahe an Möre @6ratb heran, daß sich ihr Mund dicht an dem Gesicht der Marketenderin befand. Dann flüsterte sie eindringlich auf sie ein.
Märe G6rard schüttelte erst heftig den Kops. Allmählich aber horchte sie aufmerksam, und endlich nickte sie zustimmend mit einem munteren Lächeln.
„Gut, daS ist möglich. Wir wollen eS versuchen, Madame. Bereiten Sie die Anzüge vor. Alles muß so schnell wie möglich geschehen. Denn bevor die Geschichte entdeckt wird, müssen Sie über alle Berge sein."
„Und die Offiziere?"
Aber der flehende, hülscheischende Blick fruchtete in diesem Falle nichts.
„Damit lassen Sie mich in Ruh," war die barsche Ant» wort. „Und wenn Sie mir ein Vermögen bieten, damit ist nichts zu machen."
Die junge Frau rang die Hände.
„Warten Sie doch bis zum Auswechseln," ermunterte Möre Gärard. „Nur nicht so ungeduldig, wenn der Liebste mal eine Weile sitzen muß."
Aber die Bäuerin schüttelte nur stumm den Kopf.
„Schnell nun anS Werk," mahnte die Marketenderin.
sekretär mit der Bitte, ihr von dem Herstellungsverfahren bei der Fabrikation deS Pulvers der Gesellschaft Kenntnis zu geben. Der MarinesckretSr schlug daS mehr als naive Verlangen rundweg ab. Dieser Reinsall entmutigte aber die Franzosen keineswegs, sondern sie wandten sich mit derselben Bitte an den KriegSsekretär, und wunderbarerweise hätten sie an dieser Stelle beinahe Erfolg gehabt, weil, wie daS amerikanische Blatt sagt, dieser wohl der Angelegenheit nicht die gebührende Bedeutung beilegte — mit andern Worten, weil man im KriegSamte nicht so sorgfältig arbeitet, wie im Marineamte. Kurzum, es bedurste erst deS Einspruches der Gesellschaft, die den KriegSsekretär darauf aufmerksam machte, daß eS sich um ein ihr gehörendes Fabrikationsgeheimnis handele, von dem sie dem KriegSamte in durchaus vertraulicher Weise habe Kenntnis geben müssen. Daraus lehnte auch der KriegSsekretär die französische Bitte ab. — Frankreich sucht also weiter, und eS ist außerordentlich interessant, aus diese Weise zu erfahren, daß eS noch immer keinen Ersatz für fein berüchtigtes ö-Pulver gesunden hat. Wenn man aber die Zähigkeit sieht, mit der die Franzosen in Amerika zum Ziele zu gelangen suchten, so kann man daraus einen Schluß aus die Größe der Verlegenheit ziehen, in der sie sich in der Pulversrage befinden. Andrerseits muß man über die Unver- zagtheit staunen, mit der die Franzosen den Mund mit Revanchegeschrei in einer Zeit vollnehmen, in der sie nicht einmal imstande find, der Armee und der Marine ein brauchbare- Pulver zu geben.
Xus In- und Umland.
Berlin, 2. September.
Bei schönem Wetter begann heute morgen 8 Uhr die Herbstparade deS GardekorpS auf dem Tempel- hofer Felde. ES nahmen u. a. daran teil die hier anwesenden Prinzen deS Königlichen HauscS, Herzog Albrecht und Herzog Philipp Albrecht von Württemberg, Prinz AlfonS und Prinz Franz von Bayern, ferner eine schwedische Sonderkommission, der italienische und der argentinische Generalstabschef und die hier weilenden Offiziere eines Washingtoner MilizregimentS. Auch der indische Fürst Narsinjarh mit seiner Umgebung in buntseidenen Turbanen alS Kopfbedeckung war erschienen. Die Kaiserin wohnte der Parade mit der Prinzessin August Wilhelm und der Prinzessin Friedrich Leopold bei. Die Truppen waren in zwei Treffen ausgestellt. Die Parade kommandierte General der Infanterie von Plettenberg. Kurz nach 8 Uhr erschien der Kaiser in der Uniform deS 1. Garde- RegimentS zu Fuß. Während der Kaiser die Front abritt, erschienen mehrere Flugzeuge und der Zeppelinkreuzer Hansa über dem Paradeseld. Später überflogen auch mehrere Freiballons daS Feld. Gegen 8A9 Uhr begann der Vorbeimarsch, die Jnsanterie in RegimentSkolonne, die berittenen Truppen im Schritt. Der Kaiser führte der Kaiserin daS 1. Garde- Regiment und daS 1. Garde-Feld-Artilleric-Regiment vor.
„Geben Sie mir nur gleich daS Geld. Wer weiß ob ich später Gelegenheit habe, Sie zu sprechen."
Die Bäuerin gab ihr sofort eine stattliche Summe und eilte in die Nacht hinaus.
M6re ©erarb dagegen zählte noch einmal sorgsam die erhaltenen Goldstücke und legte sich auf ihr Lager.
Am nächsten Morgen warb eS früh in Christianstadt lebendig. Es wurde gesagt, daß die Gefangenen gegen Mittag nach Frankfurt a. Oder gebracht werden sollten. DaS Regiment würde seinen Weg nach Grünberg sortsetzen.
M4re Gsrard packte ihre Habseligkeiten sür die Weiterreise, dann ging sie auS und kam mit einem großen Paket zurück, daS sie in ihrer Kammer niederlegte, und begab sich zu' dem Unteroffizier, der die Wache über die Gefangenen hatte. Sie zog ihn beiseite.
„Wissen Sie, daß zwei Weib-personen unter den Soldaten sind, Aubert?" fragte sie halblaut.
„Kann fein, kommt bei den Preußen öfter vor," war die Antwort.
„Ich möchte sie befreien."
„Ist denn heute eine Schraube bei Ihnen loS?" fragte Aubert ärgerlich.
„Es ist mir Ernst mit dem, waS ich sage."
„Seit wann hat M6re Gärend Interesse an preußischen Gesangenen?"
„Seit ich weiß, daß Frauen dabei find," log die Frau getrost. „Nun also, wie ist'- ? Der Lohn ist gut, Aubert."
Sie klimperte in der Tasche.
„Wer sind denn die beiden?" fragte der Unteroffizier bedeutend gefügiger.
„Sie heißen Saher II und Werder II. Gehen Sie hinein und finden Sie den einen der beiden verwundet, am Arm, am Bein, am Kops, wo Sie wollen, so daß er in Pflege muß. Sie rufen dann mich, um den Verwundeten heraus- zutragen. Für da- Weitere lassen Sie mich sorgen."
Sie reichte ihm einen Teil der Goldstücke. Aubert nahm sie und ging in den Gefangenenraum. Märe Gerard wartete.
Drinnen herrschte Halbdunkel. An dem einzigen Türeingang stand ein Posten mit gespannten Pistolen.
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