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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld

Weiber Kreisblatt

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Vuchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 114.

Donnerstag, den 35. September

1913.

Der amtliche Teil befindet sich von jetzt ab auf der vierten Seite.

Bus der Heimat«

* (Wichtig für Wirte.) Bei einer Revision der Gläser wurde bei einem Wirt ein Glas beschlag­nahmt, weil es mehr Inhalt faßte, als die Eiche an- gab. Der Wirt berief sich darauf, daß es ein Stamm­glas und Eigentum eines Gastes sei. Da dieser für das Bier auch nicht mehr bezahlt habe, so sei doch nur er, der Wirt selbst, der Geschädigte. Das Gericht stellte aber fest, daß nach der neuen Maß- und Gewichts­ordnung die in den Wirtschaften befindlichen Trink- gefäße weder mehr noch weniger fassen dürfen als die Eiche anzeigt. Es ist nur eine kleine, genau festgelegte Fehlergrenze zulässig. Diese war im vorliegenden Falle jedoch erheblich überschritten. Da nach Ent­scheidungen der höchsten Instanz die Stammglüfer diesen Bestimmungen auch unterliegen, so wurde der Wirt mit einer Mark bestraft und die Einziehung des Glases verfügt.

* Zur Teilnahme an den kriegs - m ä ß i g e n R e s e r v e ü b u n g e n d e s 11. Armee­korps sind jetzt auch im Bereich des 4. Armeekorps noch zwei kriegsstarke Reserveregimenter (Nr. 86 und 93) und das kriegsstarke Reserve-Jägerbataillon Nr. 4 in Naumburg gebildet und ebenfalls zu einer kriegs­starken Reservebrigade vereinigt worden. Auch diese drei Truppenteile wurden nebst der zugehörigen Artillerie und den Jägern zu Pferde am Montag über Erfurt in mehreren Militärsonderzügen nach dem Truppenübungsplatz bei Ohrdruf befördert, wo zunächst das Scharfschießen stattfindet und von wo aus die Reservemanöver ihren Ausgang nehmen. Ins­gesamt nehmen also an den Reserveübungen zwei kriegsstarke Reservebrigaden (etwa 16 000 Mann) teil.

):( Hersfeld, 24. September. Ueber die B a u a n s - gaben für die Kreisbahn Hersfeld-Heim- boldshausen besagt der Verwaltungsbericht des Kreisausschusses für das Jahr 1912 folgendes: Die Ausgaben für die Bahn betragen zur Zeit (April 1913) rd. 2349181,41 Mk. Von dieser Summe entfallen: Für Erdarbeiten 436927,36 Mk., für Einfriedigungen 18966,72 Mk., Wegeübergänge 153573 Mk., Brücken und Durchlässe 180527,50 Mk., Oberbau 883132,57 Mk., Signale 15466,17 Mk., Stationen 228265,71 Mk., Werk­stattanlagen 6922,78 Mk., außerordentliche Anlagen 39241,43 Mk., Betriebsmittel 280835,38 Mk., Verwal­tungskosten 74496,82 Mk., Insgemein 10084,57 Mk., Bauzinsen 20741,16 Mark. Eine Ueberschreitung der veranschlagten Bausumme wird voraussichtlich nicht

eintreten.

):( Hersfeld, 24. September. Mittels Sonderzuges trafen gestern Vertreter der Königlichen Eisenbahn- direktion Frankfurt a. M. hier ein, welche die all­jährliche Streckenbesichtigung Vornahmen. Dre Herren blieben die Nacht über hier und wohnten im HotelDeutsches Haus". Heute morgen wurde dre Besichtigungsreise weiter fortgesetzt. ,

):( Hersfeld, 24. September. Aus Anlaß unseres erstmaligen Erscheinens alsHersfelder Tageblatt" ging uns von einem alten Hersfelder folgender poetischer Erguß zu:

Hurra! Da bin ich, das Tageblatt

von Hersfeld, der lieblichen Lullusstadt!

Sei gegrüßt, du mein trauliches Hessenland, wir beide sind ja schon lange bekannt!

Bevor ich alsTageblatt" ward geboren

Bin ich schon viele Jahre durch Hessen geflogen.

Schon zu der seligen Kurfürsten Zeiten

konnt ich schreiben von ihren Freuden und Lerden. Da war ich ganz klein, hab nur wenig gebracht ward schwer mit der Hand auf der Presse gemacht. Da reiste ich noch mit der Post durch das Land, die Eisenbahn war mir noch unbekannt.

Ich bin mit Euch Hessen dann preußisch geworden, mitdem preußischen Aar flog ich freudig gen Norden. Im eisernen Jahr, als wir schlugen den Fernd, da hab ich mit Euch gelacht und geweint. Als Deutschland geeint, als Friede zugleich, da begrüßten mit Jubel wir Kaiser und Rrich. Jetzt kam ich auch öfter, die Woche drei mal, und hinter mir lagen der Handpresse Dual, Die Schnellpressen kamen, mechanisch getrieben, und immer bin ich dasKreisblatt geblieben. Das will ich auch bleiben im neuen Gewand, das im Dränge des Fortschritts ich um mich band.

Ich komme jetzt täglich in alter Treue, helft, daß ich mich langen Leben» erfreue. Ä. ' Niederanla, 22. Sept. An dem T u r n - u n d l f e st, das gestern hier stattfand, beteiligten sich eitlen. Nach Ankunft des schmucken Zuges auf dem Spielplatz turnten gegen 200 Schüler Freiübungen, die bei durchweg guter Ausführung ein prächtiges Bild boten. Daran schloß sich ein volkstümlicher Wettkampf im 100-Meter Lauf, Weitwerfen und Wert­

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15 Schn

springen. Aus diesem gingen die Schulen von Nieder- aula, Niederjossa, Asbach, Hattenbach, Kleba, Solms und Mengshausen als Sieger hervor. Als Spiele wurden Schlagball o. E. und Baarlauf vorgeführt, deren lebhafter Betrieb einen sehr günstigen Eindruck auf die zahlreich erschienenen Zuschauer machte. Den Schulen von Hattenbach, Holzheim, Kirchheim, Kleba, Mengshausen, Solms und Niederjossa wurden fiir gute Leistungen Ehrenurkunden überreicht. Alle Uebungen wurden vom Publikum (besonders den Eltern der betr. Schüler) mit großem Interesse ver­folgt, mnd es wurde wiederholt der Wunsch ausge­sprochen, das Spielfest zu einer stehenden Einrichtung hier zu machen. EinGut-Heil" dem schönen Anfänge und einem stetigen Fortgange dieser Turnsache.

Fulda, 23. September. In Fulda haben eine An­zahl Herren sich zusammengeschlossen und 80 000 Alk. zum Zwecke des Ankaufs von Radium für Krebsbe­handlung zusammengebracht. Das Radium wird dem Landkrankenhaus in Fulda zur Verfügung gestellt. Aus den Extra-Einnahmen der Behandlung mit Radium wird das Anlagekapital mit 3 Prozent ver­minst. Der Ueberschuß wird zur Tilgung des Kapitals verwandt. Nach erfolgter Tilgung des Kapitals geht das Radium in den Besitz des Landkrankenhauses in Fulda über.

Cassel, 23. Sept. Mit einem Festakt in Gegenwart der Spitzen der Behörden, der Mitglieder des Provinzial- und Kommunallandtags wurden heute die neuen Räume der Landesbibliothek im ehemaligen Museum Friöericianum der Oeffentlichkeit übergeben. Das Museumsgebäude ist für 200 000 Mark vom Bezirksverband übernommen worden, um die 375 000 Bände und 4000 wertvolle Handschriften umfassende Bibliothek zweckmäßig unterzubringen. Die neue Herrichtung der Räume erforderte 140 000 Mk. Kosten. In seiner Festrede schilderte Direktor Professor Dr. Brunner die Entstehung und Entwickelung der 1580 von Landgraf Wilhelm IV. von Hesfen gegründeten Bibliothek und gab mehrere Stiftungen Casseler Bürger bekannt, darunter eine solche von 25 000 Mk. von einem hiesigen Großindustriellen.

Cassel, 24. September. In der gestern abend statt- gehabten zahlreich besuchten Versammlung der An­gestellten der Großen Casseler Straßenbahn wurde die auf die Lohnforderungen der Straßenbahner erteilte ablehnende Antwort der Direktion zur Kenntnis ge­bracht. Die Versammlung, in der die Erbitterung über den Bescheid der Direktion sich in lauten Ent- rttstungsrufen Luft machte, nahm einen recht stür­mischen Verlauf. Nach Wahl einer Kommission, die heute zum letzten Mal um Bewilligung der Forde­rungen der Angestellten bitten soll, wurde auf morgen abend 11 Uhr eine nochmalige Versammlung anberaumt, die den Bescheid entgegennehmen soll. Nach Schluß der offiziellen Versammlung forderte Verbandssekretär Riedel vom Deutschen Straßenbahnerverband zum Eintritt in den Verband auf. Die einem Streik günstige Stimmung der etwa 250 Versammlungsteil­nehmer kam daraufhin dadurch zum Ausdruck, daß alle bis auf etwa dreißig Mann ihren Beitritt er­klärten. Im Falle einer wiederholt ablehnend lautenden Antwort der Direktion ist mit einem Streik und damit mit einer großen Verkehrskalamität für die Tausendjahrfeier zu rechnem .

Hanau, 22. Sept. Das nach Hanau in Garnison kommende Eisenbahnregiment Nr. 2 wird, nachdem die für das Regiment von der Stadt Hanau errichteten Kasernements jetzt vollendet sind, am 1. Oktober von Berlin-Schöneberg nach hier übersiedeln. Das Regiment fährt am 30. September mit Sonderzug in Berlin ab und rückt im Laufe des Vormittags des 1. Oktobers hier ein, wo entsprechende Empfangsfeierlichkeiten durch die Stadt, die militärischen und die Zivilbe- Hörden stattfinden.

Frankfurt a. M., 23. Sept. Der Frankfurter Polizei ist es gelungen, den Schwindler zu verhaften, der die Deutsche Bank in Berlin um 150 000 Mk. zu betrügen versuchte. Es ist der 24 Jahre alte Kauf­mann Edmondo Boritti aus Cuzzago in Italien. Boretti war hier bei der Frankfurter Filiale der Elsässifchen Bank als Vorsteher der Korrespondenz- abteilung angestellt gewesen und wurde vor wenigen Wochen entlassen. Bei seinem Fortgang hatte er Briefbogen und Anweisungsformulare der Bank mit­genommen, so daß es ihm ein Leichtes war, die An­weisung an die Deutsche Bank über 150 000 Mk anzu- fertigen und mit gefälschten Unterschriften zu versehen.

Limburg a. d. Lahn, 23. September. Ein Brand hat heute die Maschinenfabrik Scheid vollständig zer­stört. Der Schaden beläuft sich auf über 100 000 Mk.

Hedemünden, 23. September. Blutrot färbte sich am Sonntag abend gegen 8V2 Uhr der Himmel. All­gemein glaubte man, es sei in der Richtung Gaffel ein Großfeuer ausgebrochen, welches durch einen Blitz­schlag herbeigeführt sein konnte, da es ständig blitzte. Doch handelte es sich nur, wie erst heute bekannt wird,

um ein bei demNeuen Sanatorium" abgebranntes großes Feuerwerk. In Oberode wurde sogar die Feuerwehr alarmiert, da man dasNeue Sanatorium" in Flammen glaubte.

Heiligenstadt, 23. September. Die Kartoffelernte auf dem Gesamteichsfelde entspricht nicht den gehegten Erwartungen. Sie bringt durchschnittlich 50 bis 75 Zentner, also durchschnittlich dreißig Zentner weniger als die vorjährige. Die Obsternte ist befriedigend und bringt bei den Versteigerungen recht ansehnliche Preise.

Nachlliinge zum Kaisermanöver.

Die großen Manöver, besonders die K aisermanöver, dienen bekanntlich nicht nur der Ausbildung von Führer und Truppe, sondern auch in hervorragendem Maße der Ausprobung von Neuerungen auf tech­nischem Gebiete unter möglichst kriegsmäßigen Ver­hältnissen. In den letzten Jahren ist natürlich der Verwendung der Flugzeuge ganz besondere Aufmerk­samkeit gewidmet worden, und so hat auch das eben beendete Kaisermanöver in Schlesien über diese Frage Aufschlüsse gegeben, die für die künftige Verwendung der neuen Waffe von entscheidender Bedeutung werden dürften. Die große Höhe, die der Flieger aufsuchen muß, um vor feindlichen Geschossen einigermaßen sicher zu sein die Manöverbestimmungen verlangen mindestens 500 Meter gewährt natürlich einen guten Ueberblick über ein weites Stück Gelände, dessen Falten und Winkel, Ortschaften und Bewachsung, wenn letztere nicht zu dicht ist, gut und bequem ein­gesehen werden können. Daher wird alles, was in diesem Geländeausschnitt kreucht und fleucht, ohne Schwierigkeiten bemerkt werden können, wie auch tatsächlich alle in Bewegung befindlichen Truppen so­fort erkannt wurden. Anders war es dagegen bei im freien Felde sich nicht bewegenden, besonders den in aufgelöster Ordnung sich befindlichen Abteilungen, die in ihrer feldgrauen Uniform sich so wenig von der Umgebung im Gelände abhoben, daß sie nicht ge­sehen werden konnten, auch wenn sie gar keine be­sonderen Anstalten, sich zu verbergen, getroffen hatten. Auch Abteilungen, die sich in dichten Wäldern oder in Ortschaften befanden und sich besondere Mühe gaben, um sich der Beobachtung von oben zu ent­ziehen, konnten nicht erkannt oder überhaupt gesehen werden. Schon aus diesen wenigen Tatsachen wird man die Frage beantworten können, in welcher Weise sich in Zukunft die Tätigkeit der Flieger und die der Kavallerie zu ergänzen haben wird, was um so wichtiger ist, als der Hauptgrund des Widerstandes eines Teiles des Reichstages gegen die Bewilligung neuer Kavallerie-Regimenter in der völlig unzu­treffenden Ansicht lag, daß durch die Beobachtung durch die Flieger, die Aufklärungstätigkeit der Kavallerie überflüssig geworden sei. Hierbei muß immer wieder die alte Wahrheit aufgestellt werden, daß bei Sturm die Flieger überhaupt nicht fliegen und bei Nebel nichts sehen könen. Mit solchen Natur­ereignissen muß man doch aber stets rechnen, und treten sie ein, was doch immer mehr oder weniger plötzlich geschieht, so müßte der Heerführer ohne jeg­liche Nachrichten bleiben, es müßte denn fein, daß man internationale Vereinbarungen zustande brächte, die das Kämpfen, überhaupt alle kriegerischen Operationen, nur bei klarer und ruhiger Luft

gestatteten.

Zu dieser Beschränkung ihrer Verwendungsfähig­keit kommen die oben angeführten Tatsachen, die auch ihrer Beobachtungsfähigkeit gewisse Schranken setzen. Denn die Truppen, die sich in einem dichten Walde oder in einer Oertlichkeit versteckt haben, werden vom Kavalleristen unter allen Umständen festgcstellt werden können, der eben so nahe heranreitet, bis er etwas sieht, oder bis er Feuer bekommt und daraus feststellt, daß der Wald oder die Ortschaft besetzt ist. Daraus geht hervor, daß der Kavallerist für die Aufklärung der Verhältnisse bei dem Gegner, mit dem man in unmittelbarer Berührung steht, unter keinen Um­ständen entbehrt werden kann. Ebenso wenig kann die Tätigkeit der Heeres-Kavallerie, die, weit voraus­gesandt,' die Bewegungen der eigenen Armee ver­schleiern und die strategischen Verhältnisse beim Feinde aufklären soll, vorn Flieger oder Lustschiffer über­nommen werden. Vorzügliche Dienste werden aber die Flieger hinter der Front des Gegners leisten können, wenn sie beobachten und melden, ob und welche Unterstützungen oder Reserven bereit gehalten werden, wo sie stehen oder wohin sie marschieren, ob und welche Befestigungen etwa angelegt sind und wie das Gelände in und hinter der feindlichen Stellung beschaffen ist- Mag die Flugkunst und die Luftschiffahrt noch so sehr vervollkommnet werden, wir werden die Kavallerie zur Aufklärung nie entbehren können; die beiden Waffen werden es vielmehr immer mehr lernen müssen, sich einander in die Hände zu arbeiten und sich zu ergänzen.