Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
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für den Kreis Hersfeld
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 118. . Dienstag, den 30. September 1913.
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Hus der Heimat
Die Tausendjahrfeierlichleiten in Cassel.
-w- C a s s e l, 29. September.
Der Vorabend der Tausendjahrfeier der Residenzstadt Cassel begann am Freitag mit der Uraufführung des preisgekrönten Festspiels „1385" von dem in Dresden lebenden Kunstmaler Benno von Francken in der im Westen Cassels belegenen Stadthalle. Die neuen Räume der Stadthalle boten anläßlich der Uraufführung des Festspiels ein glänzendes gesellschaftliches Bild. Die Prinzessin Reuß 33., geborene Prinzessin Viktoria Luise von Preußen, die Spitzen der Behörden und wohl über 2500 Personen, die Damen in prachtvollen Gesellschaftsroben, wohnten der Uraufführung bei. Das Festspiel behandelt die Vorgänge des 14. Jahrhunderts der Caffeler Stadtgeschichte, und zwar den Teil, wo das hessische Bürgertum sich im Kampfe gegen Landgraf Hermann von Hessen treu zusammenfindet, um für seine politischen Rechte zu kämpfen. Ein Spaziergang durch die Tausendjahrstadt Cassel zeigt allenthalben farbenfrohe Bilder und prachtvolle Dekorationen einzelner Straßen und Bezirke. In der Hauptstraße Cassels, der.Königsstraße, ist das Bestreben durchgeführt, geschlossene Bilder von unbestreitbar großer Wirkung zu zeigen. Der kreisrunde Platz ist geschickt durch die Anordnung des Künstlers als für sich allein bestehend abgeschlossen worden,' rings um den Platz sind weiße Flaggenmasten aufgestellt, die in ziemlicher Höhe fortlaufend mit blauem Tuch bespannt worden sind, sodaß sie den großen, schönen Platz einheitlich abschließen. Die Königsstraße ist gleichfalls zu dem kreisrunden Königsplatz und seinen Dekorationen passend geschmückt,' soffitenartig herabhängende goldene Tücher bilden ein Dach über die Straße, und besonders wenn die goldenen Strahlen der Herbstsonne dieses glänzende Straßendach tausendfach glitzern lassen, ist es von entzückender, prachtvoller und sehr nachhaltiger Wrrkung. Ebenso erlesen geschmückt ist das monumentale Rathaus mit seinem prächtigen Sandstein. Aber nicht allein hier, überall nnd besonders in den neuen Stadtteilen, sieht man einheitliche und großzügig öurch- gesührte Entwürfe von Künftern, die. Geschmack und Farbensinn erkennen lassen. Einen schönen Beweis für die wahre Festesfreude und Begeisterung gewährt auch die anschließende Wanderung durch die Altstadt, mit ihren malerischen, winkligen, so überaus reizvollen Holzhäuschen, die samt und sonders auf das Prächtigste geschmückt sind. Die alten Tore sind wie im Mittelalter wieder entstanden, mit originellen Torwächtern und Landsknechten davor, so reizvoll und so intim, daß man diese kleinen, alten, so unsagbar liebevoll geschmückten und herausgepntzten Gäßchen gern in der Erinnerung behalt.
Am Sonnabend herrschte schon m den frühen Morgenstunden in den Straßen der Stadt ern erwartungsvolles Leben und Treiben, in das um 7 Uhr die getragenen Posaunenklange von Choreen von den Türmen des Rathauses und einiget Kirchen heruiederöröhnten. Um 10 Uhr begannen auf r em weiten Festplatze vor dem in der Karlsaue malerrich gelegenen Orangerieschlosse die Turn- und Sprel- veranstaltungen der Schüler und Schülerinnen der höheren Lehranstalten. Die malerischen Wirkungen namentlich der Vorführungen der Mädchen fanden bei der gewaltigen Zuschauermenge lebhaften Beifall. Währenddessen nahm im Stadtverordnetensaale des Rathauses der Festakt seinen Anfang. Um.11 Uhr war der morgens aus Berlin hier eingetroffene k i tuz August Wilhelm im Automobil des Prinzen Reuß vor dem Rathause erschienen und betrat nun, geleitet vomOberpräsidenten und öemOberüürgermeifter, unter Fanfarenklängen den Stadtverordnetem«^^, wo der Prinz, der die Uniform des 1. Garderegiments r a trug den Sitz des Stadtverordnetenvorstehers einnahm. 'Ein Gesangsvortrag eines Doppelquartetts leitete die Feier ein. Oberbürgermeister Dr. Scholz dankte in seiner Begrüßungsansprache für das Erscheinen des Prinzen, den der Kaiser mit seiner Ver
tretung bei der Jubelfeier Cassels betraut habe, und begrüßte sämtliche Anwesenden, namentlich die Vertreter des Großherzogs von Hessen, des Landgrafen Alexander Friedrich von Hessen und des Prinzen Friedrich Carl von Hessen, die Spitzen der Militär- und Zivilbehörden, die zahlreichen Oberhäupter auswärtiger Städte, die Mitglieder des Landesausschusses und die sonstigen Ehrengäste. Mit einem Rückblick und einem hoffnungsfreudigen Ausblick verband Dr. Scholz den Hinweis auf die allezeit herzlichen Beziehungen des Kaiserhauses zu Cassel. Ein begeistert aufgenommenes Kaiserhoch beschloß die Rede. Danach gab der Kulturhistoriker Professor Dr. Steinhaufen, Direktor der Murhardschen Bibliothek, einen Ueberblick über die Vergangenheit Cassels, entrollte ein Bild von der langsamen aber stetig aufsteigenden Entwickelung Cassels und hob die steigende Bedeutung unserer Stadt hervor.
Von den weiteren festlichen Veranstaltungen des Sonnabends sind die von Massenchören — 2500 Knaben und Mädchen — auf dem Friedrichsplatze einer unübersehbaren Menschenmenge dargebotenen Volks- und Vaterlandslieder-Vorträge zn erwähnen, die Rektor Kürsten leitete. Ein Radfahrerreigen, ausgeführt vom Gauverband Cassel des Deutschen Radfahrerbundes, löste die Gesangsvorträge ab. Abends gab das Königliche Hoftheater als Festvorstellung Emil Jacobis „Chasalla". — Mit Eintritt der Dunkelheit begann die Festbeleuchtung und bald lag Cassel in strahlendem Lichterglanz. Den Beschluß des Tages machte ein Fackelzug des Kurhessischen Sängerbundes durch einige Stadtteile, worauf eine Serenade vor dem auf dem Friedrichsplatze eigens zur Tausendjahrfeier aufgestellten Chasalla-Standbild M^'e.
Der Reichskanzler Dr. von Bethmann Hollweg hat zur Tausendjahrfeier der Stadt Cassel folgendes Glückwunschtelegramm gesandt: Der Residenzstadt Cassel spreche ich zu der erhebenden Feier ihres tausendjährigen Bestehens meine aufrichtigsten Glückwünsche aus. Die großartige Entwickelung, welche das althessische Gemeinwesen in den letzten Jahrzehnten, insbesondere als Residenz Ihrer Majestäten, ge- nommeu hat, bietet eine sichere Bürgschaft dafür, daß es auf dem Wege aufwärts auch weiterhin den immer wachsenden Kulturaufgaben voll gerecht werden wird. Ich bedauere nochmals, daß ich verhindert bin, persönlich an den Gedenktagen teilzunehmen, und wünsche dem Feste unter den Auspizien des Königlichen Prinzen einen glänzenden Verlauf.
Auch in der Frühe des gestrigen Festtages riefen von den Türmen herab Choräle und das Geläute der Kirchenglocken zur Feier des Jubelfestes auf. Obgleich das Wetturnen der Caffeler Turnerschaft, in der Turnhalle bereits in aller Frühe um 6V2 Uhr, begann,wohnte demselben eine dichtgedrängte Menschenmenge bei. Darauf fand um 9 Uhr vormittags in allen Kirchen der Stadt ein Festgottesdienst statt. Die Mitglieder der städtischen Körperschaften wohnten ihm in der altehrwürdigen Martinskirche bei.
Von der Kaiserstraße ausgehend, fetzte sich um 11 Uhr vormittags der Festzug in Bewegung, der an dem Rathaus vorbei, wo er den Stadtoberen und Ehrengästen zu den Fenstern hinauf huldigenden Gruß entbot, durch die verschiedenen Stadtteile,namentlich Altstadt mit ihren altersschiesen Fachwerkbauten führte. Der erste Teil des von einer großen Teilnehmerschar zur Darstellnng gebrachten Zuges gab in zwanzig Gruppen eine Reihe geschichtlich interessanter Bilder aus der tausendjährigen Vergangenheit der Stadt, beginnend mit der Gruppe des Königs Konradi., als Herren des Gutshofes Cassel, inmitten von Chatten, und endigend mit dem Einzug der siegreichen Truppen 1871. Dazwischen maschierten zahlreiche Musikkapellen. Erregten schon die historischen Trachten in den lebendigen Bildern des ersten Teiles des Festzuges den jubelnden Beifall der Bevölkerung, so noch viel mehr die im zweiten Teil (Kräfte der Gegenwart benannt) vorüberziehenden Vertretungen von hessischen Landleuten in ihren malerischen Trachten. Aus der Schwalm und entfernteren Teilen des Hessenlandes waren Vertretungen (Erntewagen, Hochzeitswagen etc.) im Festzuge. Den Schluß des Zuges bildete der Wagen „Gewerbefleiß".
Prinz August Wilhelm von Preußen, der Fürst und die Fürstin zu Waldeck und Pyrmont sowie Landgraf Chlodwig von Hessen sahen von einem Fenster des Rathauses aus dem Festzuge zu und äußerten ihre Befriedigung über das wohl gelungene Schauspiel. Der Vorbeimarsch des Festzuges dauerte eine Stunde. Am Nachmittag nahm Prinz August Wilhelm ail einem Gartenfest in der Karlsaue teil und trat abends die Rückreise an.
Nach sportlichen Veranstaltungen in der Karlsaue am Nachmittag wurde abends im Königlichen Hof- theater „Lohengrin" gegeben. Es folgten Festkolnmerse in der neuerbauten Stadthalle und in der Faßhalle. Die ganze Stadt war festlich erleuchtet.
Heute vormittag fanden Turn- 'und^Spiel-Ver- anstaltungen der Caffeler Mittel- und Bürgerschulen, am Nachmittag Vorführungen von 13 Turnvereinen in der Karlsaue und darauf eine Huldigungsfahrt der Caffeler Ruöervereine auf der Fulöa statt. Am Dienstag erreichen die offiziellen Veranstaltungen mit Jugendspielen und einem Volksfest in der Karlsaue ihr Ende.
-r- Veiershausen, 29. September. Einen wichtigen und mit Freuden zu begrüßenden Beschluß faßte am Sonnabend unsere Gemeindevertretung, indem dieselbe einstimmig den Bau der Wasserleitung beschloß. Bereits im vorigen Jahre hatte Herr Landrat von Grunelius unserer Gemeinde die Vorteile einer Wasserleitung zu verschaffen versucht, und seitdem die Angelegenheit stets mit regem Interesse weiter verfolgt. Ebenso ist unser Bürgermeister, Herr N e u b e r, stets für den Bau einer Wasserleitung warm eingetreten. Umso freudiger ist es daher zu begrüßen, daß der Beschluß zum Bau mit allen Stimmen erfolgt ist. Möchten auch noch recht zahlreiche andere Gemeinden diesem Beispiele folgen.
I. A. Brand-Casiel Hrch. Gesing-Hersfeld W. K. Rosenberg-Hersfeld Schäfer u. Nenert-Sontra Hardt-Homberg Hrch. Bätza-Hersfeld Burmeister-Halle
-s- Kerspenhausen, 29. Sept. Am vergangenen Sonnabend wurden die zur Ausführung der hiesigen Wasserleitung eingegangenen Offerten geöffnet. Es hatten folgende Firmen Angebote ab-
Los I. Los il 4582,25 14821,30 4425,00 15063,60
4742,75 14953,20 4435,75 15365,10 4375,50 15476,10
4714,25 —
8942,50 —
.— 16689,90
In der sich anschließenden Sitzung der Gemeindevertretung wurde die Ausführung von Los I. der Firma Hrch. Bätza in Hersfeld und von Los II. der Firma W. K. Rosenberg in Hersfeld übertragen. Die Arbeiten müssen bis zum 1. Dezember ö. Js. fertig gestellt werden.
Gemünden (Wohra), 27. Sept. Im benachbarten Lölbach hatte ein Einwohner sein 2jähriges Kind auf das Pferd gesetzt, das er zur Schmiede führen wollte. Unterwegs wurde das Pferd scheu und warf das Kind herunter. Mit nicht unbedeutenden Verletzungen mußte es sofort in ärztliche Behandlungen gegeben werden.
Vacha (Werra), 27. September. Auf der Rhön- bahnlinie Gersfeld-Schmalnau-Hettenhausen wurden nachts in frevelhafter Weise fünf schwere Eisenstücke auf die Schienen gelegt, um den Eisenbahnzug zur Entgleisung zu bringen. Das Attentat wurde vom Lokomotivpersonal noch im letzten Augenblick bemerkt und die Entgleisung des Zuges verhütet. Die Täter konnten noch nicht ermittelt werden.
Eisenach, 27. September. Da infolge der bedeutenden Heeresvermehrung die Staatsgestüte nicht mehr in der Lage sind, den gesamten Pferdebedarf für das Heer decken zu können, will das Kriegs- ministerium das ca. 2000 Acker große Gut Altefeld bei Netra das dem Landgrafen Chlodwig von Hessen gehört, an kaufen und zu einem Staatsgestüt Herrichten lassen. Durch eine Kommission des Kriegsministerium ist das Vorhaben für gut befunden worden, sodaß der Kauf in Kürze abgeschlossen werden wird. Es sind bereits umfangreiche Neubauten vorgesehen. Zahlreiche Beamte und Militärpersonen werden aus diesem Grande nach Altefeld versetzt werden.
Göttingen, 26. September. Der Schneidermeister August Kulte, Diesenstraße 15 wohnhaft, lauerte heute nachmittag seinem im gleichen Hause wohnhaften Schwiegervater, dem Privatmann, früheren Glaser- meister Georg Bauer, der von einem Spaziergange heim kehrte, auf und gab im Hausflur und auf dem Hofe mehrere Revolverschüsse auf ihn ab. Die Schüsse trafen jedoch nur den Hut des Bauer, verfehlten aber im übrigen das Ziel, töteten aber die im Hofe mit Wäscheanfhängen beschäftigte 15jährige Tochter des Lokomotivführers Henze auf der Stelle. Das blühende Kind war das älteste von sechs Geschwistern und war daher eine große Stütze ihrer Mutter. Als der Vater des erschossenen Kindes dazu kam, wollte er den Mörder erwürgen, wurde aber von der inzwischen dazu- gekommenen Polizei daran verhindert. Als der Mörder abgeführt wurde, wollte ihn die Volksmenge lynchen und er mußte von der Polizei geschützt werden. Der Mörder ist derselbe, in dessen Laden vor zwei Jahren ein bis heute unaufgeklärter Brand ausbrach, wodurch mehrere Hausbewohner gezwungen wurden, zum Fenster hinauszuspringen. Ein Säugling mußte, in einem Korbe verpackt, aus dem dritten Stockwerk in das Sprungtuch hinabgeworfen werden und ist dann an den Folgen des Sturzes gestorben.