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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Zersfelder

für den Kreis Hersfeld

Kreirblatt

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

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Zernsprech-slnschlutz Nr. 8

Nr. 133. Donnerstag, den 16 Oktober

1913.

Bus der Heimat

* (Ein wichtiger ministerieller Erlaß für Lehrer.) Der Kultusminister hat einen Erlaß bekannt gegeben, der für die Lehrerschaft von weit­tragender Bedeutung ist. Die Aufsichtsbehörden sind angewiesen, die Revisions- und Prüfungsarbeiten der Lokalinspektoren, Rektoren und Schulräte dem Lehrer zur persönlichen Aeußerung vorzulegen. Gleichzeitig bestimmt der Minister, daß künftig dem Lehrer die Einsicht in die Personalakten gestattet ist und daß der Lehrer von jeder ihn belastenden Eintragung in die Personalakten in Kenntnis zu setzen ist. Es ist dem Lehrer auch die Möglichkeit einer Rechtfertigung zu geben, die den Akten beizuheften ist.

):( Hersfeld, 15. Oktober. Wie bereits in früheren Jahren so will auch diesmal die Handwerkskammer Cassel hier wiederum einen Vorbereitungs­kursus auf die Meisterprüfung einrichten. Der Kursus soll bei genügender Beteiligung in diesem Winter stattfinden und wird alles für einen selbst- ständigen Hqndwerker wissenswerte behandeln, wie gewerbliche Buchführung, Kalkulation, Geschäftskorre­spondenz, Wechsellehre, Arbeiterversicherungsrecht usw. An dem Kursus können alle selbständigen Handwerker und Gesellen über 20 Jahre sowie Damenschneiderinnen und Putzmacherinnen teilnehmen. Die Gebühr für den 100 Unterrichtsstunden umfassenden Lehrgang beträgt nur 10 Mark, wofür noch eine ganze Anzahl wichtiger Bücher geliefert wird. Anmeldungen sind bis zum 25. Oktober an Herrn Lehrer Hallen- berger hier zu richten, der auch zu jeder weiteren Auskunft gern bereit ist.

):( Hersfeld, 15. Oktober. Leider hielt das Wetter nicht, was es zu Beginn der Lulluswoche versprach, und obwohl die Wettervoraussage ebenfalls günstig lautete, setzte heute vormittag ein kräftiger Regen ein, der dem heutigen Lullusmarkte nicht gerade zum Vorteil gereichte. Trotzdem hatten sich zahlreiche Landleute der Umgegend eingefunden und der Verkehr auf dem Marktplatz und in den Straßen und Läden war ein recht lebhafter. Auf dem Marktplatz, auf dem zahlreiche Verkaufsstände und viele Schau- und Spielbuden aufgeschlagen waren, gestaltete sich der Verkehr zeitweise recht schwierig und am Mittag war kaum noch durchzukommen. Auf dem Linggplatz waren ganze Berge von Weißkraut und Zwiebeln ange­fahren worden, die bei guten Preisen abgesetzt wurden. Mit deutlich vernehmbarer Stimme verstand es auch hier wieder derwahre Jakob" seine Warehalb zu verschenken". Mehrere Musikkapellen, Orgelmänner und dergl. durchzogen schon vom frühen Morgen ab die Straßen, um ihre lieblichen Weisen erschallen zu lassen. Auf dem Marktplatz herrschte zeitweise ein ohrenbetäubender Lärm durch die vielen musikalischen Genüsse, die noch durch die Ausrufer der verschiedensten Sehenswürdigkeiten, die jeder als noch nie dagewesen anpries, mit kräftiger Stimme übertönt wurden. Wäre schöneres Wetter gewesen, so hätte jeder der Besucher einen ungetrübten Genuß gehabt, aber hoffen wir auf Besserung, denn der Rest der ganzen Woche bleibt noch zum Vergnügen übrig. Besonders große Hoff­nung setzen die Budenbesitzer auf den kommenden Sonntag, der immer den Höhepunkt des Lullusfestes bringt. Wer von den auswärtigen Besuchern heute nicht auf seine Kosten gekommen ist, der kann es dann noch nachholen, ebenso auch diejenigen, die das schlechte Wetter heute überhaupt von einem Besuche unsererLollskirmes" abgehalten hat.

Heringen, 18. Oktober. Im nahen Philippsthal ereignete sich ein folgenschwerer Unglücksfall. Der im Schloß angestellte 48jährige Claus stürzte beim Obst- pflücken vom Baum. Anscheinend erlitt er keine Verletzungen, denn er konnte sich ohne Hilfe nach Hause begeben. Im Laufe der Nacht trat jedoch ein starker Bluterguß aus dem Ohre ein, worauf der Verunglückte ärztlichen Beistand in Vacha suchte, doch starb er innerhalb einiger Tage an den Folgen des Sturzes. Die Leiche wurde auf Veranlassung der Behörde geöffnet, um über die Todesursache Klarheit zu schaffen.

Fulda, 14. Oktober. Leider bestätigt sich nicht die Nachricht, daß in Neuhaldensleben der lang gesuchte Hermann Ebender, der Mörder des Försters Romanus, bei Riesig ergriffen sei. Wie man erfährt, war das hiesige Königl. Amtsgericht bereits Samstag schon telegraphisch von dem Fang in Kenntnis gesetzt worden. Die Sache wurde sehr geheim gehalten; ein Gerichts­sekretär wurde von hier nach dort beordert, um den mutmaßlichen Ebender genauer zu rekognoszieren und das Weitere zu veranlassen. Jetzt lief ein Tcle- gramm des Beamten hier ein, daß der Verhaftete kein Ebender ist.

Schmalkalden, 13. Oktober. Die Stadtverordneten­

versammlung hat beschlossen, der Errichtung eines Urnenhains im Anschluß an den Friedhof näher zu treten, da die Beisetzung von Aschenresten auf dem Friedhof nur selten gestattet wird.

Homberg, 13. Oktober. Herr Rittergutsbesitzer Riebold in dem benachbarten Niederbeisheim verkaufte vor einigen Tagen sein Gut für 350 000 Mark an den Oekonomen Zickenöraht. Herr Z. war der letzte Pächter des Klostergutes Haina.

Cassel, 14. Oktober. JnGegenwartöesRegierungs- präsidenten Graf Bernsöorff und der Spitzen der staatlichen, militärischen und städtischen Behörden wurde heute das neue prächtige Gebäude der Ober­realschule II durch einen Festakt eingeweiht. Der Neubau kostet 750 000 Mark.

Cassel, 14. Oktober. In der Nacht zum Montag hat sich in dem Hause Mittelgasse Nr. 74 ein Revolver­drama abgespielt. Nach dem Polizeibericht wurde die Ehefrau des Arbeiters Oswald Mangold von dem dort zu Logis wohnenden Hausburschen Franz Drews durch einen Schuß iu den Kopf verletzt. Hierzu wird von anderer Seite mitgeteilt, daß es sich üm einen versuchten Doppelselbstmord der Beteiligten gehandelt habe. Zwischen Drews und Frau M. habe ein Liebes­verhältnis bestanden und die Beiden hätten sich gern heiraten mögen. Da der Verwirklichung dieses Planes sich aus der bestehenden Ehe der Frau M. unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstellten, hätten sie beschlossen, gemeinsam in den Tod zu gehen. Ueber die Einzelheiten des Liebesdramas wird folgendes gemeldet: Zum Schauplatz der Tat hatten sich die beiden den Bürgersteig vor ihrem Wohnhause ausgesucht. Nachdem sie voneinander Abschied ge­nommen, zog Drews seinen Revolver mit welchem er Frau Mangold eine schwere Schußwunde am Kopfe beibrachte. Sie fiel blutend zusammen und mußte in ihre Wohnung getragen werden und in ärztliche Be­handlung treten. D., welcher nach dieser Tat nicht den Mut hatte, sich selbst zu erschießen, ergriff die Flucht und konnte noch nicht ermittelt werden, obwohl alle hiesigen Polizeiorgane eifrig nach ihm fahndeten. Man nimmt an, daß er ins Ausland geflüchtet ist. Nachdem die Polizei den Tatbestand ausgenommen hatte, ließ die Staatsanwaltschaft Frau M. in ihrer Wohnung vernehmen,' sie sagte aus, sie hätten beschlossen, beide in den Tod zu gehen. Der Gatte der Frau M. hat die Absicht, sich von seiner Ehefrau zu trennen. Die Kugel konnte bis jetzt noch nicht aus dem Kopfe der Frau M. entfernt werden.

Cassel, 14. Oktober. In einem hiesigen großen Lichtspieltheater kam es heute nachmittag bei der Vor­führung des FilmsDer Feind im Lande" zu einem erregten Zwischenfall. Der Film, in dem u. a. eine französische Telegraphistin durch einen Verrat die Vernichtung eines preußischen Bataillons verursacht, wurde ausgepfiffen unter dem Rufe:Dieser Film gehört nach Frankreich". Ein großer Teil des Publi­kums verließ unverzüglich erregt das Theater.

Marburg, 13. Oktober. Der Kandidat des höheren Schulamts, Dr. phil. Georg Spieß von hier, der ver­gangene Woche infolge eines Unfalls auf der Straße zu nächtlicher Stunde zusammenbrach, ist in der Klinik gestorben.

Bad Orb, 13. Oktober. Wie bekannt, hat in einer Verhandlung vor dem hiesigen Schöffengericht über eine Schlägerei ein junger Mann, um die anderen Beteiligten zu schonen, die Schuld auf sich allein ge­nommen in der Erwartung, daß er mit einer ge­ringen Strafe davon kommen würde. Als er aber drei Monate Gefängnis erhielt, faßte er den Ent­schluß, Berufung einzulegen, woran ihn die anderen Beteiligten durch das Angebot eines Schweigegeldes abhalten wollten, da durch die Verhandlung in der Berufungsinstanz nicht nur die anderen Täter, sondern auch die geleisteten falschen Zeugeneide herauskommen würden. Der Verurteilte hatte jedoch von dem Anerbieten keinen Gebrauch gemacht sondern Berufung gegen das Urteil eingelegt. In der nun eingeleiteten weiteren Verfolgung der Affäre ergab sich, daß eine Anzahl Personen falsche Eide geleistet hatten. Es wurden zuerst 9 Personen, in den letzten Tagen weitere drei Personen verhaftet, sodaß nunmehr neun männliche und drei weibliche Personen wegen Meineides ver­haftet und dem Hanauer Landgerichtsgefängnis zuge­führt worden sind.

Frankfurt a. M., 13. Oktober. Der Banklehrling Karl Steuernagel, der Ende März einer Frankfurter Bankfirma 80 000 Mark unterschlug und in San Remo verhaftet wurde, wird nach Deutschland ausgeliefert werden. Steuernagel hatte dort auf einen Polizer- kommissar mehrere Schüsse abgegeben, ohne ihn aber zu treffen, und sich dann selbst durch einen Schuß verletzt. In seinem Besitz befanden sich noch 65 000 Mark.

Erfurt, 14. Oktober. Heute vormittag 9 Uhr stürzte das zwischen Sitzendorf und Neuhaus am Rennsteig verkehrende Postauto beim Eingang des Dorfes Unterweißbach vollbesetzt über die vier Meter hohe Straßenbrücke in die Lichte. Nach amtlicher Mit­teilung sind vier Personen schwer und zwei leicht verletzt worden. Zwei Passagiere und der Wagen­führer blieben unverletzt. Der Unfall wird darauf zurückgeführt, daß die Straße in der Nacht gefroren und am Vormittag von der Sonne aufgetaut war. An einer überwölbten Stelle der Chauffee geriet der Wagen ins Schwanken und stürzte den Abhang hinab.

Hann. Münden, 13. Oktober. Zwei Dienstmädchen, die bei einer Familie am Kirchplatz in Stellung sind, hatten abends den Ofen in ihrem Zimmer geheizt. Am andern Morgen wurden beide Mädchen bewußtlos aufgefunden. Während das eine mit ärztlicher Hilfe bald wieder hergestellt werden konnte, hat das andere eine derartig schwere Rauchvergiftung öavongetragen, daß es nach Göttingen gebracht werden mußte.

Hemfurth, 13. Oktober. Nur noch einige Wochen und die imposante Sperrmauer steht fertig da und soll den Wasserdruck für viele Jahrhunderte aushalten. Weil in den Durchlässen noch gearbeitet wird und nur zwei derselben das Wasser aufnehmen, war der Wasserzufluß in den vorigen Wochen so stark, daß die Ure schon einen kleinen See bildete. Die S.tollmühle und Varnhagen werden diesen Herbst noch verschwinden.

Vaake, 14. Oktober. Ein Kalb mit zwei Köpfen, die übereinanderstehen und bis auf den Umstand, daß der untere augenlos ist, beide normal sind, wurde in einem hiesigen Viehbestand geboren. Das Tier ist gesund und munter.

Handwerk und Zollschutz.

Man schreibt uns: Als der große über eine halbe Million Mitglieder umfassende Reichsdeutsche Mittelstandsverband auf feiner Leipziger Tagung sowohl Vertreter der schutzzöllnerischen Großindustrie, wie der auf gleichem Boden stehenden großen land­wirtschaftlichen Organisationen empfangen hatte, ge­fiel sich die hansabündlerische Linkenpresse in der Darstellung, daß die Leitung des Mittelstandsver­bandes sich damit schon eines schweren Verstoßes gegen die Interessen der in ihm vereinigten Gewerbe­treibenden schuldig gemacht hätte. Die selbständigen Mittelständler, von allem auch die Handwerker, müßten doch lieber Fühlung mit dem Hansabunöe und anderen Zollfeinden oder Zollabbauern suchen als mit den industriellen und agrarischen Schutzzöllnern.

Nun, die Führer der deutschen Mittelstands- bewegung sind sicher klarblickend genug, um ohne die Bevormundung durch die Herren Jakob Rießer und Genossen den richtigen Anschluß finden zu sönnen. Aber auch in den engeren Kreisen des deutschen Hand­werks hat man Zeit genug gehabt, Erfahrungen da­rüber zu sammeln, ob die Bismarcksche oder die Caprivische Wirtschafts- und Zollpolitik für das selb­ständige Handwerk die ersprießlichere ist. Die Provinzialabteilung Westfalen des Bundes der Hand­werker hat auf einer von 400 Delegierten besuchten Versammlung in Haspe folgende einmütige Kund­gebung zu dieser Frage beschlossen.

Der westfälische Handwerkertag ist zu der Ueber­zeugung gelangt, daß der Schutz der nationalen Produktion auch fernerhin der Pflege der Gesetzgebung in besonderem Maße bedarf. Es ist aber dringend notwendig, daß bei der kommenden Beratung der neuen Handelsverträge und des Zollschutzes die In­teressen des selbständigen Handwerks besser gewahrt werden als bisher. Die durch den bestehenden Zoll­schutz wirtschaftlich gehobenen Stände haben nunmehr die Verpflichtung, den gleichen Schutz für das Hand­werk zu erkämpfen, wenn dasselbe nicht durch ungleiche Behandlung und drückende Lasten untergehen soll. Als notwendiges und unerläßliches Mittel, einen gerechten Ausgleich zu schaffen, ist mit der Einführung neuer Handelsverträge zugleich die Beseitigung des § 100 q und Einführung des Befähigungsnachweises ^ ^ Man sieht,^anch diese Handwerker wollen keinen Zollabbau a la Caprivi im Sinne des Fort­schritts, sondern eine pflegliche Behandlung und duktion, an der doch auch die Handwerker beteiligt Weiterentwicklung des Schutzes der nationalen Pro- sind. Auf welcher Seite sie hierfür wie für die andern dringenden Wünsche Unterstützung finden werden, darüber dürfen sie sicher vollkommen klar sein.

Wetteraussichten für Donnerstag den 16. Oktober.

Meist trüb, nur unerhebliche Niederschläge, kühl, nordwestliche Winde.