Hersfelder Tageblatt
für den Kreis Hersfeld Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be- zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 155.
Mittwoch, den 13. November
1913.
Hus der Heimat
Kaust am Platze!
Das Weihnachtsgeschäft hat nun seinen ersten Auftakt bereits erhalten. Ueberall in der Geschäftswelt herrscht fieberhafte Tätigkeit. Die Reichhaltigkeit des Warenlagers gibt für einen guten Weihnachtsumsatz neben der Preiswürdigkeit natürlich ebenfalls den Ausschlag. Und deshalb heißt es für unsere Geschäftsleute, möglichst von allen Artikeln der Branche etwas auf Lager zu haben,' andererseits von keinem zuviel,' denn nach dem Feste sinkt die Kauflust natürlich sehr erheblich. Es ist keine Kleinigkeit und erfordert viel geschäftliche Gewandtheit und Erfahrung, bei Zusammenstellung eines solchen Lagers das Richtige zu treffen.---Hat der Geschäftsmann jedoch in dieser Hinsicht die nötige Sorgfalt und Aufmerksamkeit walten lassen, dann kann er dem beginnenden Weihnachtsverkehr mit Ruhe entgegen sehen. Durch ständig wechselnde Schaufensterdekoration und eine geschickte Zeitungsreklame wird die Reichhaltigkeit seines Lagers dem Käuferkreise bald bekannt werden. Und er hat es verdient, wenn dann unser heimisches Geld nicht in die Kaufhäuser der Großstadt wandert. Leider geschieht dies immer noch zum Teil,' Kataloge über Kataloge überschwemmen bekanntlich alljährlich im Winter das flache .Land. Man kann es, offen gesagt, nicht verstehen, wie jemand besonders größere, teurere Stücke ohne Garantie für ihren Ausfall lediglich auf eine unverbindliche Abbildung im Katalog hin kaufen kann. Der Mahnruf: „Kauft am Orte!" den wir immer und immer wieder unseren Lesern zurufen möchten, hat in dieser Hinsicht eine doppelte Berechtigung. Eine moralische insofern, als es doch jedem Einheimischen eine angenehme Pflicht sein sollte, bei seinen Einkäufen nur die einheimische Geschäftswelt zu unterstützen, die entweder ihm gegenüber das gleiche tut, falls er Geschäftsmann ist, sonst aber zumindest ihr gutes Teil zur Bestreitung der Kommunal- ausgaben beiträgt und mit ihrer hohen Steuerquote manche Aufgabe von allgemeinem Nutzen miterfüllen hilft. Außerdem aber hat der Käufer bet Befriedigung seines Bedarfs hier am Platze die Möglichkeit die betr. Waren vorher zu sehen und zu prüfen. Und schließlich bietet ihm die Person des Lieferanten in mehr als einer Hinsicht Garantien für den reellen Ausfall der Lieferung. Darum nochmals, liebe Leserin und lieber Leser, laßt Euch durch die Kataloge der auswärtigen großen Kaufhäuser nicht betören, sondern haltet die Augen offen für alles, was hier am Platze selbst in guter, billiger Dualität zu erhalten ist und beherzigt dann den Mahnruf: „Kauft am Orte!"
* (Sonderbestrebungen in der Deutschen Turnerschaft.) Gegen die geplante Gründung eines „Bundes enthaltsamer Turner" in der Deutschen Turnerschaft wendet sich der Vorsitzende, Dr. Ferdinand Goetz, in der „Deutschen Turnerzeitung". Er sagt, daß, wenn die Absicht der Gründung dieses Bundes im Bunde auch eine ganz gute sein möge, sie doch über das Ziel hinausgehe. Sie werde zum gefährlichen Störenfried, weil nicht besonnene klare Arbeit und erreichbare Ziele sie belebten, sondern der Fanatismus. Goetz richtet an die Turner die Mahnung: „Arbeitet tren und mit gutem Beispiel für Mäßigkeit, bekämpft in sachlicher Weise üble Sitten, aber bleibt uns vom Halse mit der Forderung absoluter Enthaltsamkeit. Ein mäßiger Genuß von geistigen Getränken, der nicht zur täglichen Gewohnheit wird, ist und bleibt unschädlich, und wird, solange der Herrgott Wein und Malz und Hopfen wachsen läßt und dem Menschen Durst gegeben hat, in frohen Stunden die Menschheit und auch die Turner zu Lust und Frohsinn anregen. Uebermaß ist in allem, besonders im Trinken, Essen, Lieben, Arbeiten, körperlichen Uebungen schädlich, sogar im Schlafen, und das Zuviel soll und muß von vernünftigen Menschen bekämpft und besonders muß der Jugend deren Schädlichkeit eingebläut werden.
. . * Die Abnahme der Tageslänge ist in keinem Monat so auffallend, rote gerade im November. Die Sonne ging am ersten Tage des Monats 6 Uhr o3 Minuten auf, am letzten Tage kommt sie erst 7 Uhr 41 Minuten über den Horizont und scheidet schon wieder um 3 Uhr 86 Minuten, während sie am ersten Tage 4 Uhr 34 Minuten unterging. Sie weilt also am Monatsende rnnd anderthalb Stunden weniger über dem Horizont als am Monatsanfang. Außerdem wird im November in der Regel durch den herrschenden Dunst und durch Nebel die Tageslänge noch wesent- lich verkürzt.
* (Anderweite Abgrenzung derRent - amtsbezirke.) Durch Einziehung der Domänen- rentamtssteüen Cassel 2 und Fulda sind die vier ver
bleibenden Rentamtsbezirke vom 1. April 1914 ab anderweit abgegrenzt worden. Es sind zugelegt: dem Rentamt Cassel die Kreise Hofgeismar und Wolfhagen, dem Rentamt Marburg die Kreise Fritzlar und Hom- berg, dem Rentamt Hanau die Kreise Fulda und Gersfeld und dem Rentamt Rotenburg die Kreise Hersfeld und Hünfeld.
):( Hersfeld, 11. November. Dem am hiesigen Landratsamt als Kreisassistent a. P. beschäftigten Bezirksfeldwebel Herrn R o ck e n s ü ß wurde von Sr. Durchlancht dem Fürsten Reuß j. L. die dem Fürstlichen Ehrenkreuze affiliierte Silberne Verdienstmedaille verliehen. Die Auszeichnung wurde Herrn Rockensüß durch Herrn Landrat von Grnnelius überreicht.
§ Hersfeld, 11. November. Ueber Professor Kneisel, der nächsten Sonnabend in der neuen Turnhalle ein Konzert veranstaltet, schreibt „Le Monde Musical" (Paris): Als ein Meister, der sich Joachim und Paganini würdig an die Seite stellt, hat sich Pros. Kneisel erwiesen, und in seinem 5. Konzert der Saison, das vor dem auserlesensten Publikum von Paris stattfand, hat er einen außerordentlichen Erfolg davongetragen. In ihm ist der Genius des Violinspiels verkörpert. Seine Interpretation hat etwas Wunderbares. Sein Spiel ist staunenerregend und noch mehr ist es die Wirkungsweise seines Bogens, der sich ins Unendliche zu dehnen scheint,' so gleichmäßig und lückenlos ist die Folge der Töne vorgetragen. Die Melodie dieser Töne gleicht den Himmelstimmen der neuen Engelchöre, die den Thron des Allmächtigen umgeben. Bedarf es noch weiter der Versicherung, daß der Violinkünstler Kneisel ein unvergleichlicher Komponist ist ? Anstatt ausführlicher über seine Werke zu sprechen, wollen wir nur erwähnen, daß Kubelik selbst allen russischen und andern Weisen die rumänischen Volksweisen vorzieht, die Kneisel mit außergewöhnlicher Meisterschaft komponiert hat. Seine Werke bilden zudem das Repertoire aller sonstigen Meister der Violine und des Klaviers. In seinen Vorträgen legt Kneisel eine bewundernswerte Technik an den Tag und erhebt sich zu einer wahrhaft verblüffenden Höhe der Auffassung. Nichtenden- wollender Beifall empfing den unerreichten Künstler und legte Zeugnis ab von der Bewunderung, die das Publikum für das eigenartige und blendende Genie empfand, als welches sich Professor Kneisel, dieser Liebling der Musen, öarstellte.
-b- Hersfeld, 11. Nov. (Sportliches.) Am Sonntag stand sich die 1. Mannschaft des Hersfelder Fußballvereins, Meister der C-Klasse 1912/1913, und die 1. Mannschaft des Fußballklubs „Viktoria" Hersfeld zu einem Verbandsspiel gegenüber. Das Spiel konnte Viktoria, trotzdem sie nicht komplett war, mit 5 : 0 gewinnen.
Fulda, 10. November. Die vor Jahren aufgetauchten Bestrebungen betreffend die Errichtung eines Sturmiusdenkmals werden hier neuerdings wieder wach und man verweist bei dieser Gelegenheit auf die hessische Stadt Hersfeld, die, obgleich sie vorn katholischen Glauben abgefallen ist, das Andenken des heiligen Lullus so lebendig erhalten hat. Wenn das Sturmiusdenkmal nun auch nicht eine Statue sein wird, so wird das Andenken des Gründers unserer Stadt doch in einem Kirchenneubau, der durch das fortgesetzte Wachstum Fulöas notwendig geworden ist, eine schöne Ehrung erfahren. Ein Aufruf an die Mitbürger ist bereits erlassen.
Fulda, 8. November. Bei der gestrigen Bereifung der Mittelrhönbahnstrecke wurden das Gelände und die Bahnhofsanlagen besichtigt und die darauf bezüglichen Wünsche entgegengenommen. Der erste Bahnhof wird errichtet an dem netten Wege von Bachrain nach Künzell, der zweite hinter dem Dicken Turm an der Strecke nach Dietershausen in der Nähe von Unter-Dirlos. Der dritte Bahnhof erhält seine Lage bei Dipperz am Eingang des Dorfes von Fulda aus an dem Wege nach Wisfelsrod, der vierte zwischen Friesenhausen und Dörmbach. Der fünfte Bahnhof kommt zu liegen in der Nähe von Dietershausen an dem Wege von Dietershausen nact) Weyhers, der sechste oberhalb Poppenhansen in der Nähe des Gutes Heiligenhof.
Caffel, 10. November. Heute nachmittag gegen 4 Uhr landeten auf dem Forst beim Bettenhäuser Bahnhof mit Otto-Doppeldecker der bayerische Fliegerleutnant von Haller und Hauptmann Strecelius aus Hamburg, die heute mittag V2I Uhr in Hannover aufgestiegen waren. Die Flieger hatten unterwegs mit Nebel und schwerem Gegenwind zu sümpfen. Sie beabsichtigen morgen früh über Darmstadt nach München weiterzufliegen.
Caffel, 11. November. Die Kaiserin wird ihren Aufenthalt auf Wilhelmshöhe bis zum 17. November
ausdehnen. Am 16. trifft, wie verlautet, der Kaiser ebenfalls hier ein, am 17. reist das Kaiserpaar gemeinschaftlich nach Braunschweig zum Besuch beim Herzogpaar Ernst August.
Marburg, 10. November. Unter Beteiligung von etwa 150 Vertretern aller Ortsvereine fand gestern im großen Saale des Hotels Freidhof der diesjährige Verbandstag des Bezirksvereins Cassel des Verbandes deutscher Eisenbahnassistenten statt. Der Bezirksvorsitzende Herr Ambros-Cassel brächte bei Beginn der Tagung ein Hoch auf den Kaiser aus. Der Absendung von Begrüßungstelegrammen an den Verbandsvorstand in Berlin und an die Eisenbahndirektion Cassel wurde zugestimmt. Eisenbahn-Betriebsingenieur Thiersch-Marburg hielt dann einen fachtechnisches Interesse bietenden Vortrag über „Eisenbahn-Sicherungswesen im Allgemeinen und Blockanlagen im Besonderen". Der Redner gab einen geschichtlichen Rückblick über die Entwicklung dieser Sicherheitsvorrichtungen bei der Eisenbahn und verband damit eine eingehende Beschreibung der Liniensignale und der elektrischen Glockensignale. Herr Schiffers-Cöln sprach dann über „Solidarität und Zersplitterung im Verbandsleben." Er wies darauf hin, wie die Not die Eisenbahnaffistenten — und zwar reichlich spät — zusammengeführt habe. Erst im Jahre 1903 sei die Gründung des Verbandes von einigen zwanzig Herren in Berlin in die Wege geleitet worden. Trotzdem der Verband heute schon 14 000 Mitglieder zähle, gebe es noch viel zu arbeiten. Er bezeichnete den Verband als ein Bollwerk der Treue für das Vaterland und die Kollegen. Alle, die an den Errungenschaften des Verbandes Anteil nehmen, hätten auch die Pflicht, sich dem Verbände anzuschließen. Ein vom Vertreter von Paderborn gestellter Antrag um Befürwortung der Gleichstellung der Eisenbahnaffistenten mit denjenigen der Reichspost wurde abgelehnt, dagegen die gehaltliche Gleichstellung mit den letzteren dem Verbandstag empfohlen. Ein Antrag, als Mitglieder nur geprüfte Assistenten aufzunehmen, fand Annahme. Als Ort der nächsten Tagung wurde Marburg gewählt. Landtagsabgeordneter Pros. Breöt-Marburg und Reichstags- abgeordneter Rupp-Niederwalgern, welche den Verhandlungen beiwohnten, sprachen dem Verbände ihre Sympathien aus. Nachdem der Vorsitzende des Ortsvereins Marburg, Herr Supp, den Dank für das zahlreiche Erscheinen zum Ausdruck gebracht hatte, wurde die Tagung nach etwa dreistündiger Dauer geschlossen.
Wabern, 9. November. Heute Nacht gegen 1 Uhr verhaftete Gendarm Schaake von hier auf der hiesigen Kirmesfeier den seit einigen Tagen von seinem Truppenteil, 8. Komp. Ins.- Regts. 167, desertierten Musketier Ernst Heicke.
Großalmerode, 10. November. An der Stelle, wo im Frühjahr die Ueberreste des mit dem Freiballon „Ilse" verunglückten Kasseler Luftfahrers Weyland aufgefunden wurden, ist dieser Tage ein Gedenkstein enthüllt worden. Das aus Basalt gefertigte Denkmal trägt die Inschrift: „Franz Weyland verunglückte am 20. 4. 1913 im Gewitter bei einer Ballonfahrt von Cassel. Am 27. 4. wurde er hier gefunden.
Seefeu, 10. Nov. Zwischen Seesen und Clausthal wurde eine in Verwesung übergegangene weibliche Leiche gefunden. Die etwa 25 bis 30 Jahre zählende Frau dürfte sich vor etwa vier bis fünf Monaten im Forst bei Mecklenberg verirrt haben und an einsamer Stelle verhungert sein.
Aus dem Edertale, 10. November. Oberhalb der Sperrmauer wird der Betrachter durch den trostlosen Anblick, den gegenwärtig das Edertal bietet, wehmütig gestimmt. Schon am 15. November, also eineinhalb Monate vor der offiziellen Sperrung, müssen alle Bewohner des Sperrgebiets mit ihrer Habe die Heimat verlassen haben, damit, falls noch vor dem offiziellen Sperrtermin ein Hochwasser kommen sollte, schon zeitiger gesperrt werden kann. Bringhansen ist verödet und auch Berich ist eine tote Stadt. Hier und da legen Arbeiter die letzten Gebäude nieder, und wo noch vor kurzem atmende Wesen ihre Heimat hatten, herrscht die Ruhe des Sterbens. Nicht lange, dann wird die Wahrheit von den versunkenen Städten einem neuen schnellebigen Geschlecht zum Märchen geworden sein. Die Brücke bei Asel soll stehen bleiben, um bei niedrigen Wasferstänöen wieder benutzt zu werden; dies ist das einzige Menschenwerk, das vorläufig nicht der Vernichtung anheimfällt. Die Sprengung der beiden Brücken bei Berich und Bringhausen wird von einer Pionierabteilung ausgeführt. Die Sperrmauer steht jetzt im Rohbau fertig da. Gegenwärtig wird auf ihr ein Turm, von dem aus die Sperrventile bedient werden, gebaut.