Hers sei der Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
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zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei j)t[5|l?lUlrl Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Kernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 175.
Sonnabend, den 6. Dezember
1913.
Hus der Heimat.
5t. Nikolaustag.
Der 6. Dezember ist der Kalendertag des heiligen Nikolaus. Die Legende berichtet, daß ein Bischof von Myra um das Jahr 300 allerlei Werke der Barmherzigkeit getan habe, und daß dieser Bischof vor allem auch ein großer Kinderfreund gewesen sei. Der Nikolaus ist deshalb auch der Kinder liebster Freund. In der Vorweihnachtszeit zieht er des Abends von Haus zu Haus, begleitet von seinem treuen Knecht Rupprecht, in Oesterreich Krampus genannt, der in seinem mächtigen Sacke Aepfel, Nüsse, Pfefferkuchen, Spielfachen und sonstige Herrlichkeiten, die ein Kinderherz erfreuen, trägt. Freilich muß man hübsch artig gewesen sein, denn Knecht Rupprecht hat für alle Fälle eine unheimliche Rute bereit. Wenn aus einem Hause fröhliche Kinderstimmen klingen, dann gehen beide hinein, oder Nikolaus schickt auch bloß den Knecht Rupprecht, um all die Gaben zu verteilen. In einigen Gegenden Deutschlands setzen die Kinder abends ihre Schuhe vor die Tür und finden dann am nächsten Morgen die schönsten Näschereien darin. Sie sagen wohl auch erst den Eltern ein Verschen auf:
Sankt Nikolaus, leg mir ein, Was dein guter Wille mag sein! Aepfel, Birnen, Nutz und Kern Essen die kleinen Kinder gern.
In anderen Gegenden wieder werden regelrechte Umzüge veranstaltet, wobei aller mögliche Mummenschanz getrieben wird. Neben dem Nikolaus, der eine papierne Bischofsmütze und einen langen Stab trägt, erscheinen da auch das Christkind, Engel, Apostel und unheimlich ausstaffierte Schreckgestalten. Man geht in die Häuser und examiniert die Kinder. Nikolaus schüttelt oft den Kopf, und eigentlich müßte es Hiebe geben, aber das Christkind bittet: „Ach, Nikolaus, verschone doch das siebte Kind, verschone doch das junge Blut!" Auch ein weibliches Seiten- stück hat der Niklas in der Berchtel und der Bugebercht.
-o- Hersfeld, 5. Dezember. Für die Neu - jahrs-Glückwunschablösung wird alljährlich vom Beginn des Monats Dezember ab agitiert, und diese Agitation hat von Jahr zu Jahr zugenommen und zieht immer weitere Kreise. Es soll ja nun an dieser Stelle nicht verkannt werden, daß der Gedanke an sich, durch eine solche Ablösung eine Einnahmequelle für die Zwecke der Armenfürsorge rc. zu schaffen, ein durchaus lobenswerter gewesen ist. Weniger scheint man jedoch seine Folgeerscheinungen berücksichtigt zu haben. Diese machen sich leider schon jetzt darin bemerkbar, daß ein ganzer Industriezweig, nämlich die mit der Fabrikation von Glückwunschkarten beschäftigten Firmen, mit Absatzschwierigkeiten zu kämpfen haben. Eine noch weitere Ausdehnung der Ablösungsidee kann deshalb schließlich dazu führen, daß die Existenz der erwähnten Firmen ernstlich bedroht wird. Schon liest man verschiedentlich von Arbeiterentlassungen wegen Mangel an Beschäftigung für dieselben,' und der Wohltätigkeit auf der einen Seite stehen dadurch soziale Schäden und Benachteiligungen auf der anderen gegenüber. Nebenher jedoch ist es lebhaft zu bedauern, wenn wieder einmal einer alten, schönen Volkssitte, nachdem sie sich fast ein Jahrtausend erhalten hat, durch den nüchternen, amerikanischen Geist unserer Neuzeit der Garaus gemacht werden soll. In der kleinsten, wortärmsten Glückwunschkarte lag doch immer noch ein Beweis für ein freundliches Erinnern an den Empfänger. Heutzutage soll auch dies wegfallen; nüchtern und geschäftsmäßig nennt die Zeitung die Namen der Ablöser, und deren Bekanntenkreis hat dann das Recht, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob er im andern Falle eine Karte bekommen haben würde oder nicht!
):( Hersfeld, 5. Dezember. In der gestern nachmittag 4 Uhr im Rathaussaale abgehaltenen gemeinschaftlichen Sitzung des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung wurde an Stelle der bisherigen beiden Beigeordneten Herren Ludwig A u e l und Heinrich G c s i n g, welche eine Wiederwahl abgelehnt hatten, auf die Dauer von 6 Jahren gewählt a) zum e r st e n unbesoldeten Beigeordneten der Stadt Hersfeld der Rentner Herr Carl S ch i m m e l- pfeng, 6) zum zweiten unbesoldeten Beigeordneten der Stadt Hersfeld der Kaufmann Herr Heinrich A l t e n b u r g.
Friedewald, 3. Dezember. Der hiesige Darlehns- kassenverein, als erster in Hessen vom damaligen Ortspfarrer Haupt am 16. 2. 1879 gegründet, hat in den 34 Jahren seines Bestehens viel Segen gestiftet, namentlich ben Leuten, die von dem großen Brand am 9. 10. 1865, der die Hälfte des Ortes niederlegte, noch in Schulden steckten, wieder auf die Beine ge
holfen. Daneben ist es der Verwaltung gelungen, noch ein Reservefonds von fast 12 000 Mk. aufzu- sparen. Wenn der Verein nun im Abschluß 1912 mit einem kleinen Verlust verzeichnet steht, so liegt das an der schweren Zeit und Geldverhältnissen und hat keine große Bedeutung. Er hat in 1912 wieder ganz erfreuliche Umsätze gehabt. Die Sparkassengelder wuchsen auf 378 000 Mk. an. Davon sind den Mitgliedern als Darlehn gegeben 249 000 Mk. und in lfd. Rechnung etwa 101000 Mk. Für Waren schulden die Mitglieder ca. 20 000 Mk. Die Aktiven betragen 392 000 Mk. Die Mitgliederzahl beträgt 272. Der Gesamtumsatz betrug 747 000 Mk. Es wurden für 30 500 Mk. gemeinschaftliche Bezüge an landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln angekauft und an die Mitglieder zu günstigen Preisen abgegeben.
Wabern, 2. Dez. Die diesjährige Campagne der hiesigen Zuckerfabrik naht sich ihrem Ende,' sie ist nicht ganz befriedigend gewesen. Wohl waren Rüben genug vorhanden, aber die Qualität war geringer als im Vorjahr. Auch waren die Rüben in diesem Jahre besonders schmutzig, so daß die Reinigung sehr erschwert und verteuert wurde. Im großen und ganzen dürfte das laufende Jahr noch recht befriedigen und eine gute Dividende ergeben, wenn sich die Preisverhältnisse auf dem Zuckermarkt etwas bessern. Die Anfuhr der Rüben vollzog sich glatt und rechtzeitig.
Fritzlar, 2. Dezember. Dieser Tage ging das Gespann eines Krümperfuhrwerks der hiesigen Abteilung vor dem einfahrenden Zuge durch,' der Lenker flog vom Wagen und wurde überfahren und dabei gräßlich zugerichtet. Auch ein Pferd und der Wagen wurden nicht unerheblich beschädigt.
Cassel, 4. Dezember. Nachdem die Einigung zwischen dem Königlichen Konsistorium und dem Magistrat der Residenzstadt Cassel über die Erbauung eines Krematoriums erfolgt ist, stimmte heute die Stadtverordnetenversammlung der Magistratvorlage in diesem Sinne zu. Die Stadtverordneten beschlossen die Ausschreibung eines Jdeenwettbewerbs. Dem Preisgericht gehören an: Oberbürgermeister Koch, Bürgermeister Jochmus, Stadtbaurat Höpfner, Baurat Karst, Sanitätsrat Dr. Schleske, Pfarrer Franke, Architekt Potente, Geh. Baurat Dr. Kressen-München (der Erbauer des Münchener Waldfriedhofes), Friedhofsdirektor Henning-Stettin und Baurat Scharenberg- Leipzig. Die Entwürfe sind bis zum 1. Mai 1914 beim Magistrat der Residenzstadt Cassel einzureichen.
Mornshansen a. D., 2. Dezember. Ein Schuljunge sollte einem jungen Mann aus dessen Wohnung ein Tesching holen, wobei dem Jungen die etwa 20 Jahre alte Schwester seines Auftraggebers in den Weg kam. Im Scherz legte der Junge die, wie er glaubte, ungeladene Waffe auf das Mädchen an und fragte, ob er schießen solle. Im selben Augenblick krachte auch schon ein Schuß und die gesamte Ladung traf das Mädchen in den Kopf. Glücklicherweise scheinen edle Teile nicht getroffen zu sein, doch mußte die Verletzte sich in ärztliche Behandlung begeben.
Salmünster, 2. Dezember. Bei der Abfuhr von Grubenholz aus den hiesigen Waldungen verunglückte heute morgen der im besten Mannesalter stehende Landwirt Hild aus Hausen. Als dessen Sohn den fast vollbeladenen Wagen einige Meter weiterfuhr, rutschte ein schwerer Stamm plötzlich ab und traf den neben dem Hinterwagen stehenden Vater so wuchtig gegen die Brust, daß dieser zu Boden stürzte. Als der nach Hilfe rufende Sohn (er war nach den in der Nähe arbeitenden Waldarbeitern gelaufen) zurückkam, war der Vater bereits eine Leiche.
Ahlbershausen, 4. Dezember. Das noch nicht drei Jahre alte Töchterchen des Arbeiters Pägelow fiel in eine Waschtonne mit kochendem Wasser. Das bedauernswerte Kind erlitt so schwere Brandwunden, daß es bald darauf verstarb.
Eisenach, 4. Dez. Von der Eisenbahnverwaltung ist jetzt verfügt worden, daß der Personenzug 806, der abends um 10,49 Uhr Eisenach in der Richtung Bebra verläßt, bei größeren Verspätungen des Eil- zugs 8 aus der Richtung Berlin, der fahrplanmäßig um 10,44 Uhr abends in Eisenach einzutreffen hat, höchstens 15 Minuten auf den verspäteten Zug warten darf. Ist der verspätete Eilzug 8 um 11 Uhr abends nidjt in Eisenach eingetroffen, so hat der Bebraer Personenzug abzufahren, damit die Reisenden in Bebra den Nachtschnellzug nach Norddeutschland noch erreichen können. Die dann mit dem Eilzug 8 in Eisenach eintreffenden Reisenden können dann erst mit dem Casseler D-Zug um 12,51 Uhr nachts von Eisenach abfahren.
Frankfurt a. M., 4. Dezember. Die Staatsanwaltschaft des Landgerichts Frankfurt hat dem seit 15. April 1913 in Untersuchungshaft befindlichen
Fechtlehrer Karl Hopf, geboren am 26. März 1863 in Frankfurt a. M., nunmehr die Anklageschrift zugestellt. Sie lautet auf Mordversuch gegen seine dritte, inzwischen von ihm geschiedene Frau, und in den übrigen 5 zur Anklage stehenden Fällen auf Mord. Aus früheren Veröffentlichungen ist bekannt, daß Hopf im Verdacht steht, seine beiden ersten Frauen, sein eheliches und sein uneheliches Kind, ebenso seine alte Mutter durch Gifte ermordet zu haben. Die Untersuchung der Leichenteile und Aschenreste hat auch das Vorhandensein von Gift ergeben. Da Hopf nur den Giftmordversuch gegen seine dritte Frau zugibt, im übrigen aber behauptet, er habe die Leichen, bei denen Arsenik gefunden worden ist, konservieren wollen und hierzu die Giftstoffe verwandt, sie also erst nach dem erfolgten Tode dem Körper eingefügt, muß ein umfangreicher Indizienbeweis geführt werden. Die Verhandlung findet im Januar, voraussichtlich vor einem besonderen Schwurgericht statt.
Höxter a. d. Weser, 4. Dezember. Hier ließ ein elsässischer Rekrut des 55. Infanterie-Regiments sich eine schwere Gehorsamsverweigerung zu schulden kommen. Er warf dem Leutnant beim Exerzitium sein Gewehr und sein Seitengewehr vor die Füße. Der Soldat wurde sofort in Arrest abgeführt.
Deutscher Reichstag.
Das Haus erledigte am Donnerstag zunächst die Vorlage über die Handelsbeziehungen zu England in 3. Lesung und setzte sodann die Aussprache über die Interpellationen betr. die Zaberner Vorgänge fort. Als erster Redner ergriff Reichskanzler v. Bethmann- Hollweg das Wort. Er betonte, daß es ihm nicht eingefallen sei, an den Zivilbehörden in Zabern Kritik zu üben dadurch, daß er über sie nichts gesagt habe. Es habe sich ja gestern um Angriffe gegen die Militärverwaltung gehandelt. Die Berichte der Zivil- behörden kenne er ganz genau. Bei der großen Erregung über die Vorgänge mußte er sich Reserve auferlegen. Ueber die künftige Politik habe er sich schon oft ausgesprochen, und er könne nur betonen, daß er konsequent in seiner Politik verfahren werde. Er appeliere an die Elsaß-Lothringer, auch weiter mit- zuarbeiten. Wir stehen in ernster Stunde, jedoch sei sie nicht ernst, weil das Haus die Mißbilligung gegen ihn beschließen wolle und wohl auch werde, sondern weil eine Kluft zwischen Armee und Volk geschaffen werden solle. Er stehe hier im Einvernehmen mit dem Kriegsminister. Das, was gefährdet wurde, könne nur wiederhergestellt werden auf der Grundlage von Gesetz und Recht. (Beifall rechts.) Abg. Rogalla v. Bieberstein (fonf.) betonte, daß auch seine Freunde die Wiederherstellung des Kontaktes zwischen Militär- und Zivilbehörden wünschen, jedoch mit dem Verhalten des Leutnants v. Forstner nicht einverstanden seien. Die jungen Offiziere seien wertvoll für die Truppen, und im 70er Kriege haben die Mannschaften mit Begeisterung von ihren jungen Leutnants gesprochen. Die wiederholten Beschimpfungen konnten sich die Offiziere in Zabern nicht gefallen lassen. Das entspreche nicht den Ehrauffassungen der Offiziere. Die Armee wird auch in Zukunft die Mehrheit des Volkes hinter sich haben. (Beifall rechts.) Abg. Dr. v. Trampszyinsky (Pole) meinte, daß die polnischen Soldaten ständig unter Bedrückungen zu leiden haben. Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.) führte aus, daß durch eine schnelle Erledigung der Wackesan- gelegcnheit viel Sorge und Aufregung erspart geblieben wäre. Seine Freunde wünschen eine innige Verbindung der Reichslande mit dem übrigen Deutschland. Nachdem noch die Abga. Dr. Weill (Soz.), Dr. Haas (Fortschr. Vpt.) und Ricklin (Elf.) gesprochen hatten, wurde ein Schlußantrag angenommen. Der von den Fortschrittlern gestellte Antrag: „Der Reichstag erklärt sich mit der Behandlung der Angelegenheit durch den Reichskanzler nicht einverstanden" wurde in namentlicher Abstimmung mit 293 gegen 54 Stimmen bei 4 Enthaltungen unter dem lebhaften Beifall der Linken angenommen. Darauf vertagte sich das Haus auf Freitag: Interpellation der Sozialdemokraten über die Arbeitslosigkeit.
Wandervorschläge für Sonntag.
a. Vr Tagestour: Hersfeld-Beiershauseu (Bahnfahrt) dann Forsthaus Falkeubach-Rehkopf- Hungerberg-Niederaula (2 bis 3 Std.) Rückfahrt nach Hersfeld mit der Bahn.
6. 12 T a g'e s t o u r: Hersfeld - Alpen -Tageberg- Laxturm-Escherskopf-Asbacher Grund-Asbach (2 bis 3 Std.) Zurück mit der Bahn.
Wetteranssichten für Sonnabend den 6. Dezember.
Wolkig, meist trocken, kälter, nordwestliche Winde.