Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
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für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-5lnschlutz Nr. 8
Nr. 1V8. Mittwoch, den 10. Dezember 1913.
Hus der Heimat
Eine neue Ferienordnung.
Um den mannigfachen und oft geäußerten Wünschen nach einer einheitlichen Bemessung und Gleichlegung der Schulferien an den verschiedenen Lehranstalten in Stadt und Land entgegenzukommen, ist nunmehr von dem Kultusminister eine neue Ferienordnung erlassen. Es wird damit einerseits den vielen Klagen wegen nicht genügender Berücksichtigung des Erholungsbedürfnisses der Volksschuljugend ein Ende gemacht, und andererseits werden namentlich alle die Eltern den Erlaß mit Befriedigung aufnehmen, die ihre Kinder teils die Volksschule, teils höhere Lehranstalten besuchen lassen. Die Ausführungsbestim- mnngen im einzelnen lassen weiten Spielraum, um die Verschiedenheiten in den einzelnen Provinzen und die Besonderheiten der wirtschaftlichen Verhältnisse in Stadt und Land weitgehend zu berücksichtigen. In der neuen Ferienordnung, die mit Beginn der Osterferien 1914 in Kraft treten soll, heißt es:
Die Gesamtdauer der Ferien in den Volks-, mittleren und höheren Schulen sowie in den Lehrerund Lehrerinnen-Bildungsanstalten beträgt einschließlich der in die einzelnen Ferienabschnttte fallenden Sonn- und Festtage jährlich 80 Tage. Daneben bleiben die bisher anerkannten allgemeinen Fest- und Feiertage auch ferner frei. Dagegen sind — abgesehen von gelegentlicher, aus besonderer Veranlassung von der zuständigen Stelle ausnahmsweise verfügter Aussetzung des Unterrichts — etwaige sonstige Schulfeiertage auf die Gesamtdauer der Ferien anzurechnen.
Hinsichtlich der Orte mit höheren Schulen oder Lehrer- (Lehrerinnen-) Seminaren wird die Dauer und Lage der einzelnen Ferienabschnitte für alle Schulgattungen innerhalb der Provinz oder enger, zusammengehöriger Teile derselben einheitlich vom Oberpräsidenten nach Anhörung des Provinzmlschul- kollegiums und der königlichen Regierungen, Abteilung für Kirchen- und Schulwesen, festgesetzt. Dabei ist zu beachten, daß der erste Wochentag unmittelbar nach einem Sonn- oder Festtage freigelassen wird.
Durch Abzug der für Weihnachten, Ostern und Pfingsten gewährten Ferienzeit von der statthaften Gesamtdauer der jährlichen Ferien, ergibt sich die Zahl der für Sommer und Herbst verfügbaren Ferien- tage. Für ihre Verteilung in den auf die geeignetsten Sommer- und Herbstzeiten und für die Festsetzung des Beginnes der einzelnen Feriengruppen, sind die örtlichen Bedürfnisse, insonderheit die wirtschaftlichen Verhältnisse der Bevölkerung sorgsam zu berücksichtigen. Bei der Verschiedenheit der Verhaltn:,je und bei der Abhängigkeit gewisser wirtschaftlicher Arbeiten von der Witterung kann die Regelung weder für größere Bezirke gemeinschaftlich noch für längere Zeiten vorher erfolgen. Sie ist auf dem Lande und in den Städten mit ländlichen Verhältnissen von dem Landrat und dem Kreisschulinspektor in gegenseitigem Einvernehmen und nach Anhörung der Ortsschulbehörden vorzunehmen.
Eine Verlängerung der Ferien über die angegebene Gesamtdauer hinaus, ist abzulehnen; wo sie in außergewöhnlichen Einzelfällen unerläßlich erscheinen sollte, ist die Genehmigung des Kultusministers erforderlich und diese rechtzeitig vorher zu beantragen. Auch die Befreiung einzelner Schüler vom Unterricht ist, sofern sie nicht durch gesundheitliche Rücksichten geboten ist, auf die unbedingt nötigen Fälle zu beschränken. Ueberhaupt ist Regelmäßigkeit des Schulbesuchs namentlich auch in den Volksschulen mit allen geeigneten Mitteln sicherzustellen.
):( Hersfeld, 9. Dezember. Ein unangenehme Ueber raschung wurde einem hiesigen Einwohner bereitet. Als derselbe gestern abend seine Wohnung betrat, mußte er die Wahrnehmung machen, daß ihn seine Frau und Kinder heimlich verlassen hatten, und von hier abgereist waren. Die Ehegatten stammen beide nicht von hier.
):( Hersfeld, 9. Dezember. Von einem Leser unseres Blattes wurden uns heute drei lustig krabbelnde Maikäfer übersandt, die un Garten aufgefunden waren. Jedenfalls haben sich d:e braunen Gesellen um ein beträchtliches in der Jahreszett geirrt, kein Wunder bei der milden Witterung.
Aus der Rhön, 8. Dezember. Die Versammlung des „Werra-Rhön-Sängerbnndes", welche gestern in Tiefenort stattfand, hat beschlossen, das nächstjährrge Bundes-Sängerfest am 14. Juni in Pferdsdorf be: Heringen a. d. Werra abzuhalten, da an diesem Tage der dortige Gesangverein auch zugleich sein 40,ahr:ges Stiftungsfest durch eine Reihe festlicher Veranstaltungen begehen will.
Rotenburg a. Fulda, 7. Dezember. Landgraf Chlodwig von Hessen traf heute mit Familie von Herleshausen kommend hier ein, um im hiesigen Schlosse längeren Aufenthalt zu nehmen.
Vacha, 6. Dezember. Zur Vorsicht bei Aufgabe von Bestellungen gegenüber Reisenden mahnt ein Fall aus hiesiger Gegend, wo ein Herr bei einem ihn besuchenden Reisenden von einer Verlagsfirma ein wissenschaftliches Werk für den angebotenen Preis von 80 Mk. bestellte, und dazu eine noch unausge- füllte Bestellkarte unterschrieb, hinterher aber zu seinem nicht geringen Schrecken gewahr wurde, daß er sich eine Schuldenlast von über 200 Mk. aufgebürdet hatte. Denn anstatt auf 30 Mk. lautete die Rechnung bei Empfang des Werkes — 8 Bände — auf 240 Mk., also 80 Mark für „einen" Band.
§ Treysa, 9. Dezember. Vielen Lesern unseres Blattes ist gewiß noch das treffliche Konzert in Erinnerung, das im Juni ö. Js. in Hephata von einer Anzahl Casseler Künstler und Künstlerinnen gegeben wurde. Wie wir in Erfahrung gebracht, wird ein ähnliches Konzert am Sonntag den 11. Januar wiederum im Festsaal der Anstalten Hephata veranstaltet werden (nachmittags um 4 Uhr). Bei dem Konzerte werden z. T. dieselben Künstler mitwirken, wie im vergangenen Sommer: außerdem werden sich noch verschiedene andere u. a. Herr Reg. Rat Krause aus Cassel, der durch sein feines, zartes Geigenspiel weithin bekannt ist, in den Dienst Hephatas bei dem Konzerte stellen. Schon heute möchten wir unsere Leser auf diesen seltenen Kunstgenuß, der sich zum Beginn des neuen Jahres bieten wird, Hinweisen.
Cassel, 8. Dezember. (Schwerer Sturz von: Pferde.) Der Regimentsadjutant des 83. Infanterieregiments Oberleutnant Merkel stürzte Sonnabend nachmittag in der ^aiferftranr. von dem durch einen kläffenden Hund scheu gewordenen Pferde. Er erlitt einen Schlüsselbeinbruch und eine schwere Gehirnerschütterung. Auf Anordnung des Arztes wurde er in das Garnisonlazarett übergeführt.
Cassel, 8. Dezember. Hohe Honorare suchte sich der Kaufmann und Rechtskonsulent Karl K. aus Sontra zu verschaffen, der für eine vermögende Dame in Waldkappel Gelder eintrieb und Prozesse führt. Er bedachte sich mit ganz ungewöhnlich hohen Honorarsätzen, die er kurzer Hand in die ihn: übergebenen Zessionsurkunden hineinschrieb, wodurch er sich der Fälschung schuldig machte. So verlangte er für Einziehung eines Betrages von 3700 Mk. nicht weniger als 1000 Mk. Vergütung. Insgesamt hatte er sich 5500 Mk. Honorar auf diese Weise zugesprochen; es kam darüber zu einem Prozesse, und dabei stellten sich die Fälschungen heraus, worauf der Fall gestern vor die Strafkammer kam. Der Vertreter der Staatsanwalt- fchast plaidierte dafür den Angeklagten mit Rücksicht auf die zum Ausdruck gebrachte verwerfliche Gesinnung zu einer Gefängnisstrafe von 1 Jahr 9 Monaten zu verurteilen. Die Strafkammer erkannte mit Rücksicht auf die seitherige Straflosigkeit des jugendlichen Angeklagten auf 1 Jahr Gefängnis.
Fulda, 7. Dezember. Der bei der 3. Batterie des 2. Kurh. Feld-Artill.-Regts. Nr. 47 hier dienende Kanonier Sch. wurde gestern beschuldigt, einem Kameraden aus dem Spind Wurst gestohlen zu haben. Hierüber geriet Sch. derart in Aufregung, daß er sich zu Kameraden äußerte, er werde sich aufhängen. Durch hinzueilende Kameraden wurde der Selbstmordkandidat an seinem Vorhaben gehindert.
Marburg, 7. Dezember. Anläßlich des gestrigen Nikolaustages veranstalteten mehrere studentische Korporationen ulkhafte Umzüge. Den meisten Beifall erntete derjenige der Burschenschaft Arminia, die gestern ihren 1. „Weihnachtsdämmervorfrühschoppen" abgehalten hat. Musik eröffnete den Zug, dann folgten Nikolaus und Christkind, die ihre Gaben spendeten, ferner wurde der Segen des Stadtparks durch einen mit Pflanzendekorativnen ausgestatteten Wagen markiert, auf den: auf einer Bank zwei Liebespärchen Platz genommen hatten. Weitere Wagen zeigten die Erinnerung an die Schlacht bei Leipzig, englische Frauenrechtlerinnen und das Er- gevnis des Balkankrieges, das durch einen Wagen Mist veranschaulicht wurde. Weiter sah man den Rektor und den Prorektor der Universität Frankfurt, denen ein großes Schild mit der Inschrift „Auf nach Frankfurt" nachgetragen wurde.
Gießen, 8. Dezember. Gestern in der Frühe fuhren zwei vollbesetzte Automobile durch unsere Stadt nach dem Schiffenberger Walde zu. Kurze Zeit darauf hörte man sechs Schüsse kurz hintereinander fallen und eiligst kehrten die Autos wieder in die Stadt zurück. Wie man hört hat ein Pistolen- duell auf Starkenburger Waffen mit dreimaligem Kugelwechsel zwischen einem Forstassessor, der Reserve
offizier ist, und einem Akademiker stattgefunden, das aber unblutig verlief. Eine Wirtshausaffäre soll die Veranlassung zum Zweikampf sein.
Bad Wildungen, 8. Dezember. Wie bereits mitgeteilt, ist gestern mittag auf der Bahnstrecke von hier nach Corbach zwischen den Stationen Buhlen und Waldeck ein Damm eingerutscht. Der Zugverkehr ist unterbrochen. Der Personenverkehr wird durch Um- steigen aufrecht erhalten, während der Güterverkehr über Cassel geleitet wird. Schon am Morgen des gestrigen Tages bemerkte man ein leichtes Einsinken des Gleiskörpers, sodaß die Vormittagszüge nur mit großer Vorsicht den Damm befahren konnten. Mittags um 1/212 Uhr rutschte dann die Oberfläche des Dammes etwa 30 bis 40 Zentimeter tief ein. Bis heute morgen ist der Damm so tief gesunken, daß die Schienen in der Luft fchweben.
Eisenach, 7. Dezember. 12 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust hat der 21 Jahre alte Landwirtssohn Gustav Bruder aus Burbach bei Eisenach erhalten, der sich wegen Mordes vor den: hiesigen Schwurgericht in dreitägiger Verhandlung zu verantworten hatte. Nach der Anklage hat Bruder am 23. Mai d. J. die bei seinen Eltern tätige Dienstmagd Jöa Burbach aus Hörselgau durch Revolverschüsse, die er erst auf dem Felde und dann noch einmal im Kuhstall auf sie abfeuerte, töten wollen. An den Schußwunden ist die Verletzte auch bald gestorben.
Effelder (Eichsfeld), 8. Dezember. In der Dunkelheit trat das vierjährige Töchterchen des Landwirts Mock in einen Topf mit kochend heißem Wasser und verbrühte sich so schwer, daß es den erlittenen Verletzungen erlag.
Rndolstadt, 6. Dezember. Ein Automobilunglück ereignete sich heute mittag oberhalb Remda. Nachdem gestern das Postautomobil, das zwischen Rudolstadt und Remda verkehrt, unweit Remda einen Achsen- bruch erlitten hatte, war seitens der Firma Ehrhardt in Zella St. Bl. ein Meister und ein Monteur an die Unfallstelle beordert worden, die heute mittag dort eintreffen sollten. Infolge schlüpfrigen Weges rutschte dies Automobil aus, überschlug sich und stürzte den Straßengraben hinunter. Der Monteur kam unter den Kraftwagen zu liegen und wurde auf der Stelle getötet. Der Meister wurde drei Meter weit aus dem Auto herausgeschleudert und kam mit geringen Verletzungen davon.
Lanrenburg (Lahn), 8. Dezember. In Rupbach ist gestern früh die Autohalle der Firma Schwarz samt dem darin stehenden Kraftwagen infolge einer Benzin- erplosion niedergebrannt. Hierbei erlitt der Chauffeur, der den Wagen zur Fahrt fertig machen wollte, so schwere Brandwunden, daß Gefahr für sein Leben besteht. Der Unfall ist dadurch entstanden, daß der Mann mit einem Licht unter das Auto leuchtete, wobei das Benzin in Brand geriet.
Frankfurt a. M., 7. Dezember. Als die Frau des Schuhmachers Weßler gestern abend von Frankfurt nach Neu-Jsenburg zurückkehrte, fand sie die Wohnung verschlossen. Sie ließ gewaltsam öffnen und fand in den: mit Gas gefüllten Zimmer ihre beiden jüngsten Kinder, ein Zwillingspaar von achtzehn Monaten, tot auf. Der Mann war verschwunden. Er hat die Tat aus Verzweiflung über Arbeitslosigkeit begangen und sich wahrscheinlich auch selbst das Leben genommen. Seine Frau hatte Weßler mit dem ältesten, fünfjährigen, Kinde nach Frankfurt geschickt.
Weinheim a. d. B. 8. Dezember. Einen: Gauner aus Amerika ist das 32 Jahre alte Dienstmädchen Schmidt aus Schönberg zum Opfer gefallen. Das Mädchen wanderte in seinen jungen Jahren nach Amerika aus. Mit einem ansehnlichen Vermögen, das es sich drüben zusammengespart hatte, kehrte es im Frühjahr in die Heimat zurück. Auf dem Schiffe lernte es einen älteren Herrn namens Andersen kennen, der nach seinen Angaben in Amerika eine große Farn: besaß. Das Mädchen ließ sich bereden, sich in England mit den: Manne trauen zu lassen und das Paar reiste dann in die Heimat der jungen Frau. Beide wohnten dann eine Zeitlang in Auer- bach und im Herbst erfolgte die Rückreise nach Amerika. In Baltimore verschwand jedoch der angebliche Farmer auf Nimmerwiedersehen, nachdem das Mädchen sein ganzes Vermögen verausgabt hatte. Es hat nun wieder von vorne angefangen und wieder Stellung als Dienstmädchen genommen.
Altenbecken, 7. Dezember. Aus dem hiesigen Bahnhöfe wurde dem Bahnarbeiter Niggemann aus Langeland von einem explodierenden Karbidkessel der Kopf zertrümmert. Der Tod trat auf der Stelle ein.
Wetteraussichten für Mittwoch den 10. Dezember.
Wolkig, zeitweise aufklärend, unerhebliche Nieder- schläge, zeitweise als Schnee, kälter, westliche Winde.