Hersfelder Tageblatt
- Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld
Smieldn Kreisblatt
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage” §ernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. ISO. Freitag, den 12. Dezember 1913.
Bus der Heimat«
* (Frohe Weihnachtsbotschaft für die Eisenbahnbeamten.) Der preußische Eisenbahnminister hat die Preußisch-Hessischen Eisenbahndirektionen angewiesen, aus den ihnen zur Verfügung gestellten Mitteln besonders bedürftigen Unterbeamten, unter Umständen auch mittleren Beamten, alsbald einmalige Zuwendungen zu geben. Zu berücksichtigen sind vor allem Unterbeamte mit mehreren unversorgten Kindern, ferner gering besoldete Eisenbahner, namentlich diejenigen, die an teuren Orten stationiert sind. Beamte, die 3000 Mark und mehr Gehalt beziehen, sind von den Zuwendungen ausgeschlossen. Die einmaligen Unterstützungen sollen 25 bis 30 Mk. für je eine Familie betragen und möglichst bald zur Auszahlung gelangen.
* (Meisterprüfung.) Im Handwerkskammerbezirk Cassel haben in diesem Jahre bis 1. Dezember er. vor den zuständigen Meisterprüfungskommissionen insgesamt 187 Personen ihre Meisterprüfung bestanden, und zwar 146 Herren und 41 Damen. Von letzteren waren 28 Schneiderinnen, 9 Putzmacherinnen, 3 Modistinnen und 1 Tischlerin. Aus den Bezirk der Meisterprüfungskommission Fulda, (umfassend die Kreise Fulda, Hersfeld, Hünfeld und Gersfeld) entfallen hiervon 30, und zwar Kreis Fulda 11, Hersfeld 4, Hünfeld 6 und Gersfeld 9.
* (Die Apfelsinen werden billig.) Die Apfelsinenernte ist in diesem Jahre ungewöhnlich ergiebig ausgefallen, nicht nur in Spanien und Portugal, sondern auch auf den Balearen und Algier. Das beweisen die großen Sendungen, die alltäglich in Marseille, dem Zentralhafen für den Apfelsinenexport eintreffen. Die Früchte sind allerdings zurzeit noch etwas sauer, da die zurzeit eintreffenden Apselsinen die ersten der Saison sind. Aber das ist ein Fehler, der sich bald bessern wird, und wir dürfen in der sicheren Hoffnung leben, daß wir in diesem Jahr billige und wohlschmeckende Apselsinen erhalten werden.
Hersfeld, 11. Dezember. Im Jahre 1914 werden die Märkte in unserer Stadt an solgenden Tagen ab- qehalten: 13. Januar Schweinemarkt; am 3. Februar, 5. und 18. März, 7. Mai, 10. und 24. Juni, 12. und 27. August, 5. und 24. November Viehmärkte,' am 1. April, 19. Mai, 9. September und 14. Oktober Kram- und Viehmärkte; am 15. Juli Pferde-, Rindvieh- und Krammarkt (von der Abhaltung eines Prämienmarktes ist Abstand genommen) und am 16. Dezember Kram- und Schweinemarkt.
):( Hersfeld, 11. Dezember. (S ch ö f f e n g e r r ch t.) Vor dem hiesigen Schöffengericht wurden heute 7 Strafsachen verhandelt. In der ersten Strafsache, die sich gegen einen Schlosser aus Kalkobes wegen Körperverletzung richtete, erfolgte Freisprechung. — Ern Landwirt aus Sölzerhöfe, der wegen Uebertretung des Feld- und Forstpolizeigesetzes angeklagt war, wurde ebenfalls freigesprochen. — D-egen ^eVertretung des Vogelschutzgesetzes vom Jahre 1908 wurde ein Arbeiter aus Oberhaun mrt einer Geldstrafe von 3 Mk. bestraft. — Ein hiesiger Arbeiter wurde wegen Widerstandes mit 14 Tagen Gefangnrs bestraft. — Die fünfte Strafsache richtete sich gegen 4 hiesige Einwohner, die wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung angeklagt waren. Während drei von ihnen freigesprochen wurden, erhielt der vierte und Haupträdelsführer derselben eine Gefängnisstrafe von 4 Wochen. — Die beiden anderen Sachen betrafen Privatklagen wegen Beleidigung. — Als Schöffen nahmen die Herren Bürgermeister a. D. Erdam aus Wippershain und Professor Stern aus Hersfeld teil.
Cassel, 10. Dez. Wegen Betruges wurde der Kaufmann Jul. L. aus Hoheneiche von der hiesigen Strafkammer in der Berufungsinstanz zu zehn Mark Geldstrafe verurteilt. Der Angeklagte war am 24. April 1912 schlafend über das Ziel hinausgefahren und erst in Niederhone ausgestiegen. Hier wurde er von dem Schaffner des Zuges einem anderen Beamten zur Nachlösung einer Fahrkarte ubergeben. Da der Beamte viel zn tun hat e, kümmerte er sich nicht um L., weil er aunahm, daß dieser selbst^die -0 Pfennige nachzahlen werde. L. kam an dre Sperre und fand hier keinen Beamten anwesend. Er ging deshalb auf dem Bahnsteig auf und ab, um später zu versuchen, sich ein Billett von Niederhone nach Hoheneiche zu beschaffen. Einem Beamten emittierte er auf die Frage, wie er durchgekommen sei, daß er seine Karte vorher abgegeben habe. Das kam dem Beamten verdächtig vor, zumal er sich plötzlich entsann, daß einer der Reisenden nachzahlen sollte. L. wurde vor den Stationsvorsteher gebracht und aus der harmlosen Sache wurde nun ein Verfahren wegen Betruges. Das Schöffengericht in Eschwege verurteilte L. zu 30 Mark Geldstrafe. Die Strafkammer in Ca el bestätigte das Urteil. Das Oberlandesgericht in Gagel
als letzte Berufungsinstanz hob das Urteil auf, weil das Schöffengericht in Eschwege den Begriff des Betruges nicht rechtswirksam präzisiert hatte und verwies die Angelegenheit an die Strafkammer zurück. Diese verurteilte nun heute L. wegen Betrugs zu 10 Mark Geldstrafe und in die Kosten aller Verfahren.
Eisenach, 10. Dezember. Auf der Landstraße von Jfta nach Treffurt kam der 83 Jahre alte Landwirt Reichardt aus Wolterode nachts vom Wege ab. Er verirrte sich und setzte sich schließlich am Wege nieder. Schließlich muß ihn dann der Schlaf übermannt haben, denn heute morgen wurde er erfroren aufgefunden.
Altengottern, 9. Dezember. Ein ergötzliches Ereignis hat sich in unserem Orte zugetragen. Kommt da ein Reisender nach Altengottern und sieht auf dem Hofe eines Landmannes verschiedene fette Enten. Nach längerem Hin- und Herreden sanfte er dem Lanömanne eine ab. Während der Reisende im Dorfe zu tun hat, wird die Ente geschlachtet und gerupft. Nach einigen Tagen erhält der Landmaun ein Paket und einen Brief. Es wird ihm darin vorgeworfen, daß die Ente keines natürlichen Todes gestorben sei, denn sie wäre ungenießbar. Der Landmann öffnet nun das Paket und findet darin seine Ente, aber — gebraten. Der Geruch, der ihr entströmt, ist gerade nicht einladend. Da bemerkt er, daß die Ente mit ihrer natürlichen Füllung gebraten worden ist. Der Landmann schreibt darauf einen höflichen Brief an den Reisenden und gibt ihm den wohlgemeinten Rat, sich doch mit seiner Frau auseinander zu setzen und diese vielleicht an einem Kursus in der Kochschule teilnehmen zu lassen.
Lobenstein (Reuß) 10. Dezember. Im benachbarten Thierbach brach heute früh kurz nach vier Uhr in dem Bauerngute von Hermann Ziermann Feuer aus, das das Wohngebäude und die Scheune binnen kurzem in Asche legten. Die Bewohner konnten nur mit Mühe das nackte Leben retten. Der Besitzer Hermann Ziermann kehrte noch einmal in das brennende Haus zurück, wobei er im Rauch erstickte. Seine Leiche wurde heute früh verkohlt aufgefunden. Den Flammen fielen außerdem fünf Stück Großvieh, fünf Schweine und sämtliches Geflügel zum Opfer.
Eschwege, 9. Dezember. Eine bemerkenswerte schwierige Arbeit wurde kürzlich an dem großen Eisenbahnviadukt bei Längenfeld, der allen Reisenden der Strecke Leinefelüe—Treysa bekannt ist, ausgeführt. Die alten, im Jahre 1878 erbauten Brücken genügten in der Festigkeit nicht mehr den heutigen schweren Lokomotiven und der gesteigerten Geschwindigkeit der Züge und sollten durch neue Ueberbauten ersetzt werden. Am vorigen Dienstag ging die Auswechselung des ersten Umbaues vor sich, und am Freitag erfolgte die Auswechfelung des zweiten Ueberbaues. Der neue Ueberbau im Gewichte von ca. 30 000 Kilogramm war in der Nähe der Baustelle auf einen Holzstapel in Waggonhöhe montiert und wurde in einer Pause zwischen zwei Zügen, auf einem bereitgehaltenen Wagen verladen. Für diese Auswechselung waren zwei große Portalkranen, welche beide Gleise überspannten, auf die Brückenpfeiler montiert. Jeder Kranlaufträger trugzweiLaufkatzen (fahrbareFlaschen- züge). Freitag früh wurde der Oberbau (Schwellen und Schienen) von der alten Brücke entfernt. Nach Durchfahrt des Zuges 7.23 Uhr früh brächte eine Lokomotive die schon tags vorher verladene neue Brücke. Diese wurde nun in ca. 30 Minuten mit den Flaschenzügen hochgezogen, seitlich über den leeren Wagen gefahren und auf diesen verladen. Hierauf wurde die neue Brücke, nachdem diese unter die Krane gerückt worden war, an den Flaschenzügen befestigt, angehoben, seitlich über die Brückenöffnung gefahren, und auf die schnell verlegten neuen Lager abgesenkt. Diese Arbeit erforderte ca. eine Stunde. Nach Aufbringung des Oberbaues konnte der fahrplanmäßige Zug schon über die neue Brücke fahren. Mehrere Bauräte und Regierungsbaumeister von der Eisenbahndirektion Cassel und vom Eisenbahnbetriebsamt Eschwege wohnten der interessanten Arbeit bei.__
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag beschäftigte sich am Mittwoch zunächst mit einem Bericht der Wahlprüfungskommission über die Frage, ob die in die Wählerliste eingetragenen Wühler bei einer Nachwahl zur Ausübung des Wahlrechts auch berechtigt seien, wenn sie inzwischen ihren Wohnsitz verlegt haben. Die Kommission war zur Bejahung der Frage gekommen und beantragte, diesen Beschluß dem Reichskanzler zur Kenntnis zu bringen. Dieser Antrag wurde nach kurzer Erörterung angenommen. Sodann wurde die internationale Uebereinkunft über Maßregeln gegen Pest, Cholera und Gelbfieber in 1. und 2. Lesung angenommen. Ein von 200 Abgeordneten (mit Aus
nahme der Kommission) unterzeichneter Antrag," in Form eines Nachtragsetats 2 Millionen Mk. für [bie Beteiligung Deutschlands an der Weltausstellung in San Franzisko zu bewilligen, wurde der Budgetkommission überwiesen. Nunmehr wandte sich das Haus wieder der 1. Lesung des Etats zu. Erster Redner war der Abg. Graf v. Westarp (kons.), der in fast zweistündiger temperamentvoller Rede den Standpunkt seiner Freunde darlegte. Er betonte, daß der Etat für 1914 wiederum die günstigen Wirkungen der Reichsfinanzreform von 1909 zeige. Wenn auch die Besitzsteuer in ihrer Wirkung stark überschätzt wurde, so bedeute die Zuwachssteuer einen Schritt auf dem Wege, dessen Endziel seine Partei verurteile. Ein Defizit des Wehrbeitrags sei nicht ausgeschlossen. Die Konservativen wünschen keine neuen Rüstungsausgaben in den nächsten Jahren; sollten diese jedoch nötig werden, dann dürfe unter keinen Umständen eine Erhöhung des Wehrbeitrags eintreten. Erfreulich sei, daß der Dreibund sich als eine starke Stütze des Friedens erwiesen habe. Mit der Entwicklung der Dinge auf dem Balkan könne man zufrieden sein. Zu wünschen sei eine dauernde gute Verbindung mit Rußland. Der Redner wandte sich der Zaberner Angelegenheit zu und betonte, daß nicht das ganze Volk hinter dem Reichstagsbeschluß gegen den Kanzler stehe. Das Militär hatte die Pflicht, sich gegen Beschimpfungen zu wehren. Dem Kriegsminister sei Dank, daß er die Berechtigung des Militärs dazu anerkannt habe. Das Heer dürfe nicht unter das Parlament gebeugt werden. Der Beschluß des Reichstages gegen den Kanzler sei ein Nichts, eine staatsrechtliche Unmöglichkeit. Die wichtigste Aufgabe der inneren Politik bestehe darin, daß Staatsverwaltung und Gesetzgebung Stellung nehmen gegen den Staat im Staate: die sozialdemokratischen Organisationen. Gegen den Streikterrorismus müsse etwas geschehen, ohne ein Streikpostenverbot sei nicht auszukommen. Werde gegen den sozialdemokratischen Terrorismus nicht eingeschritten, dann müsse man mit Sorge in die Zukunft blicken. (Beifall rechts.) — Reichsschatzsekretär Kühn erklärte, daß es durchaus der Regierungsauffassung entspricht, daß der Wehrbeitrag keine dauernde Einrichtung sein dürfe. — Abg. Wiemer (Fortschr. Vpt.) meinte, daß die letzten Tage zweifellos eine Stärkung des parlamentarischen Regimes bringen werden, anch wenn der Kanzler nicht die Konsequenzen ziehe und fragte, warum letzterer nur für das Recht des Kaisers eintrete, nicht aber auch für das Recht des Volkes. — Kriegsminister v. Falkenhayn kam noch einmal auf die Zaberner Vorgänge zurück und betonte, daß die Ausübung der Disziplinargewalt nicht der öffentlichen Kritik unterliegen dürfe. Ein Vorgesetzter müsse sich selbständig fühlen können, wenn er im Ernstfalle hohe Verantwortung übernehmen solle. — Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.) gab seiner Freude Ausdruck, daß die Ostmarken- zulage wieder im Etat erscheine und forderte ein Arbeitswilligenschutzgesetz. — Donnerstag Fortsetzung.
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Man schreibt nns: Ein Erlaß in Nr. 285 des Reichsanzeigers, gezeichnet vom Handelsminister, Landwirtschaftsminister und Minister des Innern, hat die Hoffnung auf eine friedliche Einigung zwischen Krankenkassen und Aerzten zunichte gemacht. Es waren fast überall Verträge, welche das Ergebnis mühevoller Arbeit auf beiden Seiten waren, in Vorbereitung. Die Massenorganisationen waren bereit mit der Aerzte- organisation — dies war und bleibt die wesentlichste Forderung der Aerzte — zu verhandeln und abzu- schließen. Der Erlaß spricht nun aus, „daß bei den Entscheidungen nach § 370 R. V. O. der Anspruch der Kassen als berechtigt anzuerkennen sei, die Arztverträge in ihren wesentlichen Bestimmungen mit den einzelnen Aerzten abzuschließen, ohne daß die ärztliche Organisation als Vertragspartei mitwirkt. Wenn die Aerzte den Abschluß individueller Verträge verweigern, ist hierdurch die Voraussetzung der Anwendung des § 370 R. V. O. ohne weiteres erfüllt." Da den Aerzten durch diesen Erlaß klar und deutlich erklärt worden ist, daß ihre Organisation gebrochen werden soll, so haben sie beschlossen, sämtliche Verhandlungen abzu- brechen; der Entschluß fiel den Aerzten, welche bisher freiwillig und freudig an dem Bau der Krankenversicherung mitgearbeitet haben, schwer. Die Verantwortung für die Verluste, welche die Krankenkassen, die Aerzte und die Versicherten treffen, müssen die Unterzeichner des Erlasses vom 2. Dezember 1913 tragen.
Wetteraussichten für Freitag den 12. Dezember.
Wolkig bis trüb, zeitweise geringe Nieüerschläge, etwas kühler, nordwestliche Winde.
Der heutigen Nummer liegt ein Amtlicher Anzeiger bei.