Schlüchterner Zeitung.
Amtliches Blatt für die Beröffeuilichaagen pe? Mit j^ LchiuMer».
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^ 9. Mittwoch, den 1, Februar. j^^.
Wo giebt es billigen Branntweine
Für alle diejenigen unserer Leser, welche sich eingehender für die Frage der Bereitung eines guten Obstweines als Ersatz des Branntweins interessiren, bringen wir hier einen Bortrag und Auszug zum Abdruck, den der bekannte Sachverständige Herr Dr. Barth aus Rufach über diese Frage aus der laudwirthschaftlichen Versammlung in Frankfurt a. M. im Sommer v. Js. gehalten hat. Dr. Barth sagte dort etwa Folgendes: Wenn wir in den letzten Jahren, Hand in Hand gehend init der Hebung des Obstbaues, anch einen gewissen Aufschwung derjemgeuJudustrien initFreuden begrüßen können, welche eine möglichst vollständige Ausnutzung und Verarbeitung der Obsternten zu Danerproducten bezwecken, so hat doch mit diesen Fortschritten ein Gebiet der Obstverwerthung nicht gleiche Höhe gehalten: die Obst- weinbereitüng. Die unmittelbare Umgebung von Frank- surt und Württemberg etwa ausgenommen, befindet sich die Obstweinbereitung fast allerwärts noch auf einer recht niederen Stufe der Vollkommenheit. Der Grund hierfür dürfte darin zu suchen sein, daß Aepfel- und Birnensäfte, ohne jeden Zusatz vergohren, nur schwache, der Verderbnis; leicht unterliegende und daher große Aufmerksamkeit in der Behandlung erfordernde Weine liefern können, die Beerenobstsäfte aber geradezu ungenießbare Getränke ergeben würden, wollte man sie so vergähren lassen, wie die Natur sie bietet. Wahrend ein trinkbarer Wein '/, bis höchstens ^ pCl. freie Säure und doch mindestens 6 pCr., guter Wein aber k0 bis ! 2 pCt. Weingeist enthalten soll, kann aus einem Fruchtsaft ’/s bis 2 pCt. Säure und 5 bis 8 pCt. Zucker, wie ihn gute reife Johannisbeeren, Stachelbeeren oder Heidelbeeren geben, eben nur ein Vergäh- rungsproduet mit 1 ’/a bis - pCt. Säure und 3 bis 4 pEt. Weingeist entstehen, also ein Getränk, welches Niemand mit Behagen und mit Vortheil für seine Gesundheit genießen könnte. Und doch ist der angenehme Fruchtgeschmack dieser Säfte ein so ausgiebiger, daß er sich auch bei einer etwaigen Verdünnung noch sehr deutlich geltend macht. Hat daher die Natur diese Säst • nvt Säure zu reich!ich. mit Zucker zu dürftig
II.
für das Entstehen eines guten Weines ausgestattet, so muß zur Nachhülfe in dieser Beziehung die Kunst herangezogen werden. Es muß die übermäßige Säure durch Verdünnen mit Wasser gemindert, der Zuckergehalt durch Zusatz feiner Raffinade so weit erhöht werden, daß nach Vergährung die Flüssigkeit 8 bis 10 pCt. oder noch mehr Weingeist enthält. — In der richtigen Bemessung des Wasser- und Zuckerzusatzes liegt für den Laien eine der Hauptschwierigkeiten der Becrenobstwein- bereifnug und hierin ist wohl der Grund dafür zu suchen, daß diese Art der Obstverwerthung noch so wenig Verbreitung gefunden und auch theilweise so stark verunglückte Versuche zu verzeichnen hat. Der Vortragende weist darauf hin, daß er in einer besonderen Broschüre eine eingehende Anleitung zur Bereitung der Obstweine gegeben hat und schildert diese Bereitung dann übersichtlich.
Vorzüglich lassen sich die Obstweine auch zur Schaumwein-Bereitung verwenden. Wenn eine gewisse Menge der bei der Gährung erzeugten Kohlensäure dadurch im Weine zurückgehalten wird, daß man den letzten Theil dieser Gährung in verschlossener Flasche sich vollziehen läßt, so erhält man einen Schaumwein, und zwar von 2 Atmosphären Druck, wenn 3'2 Gramm Kohlensäure in der Flasche erzeugt und zurückgehalten werden, welche unter normalen Verhältnissen 2 Liter Raum entnehmen würden: von 5 Atmosphären Druck, wenn 5 Liter Kohlensäure oder 9 Gramm Kohlensäure in der Flasche erzeugt und zurückgehalten werden, oder wenn 20 Gramm Zucker in der Flasche vergähren. Da die Gährung der Obstweine sich an und für sich schon schwerer vollzieht als die der Traubenweine, so ist für die Obstschaum- weinbereitung das Jmprügniren mit Kohlensäure vorzu- ziehen, welche entweder aus einem Ballon mit flüssiger Kohlensäure entwickelt oder aus reinstem Magnesit und Schwefelsäure erzeugt, sorgfältig gewaschen und in den in geschlossenem Raume befindlichen Wein geleitet, darin gelöst wird. Fabriken künstlicher Mineralwasser und Apotheken, welche sich mit der Herstellung von Sodawasser als Nebenbetrieb beschäftigen, könnten sich die Bereitung
von Beerenobstschaumwein nach diesem Verfahren angelegen sein lassen und es wäre wohl eines Versuches werth, ob mau nicht durch Verkauf in Restaurants aus Sodawasserslaschen oder in den Sodawasser-Trinkhallen (in letzteren vielleicht auch glasweise) mit den Obst- schaumweinen finanzielle Erfolge erzielen könnte, die zuletzt doch dem Obstbau zu gute kämen. Eine kunstgerechte Bereitung der Obstweine vorausgesetzt, könnten dieselben bei wohlfeilem Preise sehr leicht zu einem wahren Volksgetränk in jenen Gegenden werden, in welchen die Rebe gar nicht oder nicht zum Zweck einer über den Bedarf des Productionsgebietes selbst hinausgehenden Weinerzcugnug kultivirt wird, wo aber Waldungen, Gärten und sonstige Anlagen das Baum- und Strauch- obst noch gut gedeihen lassen. Man denke an die reb- losen Gegenden Nord- und Mitteldeutschlands und an die waldreichen Gebirgslandschaften unseres gesammten deutschen Vaterlandes. Diese Obstweine würden dem Traubenweine keine irgend empfindliche Konkurrenz machen; eine Verdrängung der feineren Traubenweine wäre selbstverständlich ausgeschlossen, und die guten und wohlfeilen Mittelweine werden im Productionsgebiet selbst auch neben dem Obstweine, stets ihre Freunde finden. Dagegen kann in den keinen Trau-- benwein produzirendcn Gegenden, in welchen bisher das Bier in den mittleren, der Branntwein in den unteren Schichten der Bevölkerung das v o r h e r r s ch c u d e geistige Getränk bildet, diesen beiden Industrie- erzeugnissen ein mächtiger Nebenbuhler in d e n Ob st weinen erstehen, deren Be r= b re 11 un g alsBolksgetränk dem Bolks wohle w a h r l i ch n i ch t z u m Schaden g e r e i ch e n w ü r d e. Die Obstproduction selbst aber würde mit dieser gesteigerten Verwendung der Früchte zur Weinbereitung einen außerordentlichen Aufschwung nehmen können, der eine ausgiebige Besetzung unbenutzter Flächen mit Obstbüiimeii und Sträuchern zur Folge hätte.
Ä m tti d) e i Th e i 1.
Bekanntmachung.
An der Landwirthschaftsschule zu Weilburg soll auch im Jahre 1888 ein Fvrtbildungskursns für Elementar- lehrer abgehalten werden, und ist hierzu Termin in der Herbsticrienzeit (Ende August bis Ende September) in Aussicht genommen.
Die in dem Kursus zu behandelnden Gegenstände sind folgende:
1) Chemie II. Theil (Chlor, Schwefel, Phosphor, Silicium, Kalium, Natrium, Calcium, Alumi- mium, Eisen) ;
2) Botanik (Anatomie und Physiologie der Pflanzen;
3) Thierproductionslehre;
4) Unterrichtswesen.
Den theilnehmenden Lehrern aus dem Regierungs- bezirke Kassel wird ein Zuschuß von 80 Mark in Aussicht gestellt, sobald die betreffende Gemeinde oder der Lehrer selbst mindestens 35Mk. znzuschicßen bereit ist. Den Gemeinden wird anheim gestellt, sich durch einen von dem Lehrer äüszustcüenden Revers dahin zu sichern, daß der von der Gemeinde subventionirte Lehrer den Betrag zurückzuzahlen hat, wenn er innerhalb Jahresfrist nach dem Kursus die betreffende Gemeinde verläßt.
Diejenigen Lehrer, welche an dem in Rede stehenden Kursus Theil nehmen wollen, werden aufgefordert, ihre Gesuche bis zum 15. Mai d. J. durch Vermittelung der Königlichen Schutvorstände bczw. der Stadlschul- Deputationen hierher einzureichen.
Lasset, den 17. Januar 1888.
Königliche Regierung,
Abtheilung für Kirchen- und Schulsachen.
Nr. 459. Vorstehende Bekanntmachung wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, mit dem Hinzu- fügen, daß Anträge um Zulassung zum Kursus durch Vermittelung der Herren Localschulinspectoren an mich einzusenden sind. Die Herren Localschulinspectoren ersuche ich, die etwa eingehenden Anträge bis zu dem obengenannten Termine an mich einzusenden und hierbei Dieichzeitig anzugeben, in welcher Weise für die Ver
tretung des Meldenden für den Fall seiner Zulassung gesorgt werden kann.
Schlüchtern, den 23. Januar 1888.
__Der Königliche Landrath: Rot h.
Nach §18 des 2. Theils der Wehrordnung haben die Mannschaften der Reserve, Landwehr, Seewehr und der Ersatz-Rcscrve erster Klasse, welche auf Zurückstellung für den Fall der Einbermung aus Anlaß der Mobilinachung wegen häuslicher ober gewerblicher Verhältnisse Anspruch machen, ihre deslallsigen Gesuche bei dem Ortsvorstande vor Beginn des MusterungSgeschäfts anzubringen, welcher dieselben unter Zuziehung einiger zuverlässiger Reservisten oder Wehrmänner zu prüfen und nach Maßgabe des Befundes in eine an den Landrath mindestens 8 Tage vor dem Beginn des MusterungS- geschäfts einznreichende Nachweismig aniznnchmen hat, aus der nicht nur die militairischen, bürgerlichen und Vermögensverhältnisse der Bittsteller, sondern auch die obwaltenden besonderen Umstände ersichtlich sind, durch welche eine zeitweise Zurückstellung bedingt werden kann.
Die Entscheidungen erfolgen durch die verstärkte Ersatz-Commission und haben ihre Gültigkeit nur bis zum nächsten Klassificationstermin, weshalb Anträge auf weitere Zurückstellung stets zu erneuern sind.
Den Herren Ortsvorständcn des Kreises wird dies zur Nachricht, Nachachtung bei vorkommenden Fällen und mit der Auflage mitgetheilt, diese Bekanntmachung in ihren resp. Gemeinden in ortsüblicher Weise zu veröffentlichen.
®Ä: I""' ^n>-" 1888-
Königliche Ersatz-Commission des Kreises Schlüchtern.
Der Militair- Der Civil-
Vorsitzende.
Kleckel, Roth,
Majorz. D. u. B-zirks-Commandeur. Königl. Landrath.
Deutsches Reich.
Berlin. Eine weniger erfreuliche Draht-Nachricht, als sie die letzten Tage brachten, geht dem B. T. aus San Remo zu. Das Allgemeinbefinden des Kronprinzen soll zu wünschen übrig lassen. Das fragliche
j Telegramm lautet: „Das Allgemeinbefinden des Kronprinzen ist seit zwei Tagen nicht so gut wie gewöhnlich; der Kronprinz klagt über Kopfschmerz. Da der Kronprinz, von seinem jetzigen Halsleiden abgesehen, selten krank war, empfindet derselbe jeden Schmerz schärfer, als eine andere Person unter den gleichen Umstäuden.
— Fürstbischof Dr. Kopp von Breslau hat dem Reichskanzler im Aufträge des Papstes eine aus Anlaß des 50jährigen Priestcrjubiläums des letzteren geprägte goldene Medaille überbracht.
Potsdam, 27. Jan. Prinz Wilhelm ist anläßlich seines heutigen Geburtstages zum Genera l- M a j o r und Kommandeur der 2. Garde-Jnfan- terie-Brigade ernannt worden.
Stuttgart, 25. Jan. Ein merkwürdiger Fall von Scheintodt erregt hier große Sensation. Heute Mittag 2 Uhr soll eine Frau von 34 Jahren, welche am Schlagfluß verschieden war, beerdigt werden. Schon waren die Sargträger am Grab und erwarteten die Ankunft des Leichenznges, als dieselben von der Mittheilung überrascht wurden, daß die Beerdigung nicht ftattfiubeu werde, da die Verstorbene wieder zum Leben erwacht sei. In der That hat die Scheintodte, als auf Wunsch einer Verwandten der Sarg geöffnet wurde, zu athmen und sich zu bewegen begonnen. — Zur Zeit, da ich dies berichte, hatte sie jedoch ihr Bewußtsein noch nicht wieder erlangt.
Hadamar, 26. Jan. In dem nahen Niederhadamar sind die Masern so start aufgetreten, daß auf ärztliche Anordnung die dortigen drei Volksschulklassen, vorläufig auf 14 Tage, geschlossen wurden. Gegenwärtig sind an dieser Krankheit 178 Kinder erkrankt. Bis jetzt verläuft diese Krankheit normal.
Könightim. In Königheim sind gegenwärtig 120 kleine Kinder und in Königshöfen 80 Völksschülcr an den Masern erkrankt. Mehrere Todesfälle sind bereits vorgekommen.
Straßburg i. E., 28. Januar. Der hiesige Färberei- besitzer Appel wurde gestern verhaftet. Ebenfalls wegen Verdachts des Landesverraths ist der Apotheker Girard in Schirmeck verhaftet worden.