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Mittwoch, den 20. Juni.
— Die Kaiserin-Mutter Victoria ist, wie wir hören, nicht nur üom Gram tief gebeugt, sondern auch körperlich im höchsten Grade angegriffen. Die hohe Frau beabsichtigt, in nächster Zeit einen längeren Aus- enthalt in der Schweiz zu nehmen.
Schloß Friedrichskron, den 15. Juni 1888.
Schlüchterner Zeitung
Amtliches Blatt für die Veröffentlichungen des Kreises Schlüchtern
1888
Bekanntmachung.
Der Königliche Dulder hat vollendet!
Nach Gottes Rathschluß ist Se. Majestät der Kaiser und König Friedrich, unser Aller- gnädigster Herr, nach langem, schwerem, mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit und Ergebung in den göttlichen Willen getragenem Leiden heute kurz nach 11 Uhr Vormittags zur ewigen Ruhe eingegangen.
Tief betrauern das Königliche Haus und unser in so kurzer Zeit zum zweiten Male verwaistes Volk den allzufrühen Hintritt des vielgeliebten Herrschers.
Berlin, den 15. Juni 1888.
Aas Staats-Winisterium.
Kaiser Friedrichs Tod.
Zum zweiten Male in diesem Jahre steht Deutschland an der Bahre eines Kaisers! Kaum ist ein Vierteljahr verflossen seit dem Hintritt seines ersten Kaisers, des großen Schöpfers des Reichs, und schon wieder hat der unerbittliche Tod den Kaiserthron heimgesucht: Kaiser Friedrich ist am 15. Juni 1888 in seinem 57. Lebensjahre und erst im vierten Monate seiner Regierung zu seinen Vätern versammelt worden.
In stummem Schmerz und tiefgebeugt stehen wir an dem Sterbebette gerade dieses Kaisers. Je mehr Deutschland mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß das hochbetagte Leben seines ersten Kaisers einen baldigen Abschluß finden werde, desto ruhiger und zuversichtlicher wandte sich der Blick seinem erhabenen Sohne zu, dessen ritterliche Gestalt, dessen mild-freundliches Auge, dessen stilles Wirken im Frieden, dessen kriegerische Thaten Aller Herzen mit Hoffnung und mit dem Trost erfüllten, daß Krone und Scepter, wenn dereinst Kaiser Wilhelm zur ewigen Ruhe werde eiligeren müssen, von keinem würdigeren Fürsten getragen werden können. Er erschien neben Kaiser Wilhelm als die zweite starke Säule des König- und Kaiserthums, ein echter Sproß des Hohen- zollernstammcs, dessen Schultern stark und jeden Augenblick bereit waren, die Last der Krone, wenn die Zeit gekommen, auf sich zu nehmen und zu tragen zum Segen des Vaterlandes. Aber Gottes Gedanken waren andere. Diese Heldengestalt, welche die Hoffnung des ganzen Volkes, das Bild kraftvoller Gesundheit des Körpers und des Geistes war, sie wurde von tückischer Krankheit befallen. Welche Gebete sind nicht für diesen Fürsten zum Himmel emporgestiegen! Mit Thränen im Auge und Trauer im Herzen sahen wir das unerbittliche Geschick sich erfüllen, immer wieder und wieder klammerte sich die Hoffnung an einen kleinen Lichtstrahl, welchen das Leiden zuweilen gewährte, aber immer wieder und wieder wurde sie erschüttert. In demBewußtscin seiner hohen Pflichten bestieg Kaiser Friedrich den Thron, hoffend, Herr zu werden der schleichenden Krankheit und immer von Neuem sich emporringend, bis er in diesem fürchterlichen Kampfe erlag, drei Monate und sechs Tage nach dem Hinscheiden seines greifen Vaters!
Dahingesunken ist ein Hohenzollernsproß in dem kräftigsten Mannesalter, zu dem das ganze preußische und deutsche Vaterland so lange mit Stolz und Bewunderung emporblickte. Was er ererbt von seinen Vätern hatte, hatte er auch erworben, um es zu besitzen; sein schneidiges Schwert hat das Reich und die Kaiserkrone schaffen helfen, die ach! nur kurze Zeit sein Haupt umstrahlen sollte. Mit welchen königlichen Gedanken trat er — schon in seiner inneren Lebenskraft erschüttert — an die hohe Aufgabe heran, „Deutschland zu einem Horte des Friedens zu machen, die Wohlfahrt des deutschen Landes zu pflegen, und dem preußischen Volke ein gerechter und in Freud' wie Leid treuer König zu sein!" Gott hatte ihm hierfür nur eine kurze Spanne Zeit beschicken.
Ein unendlich tragisches Geschick hat sich vollzogen. Durch das Ableben dieses kaiserlichen Helden, welcher dereinst die Hoffnung seines Vaterlandes war, ist das junge deutsche Reich zum zweiten Mal in diesem Jahre von schwerer Prüfung heimgesucht worden. Schwer
verwundet ist zum zweiten Male der sieggewohnte preu- I ßische Aar, der auf den Schlachtfeldern unverwundbar war und der in den hohen Lüften seine Schwingen schützend und segnend über Deutschland ansvreitete. Das Jahr 1888 ist für Preußen-Deutschland ein Unglücksjahr ; aber wie sich Preußens Adler immer wieder nach schweren Schicksalsschlügen erholt hat, so werden auch die schweren Wunden, die ihn in diesem Jahr getroffen, seine Schwingen nicht erlahmen lassen.
An der Bahre des Kaisers Friedrich, welche das preußisch-deutsche Volk tief trauernd umsteht, geloben wir dem jugendlichen neuen Herrscher, auf welchen das Erbe seiner Väter übergegangen ist, mit derselben Treue zu dienen, wie seinem Vater und Großvater. Möge Gott ihm Kraft verleihen, seines schweren Amtes in Segen zu walten, zum Heile des Vaterlandes!
Wilyetm II.
Der Liebling seines kaiserlichen Großvaters, geb. 27. Januar 1859, hat den deutschen Kafferthron bestiegen. Jung wie selten ein Herrscher gelangt der neue Kaiser zur Regierung; er folgt großen und machtvollen Monarchen,' zu denen die ganze Welt mit Bewunderung empor blickte. Diese Bewunderung wird sich Kaiser Wilhelm II. erst erwerben müssen, aber was ihm sofort entgegenfliegt, das ist die Liebe und das Vertrauen des deutschen Volkes. Wir können dem Enkel Kaiser Wilhelms und dem Sohne Kaiser Friedrichs unser Vertrauen mit gutem Gewissen entgegenbringen, denn er ist ein echter Sproß vom edlen Hohenzollern- stamm, friedliebend und auf das Wohl des Volkes bedacht wie seine Vorgänger. Der Kaiser ist jung; aber ihn hat der bittere Ernst des Lebens früh zum gereiften Manne gemacht und schon lange steht er den Staatsgeschäften nicht mehr fremd gegenüber; denn beide Kaiser hatten ihm für einen Theil der Staatsgeschäfte die Vertretung übertragen, die ersten Räthe der Krone standen ihm zur Seite. Kaiser Wilhelm II. gilt als eifriger Militär; aber beide Kaiser waren das ebenfalls und doch schätzten sie den Völkerfrieden höher als den Waffenruhm. Deshalb ist es Thorheit, glauben zu wollen, die Thronbesteigung Kaiser Wilhelm II. könne einen Wechsel in der deutschen Friedenspolitik herbei- führen oder gar den Ausbruch eines Krieges veranlassen. Kaiser Wilhelm und Kaiser Friedrich haben mit Unterstützung des Reichskanzlers mit starker Hand den Weg vorgezeichnet, den wir zu gehen haben; wir brauchen nur vorwärts zu schreiten. Sollte aber wider unsern Wunsch und wider unseren Willen ein Krieg herein- brechen, nun gut, wir sind bereit; mit Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich I. ist der deutsche Waffenruhm nicht entschlafen. Mit Thränen in den Augen begrüßen wir den erneuten Thronwechsel, und Kaiser Wilhelm selbst wird am wenigsten mit Freude seine Thronbesteigung begrüßen, aber mit fester Zuversicht blicken wir den kommenden Tagen entgegen. Deutschland steht zu fest, als daß es noch zersplittert werden könnte, alle Stämme sind einig, die Treue, welche sie einander gelobt, unverbrüchlich zu halten. Und einmüthig werden sich auch die deutschen Fürsten um den jungen Kaiser schaaren. Nie ist ein Volk so heimgesucht worden, wie das deutsche jetzt, aber aus dem furchtbaren Schmerze erwächst auch der Wille, zusammen das Leid zu tragen. Schwer sind wir heimgesucht und tief neigen wir das Haupt, aber es wird doch auch wieder wahr werden: Der gute, alte deutsche Gott, er lebt noch!
Kaiser Wilhelm II. an Heer und Marine.
Berlin, 16. Juni. Kaiser Wilhelm II. hat folgenden Armee-Befehl erlassen:
Arm ee -Befehl!
Während die Armee soeben erst die äußeren Tranerzeichen für ihren, auf alle Zeiten in den Herzen fort- lebenden Kaiser und König Wilhelm I., Meinem hochverehrten Großvater ablegte, erleidet sie durch den heute Vormittag um 11 Uhr 5 Minuten erfolgten Tod Meines theuren, innig geliebten Vaters, des Kaisers und Königs Friedrich III. Majestät, einen neuen schweren Schlag. Es sind wahrlich ernste Trauertage, in denen Mich Gottes Fügung an die Spitze der Armee stellt, und es ist in der That ein tief bewegtes Herz, aus welchem Ich das erste Wort an Meine Armee richte. Die Zu->
verficht aber, mit welcher Ich an die Stelle trete, in die Mich Gottes Wille beruft, ist unerschütterlich fest, denn Ich weiß, welchen Sinn für Ehre und Pflicht Meine glorreichen Vorfahren in die Armee gepflanzt haben, und Ich weiß, in wie hohem Maße sich dieser Sinn immer und zu allen Zeiten bewährt hat. In der Armee ist die feste, unverbrüchliche Zugehörigkeit zum Kriegsherrn das Erbe, welches vom Vater auf den Sohn, von Generation zu Generation geht und ebenso verweise ich auf Meinen euch allen vor Augen stehenden Großvater, das Bild des glorreichen und ehrwürdigen Kriegsherrn, wie es schöner und zum Herzen sprechender nicht gedacht werden kann, auf Meinen theueren Vater, der sich schon als Kronprinz eine Ehrenstclle in den Annalen der Armee erwarb, und auf eine lange Reihe ruhmvoller Vorfahren, deren Namen hell in der Geschichte leuchten und deren Herzen warm für die Armee schlugen. So gehören wir zusammen, Ich und die Armee, so sind wir für einander geboren und so wollen wir unauflöslich fest zu - samin enhalten. Möge nach Gottes Willen Friede oder Sturm sein, Ihr werdet Mir jetzt den Eid der Treue und des Gehorsams schwören, und Ich gelobe, stets dessen eingedenk zu sein, daß die Augen Meiner Vorfahren aus jener Welt auf Mich hernieder sehen und daß ich ihnen dermaleinst Rechenschaft über den Ruhm und die Ehre der Armee abzulegen haben werde!
Wilhelm.
Der kaiserliche Erlaß an die Marine lautet:
An die Marine!
Ich mache der Marine mit tiefbewegtem Herzen bekannt, daß Mein geliebter Vater, Seine Majestät der deutsche Kaiser und König von Preußen, Friedrich III., heute Vormittags um 11 Uhr 5 Minuten sanft in dem Herrn entschlafen ist und daß Ich, an die Mir durch Gottes Willen bestimmte Stelle tretend, die Regierung der Mir angestammten Lande und somit auch den Oberbefehl über die Marine übernommen habe. Es ist wahrlich eine tiefernste Zeit, in der Ich das erste Wort an die Marine richte. Soeben erst sind die äußeren Trauerzeichen für Meinen unvergeßlichen, theuren Großvater, den Kaiser Wilhelm L, abgelegt worden, der noch im vorigen Jahre bei seiner Anwesenheit in Kiel seine lebhafte Befriedigung und Anerkennung über die Entwickelung der Marine unter seiner glorreichen Regierung in den wärmsten Worten aussprach, und schon senkten sich die Flaggen wieder für Meinen vielgeliebten Vater, welcher so große Freude und so lebhaftes Interesse an dem Wachsen und den Fortschritten der Marine hatte. Die Zeit ernster und wahrhafter Trauer stärkt und festigt aber den Sinn und die Herzen der Menschen und so wollen wir, das Bild Meines Großvaters und Vaters treu im Herzen haltend, getrost in die Zukunft sehen. Die Marine weiß, daß es Mich nicht nur mit großer Freude erfüllt hat, ihr durch ein äußeres Band anzugehören, sondern daß Mich seit frühester Jugend in voller Uebereinstimmung mit Meinem lieben Bruder, dem Prinzen Heinrich von Preußen, ein lebhaftes und warmes Interesse mit ihr verbindet. Ich habe den hohen Sinn für Ehre und für treue Pflichterfüllung kennen gelernt, der in der Marine lebt. Ich weiß, daß Jeder bereit ist, mit seinem Leben freudig für die Ehre der deutschen Flagge einzustehen, wo immer es sei, und so kann Ich es in dieser ernsten Stunde mit voller Zuversicht aussprechen, daß wir fest und sicher zu- sammenstehen werden in guten und in bösen T agen, i« Sturm, wie im Son nenschein,immer eingedenk des Ruhmes des deutschen Vaterlandes und immer bereit, das Herzblut für die Ehre der deutschenFlaggezugcben. Bei solchem Streben wird Gottes Segen mit uns sein.
Schloß Friedrichskron, den 15. Juni 1888.
Wilhelm.