Einzelbild herunterladen
 

Schlüchterner Zeitung.

Amtliches Blatt für die Veröffentlichungen des Kreises Schlüchtern.

Erscheint Mittwoch» und Samstags. - Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Jf 56. Samstag, den 14. Juli. 1888.

Zur Vermeidung von Nachtheilen, welche den auf die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst reflectirenden Militairpflichtigen dadurch entstehen, daß ihre desfallsigen Anträge zu spät eingehen und hierdurch die Berechtigung verloren geht, mache ich die betreffenden Eltern und Vormünder auf folgende Bestimmungen der Ersatz-Ordnung aufmerksam:

1. Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst darf nicht vor vollendetem 17. Lebensjahre nach- gesncht werden. Der Nachweis derselben ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April des ersten Militairpflichtjahres zu erbringen.

2. Wer die Berechtigung nachsuchen will, hat sich spätestens bis zum 1. Februar des ersten Militair­pflichtjahres bei derjenigen Prüfungs-Commission, . in deren Bezirk der Wehrpflichtige gestellungs­pflichtig ist, schriftlich zu melden.

Dieser Meldung sind beizufügen:

a. ein Geburts-Zeugniß,

b. ein Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über die Bereitwilligkeit und Fähigkeit, den Frei­willigen während einer einjährigen activen

Amtlicher Th eil.

Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen.

c. ein Unbescholtenheits - Zeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gym­nasien, Realschulen, Progymnasien und höheren Bürgerschulen) durch den Director der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder ihrer Vorgesetzten Dienstbehörde auszu- stellen ist. Sämmtliche Papiere sind im Original einzureichen.

3. Für diejenigen Militairpflichtigen, welche die wissen­schaftliche Befähigung für den einjährig-freiwilligen Dienst durch eine Prüfung nachweisen wollen, finden alljährlich 2 Prüfungen statt, die eine im Frühjahr, die andere im Herbst. Das Gesuch um Zulassung zur Prüfung muß für die Früh­jahrsprüfung spätestens bis zum 1. Februar, für die Herbstprüfung spätestens bis zum 1. August angebracht werden.

Schlüchtern, den 5. Juli 1888.

Der Königliche Landrath: Roth.

3941. Die Erledigung der diesseitigen Verfügung vom 25. Juni cr. Nr. 3941, Nr. 51 der Schlüch­terner Zeitung betreffend Einsendung der Duplicat- Baurisse wird hiermit in Erinnerung gebracht und binnen 3 Tagen bei 3 Mk. Strafe erwartet.

Schlüchtern, den 10. Juli 1888.

Der Königliche Landrath: Noth.

Nr. 4272. Der am 28. April 1862 geborene Johann S ch r a tz zu Züntersbach hat um Ertheilung eines Passes zur Reise nach Amerika nachgesucht.

Schlüchtern, den 10. Juli 1888.

Der Königliche Landrath: Roth.

Nr. 4267. Für den am 31. Juli 1872 zu Heubach geborenen Johann Heinrich Lins, Philipp Sohn, ist um Entlassung aus dem diesseitigen Staatsverbande zwecks Auswanderung nach Amerika nachgesucht worden.

Schlüchtern, den 10. Juli 1888.

Der Königliche Landrath: Roth.

Die Krankheit Kaiser Friedrichs III.

Berlin, 10. Juli. Die authentische Darstellung der Krankheit und des Todes Kaiser Friedrich's liegt uns in der über 100 Seiten starken Schrift, deren Ausgabe nach der gestern ertheilten Genehmigung des Kaisers unmittelbar zu erwarten ist, bereits vor. Der Titel der Schrift ist:Die Krankheit Kaiser Friedrich's III., dargestellt nach den amtlichen Quellen und den im Königlichen Hausministerium niedergelegten Berichten der Aerzte Professoren Bardeleben, v. Bergmann, Dr. Bramann, Professor Gerhardt, Professor Kußmaul, Dr. Landgraf, Dr. M. Schmitt, Professor Schroetter, Pro­fessor Toboldt, Professor Waldeyer." Der Inhalt der Schrift erscheint geravezu vernichtend für Mackenzie. DieNational-Zeitung bemerkt:Der Eindruck dieser Mittheilungen wird in der ganzen civitisirten Welt ein gewaltiger sein. So weit menschliches Ermessen in einer solchen Angelegenheit reicht, kann das Urtheil nur lauten:Der Kaiser wäre wahrscheinlich ge­rettet w orden, w enn man den Rath der deutschen Aerzte im Frühjahr 1 887 befolgt hätte; er ist durch dieMackenzie'scheBehandlung dem sicheren Untergänge geweiht worden." Wir entnehmen der obigen Schrift Folgendes: Nach der Rückkehr des Kronprinzen aus Bad Ems im Frühjahr 1887 wurden Professor v. Bergmann und Toboldt zu­gezogen. Am 16. Mai erklärte Bergmann die Geschwulst für bösartig und forderte die Operation behufs Ent­fernung derselben. Am 18. Mai waren alle deutschen Arzte in dieser Ansicht einig und bereit, die Verantwortlich­keit für diese Operation zu übernehmen, welche keines­wegs in einer lebensgefährlichen ganzen oder theilweisen Exstirpation des Kehlkopfes, sondern lediglich in der Spaltung desselben behufs Entfernung der Wucherung bestehen sollte, eine nach Gerhardt's Bericht fast gefahrlose Operation, die man selbst an Kindern und Greisen vor nimmt, und die nach Bergmann eine, wenn auch. rauhe und heisere, so doch hinreichend verständliche Stimme dem hohen Patienten erhalten hätte. Auf Professor Wegener's Vorschlag wurde Mackenzie noch konsultirt. Nach den Untersuchungen, die den deutschen Ärzten sehr leichtfertig schienen und bei denen u. A. auch das ge­sunde rechte Stimmband verletzt wurde, erklärte Mackenzie, die Krankheit sei nicht Krebs und ohne Operation zu heilen. Die deutschen Aerzte, ohne ihre Ansicht aufzu- geben, willigten in einen Aufschub für die Behandlung durch Mackenzie, doch solle solcher unter der kompetenten deutschen Ansicht nur so lange gestattet sein, als die mikroskopische Untersuchung kein Vorhandensein von Krebs konstatire, oder die Geschwulst nicht wachse. Auf der Reise nach England wurde die Ueberwachung durch deutsche Aerzte möglichst hintertrieben, noch konstatirte Dr. Landgraf schon am 7. August die Vergrößerung der Geschwulst und die Unbeweglichkeit des linken Stimmbandes, sowie ein Symptom von Krebs; er Der > langte unter Zustimmung Wegener's die Hinzuziehung der deutschen Aerzte, doch vergeblich. Am 28. August ^nftatirte Landgraf ein stetiges Fortschreiten zum Schlimmeren, was Mackenzie leugnete; am 3. September wMc Landgraf zurückgesandl. Seitdem w Mackenzie

unkontrolirt bis zur Verschlimmerung in San Remo. Von da ab fand ein unsicheres und schwankendes Ver­halten Mackenzic's statt, sowie bald die Wiederholung unwahrer Diagnosen und alsdann die Versuche, die Verantwortlichkeit auf Andere abzuwälzen. Auch hier bringt die Schrift mancherlei Neues. Bei der Konsul­tation im November äußerten die Aerzte die Ansicht, daß es sich jetzt nur um eine Totalexstirpation handeln könne. Nachdem im Juni die Zusicherung ertheilt worden, die Operation bei einem Wachsen der Neubildung vor- zunehmen, treffe die Schuld den Arzt, der das Wachsen übersehen und bestritten hatte, als Landgraf solches be­hauptete. Das Untersuchungsprotokoll über den Leichen­befund bestätigte die Wahrnehmungen der deutschen Aerzte.

Tages-Ereignisse.

Schlüchtern. In der Generalversammlung des Turn- Vereins am Dienstag wurde beschlossen, daß diesjährige Bolks-Turnfest am Sonntag, den 19. August, abzuhalten, ebenso wurde für den 22. d. Mts. ein Ausflug nach Bad und Stadt Brückenau in Aussicht genommen.

Bewerber um die vacante zweite evangelische Lehrerstelle zu Hintersteinau, mit welcher neben freier Wohnung und Feuerung ein Einkommen von 750 Mk. verbunden ist, wollen ihre mit den vorgeschriebenen Zeugnissen versehenen Meldungsgesuche binnen 14 Tagen an den Königlichen Lokalschulinspector, Herrn Pfarrer Bode in Hintersteinau, oder an den Königlichen Schul- vorstand, Herrn Landrath Roth, einreichen.

13. Juli. (Bezüglich der diesjährigen Uebungen »er Ersatzreserven) machen die zustehenden Behörden etzt Folgendes bekannt: Die bei der Aushebung zur Ersatz - Reserve überwiesenen Leute, welche zur Uebung bestimmt sind, haben sich darauf einzurichten, daß sie z» einer zehnwöchentlichen Uebung eingezogen werden, und zwar beginnt diese Uebung 1) für Infanterie, Jäger und Pioniere am 27. August; 2) für die Fuß- Artillerie am 1. September d. J. Die endgültige Auswahl der zu dieser Uebung heranzuziehenden Leute erfolgt erst nach der Aushebung und es können hiervon auch Leute betroffen werden, welche bei der Musterung zum aktiven Dienst bezeichnet sind, bei der Aushebung aber der Ersatz-Reserve überwiesen werden.

Steinau, 11. Juli. Wohl selten ist es den Bürgern unserer Stadt vergönnt gewesen, eine solche Anzahl fremder und doch so freudig aufgenommener Gäste be­grüßen zu können, als am vergangenen Sonntag, den 8. d. Mts., an welchem Tage das Sängerfest des Vogelsberger-Kinzigthaler Sängerbundes, verbunden mit der 50 jährigen Stiftungsfeier des hiesigen Gesang-Ver­einesLiederkranz", hier abgehalten wurde. Wie lange vorher war schon soviel von diesem Tage gesprochen, wie mancherlei Vorbereitungen waren getroffen und wie hatten alle für diesen Tag einen heitern Himmel ge­wünscht. Letzterer lächelte denn auch sonnig und freund­lich und damit war die erste Bedingung zum Gelingen des Festes erfüllt. Die ganze Stadt hatte sich festlich geschmückt, um die Gäste würdig zu empfangen. Die Hauptstraße glich einer Fichtenallee. Schmucke Ehren­

pforten mit Laubgewinden aus dem Blatt der deutschen Eiche, welche sinnreiche Sprüche umrahmten, begrüßten die Sänger und überall strahlte und wehte von den Häusern der reichste Schmuck herab. Lustig flatterten die Flaggen, fröhliche Menschen belebten schon in früher Morgenstunde die Straßen und nicht enden wollten die freudigen Zurufe, die den per Bahn oder Wagen kom­menden Sängern anzeigten, wie freudig willkommen den Steinauer Bürgern die Gäste waren. Gegen 2 Uhr setzte sich der imposante Festzug, an dem nicht nur die aktiven Sänger, sondern auch die Passivmitglieder Theil nahmen, ein Zug von mehr als 1000 Mann mit ca. 10 Fahnen und 2 Kapellen, aus den Häusern mit Blumen beworfen, mit Vorreitern und weißgekleideten Festjungfrauen voran, vom Westende der Stadt nach dem Festplatze in Bewegung. Hier konnte man sehen, daß die Bevölkerung des Festes Bedeutung zu würdigen verstand. Nachdem Herr Bürgermeister W e i tz e l die Sänger und die zahlreichen übrigen Festgäste im Namen der Stadt mit warmen Worten aufs herzlichste begrüßt hatte, ergriff der Festredner, Herr Lehrer E r n st, das Wort. Mit von Herzen kommenden und in Folge dessen auch zu Herzen gehenden Worten rief er den SangeS- brüderu und -Schwestern im Namen des Vereins ein herzliches Willkommen zu und gab sodann mit schönen Worten ein klares Bild von der Gründung und Geschichte des Vereins. Den beiden noch lebenden Jubilaren, Herrn Weißgerber Denhard und Herrn Vicebürgermeister N. Klein, welche den Verein mitbegründen halfen, sowie dem hochseligen Fürsten Ernst Wolfgang von Jsenburg- Birstein, welcher gelegentlich des am 10. Sept. 1843 in Birstein abgehaltenen Sängerfestes dem Vereine eine Fahne stiftete, setzte Festredner ein ehrendes Denkmal. Im Weiteren sprach er über das deutsche Lied und schloß mit einem Hoch auf Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. und unser liebes deutsches Vaterland, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. Der Bundespräsident beglückwünschte hierauf den Jubelverein im Namen des Bundes und richtete an die beiden Jubilare Worte des Lobes, worauf denselben von zwei Festjung­frauen ein Kranz überreicht wurde. Jetzt wurde das Bundeslied gesungen. Die sich hieran schließenden Wettgesänge, die fast ohne Ausnahme ein sehr günstiges Resultat erzielten, haben constatirt, daß in unserem lieben Hessenland der Gesang nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Lande in schönster Blüthe steht. Nach Abwickelung des Programms suchten die Sänger die Hallen auf, um sich an dem als vorzüglich bekannten Hatbreiter'schen Bier zu laben.Von dem Haypt- eingang aus bot der Festplatz ein interessantes Bild. Rechts ein brillantes zweistöckiges Caroussel, Verkaufs­stellen, Spielboden rc., im Hintergründe der Glanzpunkt des Ganzen: die Festhalle, welche mit ihrem bunten Fahnen- und Fichtenschmuck alles Andere überragte. Schon voriges von Herrn Oberbauaufseher Seipel entworfen und erbaut, wurde auch dieses Jahr die Aus­schmückung, sowie der Neubau des Sängerpodiums in die Hand dieses bewährten Architekten gelegt und der Erfolg hat gezeigt, wie gut Herr Seipel seine Aufgabe zu lösen verstand. Dem Haupteingange der Halle