Einzelbild herunterladen
 

Schlüchterner Zeitung.

Amtliches Blatt für die BeröffeMlichungen des Kreises Schlüchtern.

Erscheint Mittwochs und Samstags. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

JS 57. Mittwoch, den 18. Juli. 1888.

Amtlicher Th eil.

Nr. 4316. Nach der auf Seite 72 des Amtsblatts de 1882 veröffentlichten Bekanntmachung der Herren Ressortminister vom 18. Januar 1882 soll die Aufstellung der Schöffenurlisten Seitens der Gemeindebehörden all­jährlich bis zum 1. August und die Einsendung derselben an die betreffenden Amtsgerichte bis zum 1. September erfolgen. Unter Hinweis auf die Vorschriften in den §§. 31 bis 38 des Gerichtsverfassungsgesetzes vom 27. Januar 1877 Reichsgesetzblatt de 1877, Seite 41 und diejenigen meiner Bekanntmachung vom 25. August 1886Kreisblatt Nr. 67 de 1886 werden die Heren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises veranlaßt, die Schöffenurlisten rechtzeitig aufzustellen, nach vorheriger ortsüblicher Bekanntmachung öffentlich auszulegen und nach Bescheinigung bis zum 1. September d. J. an die betreffenden Königlichen Amtsgerichte ein- zusenden. Bis zum gleichen Termine ist mir anzuzeigen, daß die Einsendung der Urliste stattgefunden hat. Schlüchtern, den 13. Juli 1888.

Der Königliche Landrath, i. V.: Go erz.

Deutsches Reich.

Berlin. Dr. Mackenzie bezeichnet den Bericht der deutschen Aerzte kurzweg als einLügengespinnst" und fügt hinzu, von einer sofortigen Widerlegung sei er durch politische Rücksichten, namentlich in Bezug auf die Kaiserin-Wittwe Viktoria verhindert. DieNatio- nal-Zeitung" erzählt: Einer der deutschen Aerzte suchte in der kritischen Zeit, als Mackenzie den Krebs wachsen ließ, eine Audienz bei Kaiser Wilhelm I. nach und stellte demselben die Sachlage unverhüllt vor. Der Kaiser war tief erschüttert, aber er gab die Antwort, welche er nur geben konnte:Mein Sohn ist 56 Jahre alt; die letzte Entscheidung über seine ärztliche Behand­lung kann ihm nicht entzogen werden."

Der Pariser Arzt Dr. Favel hat brieflich folgende Erklärung abgegeben:Mein alter Freund, der Dr. Morell Mackenzie, hatte in meinem. Arbeitskabinett am letzten Sonnabend zwischen 5 und 6 eine eingehende Unterredung über die Krankheit des Kaisers Friedrich. Herr Gaston Calmette, Redakteur desFigaro", wohnte dieser Unterhaltung bei und erstattete darüber einen genauen und gedrängten Bericht in seiner Zeitung. Ich kann nicht glauben, daß mein berühmter und lieber Kollege abgeleugnet hat, was er in unserer Gegenwart sagte, und was ihm nur zur Ehre gereicht, denn der Schluß seiner Unterhaltung war, daß, wenn es ihm freigestanden hälte, die Behandlung allein zu leiten, das Leben des Kaisers um mindestens ein Jahr hätte ver­längert werden können. Mein Freund, Dr. Schmidt in Frankfurt, der oft zusammen mit Mackenzie den Kaiser bei Consulationen gesehen hat, wird Ihnen besser als jeder Andere Einzelheiten mittheilen können."

Die Hochzeit des Dr. Mark Hovell, des Assistenten Sir Morell Mackenzies, mit Miß Green, der Gesell­schafterin der Töchter des Kaisers Friedrich, soll im September d. I. in London gefeiert werden.

Ein in der Pallisadenstraße wohnender Arbeiter Carl W., welcher seit Monaten kränkelt und nur mit Mühe eine zahlreiche Familie zu ernähren vermag, lag vor kurzer Zeit an einer heftigen Lungenentzündung darnieder. Die Frau desselben wusch bei der Gemahlin eines im Centrum der Stadt wohnenden bekannten Arztes und mit schwerem Herzen folgte Frau W. der Aufforderung der Dame hinzukommen, um die Arbeit zu verrichten. In der Waschküche befand sich auch am frühen Morgen Frau Dr. L>, um persönlich die Arbeit einzutheilen, als sie die verweinten Angen ihrer Wäscherin bemerkte. Auf die Frage, was ihr denn fehlte, erzählte dieselbe, daß ihr Mann krank darniedertziege und es an Geld für Medicin und Arzt fehle. Die gutherzige Doctorsfrau beschloß zu helfen und bat ihren Mann, der eben in die Praxis fahren wollte, doch auch bei dem kranken W. vorzusprechen. Der Doctor versprach, die Bitte seiner Frau zu erfüllen und am Mittag des Tages stellte sich der Arzt denn auch mit freundlichen Worten dem Kranken vor und untersuchte denselben. Mitten auf der Brust des Patienten befand sich eine breite Narbe, nach deren Grund der sorgfältig verfahrende Doctor frug. Mit schwacher Stimme antwortete ihm W., daß er diese Wunde vor 25 Jahren erhalten, als er einen jungen Mann vor der Gefahr des Ueberfahren- »verdens gerettet und dabei selbst durch Hufschlag des NW M sich schlp-epW rhiere- Hsffjt »*^

sei. Er habe den vor Schreck Ohnmächtigen noch einem hinzueilenden Schutzmann übergeben und sich selbst bis zu einem Heilgehilfen geschleppt, der seine Ueber- führung nach dem Krankenhause angeordnet. Während dieser Erzählung leuchtete es in den Augen des Arztes seltsam, als er frug, ob W. denn auch nach dem Namen des Ueberfahrenen geforscht; dazu habe er keine Zeit gehabt, versetzte der Kranke, wiewohl er den Geretteten gern einmal wieder gesehen hätte. Da drückte der Arzt die Hand des erstaunten W. und erzählte demselben mit kurzen Worten, daß er selbst der Gerettete gewesen, der oft nach dem braven Mann geforscht, ihn aber nie gefunden habe. Jetzt aber sei es seine Pflicht, das gut zu machen, was ihm so oft am Herzen gelegen. Und der brave Arzt hat in der That seinem Lebens­retter Dankbarkeit bewiesen; er sorgte, daß jede Noth der Arbeiter-Familie während der Krankheit des Er­nährers fern blieb und sobald W. wieder genesen, wird er eine Hausverwalterstelle in einem dem Arzt gehörigen Grundstücke antreten.

Bude 15. Eine Viertelstunde hinter Grünau hat sich ein Weichensteller unweit seines Wärterhäuschens mit Genehmigung der Bahndirektion ein eigenartig primitives Wohnhaus wie ein amerikanischer Hinter­wäldler selbst erbaut. Dasselbe ist nach Art der amerikanischen Blockhäuser, aus unbehauenen Baum­stämmen errichtet, welche durch doppeltes Flechtwerk, Rasenstücke und Moos verbunden sind. Das Dach ist aus Brettern hergestellt, die mit betheerter Pappe be­nagelt sind. DasHaus" enthält mehrere Räume für die Familie desArchitekten" und für sein weniges Vieh. Die kleinen Fenster sind nicht zu öffnen. Die Ventilation vermitteln Blechröhren im Dach. Das selbstgeschaffene Heim des Weichenstellers mit der niedlichen Anpflanzung ringsherum macht in der freundlichen Landschaft einen völlig idyllischen Eindruck und lockt häufig die in Grünau zur Sommerfrische wohnenden Berliner zu einem Besuche an. In der ärmlichen, aber sauberenguten Stube" mit ihrem einfachen Haus­rath bekommen sie auf Verlangen unverfälschte Milch vorgesetzt, wenn sie es nicht vorziehen, dieselbe auf den Naturmöbeln vor dem Häuschen einzunehmen. An schönen Tagen entwickelt sich eine förmliche Wallfahrt nachBude 15.'*

Die Türkei wird demnächst eine größereZahl deutscher Postbeamten anstellen. Der neue belgische Dampfer Prinzessin Henriette", welcher den Dienst zwischen Ostende und Dover versehen soll, hat zu seiner Probe­fahrt nur 3 Stunden 23 Minuten gebraucht

Jena, 12. Juli. Vor einigen Tagen stellte hier Professor Dr. Roßbach, wie wir schon kurz erwähnt haben, in seiner Klinik einen jungen Kaufmann aus Uffenheim in Franken vor, der vor drei Jahren eine bedeutende Kehlkopfoperation bestanden und so glücklich geheilt ist, daß er sich des besten Wohlbefindens erfreut und sich demnächst in den Ehestand begeben wird. Wie dieJen. Ztg." mittheilt, litt der betreffende Mann an Papillomen, welche, von der linken Kehlkopfhälfte ausgehend, den ganzen Kehlkopf ausfüllten und Er­stickung veranlaßten. Mehrmals wurden durch eine vom Mund ausgehende Operation sämmtliche Geschwülste entfernt, aber sie wuchsen in kürzester Frist immer wieder nach. Es wurde deshalb von Professor Braun die Kehlkopfspaltung vorgenommen und von Professor Roßbach die ganze linke Seite galvanokaustisch ausgebrannt; trotzdem trat wieder ein Rückfall ein. Da entschlossen sich die beiden vorgenannten Professoren, die ganze linke Hälfte des Kehlkopfes herauszuschneiden, und diese Operation ist so glücklich gelungen, daß, wie einleitend bemerkt, vollständige.Heilung eintrat; der Opcrirte kann ohne Hinderniß schlucken, spricht zwar rauh, aber laut und kann seinem Berufe leben.

Mainz, 12. Juli. Die Aussichten für die diesjährige Weinernte sind im Rheingau trotz der seit längerer Zeit anhaltenden regnerischen und theilweise sehr kühlen Witterung immer noch ausgezeichnete. So wird aus Rheinhessen berichtet, daß nur die zweite Hälfte dieses Monats sowie der Kochmonat August ihre Schuldigkeit zu thun brauchen, um einen 1888er zu liefern, an dem Gott Bacchus und jedenfalls auch noch andere Leute ihre Freude haben werden. Auch das quantitative Ergebniß werde, den an den Stöcken zahlreich hängenden Trauben nach zu urtheilen, die dortigen Winzer für die lange Reihe von Mißjahren wieder einmal reichlich entschädigen.

Tages-Ereignisse.

Schlüchtern. Die bevorstehenden Wahlen zum Preu­ßischen Landtage werden schon mit Rücksicht auf die Bedeutung der verlängerten Legislaturperiode mit be­sonderer Heftigkeit in manchen Wahlkreisen geführt werden, wofür die Vorgefechte in den Organen aller Parteien ein beredtes Zeugniß ablegen. Die Ruhe, die der Wahl­kreis Gelnhausen-Schlüchtern in dieser Hinsicht sich bis jetzt bewahrt hat, darf man wohl auf den vorauszusehenden Erfolg zurückführen, der bei fernerer Einigkeit der beiden Kreise zu erwarten steht. Soviel uns bekannt ist, hat im October 1885 unter den Conservativen des Wahl­kreises eine Vereinbarung, welcher sich auch der jetzige Landtagsabgeordnete Landrath Freiherr von Riedesel an- schloß, bezüglich des gemeinsam zu aeeeptirenden Candidaten, stattgefunden, laut welcher dem Kreise Schlüchtern für die diesjährige Wahl das BorschlagSrecht zugesprochen wurde. Zur Vermeidung von Ueber- raschungen dürfte indeß auch für uns die Zeit gekommen sein, der Frage näher zu treten.

Schlüchtern, 17. Juli. Ueber den gegenwärtigen Stand der Saaten in unserer Provinz schreibt der Reichsanzeiger" Folgendes: Der Roggen konnte sich nicht mehr bestocken. Da er aber in besseren Lagen die Blüthe gut beendet hatte, setzte er kräftiges Korn an. Der Stand der hauptsächlichsten Getreidearten ist im Allgemeinen zufriedenstellend. Nur der Roggen wird im Stroh, weil die Halme dünn stehen, sicher unter einem Mittelertrag bleiben, auch im Korn wird nicht überall eine knappe Mittelernte erzielt werden. Weizen wird, wenn die Blüthe normal verläuft und andauernd günstiges Wetter bleibt, annähernd eine Mittelernte geben. H aferund Gerste können unter gleich günstigen Verhältnissen einen etwas höheren Ertrag liefern. In den südwestlichen Kreisen Hanau und Gelnhausen ist der Stand der Saaten im Allgemeinen etwas besser. Sämmtliche Hackfrüchte, Kartoffeln in erster Stelle, Zuckerrüben und Leguminosen waren durch die Trockenheit zurückgeblieben, haben aber das Versäumte nahezu ein­geholt. Rapps, der im verflossenen Jahre wenig angebaut war, wurde, da er den Winter nicht gut überdauert hatte, vielfach umgepflügt. Der erste Kleeschnitt fiel durchschnittlich gering aus. Mit der Bergung deS Wiesenwachses ist man noch beschäftigt. Derselbe be­friedigt in Folge der Kälte und Trockenheit des Frühjahrs nicht.

(Reichsgerichtsentscheidung.) DaS Reichsgericht hat entschieden, daß als Verlobte im Sinne des Strafgesetzbuches und auch der Strafprozeßordnung schon solche Personen zu betrachten seien, die sich ein­ander ein ernstliches, wenn auch formloses Eheversprechen gegeben haben, selbst wenn das bürgerliche Recht strengere Formen (z. B. einen gerichtlichen oder notariellen Akt) vorschreibt. Diese Entscheidung ist bei vielen Antrags­vergehen und ebenso bei der Frage derZeugnißverweigerung nicht unwichtig.

Offiziös wird eine Warnung erlassen, welche für die deutschen Getreidehändler von Interesse ist. E» haben nämlich in Folge der großen Ernten des vorigen Jahres in Rußland häufig Personen, die angeblich in Odessa ansäßig sind, Getreidehändlern in Deutschland Offerten für Getreidelieferungen gemacht. Die erste Probelieferung fällt gewöhnlich gut aus, die zweite, gewöhnlich größere, aber schlecht. Soll Klage erhoben werden, sind die Firmen dann nicht in Odessa aufzu- finden. Um sich gegen nicht probemäßige Lieferungen überhaupt sicher zu stellen, wird den deutschen Ab­nehmern angerathen, in die Schlußacten die Bestimmung aufnehmen zu lassen, daß etwaige Differenzen durch Schiedsspruch des Schiedsgerichts (Commisson arbitrale constitu6e aupres du Comite de laBourse dOdessa) geregelt und Proben hinterlegt werden sollen. Es wird im Falle, daß der Verkäufer dem Schiedsspruch nicht nachkommt, sein Name an der Börse angeschlagen und dadurch vor ihm gewarnt. Um sich vor Uebervortheilungen zu schützen, wird angerathen, sich an die großen Auskunfts­bureaux zu wenden und Erkundigungen einzuziehen, ob die Firmen, welche sich zu Geschäften anbieten, wirklich existiren und zuverläßig sind.

Der Wiener Wetterkundige hat Recht behalten mit seiner Vorhersage, daß der Sommer windig und naß werde. Von überall her wird darüber geklagt. Das Getreide legt sich um, das Heu wird vielfach zu Streu, Stroh wird'» wenig geben, viele Früchte halten sich nicht,