Schlüchterner Zeitung.
Amtliches Blatt für die Beröffe-ltlichllugen des Kreises Schlüchtern.
Erscheint M! ttwochsund Samstags. - Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
M 58. . Samstag, den 21. Juli. 1888.
Amtlicher Theil.
A « s z « g
aus der Hauptheberolle der judenschaftlichen Provinzial- __________________lasten pro 1888.
Kreis.
Synagogengemeinde.
Simplum der Klassensteuer pro 1888.
Beitrag zu den juden- schafft. Pro- viuziaüasten. 3!o des Simplums.
Mk.
Pf.
Mk.
Pf.
g
Schlüchtern
1507
50
452
25
Altengronau
65
—
19
50
Heubach
117
—
35
10
e
Hintersteinau
159
—
47
70
G
Oberzell
42
50
12
75
Romsthal mit Eckardroth
101
50
30
45
Salmünster
121
50
36
45
Sterbfritz
450
—
135
—
Ulmbach
83
—
24
90
Uttrichshausen
75
—
22
50
Vollmerz
46
—
13
80
Züntersbach
133
50
40
05
2901
50
870
45
Aufgestellt, Hanau, den 15. Mai 1888 vom Secretariat des Vorsteheramts. gez. Dr. Stores.
Vorstehende Hauptheberolle für das Jahr 1888 wird hiermit genehmigt.
Cassel, den 7, Juni 1888.
Der Regierungs-Präsident.
I. V. : gez. S ch w a r z e n b e r g.
Zur Beglaubigung dieses Auszugs.
Hanau, den 10. Juli 1888.
Der landesherrliche Commissar. gez. Graf B i s m a r ck.
Nr. 4368. Die Herren Synagogen-Aeltcsten des Kreises werden hiermit aufgefordert, für rechtzeitige Erhebung und Abführung der obengenannten Beträge Sorge zu tragen. Schlüchtern, den 16. Juli 1888.
Der Königliche Landrath: Roth.
Nr. 4407. Die am 11. October 1867 geborene Maria Graul aus Marjoß hat um Ertheilung eines Passes zur Reise nach Amerika nachgesucht. Schlüchtern, den 18. Juli 1888.
Der Königliche Landrath.
I. V.: Goerz.
Nr. 4442. Für die ledige Elisabetha Pfasf, Tochter des Bauers Kaspar Pfaff zu Elm, ist um Ertheilung eines Passes zur Reise nach Amerika nachgesucht worden. Schlüchtern, den 19. Juli 1888.
Der Königliche Landrath.
I. V.: Goerz.
Deutsches Reich.
Berlin. Ueber die Kaiserfahrt nach Rußland liegen heute nur wenig Nachrichten vor. Das Kaisergeschwader hat am Sonntag früh um 4 Hz Uhr Arcona auf Rügen pastirt. Die gesammte baltische Flotte wird zur Begrüßung Kaiser Wilhelms in Kronstadt versammelt sein, wo der Kaiser am Donnerstag Mittag erwartet wird. Er dürfte mit dem Czaren 4 Tage in Peterhof verweilen und von dort aus Besuche in St. Petersburg und KraSnoje-Selo machen. Die Botschafter General v. Schweinitz und Graf Schuwaloff sind am Sonntag Abend in St. Petersburg auf dem Landweg eingetroffen.
— Während der Reise des Kaisers Wilhelm nach St. Petersburg werden täglich Couriere aus Berlin ab- gklandt, welche Staatsschreiben, Depeschen rc. an den Kaiser befördern. Zu diesem Zweck gehen während der Seefahrt Curiere nach Swinemünde und Memel und
zum Geschwader des Kaisers gehörige Aviso „Blitz" hat die Aufgabe, Swinemünde und Memel anzulaufen, um die Postsendungen entgegen zunehmen. Nach Ankunft in St. Petersburg werden die Depeschen durch ck-Idjägtr befördert, welche direkt von Berlin nach Pe- KrßbWg fahren und Depeschen mit -urüMehmen.
Hildburghansen, 16. Juli. Der kürzlich vom Schwurgericht in Gera wegen vieler Unterschlagungen zu 4 Jahren Zuchthaus verurtheilre Gerichtsvollzieher Köhler aus Lobenstein war im Besitz des Eisernen Kreuzes und verschiedener Medaillen, die er sich in den Kriegen von 1866 und 187O|71 erworben hatte. Sein Unglück war seine üppige Lebensweise; 20 Seidel bayrisches Bier gehörten u. A. zu seinen täglichen Lebensbedürfnissen.
Langensalza. Vor einigen Tagen ist zwischen Langen- salza und Thamsbrück ein 30jähriger Fleischergeselle, ein von Gesundheit strotzender Mann, von einer Fliege in die Oberlippe gestochen worden. Die Lippe war in kurzer Zeit stark angeschwollen und, obwohl noch an demselben Abend ärztliche Hilfe geholt worden war, starb der Mann am fünften Tag an Blutvergiftung.
Tages-Ereignisse.
Schlüchtern, 18. Juli. Uns geht Folgendes zu: Für den an die bevorstehenden Landtagswahlen mahnenden Artikel in Nr. 57 Ihrer Zeitung werden Ihnen Diejenigen dankbar sein, die dem hochwichtigen politischen Akte als Staatsbürger und im engeren Sinne als Kreiseingesessene nicht gleichgiltig gegenüberstehen. Es ist richtig, daß der Kreis Schlüchtern in Bezug auf die Aufstellung eines conservativen Candidaten in diesem Jahre die Initiative zu ergreifen hat und zwar auf Grund einer Vereinbarung, die ich dem Wortlaute nach mitzutheilen in der Lage bin: Bei der am heutigen Tage abgehaltenen vertraulichen Besprechung der Wahl zum Abgeordnetenhaus verständigten sich die anwesenden conservativen Vertrauensmänner aus den Kreisen Geln- hausen und Schlüchtern zu dem Abkommen,
daß die conservativen Vertrauensmänner des Kreises Schlüchtern den vom Kreis Gelnhausen vorgeschlagenen Candidaten Landrath Freiherr Riedesel zu Eisenbach als gemeinsamen Candidaten der conser- vativen Partei des Wahlkreises acceptiren, wogegen die conservativen Vertreter des Kreises Gelnhausen die loyale Zusicheruiig geben, der conservativen Partei des Kreises Schlüchtern bei der nächsten Wahl das Vorschlagsrecht des gemeinsamen Candidaten einzuräumen und demselben gegenüber dasselbe wohlwollendeEntgegenkommen zusichern, welches die Vertreter des Kreises Schlüchtern dem Kreise Gelnhausen heute entgegen bringen.
Salmünster, am 9. October 1885.
Folgen Unterschriften der Vertrauensmänner beider Kreise.
Vorstehendem Vergleiche trat unterm 18. October 1885 der ausgestellte Candidat Landrath v. Ricdesel bet.
Mit Rücksicht hierauf dürfte es an der Zeit sein, daß die nunmehr gegebene Anregung zu einer Verständigung über die Person des auszustellenden und dem Schwesterkreise zu präsentirenden Candidaten in den maßgebenden Kreisen Beachtung fände.
Salmünster. Das auf den 22. Juli anberaumte Fest der Fahnenweihe zu Salmünster muß der ungünstigen Witterung halber bis auf Weiteres verschoben werden. d.
Schlüchtern. (Kamerun-Tabak.) Bei unseren Zigarreufabrikanten machen jetzt Kamerun-Tabaks- dlätter als Proben die Runde, welche einmütig als zu guten Hoffnungen berechtigt anerkannt werden. Es sind die ersten Proben des dortigen Gewächses. Der Tabak ist aus Sumatra-Samen gezogen und gleicht dem theuren, zu Deckblättern verwendeten Sumatra fast vollständig.
— Der M a i nz e r „Israeli t", der unter | einen Glaubensgenossen in Deutschland sich bekanntlich einer großen Autorität erfreut, macht den Borschlag, die Juden des Deutschen Reiches möchten ihren Knaben, die von jetzt bis 15. Juni 1889 geboren werden, zum Andenken an den edlen Kaiser den Namen Friedrich geben. Man folgt hierbei dem Beispiele der Borsahren, welche, als Alexander der Große aus seinem Siegeszuge durch Asien auch nach Judäa kam und auf die Vorstellungen des Hohcpriesters Siemon von der Vernichtung der Juden und der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem nicht nur abließ, sondern sogar ein Freund und Beschützer der Juden wurde, aus Dankbarkeit die männlichen Kinder, die in jenem Jahre geboren wurden, Alexander nannten. Die Namen Alexander, Sander und Sender sind noch heute unter den Juden sehr verbreit et.
— (Die Stellung von aktiven Mintar- versonen zu Ernteardeite»), im Interesse der allgemeinen Landeskultur und Bolkswirthschaft wird auch
in diesem Jahre höheren OrtS gewünscht und es sind die Truppentheile ermächtigt, soweit es sich mit den dienstlichen Verhältnissen vereinbaren läßt, nach Möglichkeit den Gemche um Abgabe von Erntearbeitern zu entsprechen. Die Gesuche dieser Art sind rechtzeitig, d. h. also schon jetzt an die betreffenden Regiments- Kommandos mündlich oder schriftlich unter Angabe der Zahl der gewünschten Arbeiter und der Zeitdauer zu richten.
— (E r m äßigung des Bestellgeldes für Packete nach Landorten.) Soeben hat das Reichspostamt Verfügung getroffen, daß vom 1. August d. I. an das Bestellgeld für über 2’/a kg. schwere Packete nach Orten des Land-Bestellbezirks der Postanstalten von 30 Pfg. auf fortan 20 Pfg. pro Stück ermäßigt werden soll. Die Maßregel wird unter der Landbevölkerung die lebhafteste Genugthuung hervorrufen.
— (Aend erung der Postordnung.) Der Staatssekretär des Reichspostamt hat durch Erlaß vom 4. er. einige Abänderungen der Postordnung verfügt, aus denen wir die für den Postverkehr bemerkens- werthesten hier hervorheben: Bei Postkarten darf der Absender fortan außer den auf die Beförderung bezüglichen Angaben noch seinen Namen und Stand bezw. seine Firma, sowie seine Wohnung vermerken. Bei Waaren'pr oben darf die Aufschrift nicht auf einer sogenannten Fahne angebracht und derSendung angehängt, sondern muß auf diese selbst ausgeschrieben sein. Werden Nachnahmesendungen nachgesandt, so wird für jeden neuen Bestimmungsort vom Tage der Ankunft daselbst eine besondere Einlösungsfrist von sieben Tagen berechnet. Ein Zeitungsverleger, welcher das Blatt der Postverwaltung zum Vertriebe übergeben will, muß solches in einer schriftlichen Erklärung bei der Postanstalt niederlegen. Werden Packete von höherem Gewicht al§2Vakg imLandbeste l lb ezi ik abgetragen, so beträgt das Bestellgeld 20 Pfg. für das Stück. Postsendungen, welche an verstorbene Personen gerichtet sind, dürfen den Erben ausgehändigt werden, wenn dieselben sich als solche durch Vorlegung des Testaments, der gerichtlichen Erbbescheinigung rc. ausgewiesen haben; so lange dieser Nachweis nicht erbracht ist, so erfolgt die Aushändigung gewöhnlicher Briefsendungen an diejenigen Personen, welche sonst zur Empfangnahme beim „Nichtantreffen" des Adressaten berechtigt sind. — Bei Packeten, bei Briefen mit Werthangabe, sowie bei Briefen mit Nachnahme erfolgt die Nachsendung nur auf Verlangen des Absenders oder bei vorhandener Sicherheit für das Porto auch des Empfängers.
Elm,19.Juli.DieUnglücksfälleauf dem hiesigenBahnhofe mehren sich in letzterer Zeit in erschreckender Weise. Nachdem vor ca. 14 Tagen ein Bahnarbeiter von einem Schnellzuge erfaßt und ihm ein Arm vollständig abgerissen wurde, haben wir heute wieder einen traurigen Unglücksfall zu verzeichnen. Am Donnerstag Nachmittag wurde der Rangirer Möller beim Rangiren von einem Wagen erfaßt und an der Brust schwer verletzt. Der Tod trat nach einigen Minuten ein.
Cassel, 16. Juli. Einer hiesigen Firma (Eisenhandlung) wurde vor einigen Wochen in der frechsten Weise ein Velociped entwendet. Der betr. Herr Spitzbube hatte sich dem Besitzer des Geschäfts gegenüber für einen Gutsbesitzer ausgegeben, das Velociped probirt und war auf demselben verschwunden. So ganz ohne Folgen bleiben in Deutschland derartige kleine Räubereien nicht. Die Behörden fahndeten eifrig auf diesen sonderbaren Schnellfahrer, und soeben trifft die Nachricht ein, daß man ihn in Sachsen-Altenburg erwischt hat. Das Fahrzeug hat er freilich verkauft, doch fand man, wie die „K. A. Z." meldet, die nicht unerhebliche Summe von 7000 Mark bei ihm, so daß die Polizei einen ganz guten Fang gemacht zu haben scheint.
— 15. Juli. Gestern ging durch die BahnhosSstraße ein ahnnungsloser Schusterjunge, der in seiner Hand ein Paar neue Stiefeletten trug, die er einem Kunden überbringen sollte. Plötzlich trat ein nicht unfein gekleideter „Herr' auf ihn zu, nahm ihm die Stiefeletten mit den Worten: „Ah da sind ja endlich meine Stiefel" aus der Hand und entfernte sich dann eiligst nach dem Bahnhof zu. So ein Kasseler Schusterjunge ist aber gar nicht so dumm. Anfangs wohl verblüfft, setzte er gleich darauf dem Räuber nach, wobei ihm die Unterstützung eines vorübergehenden Bürgers zu Theil wurde. Der „Herr", als er die Verfolgnng gewahr wurde, uchte nach dem Ständeplatz zu entkommen, wurde aber Her durch den dort staffonrrten Schutzmann, den man