Schlüchterner Zeitung.
Amtliches Blatt für die Veröffentlichungen des Kreises Schlüchtern.
Erscheint Mittwochs und Samstags. - Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
^ 63. Mittwoch. hen 8. Auanst. 1888.
Amtlicher Theil.
Nr. 4727. Der am 13. Januar 1860 geborene Florian Joseph Nuppel aus Soden hat um Ertheilung eines Passes zur Reise ins Ausland nachgesucht. Schlüchtern, den 1. August 1888.
Der Königliche Landrath.
J. V.: Goerz.
Nr. 4701. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Nummerliste der am 2. d. Mts. verloosten und zur Einlösung am 1. November d. Js. gekündigten Kurmärkischen Schuldverschreibungen im Geschäftslokal deS Unterzeichneten sowohl, als auch in denjenigen der Königlichen Steuerkassen während der üblichen Geschäftsstunden zu Jedermanns Einsicht offen liegt.
Schlüchtern, den 31. Juli 1888.
Der Königliche Landrath. J. V.: Goerz.
Bekanntmachung.
Bei der Postagentur in S ch ö n st a d t wird am 23. eine Telegraphenanstalt mit Fernsprechbetrieb eröffnet. Lasset, den 21. Juli 1888.
Der Kaiserliche Ober-Postdirector. gez.: zur Linde.
Bekanntmachung.
Bei der Postagcntur in Kirchhenn (Kreis Hersfeld) wird am 25. eine Telegraphenanstalt mit Fernsprech- betrieb eröffnet.
Eassel, 24. Juli 1888.
Der Kaiserliche Ober-Postdirector. zur Linde.
Ueberschwemmungen und Wassersnoth.
Aus Schlesien kommen traurige Nachrichten über Verheerungen durch Wolkenbrüche und Hochwasser. Von einzelnen telegraphischen Nachrichten seien hier die folgenden aufgeführt:
Hirsch der g, 3. August. In dieser Nacht haben Wolkenbrüche längs des ganzen Hochgebirges allen Gebirgsflüssen Hochwasser zugeführt. Alle Niederungen sind unter Wasser. Die hiesige Sandvorstadt ist überschwemmt. Der Bober ist binnen einer Stunde einen Meter gestiegen. Es wird noch größeres Hochwasser als 1883 befürchtet. Die Gefahr ist groß.
Hirschberg, 3. August. Die Eisenbahnstrecken GreisfenbergFriedeberg, Greiffenberg- Löwenberg und Lauban -Langenöls sind wegen Hochwassers gesperrt. Der Bahnhof in Lauban ist überschwemmt.
Kunersdarf, bei Hirschberg, 3. August. Die Nachrichten aus dem Jmundationsgebiet sind schreckliche, Warmbrunn, Hirschdorf, Kunersdorf sind überschwemmt, die Chaussee gesperrt. Sehr schlimm stehts in Arnsdorf, GierSdorf, Agnetendorf, Schreiderhau. Die Ernte ist vernichtet. Die Gefahr wird immer größer durch das Anschwellen des Bvber.
Warmbrunn, 3. August. In Folge des anhaltenden Regens ist großes Hochwasser eingetreten, die Brücke und die Chaussee nach Hirschberg sind gesperrt, der Verkehr wird auf Umwegen bewerkstelligt.
Auch aus vielen anderen Gegenden des In- und Auslandes liegen beunruhigende Meldungen vor. Wir lassen hier einige folgen:
Königsberg, 4. August. Die Königliche Bahnverwaltung macht bekannt, daß die Strecke Königsberg- Elbing infolge U ebers chwem mung unterbrochen ist. — DaS gestrige Unwetter hat die Getreideernte der hiesigen Umgegend fast vernichtet.
Eltiug, 4. August. In Folge deS anhaltenden heftigen Regens ist abermals eine U e b e r s ch w e m - m u ng eingetreten. Eine gro ß e Anzahl Straßen i st üb ersch w e m in t, der Eisenbahndamm nach Gülden- hoben ist gefährdet, die Ernte theilweise vernichtet.
Präg, 4. August. Aus zahlreichen Orten treffen Berichte über die durch den anhaltenden Regen herbei- geführten Wasserschäden ein. H^r steigt das Wasser fortdauernd. Kugelbad und Modran sind überschwemmt.
Petersburg, 4. August. Aus Westrußland, dem Weichselgebiet und Minsk (Russisch-Polen) wird in Folge heftigen Regens Hoch wasser gemeldet.
£M»u, 2. August. In fast ganz England haben «chgltende Regen und verheerende Uebrrjchwemmungen
der Ernte sehr geschadet und dieselbe stellenweise gänzlich vernichtet. Die östlichen Stadttheile Londons, die größ- tentheilS von der ärmeren Bevölkerung bewohnt sind, stehen fast ganz unter Wasser, das Elend ist groß.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. August. Der bekannte Londoner S p e- zialist Dr. Semon, welcher in England viel unbestrittener, als Herr Mackenzie, als eine Fachautorität ersten Ranges gilt, veröffentlicht über die Krankheit Kaiser Friederichs im „Internat. Zentralblatt für Larynlogie" einen Artikel, in welchem sich folgende Erklärung findet: „Gegenüber den bis in die letzte Lebenszeit des hohen Patienten fortgesetzten Versuchen, den ganzen Fall als einen im höchsten Grad mysteriösen und zweifelhaften darzustellen, ist jedenfalls die gegebene Aufklärung, die den Fall als ein einfaches Beispiel von Kehlkopfcpethelium, in den späteren Stadien, wie so häufig, mit Perichondritis und Oedem komplizirt erscheinen läßt, dankbar zu begrüßen." In der Opcrations- frage stimmt Dr. Semon durchaus den deutschen Aerzten zu; die Sache liege so, „daß ohne die Operation von 100 Kranken alle 100, und zwar in jammervollster Weise und in verhältnißmäßig kurzer Zeit, zu Grunde gehen müssen, während durch die Operation, wenn dieselbe nur hinreichend früh gemacht wird, doch zum mindesten 21 Prozent dauernd gerettet werden"; wahrscheinlich ist die Prozentzahl bedeutender größer.
— Ueber das neue Exerzierreglement enthält die „Pos. Ztg." folgende nähere Angaben: Das 2. Bataillon des 1. westpreußischen Grenadierregiments Nr. 6 war das erste Bataillon in der preußischen Armee, welches nach dem neuen Exerzierreglement ausgebildet und nach fünftägiger Uebung dem kommandirenden General und Vorsitzenden der betreffenden Kommission Freiherr» v. Mccrschridt-Hülesscm, vorgcstcüt wurde. Mit dem neuen Entwurf sind wesentliche Vereinfachungen verbunden, und es ist praktischen Bedürfnissen nach Möglichkeit Rechnung getragen worden. Was zunächst die Gewehrgriffe anbelangt, so kommen nach dem neuen Entwurf die Kommandos „Gewehr auf" und „Faßt das Gewehr an" überhaupt nicht mehr vor. Die Posten fassen nach dem neuen Exerzierreglement beim Vorbeipassiren von Offizieren bis zum Hauptmann aufwärts nicht mehr, wie bisher üblich, das Gewehr an, sondern stehen mit „Gewehr über" still; bei Offizieren vom Stabsoffizier aufwärts präsentsten die Posten wie früher, aber direkt von „Gewehr über." Geschlossene Truppentheile fassen beim Vorbeimarsch vor Offizieren innerhalb der Garnison nach dem neuen Entwurf nicht mehr das Gewehr an, sondern marschieren mit „Gewehr über, im festen Tritt vorüber. Die Fremdwörter bei den Kommandos sind von der Kommission im neuen Entwurf nach Möglichkeit durch deutsche ersetzt worden, fo ist z. B. das Wort „Chargiren" dem deutschen „Feuern" gewichen. Die Exerzierübungen sind im Algemeinen dieselben geblieben wie früher. Hervorzuheben ist die Aenderung, daß der Parademarsch in Kompagnicfront nach dem neuen Entwurf in zwei Gliedern stattsindet und nicht wie früher in drei Gliedern, zu wesentlicher Erleichterung für die exerzierenden Mannschaften, da die Bewegungen der beiden Glieder durch das Fehlen des dritten Gliedes freier und wenig abhängig sind. Ferner ist zu erwähnen, daß bei einzelnen Exerzier- und Gefechtsübungen nach dem neuen Entwurf mehr das Marschiren ohne Tritt zur Geltung kommt.
Saarbrücken, 2. August. Ueber ein erfreuliches Stimmungszeichen wird aus Elsaß-Lothringen berichtet. Angesichts der am 4. und 5. August im Land stattfindenden Kreistagswahlen sind drei ausscheidende Abgeordnete des Kantons Pfalzburg (Brodt in Lixheim, Bour in Pfalzburg und Schott in Dagsburg) mit einem Aufruf vor ihre Wähler getreten, in dem es u. A. wörtlich heißt: „Unsere Stellung der Regierung gegenüber ist aufrichtig; wir sind keine Protestler, wir fügen uns vollständig den Verhältnissen. Wir sind, was unsere Voreltern waren, deutsche Unterthanen. Hätten sich die Bewohner eines so gesegneten Landes schon längst gefügt, so wären wir heute glücklich, und unser schönes Elsaß-Lothringen wäre eines der geachtetsten Länder. Grund zu Klagen haben wir nicht, indem unter der deutschen Regierung Freiheit und Ordnung herrscht." Auch aus anderen Landestheilen mehren sich die Anzeichen, daß diejenigen Elemente, welche dem Deutschthum mehr oder weniger nahe stehen, sich dem Einfluß der Protestpartei zu entziehen suchen.
Würzburg, 2. August. Die feierliche Beerdigung des am 29. v. Mts. auf seiner Familienbesitzung in Stöckach verlebten kgl. Generalmajors a. D. ä la suite der Hatschier - Leibgarde und Oberhofmeister a. D. Ullrich Freiherr von Hütten zum Stolzenberg, königl. Kämmerer und Komthur des Ritterordens vom hl. Georg rc., fand gestern Nachmittag um 5 Uhr in der Familiengruft in der I. Abtheilung des hiesigen Friedhofes statt. Aus diesem Aulasse war zur Leistung der militärischen Ehren ein combinirtcs Bataillon des kgl. 9. Jnf.-Reg. zu 120 Rotten mit Musik und Fahne unter Commando des Majors Kienle ausgerückt und hatte in der Friedhofstraße in der Höhe deS Grabes Stellung genommen. Dem mit dem Hatschierhelm und Degen, sowie Familienwappen geschmückten Sarge und vielen prachtvollen Kränzen, die demselben nachgetragen wurden, ging die Pfarrgeistlichkeit vom Stifthang und der Diener des Corps Moenania, dessen Philister der Verlebte war, voraus, dem Sarge folgten die Leibdiener, auf einem schwarzen Kiffen die Orden tragend, die nächsten Angehörigen, der hiesige Adel, General Freiberg Exc., Graf Luxberg Exc., General v. Abel, die Offizierscorps, Civil- und Mstitärbeamte, eine Deputation und zahlreiche alte Herren des Corps Moenania und zahlreiche Leidtragende aus allen Ständen. Rechts und links vom Sarge gingen Kerzenträger, das militärische Geleite bestand aus 2 Hauptleuten und 6 Sulaltern- offizieren. Beim Hinablassen in die Gruft ertönten die 3 Ehrensalven und der Präsentirmarsch, der hochw. Herr Pfarrer Friedrich gab nach den Ceremonien ein treues Lebensbild des Verstorbenen. Während des „Vater unser" nahm das ausgerückte Militär Stellung. Nach der Feier zog das Bataillon unter klingendem Spiel, nachdem die Fahne in der Wohnung des Generals Freiberg Exc. abgegeben war, in die Kaserne zurück. Im Feldzuge 1870 zeichnete der nun Verlebte sich durch hervorragende Tapferkeit aus und wurde vom deutschen Kronprinzen eigenhändig mit dem eisernen Kreuze erster Klasse decvrirt. Er war ein Freund der Bedrängten und Armen und sein Andenken wird stets ein gesegnetes sein.
Tages-Ereignisse.
Schlüchtern. Der Abputz unseres Rathhauses ist nunmehr vollendet und die Stätte, in der die Väter der Stadt über unser Wohl und Wehe berathen, zeigt sich nunmehr äußerlich in einem Glänze, wie man es für die erste Stadt des Kreises billig fordern kann. Es wäre nur zu wünschen, daß einige äußerlich recht vernachläßigte Gebäude in der Nachbarschaft auch neuen Anstrich bekämen.
— (D i e Königliche Regierung) hat, wie die „Hofg. Ztg." erfährt, auf die Eingabe der Lehrer, betreffend die Nichteinrechnung des aus den kirchlichen Dienstverrichlungen fließenden Einkommens in die Lehrerbesoldung, abschlägigen Bescheid ertheilt.
— Zum Aehrenlesen auf fremden Grundstücken bedarf es, wie bei der jetzigen Ernte hervorgehoben zu werden verdient, der Erlaubniß des betreffenden Feldbesitzers, widrigenfalls das Nachlesen als strafbarer Eigennutz angesehen und nach § 368 ad 8 des Reichs- strafgesetzbuches mit Geldstrafe bis zu 60 Mk. oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft wird. — Ferner möge jetzt daran erinnert werden, daß ländliche Arbeiter, welche während der Erntezeit kontraktbrüchig werden, den Gehorsam versagen, oder unbefugter Weise den Dienst verlassen, in erhöhter Weise straffällig sind. Abgesehen von Ausübung des Rechtes der Dienstentlassung sind die Herrschaften befugt, Geldstrafen bis zu 15 Mark oder Gefängnißstrafe bis zu 3 Tagen zu beantragen, bezw. bei Verabredung zu gemeinsamen Ungehorsam oder Ver- lassung des Dienstes Gefängnißstrafe bis zu einem Jahre. Auch kann diepolizeilicheZurückschaffung entlaufenerDienst- boten oder sonstiger Arbeiter verlangt werden.
□ Herolz, 5. August. Heute fand hier durch den Herrn Dechant Endres von Neuhof die kirchliche Einführung des Herrn Curetus O r t h von Sannerz als Pfarrer von Herolz statt. Der neue Pfarrer wurde im Pfarrhause in Procession abgeholt und ihm in der Kirche die amtlichen Jnsignien überreicht. In der Predigt schilderte der Herr Dechant die gegenseitigen Pflichten des Pfarrers und der Gemeinde. Die Gemeinde Herolz hat sich bei dieser Gelegenheit ein ehrendes Denkmal gesetzt, denn der Aufwand an Verzierungen aller Art innerhalb und außerhalb der Kirche erregte allgemeine Bewunderung.