Einzelbild herunterladen
 

SMHttrner Zeitung.

Amtliches Blatt für die Veröffentlichungen des Kreises Schlüchtern.

Erscheint Mittwochs und Samstags. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

^73.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Für die Schulen des Kreises ist aus Kreismitteln das von dem Lehrer S. Schlitzberger in Cassel entworfene Tableau eßbarer Pilze nebst kurzer Beschreibung und Anleitung zum Ein- sammeln und zur Zubereitung derselben beschafft worden und wird den Herren Lehrern in den nächsten Tagen zugehen, wovon denselben hierdurch Kenntniß gegeben wird.

Schlüchtern, den 11. September 1888.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses. In Vertretung:

Der Kreisdeputirte: B e r t a.

Bekanntmachung.

Bei der Postagentur in U l m b a ch wird am 30. eine Telegraphenanstalt mit Fernsprechbetrieb eröffnet. Der Kaiserliche Ober-Postdirector. gez.: zur Linde.

Deutsches Reich.

Berlin. Mit dem Inkrafttreten des bürgerlichen Gesetzbuches, über das jetzt soviel discutirt wird, macht die deutsche Nation einen gewaltigen Fortschritt. Ein einheitliches Recht wird dann für alle deutschen Stämme Geltung haben. Gerade vor 150 Jahren trat in der preußischen Justiz ein ähnlicher Fortschritt ein, derselbe ging wie alle damaligen großen Ideen von dem großen Friedrich aus, welcher durch eine Cabinetsordre am 4. August 1754 die Tortur gänzlich in Preußen abschaffte. Die Ursache dieser merkwürdigen Cabinets­ordre gab ein in den Annalen der Berliner Criminal- Geschichte ganz merkwürdiger Fall, den unsere Leser getreu nach Berliner Chroniken erfahren sollen. Eine alte kinderlose Wittwe wohnte in Berlin in dem sogen. Stelzenfuß am Alexanderplatz, ihr Mitbewohner und zugleich ihr Miether war ein armer Candidat, der sich durch Privatstunden, die zu allen Zeiten, so auch damals schlecht bezahlt wurden, ernährte. Eines Morgens blieb das Haus länger geschlossen als gewöhnlich. Die Nachbarn wunderten sich und als die alte Frau gegen Mittag nicht zum Vorschein kam, fürchtete man ein Unglück. Die Thür zur Wohnung wnrde erbrochen und man fand die Alte erdrosselt in ihrem Bette vor. Der erste Verdacht der Polizei fiel auf den einzigen Hausgenossen der Ermordeten, den Candidaten. Derselbe sollte Auskunft über die Vorgänge in der Nacht geben, aber als man ihn zur Vernehmung citiren wollte, fand man sein Zimmer verschlossen, und erst nach Verlauf von mehreren Stunden stellte er sich ein. Er behauptete, nicht die geringste Auskunft geben zu können; er sei die Nacht nicht in seinem Quartier gewesen. Schon dies war auffallend, noch auffallender und belastender die seltsame Entschuldigung, die er für sein Ausbleiben gab. Er habe, so sagte er, am vergangenen Tage einen Freund besucht, der einige Meilen von Berlin wohnt. Gegen Abend habe er sich auf dem Heimwege verirrt und die Nacht auf freiem Felde zugebracht. Sein etwas in Unordnung gerathener Anzug, die Erschlaffung seiner Gesichtszüge ließen sich aber auch durch die Angst, die der Mörder nach vollbrachter That spürt, erklären. Das Gericht glaubte mit Strenge vorzugehen, da einige Verbrechen in der Stadt begangen waren, und erkannte dem Candidaten, der fortwährend leugnete, die Folter zu. Schon beim ersten Grade der Folter brach der Gemarterte in einen Schmerzensschrei aus; er flehte das Gericht an, inne zu halten, er wolle bekennen. Ein vollständiges Bekenntniß der That erfolgte jetzt, der Mörder schien also entdeckt. Wenn auch das Gericht von der Schuld des Candidaten überzeugt war, so er­schien es doch allen Bekannten des Candidaten eine Unmöglichkeit. Die Bürger, bei denen der Candidat unterrichtete, schickten an den Großkanzler Cocceji eine Deputation mit der dringenden Bitte, diesen Fall einer eingehenden Untersuchung zu unterwerfen, da dem Can­didaten durch die Folter ein unwahres Geständniß erpreßt sei. Cocceji forderte sogleich die Untersuchuugsacten ein und fand, daß noch keine Untersuchung darüber vorliege, ob die Wittwe sich nicht selbst erdrosselt habe. Er verfügte eine Besichtigung der Leiche und bei der­selben wurde der Scharfrichter als Sachverständiger zugezogen, da sein Handwerk es mit sich brächte, ein uchtiges Urtheil über die Art der Erdrosselung zu fällen, ^rr Scharfrichter erklärte sofort, die Wittwe fei durch

Mittwoch, den 12. September.

1888.

einen k unst gerechten Knoten erwürgt. Der Groß- kanzler, dem bei Durchsicht der Acten das Wortkunst­gerecht" auffiel, ließ den Scharfrichter zu sich bescheiden und fragte ihn, was er unter dem Worte kunstgerecht verstehe.Ein kunstgerechter Knoten ist ein solcher, wenn wir einen Dieb aufhängen, um seinen Tod zu beschleunigen," antwortete der Scharfrichter uud er stellte ferner die Behauptung auf, daß nur ein Scharfrichter­knecht der Mörder der Wittwe sein könne. Die sofort angestellten Erkundigungen, ob in der Nacht des Mordes sich Scharfrichterknechte in Berlin aufgehalten haben, ergaben ein überraschendes Resultat. Zwei Brüder der Ermordeten lebten als Scharfrichterknechte in Spandau; diese hatte man am Abend vor dem Morde in Berlin gesehen. Sie wurden sofort verhaftet und bekannten, daß sie die Schwester erwürgt hätten, um ihr Vermögen zu erben. Cocceji berichtete den Fall an Friedrich den Großen, der darauf am 4. August die berühmte Cabinetsordre betreffend Aufhebung jeglicher Tortur erließ.

Berlin, 7 Septbr. Der belgische König hat dem Papst einen Wohnsitz in Belgien angeboten, für den Fall, daß dieser in Folge des Konflikts mit Italien Rom verlassen will.

Kalk, 5. Sept. Ein im benachbarten Merheim wohnender Arbeiter wurde im Feldzug 1870 von einer Kugel in den Kopf getroffen, wodurch ihm ein Auge ver­loren ging. Er wurde geheilt, litt aber seitdem an hef­tigen Nervenschmerzen, gegen die kein Arzt helfen konnte. Am letzten Samstag trat bei dem Mann heftiges Nasen­bluten ein und am Montag öffnete sich im Rachen ein Geschwür, aus welchem die seit 18 Jahren in seinem Kopfe befindliche Kugel, ein Mitrailleusengeschoß, ca. 40 Gramm schwer, zu Tage trat. Der alte Krieger befindet sich in sorgfältiger ärztlicher Behandlung und wird hoffentlich mit der Kugel nun auch sein langjähriges Leiden los sein.

............................... ------ --------- - ...........................

Tages-Ereignisse.

Schlüchtern, 11. Sept. Aus einem Nachbarorte geht uns Folgendes zu: Eines Abends waren mehrere Ge­sellen des Dorfes beisammen. Da sagte ein Maurer zu seinem Collegen:Du, Dein Hut läßt ja die Fittige hängen, ich glaube, das ist schuld, daß es jeden Tag regnet. Ich will einen halben Schoppen bezahlen und will den Hut zerhacken." Das ging der andere ein, und nun holte der erste eine Axt herbei und hackte diesen Hut so in Stücke, daß ein Schneider, der auch dabei war, sich nicht daran wagte, den Hut für zwei Flaschen Wein wieder zusammenzuflicken. Ein anwesender Schusterjunge hatte jedoch mehr Kurasche, er nahm einen Schusterdraht, flickte den Hut mit großen Stichen zu­sammen, schmierte dann die Löcher mit Pech zu und wichste den Hut so fein auf, daß man sich darin sehen konnte. Der Eigenthümer war erfreut darüber, gab dem Schusterjungen eine gute Belohnung und trägt diesen Hut noch bis auf den heutigen Tag. Am andern Morgen war zum Erstaunen aller das Regenwetter verschwunden, und es folgten wieder schöne Tage. Nun sage noch einer, daß die dortigen Maurergesellen und Schusterjungen ungeschickte Menschen wären!

Ueber die Einstellung der Rekruten hat das Kriegs­ministerium in Berlin angeordnet: Die Einstellung der Rekruten zum Dienst mit der Waffe hat nach näherer Anordnung der Generalkomandos bei der Kavallerie in der Zeit vom 1. bis 6. Oktober, bei den übrigen Truppen- theilen in der Zeit vom 5. bis 10. November zu er­folgen ; die für das Pommer'sche Fuß-Artillerie Re­giment Nr. 2, die Unteroffizierschulen, ferner die als Oekonomie-Handwerker ausgehobenen Rekruten sind am 1. Oktober und die Trainsoldaten für den Frühjahrstrain am 1 Mai 1889 einzustellen

(Die freie Fahrt der Eisenbahnbeamten) auf allen zum Vereinsverbande gehörigen Bahnstrecken ist neuerdings durch einen Erlaß des Ministers wesentlich eingeschränkt worden. Es sollen den Beamten künftighin nur freie Fahrscheine für einmalige Ferienreise und für besonders dringende Fälle ertheilt werden.

Ueber die Heizung der Eisenbahn-Personenzüge sind jetzt neue Bestimmungen getroffen. Danach muß während der sogenannten fakultativen Heizzeit (vom 15. Oktober bis 1. Dezember und vom 1. März bis 1. Mai) mit der Heizung aller Personenzüge begonnen werden, sobald die äußere Temperatur an einem Tage in den Mittagsstunden unter 4 Grad R. herabsinkt; außerdem findet eine Heizung der Nachtzüge schon dann,

statt, wenn die Temperatur während einer Nacht bis auf 0 Grad R. sinkt. Ist mit dem Heizen einmal be­gonnen, so wird damit erst dann wieder aufgehört, wenn während dreier aufeinanderfolgender Tage die Temperatur des Nachts nicht mehr auf 4 Grad R. gesunken ist.

(Ein merkwürdiger Stern.) Es bietet sich jetzt für einige Woche die günstige Gelegenheit dar, einen der merkwürdigsten Sterne des ganzen Himmels in seinem größten Glänze leuchten zu sehen, eine Gele­genheit, wie sie sich günstig in den nächsten 8 Jahren nicht wieder bieten dürfte. Selbst in der Wissenschaft führt dieses Gestirn, dessen eigenthümlichen Erscheinungen wir unsere Theilnahme einen Augenblick zuwenden wollen, den Namen Mira, der Wunderbare, so benannt, weil es ganz räthselhafte und von allen anderen Sternen verschiedene Erscheinungen zeigte, für die man eine na­türliche Erklärung nicht finden konnte. Unser Stern steht im Sternbilde des Walfisches und erscheint dem freien Auge jetzt im Glänze eines Sternes der dritten Größe. Seine Leuchtkraft nimmt aber bis gegen Ende September noch zu, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß er dann mit zu den hellsten Sternen am Himmel zählen wird und etwa den bekannten Sternen imGro­ßen Bären" oder Himmelswagen an Helligkeit gleich­kommen werde. Dann wird, wenn der Stern einige Zeit in dieser auffälligen Helligkeit geleuchtet hat, sein Licht rascher als es gewachsen ist, wiederabnehmen, und im Winter wird auch das schärfste Auge keine Spur mehr von dem jetzt so hell leuchtenden Sterne mehr sehen.

Für diesen Monat gelten folgende Bauernregeln: Wie das Wetter an Aegidius (1.), so bleibt es vier Wochen lang."Mariä Geburt (8.) jagt alle Schwalben furt."Septemberdonner prophezeit vielen Schnee um Weihnachtszeit."Fällt im Wald das Laub sehr schnell, ist der Winter bald zur Stell." Wenn Anfang September gut Wetter ist, so folgt ein guter Herbst."Kühle Nächte bringen saueren Wein, aber die gesund sein."Wenn Michael viel Eicheln bringt, Weihnacht die Felder mit Schnee dann düngt."

Folgendes Verfahren, das Nasenbluten zu stillen, lehrt Niemeyers MonatsschriftHygieia": Der Blutende legt sich auf den Rücken, hebt beide Arme hoch, faltet die Hände über den Hinterkopf (nicht Scheitel), holt nun einige 20 Mal gemächlich, aber tief Athem und hält den Athem jedesmal so lange wie möglich an. Als Nachkur mag er noch, wenn er's haben kann, ein heißes Fußbad mit folgender kalter Abspülung gebrauchen und sich hierauf, flott athmend, im Freien ergehen. Das Mittel soll auch bei einfacher Lungenblutung (Blutsturz) helfen.

NeueGemeindeverfassungder Provinz Hessen-Nassau in Aussicht. Seitens des Ministers des Innern soll in Erwägung gezogen wer­den, ob nicht die früher bereits in Anregung gebrachte Frage wegen anderweiter Regelung der Gemeinde-Ver- fassungsverhältnisse der Provinz Hessen-Nassau, nament­lich von dem Gesichtspunkte der Erzielung thunlichster Einheitlichkeit in den bezüglichen gesetzlichen Vorschriften für die einzelnen Territorien, aus welchen die Regierungs­bezirke Kassel und Wiesbaden sich zusammensetzen, von neuen in's Auge zu fassen sein möchte und sollen vorbereitende Schritte hierzu, bestehend in Einziehung von- juristischen Gutachten, bereits angeordnet worden sein.

Salmünster. Am 19. September cr. wird dahier die Einweihung der neuen evang. Kirche stattfinden. Die hiesige evang. Gemeinde hat bereits an alle evang. Glaubensgenossen die herzliche Einladung zur Theil­nahme an diesem Feste ergehen lassen und wünscht und hofft, daß recht viele Glaubensgenossen an diesem Tag ihren Dank sehen und ihre Freude theilen möchten. Die Feier beginnt nach der aufgestellten Festordnung Morgens ^9 Uhr, wo die Festtheilnehmer sich in dem seitherigen Betsaale versammeln, um von hier aus in feierlichem Zuge nach dem neuen Gotteshause sich zu degebeu. Die Einweihung wirdHerrGeneralsuperintendent Fuchs von Cassel vollziehen; an den Weiheakt schließt sich der erste Gottesdienst der neuen Kirche, welcher durch die freundliche Mitwirkung des Gelnhäuser Kirchen- gesangvereins verschönt werden wird. In der neu­geweihten Kirche wird dann nach einer einstündigen Pause das Jahresfest des Hanauer Bezirksvereins der evang. Gustav-Adolf-Stistung gefeiert (Festprediger: Herr Pfarrer Weidemann aus Bockenheim). Ein gemeinsames Mittagsmahl in dem Badehotel zu Soden wird die Festtheilnehmer Mj einmal vereinigen. Alle, welche