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SchWtttmMung

Amtliches Blatt für die Veröffentlichungen des Kreises Schlüchtern.

Erscheint Mittwochs und Samstags. - Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

Mittwoch, den 10. October.

Amtlicher Theil.

Nr. 6138. Der zufolge meiner Kreisblattsverfngung vom 19. v. Mts. aus den Ortschaften Elm und Hütten gebildete Urwahlbezirk VII wird aufgehoben, und anf Grund des § 5 der Verordnung vom 30. Mai 1849 aus jeder dieser Ortschaften ein besonderer Urwahlbezirk gebildet dergestalt, daß der Urwahlbezirk Elm als VII. und der Urwahlbezirk Hütten als XXVI. Bezirk gilt und in jedem dieser Orte der Bürgermeister als Wahl­vorsteher und der Vicebürgermeister als Stellvertreter zu fungiren hat.

In den beiden Bezirken werden je 3 Wahlmänner gewählt.

Schlüchtern, den 8. October 1888.

Der Königliche Landrath.

I. V.: Berta.

Es ist zu meiner Kenntniß gekommen, daß in wieder­holten Fällen Bürgermeister in ländlichen Ortschaften an Zigeuner und andere ohne ausreichende Legitimations­papiere im Lande umherziehende Personen auf deren Ansinnen Bescheinigungen ausgestellt haben, welche den­selben als Ausweis über ihre Person dienen und somit den Mangel gehöriger Legimationspapiere ersetzen sollen. Durch diese Bescheinigungen wird theils bezeugt, daß der Vorzeiger angeblich die Ertheilung eines Gewerbe­scheins beantragt habe, theils, daß er seinen Gewerbe­schein mit dem Anträge auf Ausdehnung für den Um­fang des Regierungsbezirks hierher eingesandt habe, theils endlich, daß er zu einem gewissen Zeitpunkt inner­halb des Gemeindebezirks übernachtet und sich gut geführt habe.

Durch Vorzeigung solcher Bescheinigungen werden andere ländliche Ortsbehörden, welche in der Regel mit den Bestimmungen über die Berechtigung zur Ausübung des Wandergewerbes oder über das Verbot des zweck­losen Umherziehens nicht hinreichend vertraut zu sein Pflegen, leicht getäuscht und zu der Annahme verleitet, daß der Vorzeiger ausreichend legitimirt sei!

Die Ausstellung derartiger Bescheinigungen ist somit dazu angethan, das Landstreichen, insbesondere auch das zwecklose Umherziehen der Zigeuner, zu begünstigen und widerspricht also den Bestimmungen, welche höheren Orts hinsichtlich des Einschreitens gegen umherziehende Zigeuner erlassen worden sind.

Euer Hochwohlgeboren rc. ersuche ich ergebenst, die Bürgermeister Ihres Kreises über die Unzulässigkeit eines derartigen Verfahrens gefälligst zu belehren, ihnen die schwere Verantwortung vor Augen zu führen, welche sie durch Ausstellung von Bescheinungen über zweifel­hafte Thatsachen an unbekannten Personen übernehmen, und ihnen unter Strafandrohung zur Pflicht zu machen, daß sie die Ausstellung derartiger Bescheinigungen an solche Personen, welche weder ortsangehörig noch ihnen persönlich bekannt sind, in Zukunft unterlassen.

Cassel, den 27. September 1888.

Der Negierungs-Präsident.

I. V.: gcz. Schwarzenberg.

Nr. 6088. Vorstehenden Erlaß bringe ich hiermit zur Kenntnißnahme und Beachtung Seitens der Herren Bürgermeister des Krefles.

Schlüchtern, den 4. October 1888.

Der Königliche Landrath:

J. V.: Berta.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Oct. Ein Ritt auf dem Puffer war die Ursache, daß sich der Dienstknecht Schulz aus Lücken- Walde in der Vorinstanz vor dem Strafsenat des Kammer- gerichts wegen der Anklage des Betrugs verantworten wußte. Derselbe wollte sich eines Tages auf diesem Wege, indem er sich nämlich beim Abfahren eines ge­wischten Zuges vom Bahnhof Ludwigsfelde auf einem der Puffer des letzten Wagens setzte, freie Fahrt nach Luckenwalde verschaffen, wurde aber bald von diesem gefährlichen Sitze heruntergeholt und dann wegen Betrugs wigeklagt, aber sowohl vom Schöffengericht wie von der Strafkammer freigesprochen, indem angenommen wurde, M ihm eine aus Schädigung des Eisenbahnsiskus ge­

richtete böse Absicht gefehlt habe. Auch könnte überhaupt von einer Schädigung nur dann die Rede sein, wenn der Fiskus für das Fahren oder Reiten auf Puffern eine Entschädigung erheben würde. Die hiergegen von der Staatsanwaltschaft eingelegte Revision wurde in Rücksicht auf die thatsächliche Feststellung der Vor­instanz vom Kammergericht zurückgewiesen.

Hübsch ist Kulickes Manöverfahrt im Berliner Tageblatt" besprochen: Er heißt eigentlich nicht Kulicke, sondern nur so ähnlich, ist seines Zeichens Rentier und im Uebrigen ein urgemüthliches Haus. Mit ganz spezieller Erlaubniß seiner geliebten besseren Hälfte zog er am letzten Montag ostwärts dem Krieg im Frieden zu:Willem, nehme Dir nur ja sehre in Acht, Du bist so dreiste, wage Dir nicht zu weit rin, wer sich in Jefahr bejiebt, kommt darin um," und dergleichen weise Lehren mehr gab ihm die Gattin, die Theure, mit auf den Weg; noch ein derber Schmatz, und Herr Kulicke bestieg die Droschke zweiter Jute, welche ihn mitrasender Geschwindigkeit" dem Bahnhof zuführte. Herr Kulicke hat auf seiner Manöverfahrt merkwürdiges Glück gehabt und eine Fülle interessanter Erlebnisse zurückgebracht, welche einem Hackländer Stoff zu einem dicken Band Manöverhumoresken geboten hätten. Raummangel halber können wir aber die Berichte, welche er seiner Gattin bei der Rückkehr vom Manöver am Dienstag Abend erstattete, nur in Kürze wiedergeben. Doch lassen wir Herrn Kulicke selbst erzählen: Die Waggons waren alle überfüllt, kein Platz frei.Det is mich janz ejal, sagte ich zum Conducteur, mit muß ick, ich mache Sie verantwortlich davor, wenn ick nich zur rechten Zeit komme, kann det Manöver überhaupt nicht stattfinden!" Das imponirte ihm, er schob mir in eine Waggonthüre erster Klasse rin und heidi ging's : los. Im selben Coupee mit mir saß ein General. Da er mich jedenfalls für eine hohe Persönlichkeit inkognito hielt, so sprach er aus Respect keinen Ton zu mir und deshalb verhielt ich mir ebenfalls sehr zugeknöpft und gab ihm keine Antwort auf sein Schweigen. Erst auf Station Rehfelde, wo wir ausstiegen, kamen wir ins Gespräch, er sagte beim Aussteigen:Morgen!" und ich erwiderte ebenfalls herablassend:Morgen!" Und nun erzählte Herr Kulicke seiner Gattin Langes und Breites von seinen Erlebnissen und Abenteuern im Biwak", wie er einen großen Stein als Kopfkissen und Stroh und Heu als Deckbett hatte, wie mörderisch er gefroren, wie er am nächsten Morgen bei dem Manöver beinahe von einer Schwadron Ulanen überritten worden wäre, nur dadurch hätte er sein Leben gerettet, daß er sich platt auf die Erde niedergeworfen habe. Aber für alles Ungemach sei er auch glänzend entschädigt worden, denn er habe sich später einen Platz auf einer Anhöhe erobert, von wo aus er mit seinem Krimstecher das ganze Manöver habe übersehen können. Das sei ein gewaltiges militärisches Schauspiel gewesen. Auch der Kaiser und viele Prinzen hätten sich da aufgestellt, und er habe jedes Wort gehört, was sie gesprochen hätten. Es ist eine Erinnerung für das ganze Leben," schloß er seine Rede.Aber wo hast Du denn den Krimstecher gelassen?" fragte plötzlich die Gattin.Den Krim­stecher! Potztausend, wo mag der geblieben sein? Das ist dumm, der schöne Krimmstecher." Herr Kulicke, todt­müde von den gewaltigen Manöverstrapazen, begab sich sehr zeitig zur Ruhe, indes sich seine Gattin an dem von ihrem lieben Mann aus der Manövergegend bei Müncheberg mitgebrachten prächtigen Obst nach Kräften delectirte. Die Abendpost brächte noch einen Brief für den bereits selig schlafenden Gatten. Sollte sie ihn darum wecken? Vielleicht stand gar nichts Wichtiges in dem Brief. Frau Kulicke öffnete das Schreiben mit einer Geschicklichkeit, als hätte sie in dem berüchtigten schwarzen Kabinett gearbeitet, und las:

Lieber Willem! Na, wat hat denn Deine Olle gesagt von wegen det Manöver? Hast Du ihr och einen rechten strammen Bären ufgebunden? Det war eine Riesenkneiperei unter fremder Flagge! Warum bist Du denn so plötzlich beim Kaffee Bauer ver­schwunden? Oller Drückeberger? Uebrigens Deinen Krimkieker hast Du liegen lassen. Ich bringe ihn morgen mit zum Frühschoppen. War det ein schönes Manöver für uns! Ich für mein Theil gehe erst

heute Abend wieder nach Hause, nachdem ich vorher die Abendblätter gelesen habe, wie det Manöver ge­wesen is, ich habe nämlich keene blasse Ahnung, wie et dabei zugeht. Also uf Wiedersehen morgen beim Frühschoppen. Es grüßt Dir Dein treuer Manöver­kamerad August."

Diese Nacht ließ Frau Kulickeihr liebes Männchen" vorläufig noch ruhig den Schlaf des Gerechten schlafen, aber geschenkt ward ihm das Donnerwetter nicht. Am nächsten Morgen begann für ihn ein Extra-Manöver; doch schweigen wir davon.

Aus Thüringen, 5. Octbr. Ueber das blutige Drama in dem Dorfe Gräfentonna wird des Näheren mitgetheilt: Die Tochter eines in der Gegend von Geußen wohnenden Landpfarrers war als Erzieherin der Mädchen auf der Herzoglichen Domäne Gräfentonna engagirt, woselbst auch ein junger Philologe für die Knaben als Haus­lehrer Stellung hatte. Der junge Hauslehrer verliebte sich in das junge Mädchen, machte ihm Liebesanträge, welche aber kein Gehör fanden. Dem Hausherr war dieserhalb gekündigt worden. Um sich dafür zu rächen, schlich sich derselbe mit geladenem Revolver in aller Frühe in das Schlafzimmer des Mädchens und versteckte sich in einer Ecke. Als das Mädchen, welches, um sich umzukleiden, nichtsahnend wieder in die Kammer eintrat und dieselbe verschloß, wurde es von dem Lehrer mit drei Schüssen in den Kopf tödtlich verletzt. Darauf brächte der Mörder sich selbst einen Schuß bei. Nach längerer Zeit wurde nach Beiden gesucht und man fand sie, nachdem man von einem Schlosser die Thür hatte öffnen lassen, im Blute liegend vor.

Aus Bayer», 6. Octbr. Zwei hübsche Antworten, die der Prinzregent jüngst auf seiner Pfalzreise erhalten hat, werden erzählt. Als er bei der Vorstellung von Landbürgermeistern einen derselben fragte, wieviel Um­lage die Gemeinde zahle, antwortete das Ortsoberhaupt: Dreihundert Prozent." Auf die weitere Frage, ob denn dies die Bürger bestrciten könnten, erhielt der Prinzregent die Antwort:Was wolle se mache? Se müsse!" An einem anderen Ort trat der Prinz­regent zu einem der Spalier bildenden Feuerwehrleute, klopfte ihm anf die Schulter und fragte ihn, wann er denn den letzten großen Brand gelöscht habe.Ei, am Kirchweihsonntage, Königl. Hoheit!" lautete die, all­gemeine Heiterkeit erregende, allerdings etwas doppel­deutige Antwort.

Nürnberg, 6. Oktbr. Eine Frauensperson schmetterte einem Polizeisoldaten, welcher in einer Wirthschaft ihrem Kinde das Hausiren mit Streich­hölzern verbot, Schei dewasser ins Gesicht; es ist Gefahr vorhanden, daß der Angefallene das Augen­licht verliert.

Metz, 6. Octbr. Selbstmord eines Schülers im Kla­ssenzimmer. In der Sekunda des hiesigen Lyceums ereignete sich der bedauernswerthe Vorfall, daß ein siebzehnjähriger Schüler sich während des Unterrichtes mit einem Revolver eine Schußwunde in der linken Brustseite nahe der Schulter beibrachte, die anfangs lebensgefährlich schien, voraussichtlich jedoch tödtliche Folgen nicht nach sich ziehen wird. Als verbürgt darf gelten, daß das Vorkommniß außer jeder Beziehung zu irgend welchen Einflüssen des Unterrichts oder über­haupt der Schule steht.

Tages-Ereignisse.

Schlüchtern. Die beiden Wahlversammlungen, welche am verflossenen Sonntage in Schlüchtern abgehalten wurden, sowohl die vertrauliche als auch die öffentliche, haben das gleiche Resultat ergeben: Herr Landrath Roth wird als Candidat den Wählern des Kreises Gelnhausen zur Annahme empfohlen werden. Dieser Abschluß der viel besprochenen Candidatenfrage wird alle Diejenigen mit Genugthuung erfüllen, welche dieselbe verständnißvoll, vorurtheilsfrei und insbesondere mit dem Wunsche geprüft haben, daß der aufzustellende Candidat auch siegreich aus der demnächstigcn Wahlschlacht her­vorgehen möge. Wohl ist das jVorschlagsrecht dem Kreise Schlüchtern eingeräumt worden, aber die Annahme ist Sache des Kreises Gelnhausen. Und gerade dieser Umstand, daß man dort schwerlich jeden Vorschlag aus unserer Mitte anzunehmen geneigt sein und im Falle