SchlüchternerMung
Amtliches Blatt für Die Veröffentlichungen des Kreises Schlüchtern.
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Samstag, den 20. October.
1888.
Politik auf Reifen in 1., II. und III. Cl.
Entschuldigen Sie gütigst, geehrter Leser, ich bin nämlich aus Sachsen und reise in Geschäften. Dabei habe ich die nützliche Gewohnheit, wie es paßt, in allen Klassen zu fahren, um meine Menschenkenntniß zu vermehren, merstendecls ist es dritte Klasse. Da hab' ich nun vor Kurzem in Thüringen eine kleine Reise gemacht, die muß ich heut erzählen, weil sie gar zu merkwürdig ist.
Zuerst fuhr ich mit einem Kaufmann aus Königsberg in Preußen. Wir sprachen natürlich von der russischen Grenze, da kam er auf die Schutzzölle von wegen des Getreides. „Ohne diese verd.....Geschichte könnten unsere Lcut' dreimal mehr am Getreide verdienen, jetzt steckt's der Staat ein und es kommt nur den Bauern zugute; trotzdem hat der Landtag uns noch keinen Pfennig von den Milliarden für unsere Provinzialschulden gegeben, darum fort mit dem B.! unser Richter lebe hoch! Ja, wäre der Ministerpräsident geworden, der hätte die Ostseeländer längst erobert und außerdem Freundschaft mit Frankreich geschlossen, ja dann — brauchten wir keine Soldaten mehr." Das war der Erste, aber seine Prise war mir zu stark, ich setzte mich in Klasse II. Da saß ein würdiger alter Herr. Bald kam ich mit diesem wieder, ins politische Fahrwasser. Wir kamen auf den jungen Kaiser Wilhelm zu reden und wünschten ihm alles Gute zu seiner Reise nach Rom u. s. w. Da fing der prächtige alte Herr an: „Mit einem Schlage hätte sich der neue Kaiser von Deutschland, der ja keine persönliche Verantwortlichkeit für die Verhältnisse hat, die Liebe vieler Millionen erwerben können, hätte er jetzt statt des Bennigsen unsern Windthorst zum Oberpräsidenten von Hannover gemacht! Ich versichere Ihnen, die goldene Tugendrose hätte er in Rom bekommen, das Centrum würde die festeste Stütze seiner'Macht! Aber daran ist nur B. schuld rc." Das war der Zweite. Ich bekam genug und verfügte mich bei nächster Station in einen anderen Wagen. Da predigte ein Jüngling mit rothblondem Bart: „Was ist das für ein Gnadenbrocken mit der Altersversorgung! täglich lumpige 50 Pfennige! die brauch' ich für Cigarren! Da ist noch kein Bier dabei. Ja, wenn ich nicht als Volksredner täglich meine zehn Mark Auslösung habe, dann will ich lieber pfeifen als — Gnadenbrod von B. essen. Der will das Volk wohl mit Brocken fültern!" So ging die Predigt fort, bis es wieder pfiff! Na, da war ich flink heraus bei fünf Minuten Aufenthalt. Nun stieg ich mal in I. Classe ein, ganz höflich und bescheiden, wie es einem Sachsen gut steht, und dachte: Das war der Dritte! Da saß nun ein Herr in Uniform und zwei alte Damen. Sie unterhielten sich in brandenburgischem Dialekt: „Herr Gott, was für ein schönes Land, Thüringen! Da gicbts noch alte Ritterburgen, sind aber nicht mehr im Stand! Sollten an Familien von Adel vergeben werden, um alte Stammbäume aufzusrischen! Auch famose Wälder in den Bergen. Aber nicht Bierbrauer und Buchdrucker und bürgerliche Gesellschaft zur Jagd zulassen, daß sie einem die Rebhühner vor der Nase wegschicßen! Adel rocher de bronce für Thron und Staat. Regierung muß wieder umkehren." — Das waren denn die vierten, die auf B. raisonnirten. Aber es waren Ausnahmen, kann ich auf Ehre versichern. Wir anderen denken und sagen: B. lebe noch lange für's deutsche Vaterland. Mich ärgert nur hintennach, daß die Vier mich von meinem Platz vertrieben hatten.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. October. Landgraf Friedrich Wilhelm von Hessen ist auf der Fahrt von Batavia nach Singa- pore ins Meer gestürzt und ertrunken.
— Der Tod des Landgrafen Friedrich Wilhelm von Hessen erfolgte laut dem Telegramm des Majors im Generalstabe v. Hugo, welcher den verewigten Fürsten auf seiner Weltreise begleitete, dadurch, daß der Fürst in einem Anfall von Geistesstörung über Bord stürzte. Die Leiche des verunglückten Landgrafen ist trotz der listigsten Nachforschungen bis jetzt noch nicht gefunden, doch hat das Consulat in Singapore Weisung erhalten, die Auffindung derselben zu versuchen. Der Landgraf
war geboren am 15. October 1854 zu Kopenhagen als Sohn des Landgrafen Friedrich und der Landgräfin Anna, einer Tochter des Prinzen Karl von Preußen. Am 14. October 1884, alsso genau vor 4 Jahren, starb Landgraf Friedrich, worauf der jetzt verunglückte Prinz ihm succedirte. Der junge Landgraf, der Major ä la suite der Königlich preußischen Armee und ä la suite des Königlich russischen Dragoner-Regiments Nr. 14 war, trat vor mehreren Jahren eine große überseeische Reise an, von der er nicht mehr zurückkehren sollte. Auf dem Hofmarschallamte zu Philippsruhe traf die Kunde des Trauersfalles gerade am Geburtstage des hohen Verblichenen ein. Der Nachfolger im Alter ist Prinz Alexander, geboren am 25. Januar 1863 zu Schloß Panker in Holstein. Der Trauerfall erregt hier allgemeine Theilnahme.
— In der Londoner Zeitung „Daily News" ist ein Brief der Kaiserin Friedrich an Dr. Mackenzie zu lesen, worin sie ihn von jeder Verantwortung für den vorzeitigen Tod ihres Gemahl freispricht, indem er (Mackenzie) von vornherein das Vorhandensein von Krebs nicht ausdrücklich geleugnet, aber vor einer Operation, weil dieselbe lebensgefährlich und schließlich nutzlos sei, gewarnt habe.
— Ueber die Unterredung des Grafen Bismarck mit dem Papst meldet ein Privattelegramm der „Germania": „Graf Herbert Bismarck's Audienz dauerte anderthalb Stunden; den vatikanischen Journalen ist untersagt, davon zu sprechen. Der Papst setzte die ganze Lage des Papstthums und der katholischen Kirche Preußens auseinander. Es verlautet aus sicherer Quelle, daß | der Papst eine klare und feste Sprache führte wegen der Demüthigung des Papstthums durch Italien vermöge des Dreibündnisses. Die Eindrücke sind überall verschieden, allgemeiner ist der ungünstige Eindruck."
— Die gesammte Auflage der Mackenzieschen Schrift, die bei dem Verleger in Oberhausen durch den Staatsanwalt in Duisburg mit Beschlag belegt worden ist, soll 130 000 Exemplare betragen. 800 Paketsendungen sind dort, 40000 Exemplarebei verschiedenen Buchhändlern in Leipzig konfisziert worden: 2000 Exemplare etwa sollen bereits verkauft worden sein. Die Schrift trägt den Titel„Friedrich der Edle und seine Aerzte". Die Beschlagnahme, gegen die von dem Verleger Spaarmann Rekurs angemeldet ist, soll „wegen Beleidigung des Kaisers" erfolgt sein. Die Professoren v. Bergmann und Gerhardt werden gegen Mackenzie nicht gerichtlich Vorgehen. Auf eine Anfrage an Professor v. Bergmann, was er von der Schrift halte, soll dieser erwidert haben: „Boshafter Unsinn" ;jdas Gerücht, er und Prof. Gerhardt würden gerichtlich einschreiten, haben beide Herrn für ein Reklame-Manöver des englischen Arztes erklärt.
Coburg, 15. Octbr. Ein Prozeß um einen Gegenstand, auf den drei Parteien Anspruch machen, wird demnächst das Gericht hier beschäftigen. In dem Magen einer von einer Händlerin gekauften Gans war beim Schlachten ein 20-Markstück gefunden worden. Die Verkäuferin, welche durch Zufall Kenntniß davon erhalten hatte, kam alsbald zu dem Käufer, einem hiesigen Handwerksmeister, und verlangte die Herausgabe des Goldstückes, das von der Gans verschluckt worden sei, so lange dieselbe noch in ihrem, der Händlerin, Besitz gewesen. Gleichzeitig erhob aber auch der Bauersmann, bei dem die unvermögende Händlerin zur Miethe wohnt, Einspruch gegen die Aushändigung des Fundstückes, weil er das Geldstück auf seinem Hof verloren habe, während er seiner Mietherin gar nicht zutraue, überhaupt ein Zwanzigmarkstück besessen zu haben. Aber auch der Käufer behauptet Anspruch auf seinen Fund zu haben, da er mit der Gans alles, was sie in sich getragen,
erworben habe.
ausgedehntesten Maße an derselben Theil zu nehmen. Die Verpachtung geschieht in der Weise, daß die Waldungen, welche Buchelmast haben, in Loose eingetheilt und in diesen Loosen dem Steigerer die Ernte gegen das von ihm eingelegte Mcistgebot von Bucheln, welche an die betreffende Oberförsterei abzuliefern sind, überlassen wird. Es bietet dies Verfahren die Annehmlichkeit, daß für die Ernte kein baares Geld zu bezahlen ist. Bei der Ernte werden unter den Buchen große Tücher ausgebreitet. In Hiebsreifen Beständen werden die Stämme mit einem schweren Hammer, welcher mit Tüchern umwickelt ist, angeprellt, wodurch die sämmtlichen reifen Bucheln sehr rasch abfallen; in jüngeren Beständen ist das Anprellen der Stämme nicht statthaft und müssen in diesen die Bäume bestiegen und die Aeste geschüttelt werden. Auffallend ist es, daß es nicht überall bekannt zu sein scheint, wie vieles und wie werthvolles Speise- und Brennöl aus den Bucheln gewonnen werden kann. Während die Bevölkerung in einigen Landestheilen sehr eifrig auf die Einerntung der Bucheln zum Oel- schlagen versessen ist, verhält sie sich in anderen hiergegen ganz gleichgültig. Es dürfte deshalb nachstehende Mittheilung von Interesse und deren Weiterverbreitung zu empfehlen sein. Es ist zweckmäßig, die frischen Bucheln, die zum Oelschlagen bestimmt sind, zunächst auf luftigen Böden langsam zu trocknen und sie hiernach bei Zimmerwärme dürren zu lassen. Nach dem Trocknen sind die faulen und verdorbenen Früchte durch Werfen von den gesunden zu scheiden. Will man ein möglichst vorzügliches Oel erhalten, so werden die Bucheln geschält, d. h. von der harten Samenschale befreit. Diese Arbeit verlohnt sich übrigens nicht nur in Rücksicht auf die Qualität, sondern namentlich auch in Rücksicht auf die Quantität des Oels. Das Schälen geschieht am besten durch Dreschen der durch Ofenhitze völlig getrockneten Bucheln und darauf folgendes Schwingen zur Absonderung der Schalen. Die so behandelten Bucheln werden nun auf der Oelmühle ausgepreßt, indem sie zuerst unter die Laufsteine und dann unter die Schlagstampfer gebracht werden. Das frisch gewonnene Buchelöl bewahrt man am besten in steinernen Krügen, gläsernen Flaschen oder auch im Fasse auf. Nachdem es einige Monate an einem kühlen Orte in dieser Weise aufbewahrt worden, muß es durch Abfüllen von dem Bodensatze gereinigt werden. Je öfter dies geschieht und je älter das Oel bei guter Aufbewahrung geworden ist, desto wohlschmeckender wird dasselbe. Um möglichst reines Speiseöl zu erhalten, sammelt man das beim ersten Preßgang erzielte Oel besonders, das Nachfolgende dient zur Beleuchtung und Seifefabrikation. In einem Mastjahre wie das heurige kann gerechnet werden, daß ein Hektar geschlossener Hochwald durchschnittlich 430 kg siebreine trockene Bucheln liefert. Da 100 kg ungeschälte Bucheln 9 kg Oel geben (100 kg geschälte Bucheln geben 13 kg Oel), so kann angenommen werden, daß durchschnittlich von der Buchelernte eines Hektars Wald nahezu 40 kg Oel gewonnen werden können. Zu wünschen ist, daß die Bevölkerung überall, wo Gelegenheit geboten ist, sich an den Verpachtungen betheiligt und sich so ohne Aufwendung von Geldmitteln für Jahre hinaus für einen Vorrath trefflichen Speise- und Brennöls sorgt. Der lieben Jugend, welche zum Lesen der Bucheln verwendet werden kann, wird die Betheiligung an der Ernte ein besonderes Vergnügen gewähren.
Tages-Ereignisse.
Schlüchtern. Im Hinblick auf die demnächst stattfindende Landtagswahl ist es wohl zeitgemäß, nochmals darauf aufmerksam zu machen, wer zur Theilnahme am Wahlgange berechtigt ist. Der Wortlaut des § 8 der betreffenden Verordnung lautet: Jeder selbständige Preuße, welcher bis zum Wahltage das 24. Lebensjahr vollendet und nicht den Vollbesitz der bürgerlichen Rechte in Folge rechtskräftigen richterlichen Erkenntnisses verloren hat, ist in der Gemeinde, worin er seit 6 Monaten seinen
Darmstadt, 5. Oct. (Buchelma st.) Im ganzen Lande steht eine so reiche Buchelernte in Aussicht, wie sie in diesem Jahrhundert noch kaum dagewesen ist. Da das Ergebniß an Bucheln ein viel größeres sein wird, als der Bedarf an Saatgut, so hat dies der Ministerialabtheilung für Forst- und Cameralverwaltung Veranlassung gegeben, die Forstämter und Oberförstereien anzuweisen, die Ernte thunlichst in Naturalpacht zu ver- „ ............. ^.,.
pachten, um es der Bevölkerung zu ermöglichen, im l wird darauf hingewiesen, daß kleines Geflügel (Reb-
Wohnsitz oder Aufenthalt genommen hat, stimmberechtigter Urwähler, sofern er nicht aus öffentlichen Mitteln Armenunterstützung erhält.
— Ueber die Versendung von Wild mit der Post