SchlüchternerMung
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.40 13. Mittwoch, den 13. Februar. 1889.
Die Aufzucht des Rindes im Simmenthal.
Ueber die Art und Weise der Aufzucht von Jungvieh im Simmenthal und die daraus entstehenden Kosten herrschen bei den Viehkäufern vielfach noch sehr irrige Anschauungen, weshalb die Berner landw. Zeitschrift, an Hand eines Referates des hervorragenden Viehzüchters, Herrn J. I. Rebmann, Präsidenten der bernischen Viehzuchtcommission, welches derselbe während des letzt- jährigen Alpwandercurses im Simmenthal am 27. August 1888 im Rothbad gehalten, einige Mittheilungen darüber macht.
Schon von Geburt an muß dem jungen Kalbe die größte Aufmerksamkeit geschenkt werden. Vorerst muß dafür gesorgt werden, daß das Kalb ein gutes, weiches und reinliches Lager erhalte; das junge Thier muß vorsichtig vor Zugluft geschützt und der Nabel sorgfältig untersucht werden. Ist derselbe entzündet und thut man nichts dagegen, so wird das Kalb, da der Nabel mit der Leber in Verbindung steht, leicht „gammig" (bänderig, Wasser in den Gelenken). Sobald irgendwie eine Entzündung des Nabels vorhanden ist, muß derselbe wiederholt mit kaltem Wasser gewaschen werden. Zeigt sich Eiterung, so muß dieselbe durch Auflegen erweichender Mittel befördert werden. Später wird die Eiterstelle aufgeschnitten und täglich mehrmals mit einer '/rprocen- liger Karbolsäurelösung gewaschen, um die Entstehung und Uebertragung schädlicher Krankheitsstoffe zu vermeiden.
Endlich ist bei dem jungen Kalbe durch entsprechende Behandlung der Durchfall (Diarrhöe) sorgfältig zu verhüten. Vorerst soll man von der ersten Muttermilch (Brieschmilch, Bießmilch, Cvlostrummilch) möglichst wenig geben, höchstens '/» Liter. Am zweiten Tage erhält das Kalb 2 Liter reine Muttermilch, am dritten Tag 4 Liter. Dann steigt man allmählig, bis es am zehnten Tage 8 Liter täglich bekommt. Nach 15 Wochen erhält das Thier keine Vollmilch mehr, sondern dieselbe wird mit Wasser verdünnt. Anfänglich ist der Wasserzusatz noch ein geringer, derselbe steigert sich aber immer mehr und mehr, während umgekehrt das verabreichte Milchquantum stets abnimmt, bis dasselbe nach 22 bis 26 Wochen nur mehr 2 Liter täglich beträgt; dann wird keine Milch mehr verabreicht, denn das Thier kann nun Heu und Gras fressen. Die Periode des Milchentzuges und der Entwöhnung ist die schwierigste Zeit für das Kalb. Bei schlechtem Futter wird dasselbe leicht blutarm. Wenn es dann lausig wird, wie es in diesem Aller nicht selten vorkommt, so ist dies nur eine Folge der Blutarmuth, der mangelhaften Ernährung. Aus diesem Grunde muß mit der Abnahme an Milch ein Zusatz von gebrochenem Hafer gegeben und zwar muß derselbe jeweilen fnsch gebrochen werden; deshalb sollte eine solche Brechmaschine an Ort und Stelle sein. Frisch gebrochener Hafer ist gesünder, kräftiger und wird vom Thiere lieber ausgenommen, als lange im Voraus gebrochener.
Beim männlichen Thiere (dem jungen Stierkalb) weicht das Aufzuchtverfahren insoweit wesentlich ab, als man demselben ein größeres Milchquantum verabreichen und länger Milch geben muß. Bis zur zehnten Woche wird das Milchquantum nicht erhöht, täglich erhält es während dieser Zeit 8 Liter Vollmilch, von da an 10 Liter, bis das Thier 6 Monat alt ist. Von da an gebe man nur halbe Milch (abgerahmte Milch) und Sirte (Käsmilch), füttere gebrochenen Hafer bei, bis zum Alter von 9—10 Monaten; dann wird das Kalb entwöhnt, stets aber Hafer beigefüttert, der trocken (als G'läck) gegeben wird.
Vom ersten Lebensjahr an gab man früher das schlechteste Futter, was aber ein Fehler ist, denn in dieser Periode des schnellsten Wachsthums muß das Thier auch gut ernährt werden. Beim Dürrfulter verabreiche man nur gutes Heu oder gut eingebrachtes Emd und auf Der Weide weise man ihm die besten Plätze an. — Auch im zweiten Lebensjahre ernähre man das Zuchtkalb gut, dagegen darf man ihm im Winter des zweiten Jahres etwas geringeres (aber nicht verdorbenes) Futter verabreichen. Bei den weiblichen Thieren ist es sogar besser, wenn die Ernährung um diese Zeit eine etwas kärglichere ist, weil sie dann um so leichter trächtig werden.
Die weibl. Thiere (Maischriuder) dürfen nicht immer
sofort nach dem ersten Rindrigwerden zum Znchtstiere gelangen; denn werden sie zu früh belegt, so bleiben sie in der Entwickelung zurück. Vor dem zweiten Altersjahre sollte kein Rind zum Stier geführt werden. Die Zeit kurz nach dem zweiten Jahre ist die beste Beschäl- zeit; in diesem Falle kalbt das Thier im dritten Jahre.
Im Simmenthal, wo man gutes Rassenvieh hat, wird jedes Kalb aufgezogen, mit Ausnahme der miß- farbigen, so z. B. ganz weiße Thiere. Diese werden ausgemerzt, dagegen alles andere fortgezüchtet. Dennoch genügt die Nachzucht nicht, den Absatz nach Auswärts zu compensiren. Deshalb behält sich jeder Simmenthaler Züchter vor, wenn er ein trächtiges Rind oder eine Kuh in das Unterland des Cantons Bern verkauft, daß ihm das Kalb im Alter von 14 Tagen zurückgeliefert werde. Außerdem wird eine große Zahl von Kälbern im unteren Theile des Cantons Bern (bis nach Langen- thal hinab) aufgekauft und werden Preise bis zu 100 Fr. für ein 14 Tage altes Kalb bezahlt. Diese Theilung der Arbeit, daß sich der untere Cantonstheil auf die Milchviehhaltung, die Alpengegenden dagegen auf die Aufzucht verlegen, ist sehr zweckentsprechend, jedoch sollte man die Sache so organisiren, daß das Unterland die Kälber bis zum Alter von 3 Monaten behält, damit eine Beurtheilung des Thieres, ob dasselbe zur Zucht geeignet ist oder nicht, besser möglich ist. In dem jugendlichen Alter von 14 Tagen ist eine solche Beurtheilung noch sehr vag, weshalb bei diesem Zulauf manches geringe Stück mitbezogen wird.
Schneeverwehungen und Verkehrsstockungen.
Fast aus allen Theilen des Reiches kommen Nachrichten über heftige Schneestürme und dadurch hervorgerufene schwere Verkehrsstörungen. Die Postverbindungen sind fast überall erschwert, so daß die Briefe ; und Zeitungen heute durchgängig mit erheblicher Verspätung anlangten. Von den zahlreich einlaufenden Nachrichten über Verkehrsstockungen theilen wir nachstehend einige mit:
Weißenfels, 9. Februar. Das Königliche Betriebs- Eisenbahnamt Erfurt giebt bekannt: Der Zugverkehr auf der Strecke Golha-Ohrdruff ist wegen Schneetreibens bis aus Weiteres eingestellt. Auf der Strecke Langen- salza-Leinefelde ebenfalls Wiedereröffnung des Verkehrs unbestimmt.
Chemnitz, 9. Februar. Der Schneesturm der vergangenen Nacht hat zahlreiche Verkehrsstörungen hcrbei- geführt. Der gestern Abend fällige Berliner Zug ist heute früh i/s3 Uhr hier eingetroffen; beide Leipzig- Dresdener Linien sind zum Theil verweht, zwischen Doebeln und Oschatz steckt ein Zug im Schnee.
Aachen, 9. Februar. Außer der englischen Post ist auch die heutige Berliner Post wegen Schneesturms ausgeblieben. Der Frühzug von Malmedy steckt bei Sourbrodt im Schnee.
Augsburg, 9. Februar. Durch anhaltenden Schneefall und orkanartige Schneewehen sind bedeutende Verkehrsstörungen eingetreten, sämmtliche Posten aus dem Norden und Westen sind ausgeblieben.
Cassel, 9. Februar. Der Bahnverkehr Caffel-Berlin via Kreiensen und via Nordhausen ist durch Schneeverwehungen arg gestört, theilweise mußte er ganz unterbrochen werden. Die Bahnstrecken Leinefelde- Mülhausen und Cassel-Waldkappel sind gänzlich gesperrt. Von Cassel nach Waldkappel konnte seit gestern Nachmittag schon kein Zug mehr verkehren.
Cassel, 9. Februar. In ganz Mitteldeutschland ist kolossaler Schneefall eingetreten, die Verkehrsstörung ist andauernd. Alle Bahnlinien, insbesondere die aus Thüringen, Westfalen und Rheinland kommenden, sind unterbrochen. Sämmtliche Nachmittags- und Abendzüge find ausgeblieben.
Cassel, 9. Februar. Auch auf der Hannoverschen sowie auf der Main-Weserbahn ist der Verkehr unterbrochen. Der Hamburger Nachtschnellzug ist erst Mittags, der Frankfurter Mittagsschnellzug bis heut Abend nicht eingetroffen. Hinter Göttingen besonders sind Schneeverwehungen, mehrere Züge liegen dort fest, es wird alles aufgeboten, die Strecken freizumachen, aus Göttingen ist Militär requirirt worden.
Deutsches Reich.
Flensbnrg, 8. Februar. Von einem sehr traurigen Geschick ist ein Landmann in dem Dorfe Erinnertest bei Hoher, wo gegenwärtig die Diphtherilis stark auftritt, betroffen worden. In einem Zeitraum von 48 Stunden raffte nämlich diese Krankheit fünf seiner Kinder dahin. An einem Tage wurden die fünf Leichen zu Grabe getragen. Ein sechsstes Kind liegt noch schwer krank darnieder.
Halle, 9 Febr. Der Schneesturm von gestern und heute ist die Veranlassung zu einer furchtbaren Katastrophe geworden, die sich heute Vormittag in unmittelbarer Nähe unserer Stadt, zwischen den Stationen Niemberg und Stumsdorf der Eisenbahnlinie Halle- Magdeburg, ereignet hat. Zwecks Freilegung der Gleise von den aufgehäuften Schneemassen war heute Vormittag von hier aus unter Führung eines hiesigen L>chachtmeisters ein Arbeiterzug mit etwa 75 Arbeitern nach jener Strecke befördert worden, der aus Betriebs- rücksichten auf dem anderen als dem üblichen Gleise fuhr. Jrrthümlich waren nun an Ort und Stelle die Insassen nach der verkehrten Seite ausgestiegen und kaum hatten die Leute den Zug verlassen, als der fahrplanmäßig 10.50 Uhr, heute aber, der Verkehrsstockung halber, wesentlich später abgehende Personenzug auf dem anderen Geleise nach Magdeburg herankam und mitten in den Menschknäuel hineinfuhr. Sechs Arbeiter wurden getödtet, acht Arbeiter schwer und einige leicht verletzt. Die Verwundeten wurden sofort in die Klinik der Universität nach Halle geschafft. Die Untersuchung des bedauerlichen Unfalles ist sofort durch einen Vertreter des Vorgesetzten Betriebsamtes eingeleitet worden. — Die Leute waren zumeist heute früh erst hier angeworben; es sind zum Theil Halle'sche, zum Theil fremde u. A. polnische Arbeiter. Alsbald nach Bekanntwerden des Unglücks sammelten sich auf dem Bahnhöfe Angehörige der betheiligten Arbeiter, besorgt nach dem Schicksal der Ihrigen fragend. Die Hauptschuld an dem Unglück soll den mit Führung der Arbeitertruppe von dem Unternehmer beauftragt gewesenen Aufseher treffen, da derselbe das Aussteigcn auf der Halle'schen Seite veranlaßt hat. Der Betreffende ist selbst todt auf dem Platze geblieben. Von den schwer Verletzten starben schon bald nach der Einlieferung in die hiesige Universitätsklinik noch drei. Der Anblick des Unglücksortes ist schlimmer als der eines Schlachtfeldes gewesen. — Des Weiteren wird noch gemeldet: Als der Zug hielt, öffneten Arbeiter und einer der drei mitgefahrenen Schachtmeister, Namens Gutsche (gebürtig aus Berkheim im Kreise Melsungen), gegen die ihnen ertheilte Jnstruction die Thüren eines Wagens und stiegen aus, ohne die Warnungsrufe eines Bremsers zu beachten. In demselben Augenblicke brauste der Personen- zug heran und fuhr mitten durch die auf demselben Gleis stehenden Menschen hindurch, Alles zermalmend, was in dem Wege war. Zwei Bremser waren, als sie den verspäteten Zug herankommen sahen, sofort von ihren Sitzen gesprungen und versuchten die Aussteigenden zurückzuhalten, sie wurden ein Opfer ihrer Pflichttreue. Das ganze Unglück ist lediglich dem Uebereifer des Schachtmeisters Gutsche zuzuschreiben, der mit seinen Leuten der Erste auf dem Platze sein wollte; das Zugpersonal hat gemäß seiner Jnstruction gehandelt, ihm ist nicht der geringste Borwurf zu machen. Der Sturm war so heftig, daß man das Herannahen des Zuges nicht hören und sehen konnte; geschehen ist das Unglück kurz vor 11 Uhr Vormittags.
Mainz, 6. Februar. Der erst in dem Alter von 22 Jahren stehende Kammerunteroffizier L i e r s vom 3. brandenburgischen Fußartillerieregiment hat sich gestern in der Bauhofskaserne hier mittelst eines Gewehres erschossen. Nach einer Version soll das Motiv zu dem Selbstmord Liebeskummer, nach einer anderen Unregelmäßigkeiten im Dienste sein.
Mannheim, 6. Febr. Heute Morgen um 4 Uhr wurde auf dem Bahnhof zu Käserthal einem Bahnwärter ein 21/a Pfund schwerer Stein in die Seite geworfen, so daß der Mann besinnungslos zusammenstürzte. Die Thäter durchsuchten ihn sodann nach Geld und legten ihn schließlich auf das Bahngeleisc. Verdächtig sind zwei Handwerksbursche, nach welchen eifrig gefahndet wird.