SchWernerMtung
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M 14.
Samstag, den 16. Februar.
1889.
Vom anständige» Sprechen schreibt die „Social-Corrcspondenz": „Anständiges Sprechen fordert die Pflicht im Verkehr mit Menschen und auch die Achtung von unserer Muttersprache, von der Max von Schenkendorf fingt:
„Sprache schön und wunderbar, Ach, wie klingest du so klar,
Will noch tiefer mich vertiefen
In den Reichthum, in die Pracht."
Das Sichgehenlassen im Sprechen auch selbst vor Freunden verräth immer eine gewisse Mißachtung der hcilsamenLebensordnungen und steht im schroffen Gegensatz zu der peinlichen Sorgfalt, die für die Erlernung der Muttersprache in der Schule und sonst für die rechte Handhabung derselben verwendet wird. In den Kreisen ungebildeter Volksschichten wäre dasselbe weniger anstößig, obwohl im Norden unseres Vaterlandes die correcte Aussprache auch unter den niederen Classen des Volkes einen überaus wohlthuenden Eindruck macht. Aber leider ist dieses Sichgehenlassen im Sprechen eine nationale Schwäche geworden und auch selbst in den Kreisen zu bemerken, die doch beim Erlernen fremder Sprachen gewohnt sind, jeder Silbe mit zwingender Nothwendigkeit gerecht zu werden. Nun wird Niemand verlangen, daß derCharakter eines provinziellen DialectS und selbst die immerhin noch originell gefärbte Dorf- sprache verwischt werden soll, denn diese gehören zur Poesie unsere# Volkes und sind gewiß wichtig zur Erhaltung dex Naivetät. Aber wenn auch in gebildeten Kreisen die Verunglimpfungen an Wörtern und Silben so gangbar sind, daß sie nichts Auffällige- mehr haben und überall ohne Bedenken gebraucht und hingenommen werden, und daS ganze Register, wie z. B. „da hammersch" statt „da hahen wir's," „giebsm doch, mer wollnen doch reirufets, ich habsm ufn Bahnhof gegem (gegeben), fiffe och, dp sannste mich sehn, nu ähm" rc., zusammengestellt werden t^^en, so kann Denen, die berufen sind zur Pflege dieses Nationalheiligthums, ein nicht geringer Schreckest Hejlommen. Mancher denkt wohl, um der Gemüthlichsrjt und um der Popularität vor einfachen Leuten tilgen in ordinärer Aussprache sich als „gemeinen" Mann geben zu müssen; aber auch der einfachste Mann verlangst das nicht, und oft vermag ein einziges schlecht ausgesprochenes Wort den Schein der Vornehmheit und Bildung stiebt zu vernichten, als ein orthographischer Fehler in einem Briefe, der sonst durch Stil und die ganze Darstesising den unangenehmen Eindruck vergessen läßt. Aber dapon abgesehen: das anständige Sprechen ist noth- wendjg ql» ein wichtiges Mittel der Erziehung. Die Gewöhnung, in einer gemeinen Aussprache zu reden, wird nicht dazu beitragen, den Menschen zu heben, am allerwenigsten in den aufwachsenden Kindern einen höhern Zug zu erhalten. Desto unverantwortlicher ist es aber, wenn auch Männer, deren Beruf es ist, die gedeihliche ' Erziehung auf ersprießliche Höhe emporzu- hcben, sich ganz ausfallend, ja oft ganz geflissentlich gehen lassen, wenn Lehrer, die eben in derSprachstunde auf gyte Aussprache und Erlernung gedrungen haben, hernach in der Rechenstunde flottweg mitzählen: siem vierzn, neinzn, rc., wenn Geistliche und Beamte rc., die doch sonst in gewählter Rede zu sprechen haben, in gar gewöhnlicher Aussprache sich verlieren. Was wird denn auch gewonnen mit solcher üblen Behandlung unserer Sprache? Es kostet wahrlich nicht mehr Anstrengung, richtig zu sprechen, als in widerlicher Nachlässigkeit Worte und Laute ungebührlich zusammenzuziehen. So mag die Mahnung wohl am Platze sein, auch im Spre- chen die Ehre unserer deutschen Muttersprache und damit h unser theureS Vaterland hochzuhalten.
Deutsches Reich.
| Berlin, 12. Februar. Unser Kaiser begab sich gestern Mittag nach der Frühstückstafel, zu welcher u. A. der Justizminister Dr. v. Schelling nebst Gemahlin geladen tonten, zu Schlitten in Begleitung des dienstthuenden Flügeladjutanten nach Spandau, ließ dort sofort nach s Eintreffen die gefammte Garnison alarmiren und leitete P^dann persönlich eine kurze Gefechtsübung zwischen dem 4. Garderegiment und der Schießschule. Nach Beendigung derselben nahm der Kaiser an der Stresow- h »«ferne den Vorbeimarsch der gesammten Spandauer Garnison ab und entsprach alsdann einer Einladung deS Dfftciercorps des 4. Garde-RegimentS zur Mittagstafel.
Abends fand im Kö ügl. Schlosse kleinere Theegesellschaft .statt, zu welcher u. A. auch Hauptmann Wißmann mit einer Einladung beehrt war.
— Ihre Majestät die Kaiserin Augusta ertheilte gestern dem Instizminister Dr. v. Schelling, sowie dem österreichischen Militärbevollmächtigten, Oberst v. «Stet» ninger Audienz und stattete heute dem Prinzen Georg von Preußen (geb. 1826) zu dessen Geburtstagfeier einen Gratulationsbesuch ab.
— Der Reichstag beschäftigte sich am Montag mit dem Antrag Bebel auf Abschaffung der Getreidezölle. Da sich auch die nationalliberale Partei gegen den Antrag erklärt hat, so steht seine Ablehnung mit großer Mehrheit für später bevor. Am Dienstag trat der Reichstag in die dritte Berathung des ReichshauS- Haltsetats ein.
Kiln, 10. Februar. Der. bestbesoldete Beamte derStadt Köln soll, wie in der Finanzkommission und in der Stadtverordneten - Versammlung gesprächsweise geäußert wurde, der Verwalter des Friedhofes zu Melaten sein. DaS Einkommen desselben aus den Gebühren für die Beerdigung der Leichen, Unterhaltung der Gräber, Herstellung der Fundamente für Denkmäler rc wird auf 36—40,000 Mk. geschätzt.
Karlsruhe, 10. Februar. (Ein kaum glaublicher Fall dou Eitelkeit.) Die Ladnerin eines hiesigen Geschäft» wollte bei einer Unterhaltung mit ihren kleinen Füßchen paradiren und schnitt sich, um in den Stiefel zu gelangen, ein Stückchen des ihr zu lang erscheinenden Gliedes ab, verband dasselbe und schlüpfte rasch in daS Stiefelchen: - der Fuß paßte jetzt dazu. Doch so einfach die Sache bisher war, um so schlimmer ward sie einige Zeit darauf. Daß der Fuß sich nicht so ruhig verhielt, wie sich'S daS Fräulein dachte, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, denn heute liegt sie unter heftigen Schmerzen im Krankenhause.
AuS dem värttt. Allgil«, 10. Februar. (Jagd.) In unseren süddeutschen Forsten ist der stolze König der Lüfte, der Adler, nachgerade eine seltene Erscheinung geworden. Es verdient daher als besondere- Jagder- eigniß verzeichnet zu werden, daß in unserer nächsten bayerischen Nachbarschaft der Oberjäger Leo Dorn von Hindelang in den letzten Wochen nicht weniger als 3 dieser Thiere erlegt hat.
Aus Oberbayer«, 12. Februar. (LiebeSdrama.) Der Sternberger See und dessen Umgebung scheint auf Selbst- mordcandidaten eine unheimliche Anziehungskraft auSzu- üben. Bereits haben eine Reihe von Lebensmüden in den Wellen unseres schönen Bergsees den ersehnten Tod gefunden. Gestern hat in dem Orte Leoni am See der Forstadjunkt Landgraf versucht, sich und seine Geliebte, die Tochter deS Rentbeamten Graf in München mittels eines Revolvers zu tödten. Beide leben noch, doch soll wenig Hoffnung vorhanden sein, sie am Leben zu erhalten. Landgraf hat vier Kugeln im Kopfe.
TageS-Ereignisse.
Schlächtern, 15. Februar. Herr Lehrer I o st an der hiesigen Stadtschule wird mit Ostern d. I. in den Schuldienst der Stadt Frankfurt a. M. treten.
— Achtung beim Geldnehmen! In letzter Zeit ist in Berlin vielfach der Fall vorgekommen, daß Fünffrankenstücke (4 Mark) als Fünfmark- stücke und G u l d e n st ü ck e (etwa 1 Mk. 65 Pfg.) als Zwei Markstücke in Zahlung gegeben wurden. Daß man es hierbei zum großen Theile mit einer ab- sichtlichen Täuschung zu thun hat, beweist u. A. daS Vorkommen eines Falle» in einem Geschäfte der Potsdamer Straße, wo am Donnerstag ein Mann einer solchen Manipulation überführt wurde, der einen ganzen Vorrath von Fünffrankenstücken und Guldenstücken bei sich trug. Da ermittelt wurde, daß er in drei benach- harten Geschäften, wo er je eine Kleinigkeit gekauft, die minderwerthigen Geldstücke als höherwerthige in Zahlung gegeben, so erfolgte seine Festnahme. — Da bei einer hiesigen Kassenstelle in den letzten Tagen ebenwohl mehrfach 5 Frankenstücke und Guldenstücke untergezählt worden sind, so wird daS Publikum auf diese Vorkommnisse aufmerksam gemacht und Vorsicht beim Empfang von dergleichen Münzen angerathen.
— Falsche Hundertmark-ReichSbanknoten sind, einer Meldung der „Telegr. Viehm.« Berichte" zufolge in Verkehr gebracht worden. Man nimmt an, daß die falschen Banknoten mit Hilfe der Photographie von auf
galvanischem Wege hergestellten Platten gedruckt sind. Die Fälschung soll täuschend und für ungeübte Augen nur durch Nebenhalten eines echten Scheines erkennbar sein. Die Falsifikate unterscheiden sich von den echten Scheinen augenfällig dadurch, daß ihnen das Wasserzeichen fehlt und ihre Farbe fast weißlich-grau statt hellblau ist. Als besondere Merkmale zum Erkennen der falschen Banknoten werden ferner angegeben: 1)Die Buchstaben der Strafandrohung unter dem rothen Con- trolstempel sind etwa» zusammengedrängt und größer als auf den echten Scheinen. Die blaue Färbung der Vorder- und Rückseite ist Heller. 2) Die am oberen Rande der Kehrseite eingedruckten Ziffern sind größer als bei den echten Banknoten und braunroth statt hellroth. Auf der Vorderseite ist der Druck der Strafandrohung schlecht und der des Adler- undeutlich; die rothen Nummern auf der Rückseite sind nicht aufgedruckt, sondern mit dem Pinsel aufgetuscht. Die Nummern der Falsifikate sind nicht gleichlautend, sondern verschieden. 3) Unregelmäßige Lithographie und ungenauere Ausführung der Schraffirungen, Muster und Reliefs. Der obere KreiSzierstrich in dem H bei dem Worte Hundert ist in den Falsifikaten beinahe zirkelrund, bei den echten Reich-banknoten oval. DaS R in Reichsbank ist bei den nachgemachten Scheinen mehr hoch als breit, bei den echten daher umgekehrt, mehr breit als hoch. Der Aufstrich vom r zum K in dem Namen von Koenen ist auf den falschen Banknoten nach außen, also concav, bei den echten nach innen, also convex gebogen.
— (Landwirthschaftlicher Kreis-Verein.) In der am vergangenen Mittwoch im Gasthaus zum Löwen abgehaltenen Februar-Versammlung, welche wegen des starken Schneefalls nicht so zahlreich als sonst besucht war, kam Folgendes zur Verhandlung: Es wurde beschlossen. einen Waggon Saalkartosfeln, sogen, weiße Dabersche Speisekartoffel, per Centner 3 Mk. 50 Pfg. zu bestellen und zur Zeit der Aussaat den Vereinsmil- gliedern zu überlassen, ferner wurde der Verein-vorstand ersucht, sich wegen anderer Saatfrüchte, Roggen, Hafer u. s. w. nach geeigneten Bezugsquellen umzusehen und dieserhalb später Vorschläge zu machen. Wegen künstl. Düngemittel wurde den Mitgliedern die Firma Ferd. Fenner hier empfohlen, welche jede Art Düngemittel bei größeren Quantitäten so billig wie jede Concurrenz liefern könne. Hiernächst hielt Herr Bürgermeister B e r t a - Soden einen sehr interessanten Vortrag über An- und Verkauf von Vieh; derselbe führte u. A. an, daß der Zwischenhändler — Handelsjude — bei An- upd Verkauf nöthig und dem Laudmann wohl mehr Vortheil als Nachtheil brächte, wenn der Landwirth dem handelsgesetzkundigen Viehhändler gegenüber die nöthige Vorsicht niemals außer Acht lasse und auf alle Fälle schriftlichen Vertrag mache. Der Herr Vortragende führte eine Anzahl Beispiele an, wo in Viehhandels- Processen Landleute trotz vermeintlichem Recht unterlegen und große Nachtheile gehabt hätten. Die Versammlung nahm diesen Vortrag mit großem Beifall und Dank auf und beschloß, Kaufverträge für An« und Verkauf von Vieh zu entwerfen und in großer Anzahl drucken zu lassen; dieselben sollen hiernächst an die Bürgermeister vertheilt werden. Weiterer Vortrag in dieser Angelegenheit, sowie über An- und Verkauf von Immobilien rc. wurde in AuSsicht gestellt. — Ueber die Resultate der KreiS-Vieh-VersicherungS-Anstalt referirte Herr Rendant Pfalzgraf. Die Abtheilung „Schweine-Versicherung" hat, so wenig dieselbe in diesem Winter auch benutzt worden, recht günstige Resultate aufzuweisen, von 17 OrtSvertretern stände» die Ergebnisse der Versicherung und erhobenen Prämien noch auS, bei den übrigen sind vom 1. November 1888 biS 1. Februar 1889 345 Schweine versichert, wovon 4 Stück entschädigt werden mußten. Es wird angenommen, daß bei dieser Abtheilung die Anstalt einen Ueberschuß von 100 bis 150 Mk. erzielen werde und daß, wenn die Versicherung eine allgemeine würde, die Prämien weiter ermäßigt werden könnten. Die Abtheilung „Rindvieh-Versicherung" ist bi» jetzt noch nicht eröffnet, indem sich die Hoffnung der Kreisvertretung, daß mindestens 3000 bis 400u Stück zur Versicherung angemeldet würden, nicht verwirklicht hat. Nach einigen Debatten beschloß die Versammlung, den Kreis-AuSschuß zu ersuchen, trotz alledem die Anstalt mit dem 1. April d. J. zu eröffnen und hegte dabei die Erwartung, daß dann der größte Theil