WüchtemerMung
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M 17. Mittwoch, den 27. Februar. 1889.
Die Trunksucht im Krankenhause und in der Strafanstalt.
Vertrag des Pastor Kayser in Bremen am 15. Novbr. II. In der Strafanstalt.
Ich habe versprochen, Sie auch ins Gefängniß zu führen, um Sie mit dem Zusammenhang zwischen Trunksucht und Verbrechen bekannt zu machen. So kommen Sie mit mir im Geiste in eine Zelle der Strafanstalt Oslebshausen. Da steht ein junger Mann, beschäftigt mit RohrkuaSpern. Er ist solche Arbeit nicht gewöhnt, denn er ist eines reichen Mannes Sohn, und man sieht es ihm in seiner Haltung an, daß er zum gebildeten Stande gehört. Sein Vater stammt aus einem andern Welttheil und hat ihm ein großes Erbe an Geld hinterlassen. Ich wunderte mich, wie ich hörte, wie viel Dollars er jährlich zu verzehren hatte. Aber auch noch ein anderes Erbtheil hat er von diesem Vater bekommen: die Trunksucht. Der Vater, so offenbarte er mir in vertraulicher Stunde, hatte sich zu Tode gesoffen, und nun ist der Sohn ein sogenannter Perioden- Sänfer. Man steht es dem schlanken, durch und durch gebildeten, begabten Jüngling nicht an, wenn er seine gute Zeit hat, waS mit ihm von Zeit zu Zeit wird, wenn die Periode deS unmäßigen Trinkens beginnt. In solch einer Periode hatte er ein frevelhaftes Spiel mit falschen Wechseln getrieben, weil er in die Hände von Gaunern gefallen war, die ihn irreleiteten, und dafür ist er auf eine Reihe von Monaten ins Gefängniß gesteckt. Hoffen wir, daß er gebessert dasselbe verläßt! Grade angeerbte Trunksucht ist nicht gering.
Soll ich Ihnen noch erzählen von den drei Männern, die ganz nahe mit einander verwandt sind und alle drei wegen Todtschlags haben sitzen müssen? Der Eine hat in der NeujahrSnacht in einer Schlägerei Einen ge- tödtet. Er ist sonst fleißig und arbeitsam, wird aber als ein rüder Geselle charakterisirt. Wenn er einen genommen hat, dann wird er rauflustig, und in solch einem Zustande hat er die That gethan, die ihn inS Gefängniß brächte. Von den beiden Anderen erzählte mir der Eine: „Wir waren zusammen in einer Schenke und tranken Branntwein, mein Vetter und ich. Da wurden wir angeheitert und gingen nach Hause. Mein Vetter schlug mir vor, wir wollten uns noch einen Punsch machen. Ich ging gern darauf ein. Anfangs war alles herrlich und gut. Da plötzlich, über eine Kleinigkeit, besamen wir Streit. Ein Messer lag auf dem Tische. Ich griff danach und stach es ihm ins Herz."
Aehnlich war die Geschichte des Dritten.
Weniger schrecklich soll sein, was ich Ihnen als letztes aus dem Gefängniß erzählen will. Ich bitte Sie, mir zu folgen in das Zimmer des Herrn DirectorS. Da steht vor deS Letzteren Schreibtisch ein untersetzter, schwächlicher Mann. Dem hat sein Gewissen keine Ruhe gelassen. Von ihm getrieben hat er angefangen, Geständnisse zu machen. Er hat gebeten, vorgeführt zu werden, und beginnt nun, nachdem einmal das Eis gebrochen ist, den einen Diebstahl nach dem andern zu gestehen. Man merkt dem Manne an, wie wohl es ihm ist, daß er alle Last von seiner Seele los wird. Von diesem Wohlgefühl offenbart er immer mehr, fügt eines zum andern mit den Worten: „und dann", „und dann". Er ist ein alter Gewohnheitsdieb, uud es ist keine Kleinigkeit, ihm seine Beichte abzunehmen, denn sie dauert stundenlang. Ich will Sie nicht mit Einzelheiten aufhalten; nur das will ich erzählen, was unserem heutigen Zwecke dienlich ist. Er schildert das Leben von Leuten seiner Art folgendermaßen: „In der X-Straße" — ich will keinen Namen nennen - „steht eine Schenke. Da wird nichts anderes als Schnaps getrunken. Diese Schenke ist der Ort unserer Zusammenkünfte. Wir liegen da den ganzen Tag. Wer Geld hat, giebt es aus, und der Schnaps macht die Runde, so lange es reicht; auch die Wallbrüder und Wallschwestern — so nennt er, Sie wissen wohl wen? — stellen sich ein. Sie können sich denken, wie es da hergeht. Die Frauenzimmer sind noch schlimmer als die Männer. Wenn das Geld alle ist, so wird darüber berathen, wo und wie man welches bekommen kann. Die Einen betteln es in den Häusern der Stadt unter allerlei lügenhaften Vorwänden. Die Andern, sobald die Dunkelheit ein- gebrochen ist, gehen aus um zu stehlen, wo sie etwas
finden können. Da hat z. B. Einer eine ganze Menge Wäsche von der Leine genommen in einem Garten. Als einige seiner Genossen des Weges daher kamen, warf er sie an die Erde, daß es aussah, als hätte er sie in demselben Augenblick an der Erde gefunden. Das konnten sie denn nöthigenfalls beschwören. Dann gingen alle drei mit dem Gefundenen in ein ihnen bekanntes HauS, wo sie es verwertheten. Sie bekamen für den ganzen Haufen Wäsche 70 Pfg. Der sie von der Leine genommen hatte, besam davon 40 Pfg., die beiden Andern jeder 15 Pfg. Natürlich ging das Geld unverzüglich in Form von Schnaps wieder durch die Kehle.
Bedarf eS noch, verehrte Versammlung, eines Beweises, daß Trunksucht und Verbrechen zusammenhängt? DaS letzte Beispiel zeigt, daß das Trinken auch zum Stehlen führt und das Stehlen wieder in Trinken endigt, — ein unheilvoller Kreislauf! Das zweite Beispiel beweist, daß der Schnaps den Menschen zum Mörder und Todt- schläger macht. Und das erste Beispiel zeigt uns, daß der Mißbrauch geistiger Getränke den höheren, gebildeten Ständen nicht weniger gefährlich ist als den niedrigern und ungebildeten.
Wer wollte da leugnen, daß es Pflicht ist für Jeden, der seine Mitmenschen lieb hat, alles zu thun, um solch einen Feind des Menschengeschlechts unschädlich zu machen? Es wird keine unfehlbare Methode dazu geben, durch die alle anderen ausgeschlossen wären. Im Gegentheil wird man zugeben müssen, daß hier viele Wege zum Ziele führen. Mögen die Einen, wie in Amerika, England und auch zum Theil in der Schweiz die Losung ist, völlige Enthaltsamkeit predigen, — mögen die Andern sagen: nein! aber Maß halten, Mäßigung im Genuß sei das Panier, — mag der Eine sagen: den Einzelnen muß man zu retten suchen, und der Andere: nein! man muß auf die Gesammtheit wirken, Einfluß auf die Gesetzgebung üben, Volkssitte und Volksanschauung bessern, den Branntwein durch andere Getränke verdrängen und was dergleichen mehr ist: — uns dünkt, alle diese Mittel sind recht und thun dem Feinde Abbruch und sollen daher angewendet werden. Jeder wende das an, was ihm am besten zusagt.
Der Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke hat den Wahlspruch „Mäßigung" erwählt. Wohlan, wir wollen ihm ein hohes Vorbild vor Augen stellen. Deutschland hat schon einmal einen Kaiser Friedrich III. gehabt. Er regierte von 1440 bis 93, und war der Gründer des ersten Mäßigkeitsvereins. Er hat diesem Verein oder richtiger Orden auch ein äußeres Abzeichen gegeben, das er selbst bei feierlichen Gelegenheiten trug. Es bestand aus vier Kanonen, welche so zusammengestellt waren, daß sie Kreuzesform bildeten. In der Mitte dieses Kreuzes war ein Marienbild. An dessen unterem Ende befand sich ein Vogel Greif, der hatte in seiner Klaue einen Zettel, auf welchem stand geschrieben: „Halt Maß!"
„Halt Maß" — das sei auch unsere Losung. Wenn wir die Leute bewegen können, dieser Losung zu folgen, so ist unseres Vereins Aufgabe erfüllt. Um aber zu diesem Ziele gelangen zu können, dürfen wir allerdings in Einem uns kein Maß setzen, nämlich in der Liebe zu unseren Mitmenschen und in unserm thatkräftigen Wirken für sie.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Februar. Deutschland wird in Washington die Bestrafung deS Amerikaners Klein beantragen, welcher bekanntlich die aufrührerischen Samoaner gegen die deutschen Marinesoldaten führte, sie zum Kampfe an- feuerte und schließlich sich selbst in hervorragender Weise an demselben betheiligte. Die „Köln. Ztg." bringt hierzu folgende Meldung aus Berlin: Nachdem Klein in San Franzisko angekommen und mithin in den Bereich der Gerichtsbarkeit der Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist, wird die deutsche Regierung sofort bei der amerikanischen Regierung die Verhaftung und Bestrafung dieses Verbrechers beantragen. Die amerikanische Regierung habe die beste Gelegenheit, an einem sehr klar liegenden Einzelfalle zu beweisen, wie weit sie gewillt ist, Recht und Gerechtigkeit einem ihrer Staatsangehörigen gegenüber zu schützen, der sie auf das Schmählichste verletzte.
— Wie der „Post" aus Kiel berichtet wird, wird die Kaiserin Friedrich aus England eine Geburtshelferin
für das in der Familie des Prinzen Heinrich von Preußen zu erwartende frohe Familien-Ereigniß mitbringen.
Hamburg. In Hamburg ist am Sonnabend Vormittag der Raubmörder Dauth hingerichtet worden. Dauth hatte vor der Exekution das Abendmahl empfangen und starb ruhig und gefaßt.
Weißenfels. Demnächst soll hier folgende Streitfrage zur Entscheidung gebracht werden: Ein Naumburger Fleischer kauft auf dem Lande eine Kuh, die ihm der Verkäufer selbst zur Stadt treiben soll. Auf dem Weg nach Almrich stürzt das Thier und kann nur mit Mühe nach dem Dorf gebracht werden, wo es verendet, bevor der schnell herbeigerufene Fleischer dorthin kommt. Die Frage ist nun: Wer bezahlt die Kuh? Der Fleischer oder der Landwirth?
Tages-Ereignifse.
Schlächtern. (Die Heilung der Lungenschwindsucht.) Zahllos sind die Opfer, welche die Lungenschwindsucht alljährlich, ja jeden Tag fordert. Sie ist nicht allein die „Krankheit der Arbeiter", sie eilt von der Hütte in den Palast und pflanzt in zahllose menschliche Körper ihre verderbenbringenden Keime. Die ärztliche Kunst hat zwar auf diesem Gebiete manche Erfolge erzielt, ein wirkliches Heilmittel wurde dagegen bis jetzt nicht gefunden. Wie wir indessen schon vor einiger Zeit berichtet haben, soll es einem Berliner Arzt, Namens Weigert, gelungen sein, ein Heilverfahren der Schwindsucht in vielen Fällen mit Erfolg in Anwendung gebracht zu haben. Die Sache hat nicht allein in Laienkreisen, sondern auch bei den Aerzten großes Aufsehen erregt, da sie bei aller Einfachheit auf wissenschaftlicher Grundlage beruht und vielen Kranken schon Linderung gebracht hat. Ueber dieses Heilverfahren durch Einathmung heißer trockn er Luft hat vorgestern, wie aus Halle der „F. Z." telegraphisch gemeldet wird, im dortigen Aerzteverein Professor Koll- schütter einen Vortrag gehalten; damit ist das Verfahren von maßgebender ärztlicher Seite sanktionirt. Der Redner demonstrirte mit einem von ihm nach der Methode erfolgreich behandelten Patienten am Weigert'schen Schwindsuchts-Heilapparat. Er wies die Richtigkeit der theoretischen Deductionen des Erfinders nach und consta- tirte, daß thatsächlich bis zu 180 Grad Celsius erhitzte Luft ohne Schädigung und Unbequemlichkeit von Schwindsuchtskranken eingeathmet werden könne, ferner daß durch diese Eiuathmungen eine sukzessive Ertödtung der Tu- berkel-Bazillen möglich und daß, seiner Ansicht nach, die neue Methode der ausgedehntesten Versuche seitens der Mediciner würdig sei. Die Details, welche er bezüglich der rapiden Besserung in dem Befinden des von den Aerzten bereits vollständig aufgegebenen Patienten in seinen Vortrag einfließen ließ, erregten förmliche Sensation bei den Hörern, unter welchen sich sämmtliche Professoren der medicinischen Facultät befanden.
— Unserer heutigen Nummer liegen bei: ein Prospect des Herrn F. C. H e i n e m a n n, Hoflieferant in Erfurt, und eine Empfehlung von vorzüglichen Kartoffelsorteu der Firma Ferd. Fenner, hier, worauf wir unsere Leser hiermit aufmerksam machen.
— Vergebung von BahnhofSrestaurationen. Aus Anlaß eines Spezialfalles hat sich der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten dahin ausgesprochen, daß die Vergebung von Bahnhofs-Restaurationen — durch die betreffenden kgl. Elsenbahn-Betriebsämter — zwar nicht lediglich nach dem Meistgebot erfolgen, vielmehr vor Allem darauf gesehen werden soll, daß der Bewerber Sicherheit für eine geschäftskundige, den Interessen der Verwaltung und des Publikums entsprechende Führung der Restauration bietet. Von diesem Gesichtspunkte au« sei daher auch die Zurückweisung von Angeboten, welche erheblich und offenbar den Pachtwerth der betreffenden Restauration überschreiten, gerechtfertigt, wenn der zu hoch bemessene Pachtbetrag entweder zu ZahlungS- schwierigkeilen seitens des Pächters und Verlusten für die Verwaltung führen würde, oder doch befürchten lasse, daß der Pächter zur Verabreichung minderwerthiger Speisen und Getränke verleitet werden könne. ES dürfe jedoch anderseits bei Vergebung von Bahnhofs- Restaurationen nicht nach Willkür verfahreu werden, vielmehr müsse die Nichtberücksichtigung des MehrgebotS