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Künstler und Däumling.
Der vor ein paar Tagen in Düsseldorf verstorbene Maler Joh. Wilh. P r e y e r , dessen „Stillleben" in den Gemäldesammlungen moderner Meister zu den geschätztesten Ksbinctsstücken gehören, halte bekanntlich nur die Größe fast eines Däumlings. Ein Zwerg im verwegensten, d. h. niedlichsten Sinne des Wortes, ein wohlproportionirter Mensch im verjüngten Maßstabe, ohne jedwedes Mißverhältniß einzelner Körpertheile zum Ganzen, wie solches meistens bei Zwergen vorkommt, war Preyer in seinen jüngeren Jahren auch ein sehr hübscher Mensch. Schon hoch in den Zwanzigern, sah er mit seinem blühenden, frischen und völlig bartlosen Gesichtchen aus wie ein schlank gewachsener Knabe von höchstens 8 Jahren. Jeder, der ihn nicht kannte, mußte ihn für einen solchen Halten, zumal auch die Stimme dünn knabenhaft klang und die Kleidung — das schwarze, kurze Sammetröckchen mit dem übergeschlagenen weißen Hemdkragen, auf den das glattgescheitelte Haar herab- fiel — diese Täuschung noch vollständiger machte. — Eines Tages kam Preyer, erzählt die „Magd. Ztg.", von Düsseldorf nach München, um die dortigen Kunstschätze zu besichtigen und, wie man zu sagen pflegt, das Handwerk zu grüßen, ganz besonders aber, um Meister Cornelius, den ihm freundschaftlichst zugcthanen ehemaligen Director der Düsseldorfer Kunstakademie, wiederzusehen, der jetzt die gleiche Stellung in der Jsar- stadt inne hatte. In schicklicher Vormittagszeit begab sich also Preyer nach Cornelius' Wohnung. Auf sein Schellen öffnet ein Dienstmädchen die Thür und fragte nach seincin Begehr. „Ich möchte den Herrn Director sprechen." — „Der Herr Director ist nicht zu Hause." — „Wann kommt er denn wieder?" — „Das weiß ich nicht," war der kurz angebundene Bescheid. — „Ich möchte es aber wissen." — „Na, dann will ich die Frau Director fragen." Hierauf meldet das Mädchen der Herrin, daß draußen ein Knabe sei, der durchaus den Herrn Director zu sprechen wünsche und sich nicht abweisen lassen wolle. Die Frau Director, die zweite Gattin, mit der sich Cornelius erst nach seinem Weggänge von Düsseldorf vermählt hatte, eine ebenso schöne wie liebenswürdige Frau, verfügt sich hinaus, um selbst mit dem Knaben zu sprechen. „Was willst Du, mein Junge ?" fragt sie den draußen wartenden Maler, der beim Erscheinen der schönen, stattlichen Dame ehrerbietig grüßend seine barettartige Sammetmütze abnimmt. „Ich wünsche den Herrn Director zu sprechen," antwortet dieser mit seiner seinen Kinderstimme. — „Mein Mann ist nicht zu Hause. Kann ich es nicht bestellen, was Du ihm zu sagenhaft?" — „Nein, ich muß ihn selbst sprechen." — Die eigenthümliche Erscheinung, so wie das artige Wesen und Benehmen des vermeintlichen Knaben erregte dir Neugier und das Interesse der Frau Cornelius. „Nun, mein Junge," sagte sie, „wenn Du Zeit hast. .. Ich erwarte meinen Mann jeden Augenblick. Komm nur so lange hier herein." Damit nöthigte sie den Kleinen ins Wohnzimmer. Hier bietet sie ihm einen Stuhl an, auf dessen Kante sich der Schelm mit knabenhafter Schüchternheit niederläßt. Sie richtet mehrere Fragen an ihn, die er kindlich naiv und doch zugleich überraschend geschcidt beantwortet. Kurz, der „Knabe" weiß im Laufe der Unterhaltung durch sein Benehmen und kluges Sprechen die Frau Cornelius so zu entzücken, daß diese — lebhaft, wie sie war — ihn zuletzt auf ihren Schooß nimmt, um so recht herzlich an dem allerliebsten Geplauder des klugen Kindes ihre Freude zu haben. Plötzlich wird die Thür geöffnet. Es ist Cornelius. Dieser bleibt auf der Schwelle stehen, und die Situation mit einem Blicke begreifend, ruft er: „Ei, grüß Gott, Herr Preyer! Wo in aller Welt kommen Sie denn her?" Herr Preyer! — — Mit einem Schrei entsetzt ansspringen, den Herrn Preyer auf den Boden schleudern, sich in das nächste Zimmer flüchten, dessen Thür heftig zuschlagen: das war bei der Frau Cornelius das Werk eines einzigen Augenblicks. Cornelius und Preyer, welch' Letzterer sich Dom Boden wieder aufgerafft, wollten sich nun vor Lachen fast aus- schütten. Es kostete Cornelius Mühe, seine Frau ins Zimmer wieder zurückzubringen. Endlich überwand sie ihre Scham und ließ sich den fremden Besuch in üblicher Form vorstcllen. Sie vermochte nicht blos ihre liebenswürdige Unbefangenheit bald wieder zu gewinnen, sondern
auch beim Mittagsmahle, zu welchem Preyer als Gast blieb, als Dritte im Bunde lachend die Heiterkeit der beiden Männer zu theilen.
Mitwirkung der Seelsorger im Kampfe gegen den Schnapsmiffbrauch auf dem Lande.
Man schreibt uns:
„In der Landgemeinde S. des Regierungsbezirks Köln ist der früher im Unmaß herrschende und zu den schlimmsten Folgewirkungen führende Branntweingenuß seit Jahresfrist auf ein Minimum zurückgegangen und sind Trunkenheits - Scenen zur Seltenheit geworden. Dieser in der ganzen Umgegend vielbesprochene Umschwung ist, wie dem Einsender dieses von einem Ortsangehörigen versichert wurde, lediglich dem energischen Austreten des erst seit achtzehn Monaten daselbst fungirenden katholischen Pfarrverwalters zu verdanken. Auf eine Anfrage an denselben über die Einwirkungsweise, vermittels deren er diesen erfreulichen Erfolg erzielt habe, erging nachfolgende Antwort:
„Das wenige, was ich gegen den Schnaps thun konnte, beschränkt sich einfach darauf, daß ich in der Kirche und außer derjelben bei jeder sich darbietenden Gelegenheit auf das entsetzliche Verderben für Leib und Seele, für den Einzelmenschen, Familie und Gemeinde Hinweise, daß ich die namentlich von der Düsseldorfer Regierung sehr warm empfohlene Broschüre „Der Schnaps' (Köln, I. P. Bachem) verbreitet habe, daß ich den einzelnen Schnapstrinkern persönlich zu Leibe gehe, und daß ich in etwa mich bemühe, den unglückseligen Menschen die Ueberzeugung beizubringen, wie ich es gut mit ihnen meine. Bis heute habe ich um Einführung einer Säuferliste, strenges Jnnehalten der Polizeistunde u. dergl. bei der Ortspolizei vergebens angehalten. In Bezug auf diese und ähnliche Puncte niüßte die Regierung jedenfalls strenge Maßregeln den Landräthen und Bürgermeistern zugehen lassen. Säuferlisten halte ich für unbedingt nothwendig. Demnächst gedenke ich im Anschluß an eine Mission, ohne die es nun einmal nicht geht, einen christlichen Arbeiterverein ins Leben zu rufen, auf dessen Fahne vor allem mit großen und leuchtenden Lettern das Wort „Mäßigkeit" geschrieben stehe."
Alle Ehre dem edlen Seelenhirten, welcher seine hohe sittliche Aufgabe so vortrefflich erkennt und dem schlimmsten aller Volksübel mit so einfachen aber wirksamen Mitteln den Kopf zu zertreten unternimmt! Und wie ganz anders stände es wohl um die Erfolge unserer Vereinsarbeit, wenn sämmtliche Seelsorger — gleichviel welcher Con- fession — in Stadt und Land dem leuchtenden Beispiel folgten, mit welchem dieser echte Menschenfreund in seinem bescheidenen ländlichen Wirkungskreise so erfolgreich vorangeht!" Fbg.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Februar. Unser Kaiser empfing gestern den neu ernannten Staatssecretär des Reichsjustizamts, von Oehlschläger. Zur Frühstückstafel war der Chef des Generalstabs Graf Waldersee geladen. Um 6 Uhr entsprach der Kaiser einer Einladung des Fürsten Bismarck zum Diner. Heute früh empfing der Erlauchte Monarch den Pastor Bodelschwingh. — Am Sonntag Abend war der Kaiser beim Feldmarschall Moltke zu einer Partie Whist anwesend.
— S. H. der Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha wird, wie aus Coburg gemeldet wird, sich am 28. d. M. Nachmittags zum Besuch bei denKaiserlichenMajestäten nach Berlin begeben und Abends hierselbst eintreffen.
— Kaiserin Friedrich, die am Mittwoch England verläßt, um sich nach Kiel zu begeben, empfing am Sonntag Sir Morell Mackenzie in Abschiedsaudienz.
Stuttgart. Laut Berichten der Pariser Blätter aus Nizza ist der Zustand des Königs Karl von Würtem- berg sehr bedenklich. Der König leibe fortdauernd an Schlaflosigkeit und quälendem Husten, der Schwächezustand sei sehr groß.
Darmstadt, 25. Februar. Wie die „Neuen Hess. Volksbl." aus zuverlässiger Quelle erfahren, hat sich Fürst Alexander am 6. Februar laufenden Jahres zu Mentone mit Fräulein Johanne Loisinger vermählt und beabsichtigt, sich unter dem Namen eines Grafen Hartenau > im Auslande niederzulassen.
Darmstadt. Zur Heirath des Battenbergers schreibt die Münchener „Allgemeine Zeitung" : Unsere Zeit bringt merkwürdige Ereignisse. Wer erinnert sich nicht des Lärms, den vor noch nicht Jahresfrist die Battenbergische Heirathsangelegenheit in ganz Europa hervorrief. Da war eine Kaisertochter und ein mit kriegerischem Lorbeer geschmückter Fürst, welche einen Herzensbund geschlossen hatten; die kaiserlichen Eltern waren einverstanden, die Kaiserin betrieb die Angelegenheit als eine Sache, von der das Lebensglück der geliebten Tochter abhänge, und der Kaiser, ach, der arme Kaiser hätte so gern den Wunsch der Gattin erfüllt und die bräutliche Myrthe auf das Haupt der Tochter gedrückt, die sein Liebling war! Aber die Politik griff mit rauher Hand ein, der Reichskanzler machte die Forderungen der Staatsraison geltend und ganz Deutschland spaltete sich in zwei Lager, von denen das Battenbergische die schönere Rolle hatte. Denn so eine Herzensgeschichte, die sich auf den höchsten Höhen der Gesellschaft abspielt, ist gar romantisch, die Sympathien aller Jener, welche Politik mit dem Herzen, statt mit dem Verstand treiben, standen auf dieser Seite, und manches sonst gut patriotische Frauenherz mag in jenen Tagen mit dem bösen Bismarck geschmollt haben, welcher der Vereinigung eines so interessanten Paares hindernd sich in den Weg stellte. Und jetzt, was erleben wir jetzt? Der Battenberger ist kein Ritter Toggenburg, er verzehrt sich nicht in Sehnsucht, er tröstet sich wenige Monate nach der Vereitelung seines Bundes mit der Kaisertochter, indem er eine blonde Sängerin zum Altar führt. Damit ist die Romantik des Vorgangs in die Brüche gegangen, und es wird Niemand glauben, daß das Herz des Fürsten Alexander bei dem Heirathsproject mit der Prinzessin Victoria irgendwie beteiligt war. Es war das Project eines Ehrgeizigen, und dem Reichskanzler, der seiner Zeit gewiß mit schwerem Herzen seinen Widerspruch erhoben hat, ist die Genugthuung zu gönnen, welche ihm das neueste Ereigniß bietet. Denn man darf aus Letzterem wohl schließen, das Bismarck's muthiger Widerstand nicht nur ein politisch verhängniß- volles Ereigniß, sondern vielleicht auch eine unglückliche Ehe verhindert hat. Die Vermählung des Prinzen mit Fräulein Loisinger hat nach den neuesten Nachrichten am 6. Februar in Mentone stattgefunden. Der Prinz hat den Namen eines Grafen Hartenau angenommen und wird künftig seinen Aufenthalt außerhalb Deutschlands nehmen.
— (Expedition Wißmann.) In dem Bereiche unserer Armee-Jnspection wurde höheren Orts bei den einzelnen Regimentern angefragt, welcher Unteroffizier geneigt sei, die ostafrikanische Expedition unter Hauptmann Wißmanns Leitung zu begleiten. Die den Mannschaften vorgelegten Vertragsbedingungen lauteten dahin, daß derjenige, welcher sich der Expedition anschließe, sich vorläufig auf 1 Jahr zu verpflichten habe, nach dieser Zeit siehe es ihm vollständig frei, wieder in den deutschen Armeeverband einzutreten. Die Löhnung beträgt für jeden Monat 250 Mk. bei freier Verpflegung, außerdem werden jedem Manne die für das afrikanische Klima nothwendigen Kleidungsstücke und Armaturgegenstände in genügender Menge, Medikamente, Werkzeuge rc. rc. geliefert; selbstverständlich erhalten die Leute während ihres Aufenthaltes in Afrika auch „freie Wohnung". Vorzugsweise sollen aber nur solche Unteroffiziere gewählt werden, welche mit einem Handwerk, z. B. Bau- handwerk, vertraut sind. Wie wir vernehmen, haben sich aus den Regimentern unserer Armeeinspection 21 Unteroffiziere gemeldet, welche sich an der kriegerischen Action in Afrika betheiligen wollen. Die Abreise soll bereits am 15. März erfolgen.
Lanban, 24. Februar. Auf dem Schlachtfelde von Wörth war kürzlich wegen Hochwassergefahr ein Kriegergrab geleert worden. Man fand die Gebeine von vier Kriegern, doch waren Uniformstücke in erkennbarer Form nicht mehr vorhanden. Dagegen fand sich ein Portemonnaie mit Geldstücken, ein Thalerstück, 6 Zehn- und 3 Fünfsildergroschenstücke, 1 Drei- und 1 Zweipfennigstück, sowie ein Petschaft mit dem Müllerwappen und dem Namen A. Beckert. Den Bemühungen der Civil- und Militärbehörden gelang es festzustellen, daß die Fundsachen dem damals in der 10. Compagnie 2. Nieder- schles. Infanterie-Regiments Nr. 47 dienenden A. Beckert, welcher in der Schlacht bei Wörth gefallen ist, gehörten.