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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
M Dem MarschaU MoltKe.
8. März 1889.
Du Feldherr, glückgebadet Wie wenige vor Dir, Schlachtdenker, siegbegnadet — Zum Feste nahn auch wir. An Delnes Lebens Grenze, Vom Herrn so weit gespannt, Wirft Dir noch einmal Kränze Das deutsche Vaterland.
Das war vor siebzig Jahren, Da griffst Du zu der Wehr: Erst fremd bei fremden Schaaren, Dann deutsch in Preußens Heer. Ein kluger Zukunftsrüster Mit Augen auf und ab — So trugst Du im Tornister Geheim den Marschallstab.
Und als die Tage kamen, Die Tage schwer und groß — Du sprachst: „In Gottes Namen, Ich denk', wir schlagen los, An meines Königs Seite Hab' ich den Plan erdacht, Mit meinem König reite Ich dreist ins Graun der Schlacht."
Da donnerten die Lüfte Im Ring bei Königgrätz, Da füllten tief die Grüfte Sich von Paris bis Metz) Da brausten deutsche Lieder, Aus war der Michelschlaf — Der Kaiser brächte wieder Den Marschall und den Graf.
Dein Leben geht zur Neige — Hüt's Gott noch manches Jahr! Du gingst so selt'ne Steige, So hoch und wunderbar!
Und ob sich wirr und wilde
Der Streit des Tages kraust — Hoch drüber auf blankem Schilde Hält Dich die deutsche Faust.
Victor Blüthgen.
Verein gegen Wucher.
In der letzten Borstandssitzung des Vereins gegen Wucher kam es zur Sprache, daß man in einzelnen Theilen der Provinz Anstoß daran nehme, daß der Verein sich statutenmäßig die Bekämpfung des „Weinkaufes" zur Aufgabe machte, der im Ganzen als eine unschuldige Sitte bezeichnet wurde. Es scheint demnach nicht überall in der Provinz die verwerfliche Form des Weinkaufs heimisch zu sein, deren Beseitigung der Verein anstrebt. Diese Form tritt überall in enger Verbindung mit der Gutschlächterei auf, ja dient letzterer so zur Grundlage, daß z. B. mit der polizeilichen Unterdrückung des Weinkaufes im Regierungsbezirk Trier auch die Auswüchse des Güterhandels schwanden. Zur Kennzeichnung dieser Unsitte diene folgender Fall, der neuerdings zur Kenntniß des Vereins gekommen.
In der Gemeinde Kohlhausen, Kreis Hersfeld, fand am 5. Februar d. J. in der dortigen Katzmann'schen Gastwirthschaft ein Landvereinzelungstermin durch die Handelsleute David Klebe und Seelig Levi aus Rhina und Honas Goldschmidt aus Hersfeld statt. Vor dem Termin und in den Pausen wurde Schnaps und Bier gratis im Gesammtbetrage von 85 Mark verzapft. Am 6. Februar fand Fortsetzung statt; an den Termin schloß sich ein Tänzchen an, welches unter allgemeiner Betheiligung bis in die Morgenstunden dauerte. An diesen beiden Tagen, sowie in dem später statifindenden Schlußtermin wurden insgesammt für mehr denn 400 Mark Spiritussen verschenkt,
Daß solchem Unfug, der nicht nur die Sittlichkeit ganzer Gemeinden untergräbt, sondern auch zahlreiche Existenzen, die im Rausch leichtsinnig kaufen, wirthschaft- lich vernichtet, entgegengearbeitet werden muß, ist für jeden Einsichtigen klar. Der Verein wird es sich daher zur Aufgabe machen, zunächst polizeiliche Maßregeln zu veranlassen. In Rücksicht freilich auf die Zustände in vielen kleinen, vom Verkehr abgelegenen Orten und auf die leichte Möglichkeit des Wiederauflebens dieser Unsitte würde eine gesetzliche Bestimmung mehr Sicherheit gegen den Weinkauf bieten als polizeiliche Verordnungen. Als letztes Ziel in dieser Angelegenheit dürfte daher zu erstreben sein: Ein strafrechtliches Verbot der bei Gelegenheit öffentlicher Jmmobiliar-Verkäufe vielfach üblichen unentgeltlichen Verabreichung geistiger Ge- tränke.
Deutsches Reich.
Berlin. Bon der Schlittenfahrt des Kaisers am Dienstag Nachmittag im Grunewald wird nachträglich folgende Episode berichtet. Der Kaiser passirte auf seiner Spazierfahrt im Schlitten, begleitet von seinem Adjutanten gegen 3 Uhr den Weg hinter Restaurant Hundekehle und wurde auf einen Leiermann aufmerksam, der, ein leibhaftiges Bild des Elends, frostklappernd am Wege stand und seinem Kasten Töne entlockte, ohne wahrscheinlich auch nur den Schatten eines klingenden Lohnes
empfangen zu haben. Mitleidig blickte der Kaiser auf den Armen, gab seinem Kutscher ein Zeichen zum Halten und wandte sich an seinen Adjutanten mit der Bitte, dem Manne ein Geschenk zu geben. Der Adjutant zog die Börse, wandte sich aber an den Kaiser mit der Bemerkung: „Ich habe leider kein kleines Geld, Majestät!" — „So geten Sie ihm großes, dann braucht der arme Kerl nicht im Frost zu stehen!" antwortete der Kaiser und während der Schlitten des Monarchen davonfuhr, schaute der arme Leiermann mit Fceudcnthränen in den Augen auf das Goldstück, das in seiner zitternden Hand glänzte.
— Wie der „Post" aus Kiel berichtet wird, sind bereits am Sonnabend eine englische Geburtshelferin und eine englische Wärterin für das in der Familie des Prinzen Heinrich zu erwartende frohe Ereigniß eingetroffen. Außerdem wird der Director der gynäkologischen Klinik, Herr Professor Dr. Werth, bei dem Ereigniß zugegen sein.
Berlin, 28. Febr. Wie verlautet, ist eine Kabinets- ordre ergangen, welche Herrn Stock er vor die Wahl stellt, entweder sein Hofpredigeramt aufzugeben oder sich von der politischen Agitation zurückzuziehen.
— Brieftauben für Ost afrika. Wie berichtet wird, machte der Vorstand des Straßburger Brieftaubenvereins, Dr. Rüder, Hauptmann Wißmann zur Verwendung in Ostafrika seine eigenen Brieftauben zum Geschenk. Der Reichskommissar soll mit Freuden diese Gabe angenommen haben, indem er erklärte, einen hoffentlich nützlichen Gebrauch von diesen sicheren Briefboten machen zu wollen. Man hat schon wiederholt der Verwunderung Ausdruck gegeben, daß die Brieftauben nicht schon längst bei ostafrikanischen Expeditionen — z. B. der von Stanley — wo der briefliche Verkehr ohnedies mit den schlimmsten Widerwärtigkeiten zu kämpfen hat, Verwendung gefunden haben, um so mehr, als man sich der nützlichen Thiere schon zu den Anfangszeiten des Muhamedanismus im Orient vielfach bediente.
— (Ein Walfisch in Berlin.) In diesen Tagen wird mit der Hamburger Bahn ein so seltsamer Gast in der Reichshauptstadt eintresfen, wie ihn dieselbe wohl noch niemals gesehen hat. Um die spätere Weiterführung desselben für alle Fälle zu gewährleisten, mußten die Transporteure nach langen schwierigen Verhandlungen auf dem Polizeipräsidium im Voraus ein Sicherheitsdepot von 10,000 Mk. hinterlegen. Es handelt sich um einen ungeheuren Bartwal, welcher unlängst im Kattegat von dänischen Fischern aufgesunden und dann durch ein Kriegsschiff nach Kopenhagen geschleppt worden war. Hier gelangte das Ungetüm, welches Eigenthum des zoologischen Museums in Kopenhagen geworden ist, mit dem größten Dampfprahm, welchen die dortige Marine besitzt, zur Verladung. Obwohl dieser Prahm beim Transport der Hunderttonnengeschütze 40 Zentimeter über Wasser bleibt, sank er in diesem Falle noch 1'/,
Centimeter unter den Spiegel, und bei der Anschleppung riß eine vierzöllige Eisenkette. Das phänomenale Seeungeheuer hat nämlich bei einer Länge von 62 Fuß das erdrückende Gewicht von 61,500 Pfund. Es fand eine Präparirung des Riesencadavers statt. Die Aus- weidung wurde durch dreißig dänische Schlächter vorgenommen, und vier von den Fleischern konnten sich bequem im Brustkörbe, sowie auch in dem Rachen bewegen. Die Einbalsamiruug erfolgte unter Leitung eines dänischen Gelehrten mit solchem Erfolge, daß auch nicht der mindeste gesundheitsschädliche Geruch zurückgeblieben ist. Mit ungeheuren Schwierigkeiten ist die Ueberführnng nach Berlin verknüpft. Ein großer Schraubendampfer brächte das Ungetüm zunächst über den Beld nach Fünen und von dort nach Fridericia, wo nach unglaublichen Hindernissen die Verladung auf der Bahn stattfand. Zur Beförderung wird ein Extrazug benutzt mit den größten Lowries, über welche die Bahn verfügt. Das Ungethüm wurde anfangs auf sieben- zötlige Balken gelegt, die aber zum Theil sofort durchbrachen, und es mußten daher solche von doppelter Stärke verwandt werden. Das Berliner Polizeipräsidium hat erst dann die zur Ausstellung erforderliche Erlaubniß ertheilt, nachdem es sich durch vorgelegte wissenschaftliche und amtliche Zeugnisse überführt hatte, daß keinerlei hygienische Bedenken gehegt zu werden brauchten. In welchem Raum in Berlin die Ausstellung erfolgen wird, ist bis jetzt noch nicht entschieden. Die Transportkosten nach Berlin belaufen sich auf rund 40,000 Mark.
In Weimar sind die Cigarrenmacher Goltze, Vogt und Hannemann, welche vor mehreren Wochen im angetrunkenen Zustand einen Polizeibeamten mißhandelt hatten, zu empfindlichen Strafen verurtheilt worden. Goltze, der außerdem noch ohne jede Veranlassung einen Einjährig-Freiwilligen in die Schulter gestochen hatte, hat 7, Vogt 4 und Hannemann 2 Monate Gefängniß erhalten. Die Strafkammer hat in ihrem Urtheil gegenüber der Entschuldigung der Angeklagten, sie seien sinnlos betrunken gewesen, sich dahin ausgesprochen, daß sie einen so verwerflichen Alkoholgenuß niemals als mildernd, sondern eher als strafverschärfend ansehen werde. Das mögen sich alle Raufbolde hinter die Ohren schreiben!
Tages-Ereignisse.
Schlüchtern, 5. März. Der heutige Viehmarkt war, vom schönsten Wetter begünstigt, sehr stark beschickt und besucht. Angetrieben waren ca. 1200 Stück Vieh. Im Ganzen war das Geschäft flau. Schwere Ochsen erzielten das Paar 6 bis 700 Mk. mittlere 450 bis 500 Mk. Für ein Paar Stiere wurden 300 bis 400 Mk. gezahlt. Kälber kosteten das Stück 20 bis 30 Mk. je nach Qualität. Es war starke Nachfrage nach besserem Vieh, doch wurden die für dasselbe geforderten Preise nicht gezahlt. — Auch auswärtige Händler (aus Weißen- fels in Sachsen, aus Westfalen u. s. w.) suchten ihren Bedarf hier zu decken.