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M 25. . Mittwoch den 27. März. 1889.
Bestellungen auf das 2. Quartal 1889 (April, Mai, Juni) der ~__
WW- „Schlüchterner Deltung"
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Schlächtern, im März 1889. Herausgeber.
Festrede, gehalten am 25jährigen Stiftungstage des Vereins zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger, den 6. Februar 1889, im Königl. Schlosse zu Berlin von
Dr. W. Brinkmann.
(Fortsetzung.)
Wenige Wochen nachher und die Organisation der deutschen Vereine sollte ihre Probe bestehen in dem deutsch-französischem Kriege 1870/71. Wenn das Central- Comitee des preußischen Vereins in diesen Krieg geordnet eintreten, und seiner verantwortlichen Pflicht als leitendes Organ der deutschen Vereine nachkommen konnte, so gebührt der Dank dafür denjenigen Männern, die mit Muth und Ausdauer an der Erhaltung der Vereinsorganisation und au der möglichst sorgfä tigen Vorbereitung der Mittel und Kräfte für den Krieg gearbeitet hauen, namentlich aber gebührt dieser Dank den sämmtlichen Vorstandsmitgliedern jener Zeit, Männern von außerordentlicher Klarheit des Verstandes, Bestimml- heit deS Wesens und warmen Herzens. Vor Allem muß ich als Beispiel edler Hingebung hervorheben: Rudolf von Sydow. Sein Name ist unzertrennlich verknüpft mit der Geschichte unseres Vereins. Ihm war die Sache des rothen Kreuzes eine heilige Angelegenheit deS Herzens, die Befriedigung eines liefen religiösen Gefühls. Gottvertrauen und Menschenliebe ließen ihn alle Schwierigkeiten überwinden; keine Arbeit war ihm zu schwer, kein Opfer zu groß, für die Aufgabe, in die er ganz und gar ausging. Nur Wenigen ist der ganze Umfang, die Last seiner Arbeiten und Sorgen bekannt, die er auf sich nahm: auf sein ge- sammtes Wirken darf ich wohl des frommen Sängers Wort auwenden „Saat gesäet von Gott, zu reifen dem Tage der Garben." Das Wohlwollen und die Freundlichkeit allen seinen Freunden, Mitarbeitern, jedem Hülse- suchenden gegenüber gewannen ihm alle Herzen; wer ihn kannte mußte ihn lieben und verehre«. ES war ein Segen für die noch junge Vereinsbildung, daß in der schwersten Zeit ihrer Entwickelung ein Mann an ihrer Spitze stand, der seine ganze Arbeitskraft für dieselbe einsetzen konnte. Die Milde seines Charakters, verbunden mit einer erstaunlichen Festigkeit, wo er glaubte, für die Ehre und das Ansehen der ihm an- ver trauten Institution einstehen zu müssen, mcchie ihn jür seine Stellung besonders geeignet. Felsenfest war sein Glaube an die Zukunft und die Bedeutung unserer Organisation, und dieser Glaube sollte ihn nicht zu Schanden werden lassen: er halte die Freude, der internationalen Conferenz zu präsidiren und die Gesammt- organifation der demichrn Vereine abschließen zu könnender führte uns in den Krieg mit einer zwar noch lückenhaften, doch leicht auszufüllenden und innerlich gesunden Organisation; während der ganzen Dauer des Krieges band er mit der ganzen Kraft an der Spitze des Central-Comilees der deuischen Vereine, er leitete die Verhandlungen, die zu der Begründung bei Kaiser- Wuhelm-Stiflung für deutsche Invaliden führten; er konnte noch, wenn auch schon mit gebrochener Kraft, bei den Verhandlungen des ersten deutschen Vereiustages in Nürnb.rg seines Amtes walten: bald nachher erlag er seiner Arbeit; er war auf dem Felde der ehrenvollsten Pflichterfüllung gestorben. Sein Verlust wurde von allen deutschen Vereinen wie der eines Valeis empfunden.
Gestalten Sie in r an dieser Stelle dem Gefühl der Dankbarkeit zu folgen und noch zweier Männer zu gedenken, die auf unsere VereinSorganisation den mächtig- iten Einfluß ausgeübt haben, die für unsere Erstarkung im Innern, für unser Ansehen nach Außen von bahn- Vechcuder Bedeutung waren, von denen Impulse aus- Sinaeii, unter deren Wirkung wir heute noch stehen.
Friedrich Löffler, weiland Generalarzt der Armee, Mitbegründer unseres Vereins, rief er zugleich den Provinzialverein der Provinz Sachsen ins Leben, indem er diesem, wie dem ganzen Hülssvereinswesen durch seinen am 5. April 1864 gehaltenen Vortrag „über die Bedeutung dauernder Hülfsvereine" eine bestimmte Unterlage gab. Seine hervorragende Stellung im Militär-M.'dizinalwesen, seine Theilnahme als staatlicher Delegirter an den Genfer Conferenzen sowohl wie an dem Abschluß der Genfer Convention und der später erfolgten Berathung der Additionalartikel, seine Theilnahme an sämmtlichen in Berlin stattgefundenen Sani» täisconferenzen befähigten ihn vor Allen, als Berather der freiwilligen Krankenpflege einen maaßgebenden Einfluß auszuüben. Seine klassische Arbeit „über die freiwillige Krankenpflege und die Genfer Convention" ist vielleicht das Bedeutendste, was auf diesem Gebiete geschrieben worden ist, wahrhaft groß in der Anlage und Ausführung, reich an fruchtbaren Gedanken, eine Arbeit, die auf die Entwickelung unseres Vereinslebens einen um so größeren Einfluß ausüben mußte, als wir stets in der Lage waren, bei Befolgung der gegebenen Anregungen uns des Verfassers Hülfe und Theilnahme zu versichern. Kräftig und entschieden war sein Auftreten; was er sagte und schrieb, war ausdrucksvoll und überlegt; vorsichtig war sein Urtheil. In Tadel und Mißbilligung war er schonend in der Form, fest in der Sache; seine Rede war anregend, ja begeisternd. Wahr, groß und offen steht vor uns, was er geleistet hat für Mit- und Nachwelt. Unser Dank folgt ihm nach, daß er uns in schwerer Zeit die Hand geboten und die Wege gewiesen hat, die zum Ziele führten.
Bernhard von Langenbeck, bessert Name mit unserer Kriegsgeschichte vom Jahre 1849 an eng verbunden ist, war dein Preußischen Vereine von seiner Entstehung an eine mächtige Stütze. Die Bedeutung seines Namens für die Entwickelung unserer nationalen Aufgaben wie unserer internationalen Beziehungen kann nicht hoch genug gewürdigt werden. In unsern Sitzungen und in fast allen Commissionen sahen wir ihn als unsern fleißigsten Berather, der an den wichtigsten wie an den kleinsten Fragen gleich regen Antheil nahm.
Bei den Weltausstellungen und den an dieselben sich anschließenden Berathungen, bei Beurtheilung der zahlreichen Preisaufgaben wurde ihm von allen Nationen der Vorrang bereitwillig eingeräumt: der Glanz seines Namens, die Anerkennung seiner wissenschaftlichen Bedeutung kam auch uns zu Gute. Ruhiges Ebenmaaß, > Würde und harmonische Durchbildung aller Saiten des ' Geistes und Herzens, seine große Auffassung aller Ver- ! hältnisse machten ihn vor Allen geeignet, unsere Juter- 1 essen zu vertreten. Männlich ernst und doch freundlich, unnahbar für unedles Wesen und falschen Schein, war er redlichem Streben ein stets bereiter Helfer und Förderer. Darum wird auch von uns sein Andenken hoch gehalten und sein Name mit unsern Traditionen fortleben; war er es doch, der dafür sorgte, daß das Hülssvereinswesen nicht hinter den Fortschritten der Kriegschirurgie zurückblieb.
H. B. Sie werden es gerechtfertigt finden, daß ich meine Darstellung unterbrochen habe, um den Tribut der Dankbarkeit zu zollen dem Andenken derjenigen Männer, die uns befähigten, unsere Prüfung in dem große i deutsch-französischen Kriege zu bestehen. Wenn ich nur Einzelne hervorgehoben habe, so ist uns darum das Andenken an alle unsere treuen Mitarbeiter nicht weniger theuer: ihr Bild tritt uns heute wieder lebendig vor die Seele; sie leben fort in dankbarem Herzen.
Es kann nicht in dem Zwecke meines VortrageS liegen, die große Geschichte der Hülfeleistung des Preußischen Landesvercins in dem Kriege 1870 auch nur andeutungsweise darzulegen. Die Thätigkeit des Preu
ßischen Verein- ging, soweit sie die Arbeit seines Central Comiteees betrifft, völlig in der Thätigkeit des Central - Comitees der vereinigten deutschen Landesvereine auf und ich bemerke gleich an dieser Stelle, daß diese für den Krieg vorgesehene Organisation auch auf die spätere Friedensthätigkeit übertragen wurde, zum großen Segen und zur Förderung der gemeinsamen Arbeiten.
Sie wissen Alle, wie sich die Organisation der deutschen Vereine im Kriege bewährt hat, fast über unser Er- warten: sie bildete, das können wir ohne Ueberhebung sagen, den Kern 'der gesummten freiwilligen Krankenpflege. Es steht mir fern, mir hier eine Beurtheilung der Gesammtleistungen derselben anzumaßen: dieselben sind so oft und so gründlich, zuerst auf dem Vereinstage in Nürnberg sogleich nach dem Kriege (am 23. — 25. Oktober 1871) Gegenstand ernster Prüfung gewesen, daß ich mich begnügen darf, ein gewiß competentes Urtheil anzuführen, daß erst 14 Jahre nach dem Kriege, also nach genauer aktenmäßiger Prüfung der Verhältnisse und nicht unter dem unmittelbaren Eindrücke der Ereignisse in dem offiziellen Sanitätsberichte des KriegS- Ministeriums enthalten ist: „nächst den Verwundeten und Erkrankten hat das Sanitätspersonal der Armee am meisten Ursache, die bedeutsame Mitwirkung der freiwilligen Krankenpflege bei den großen Aufgaben, welche der deutsch-französische Krieg auch dem Sanitätsdienst gestellt hat, freudig anzuerkennen und die Kaiserlichen Worte zu beherzigen: „„Die dankbare Erinnerung daran wird in der Armee und in der Nation unauslöschlich fortleben"".
Schon im Verlaufe deS Krieges hatte sich wieder die Schwäche speciell unseres preußischen VereinS in der personellen Hülfeleistung herausgestellt, während nach dieser Richtung hin von anderen Vereinen und von freien Verbänden zum Theil Erhebliches geleistet wurde. Es war uns während des Friedens nicht gelungen, Sanitäts- und Transportcolonnen zu bilden, ebenso war die Zahl der ausgebildeten Krankenpflegerinnen durchaus nugenügend. Auch in der Organisation hatten sich Mängel herausgestellt, die wir nicht hätten voraussehen können und deren Beseitigung von uns allein nicht abhiiig: sie betrafen vorzugsweise unsere Stellung zum Königlichen Militärinspecteur der freiwilligen Krankenpflege und waren von solcher Bedeutung, daß eine entschiedene Abhülfe derselben im Frieden nothwendig war.
Da es hier unmöglich ist, die nach dieser Richtung hin geführten ernsten Verhandlungen auch nur annähernd klar zu legen, so bemerke ich gleich an dieser Stelle, daß das größte Hinderniß für unsere Fortentwickelung zu einer das ganze Vaterland umfassenden Organisation in der Bestimmung der Sanitätsordnung lag, welche dem Königlichen Militärinspecteur unbeschränkte Vollmacht ertheilte, im Kriege Hülfsvereine jeder Art für die Krankenpflege anzunehmen und selbstständig zu organisiren. Diese Bestimmung ist durch den OrganisationSplan der freiwilligen Krankenpflege im Felde vom 3. September 1887 aufgehoben. Weitere Mißverständnisse sind ebenfalls durch diese für uns Epoche machende Entscheidung ausgeschlossen: Damit war Alles erreicht, was in Bezug auf unsern Anschluß an die Staatsbehörden erreicht werden konnte in einem so fest gegliederten Staatsleben, wie es das unsrige ist: man hat eS offenbar für bedenklich gehalten, einem in seiner Zusammensetzung immerhin dem Windel und dem Zufall unterworfenen Organismus Rechte zu übertragen und demselben eine maaßgebende Initiative zu verleihen. Gilt doch in unserem Staate die Vielheit nur für den Rath; für die That der einzelne Mann, der steht oder fällt, je nachdem er leistungsfähig ist. Wir aber wollen und müssen durch unablässige Arbeit uns bestreben, dasjenige Maaß der freien Entwickelung zu erlangen, welches uns in dem OrganisationSplan in Aussicht gestellt ist.