Das Hei! kommt von den Juden.
Aus einer Rede de« Herrn 6. Wagner, Pastor der deutschen evang. Gemeinde in Sydenham, gehalten in der Frieden-kirche zu Barmen.
Ein recht zeitgemäßes Wort ist es „Das Heil kommt von den Juden", das wir aus dem Munde des Herrn vernehmen, zeitgemäß darum schon, weil es dem Geiste der Zeit so scharf entgegentritt. „Das Heil lammt von den Juden," sagt Christus. Und in unseren Lagen — was verlautet da? Jetzt heißt es: Das Unheil — alles Unheil kommt von den Juden. Hören und lesen wies nicht so fast täglich? — aber ernste Christen hüten sich wohl, in das wüste Geschrei einzu- stimmen: au allem Uebel sind die bösen Juden schuld! Sie wissen, es giebt auch eine Menge christllche Wucherer, christliche Spötter, christliche Volksverführer; und sie beherzigen das Wort der Propheten: Ein jeder murre wider feine Sünde" (Klagelieder 3, 39).
---Müssen wir nicht die Christenheit anklagen, daß sie gerade d-.m Volk Israel gegenüber sich schwer versündigt hat? Hat man nicht die Juden Jahrhunderte lang in unchristlicher Weise gehaßt, verfolgt, verbannt, getödtet? Erhob Lullpr nicht mit vollem Rechte „wider die Päpste, Bischöfe, Mönche und die ganze Kirche des Miltelalters" die Anklage: „sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde, nicht Menschen?" Ach, daß man das Jesuswort vergaß: Das Heil kommt von den Juden! Darum erfüllt sie nunmehr: Woran man sündigt, damit wird man gestraft. Denn Gott läßt sich nicht spotten. An Israel hatten sich die entchristlichtc» Christenvölker versündigt zwiefältig, darum ward Israel ihnenLzum Gericht und zur Gottesgeißel. Dies erkenne auch du, mein deutsches Volk, schlag' an deine Brust, greis' in den eigenen Busen und bekenne: die Sünde — nicht die der Juden, sondern meine Sünde ist mein Verderben. (Spr. 14, 34.)
„Das Heil kommt von den Juden." Was der Heiland ausspricht, ist unleugbare Thatsache. Dreifach wird sie bestätigt durch die Geschichte des Volkes Israel. Schon von der vorchristlichen Zeit gilt es „das Heil kommt von den Juden". Den Beweis da'ür hat kein Geringerer als der Apostel Paulus erbracht. Röm. 3 wirft er die Frage auf: „Was haben denn die Juden für Vortheils?" Seine Antwort lautet: „Fürwahr sehr viel; zum ersten: „ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat." Und Kap. 9 fügt er ergänzend hinzu: „Denen von Israel gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und der Bund und daS Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißung." Da haben wir eine vollgültige Auslegung unseres Texteswortes; das wollte der Prophet aus Nazareth jener Samariterin zunächst vor Augen führen, als er ihr zurief: das Heil kommt von den Juden.
Nicht bett Egyptern oder Chaldäern, auch nicht den Griechen oder Römern — nein! „den Juden ward vertrauet, was Gott geredet bat": die Juden empfingen die ganze OffenbarungS- „Herrlichkeit" JehovaS, des lebendigen Gottes, von den Lagen Abrahams an bis auf Maleachi. Die Juden waren das erwählte Volk der „Kindschaft" (Hof. 11, 1. Jerem. 31, 30). Väter der Juden waren die Patriarchen, mit denen Gott einen „Bund" machte, daß sie sollten zum Segen werden für alle Geschlechter der Erde. Ein Jude war MoseS, der Knecht Gottes, der Mittler des Alten Testaments, der da „empfing das lebendige Wort uns zu geben" l'äpostg. 7, 38). Ja, meine Lieben, „das Gesetz" von Sinai war auch eine heilsame Gabe, ein Erweis der ^icbe Gottes gegen Israel. Hat sich nicht au den Heidenvölkern, die Gott ihre eigenen Wege gehen ließ, das Wort erfüllt: „Da sie sich für weise hielten, sind he zu Narren geworden" (Röm. 1, 22) ? Und noch i-tzt sind bei uns Christen die heiligen zehn Gebote Gottes als die Grundlage aller Sittenlehre im Haus und in der Schule, im Staate und in der Kirche hoch- öehalten.
1 — „Siehe," so konnte darum der Prophet über xsftael auSrufen: „Finsterniß bedecket das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir gehet auf der Herr, und Seine Herrlichkeit erscheinet über dir" (Jes. 60, 2). Jänner aus Israel waren all „die heiligen Menschen Gottes, die geredet haben, getrieben vom heiligen Geist"
Pttri 1, 21), deren Schriften uns bis auf diese
Deutsches Reich.
Berlin, 23. April. Die deutschen Lehrer werden zur Zeit lebhaft vor der Annahme von Stellungen in den deutschen Gegenden Rußlands gewarnt. Viele deutsche Lehrer, welche dort, besonders in den Ostsee- provinzen, beschäftigt waren, kehren gegenwärtig nach Deutschland zurück, da von der russischen Regierung die
Stunde als „von Gott ehtg:geben, nütze sind zur Lehre, zur Strafe, zur Erziehung in der Gerechtigkeit" (2. Tim. 3, 6). Fürwahr, meine Lieben, ist nicht die ganze heilige Schritt Alten Testaments eine herrliche, heilsame Gottesgabe? Gedenket — um eines heraus- zugreifen — der Psalmen. Mit Recht sagte Lord Byron von ihnen: „Sie sind hoch wie der Himmel und tiefer als der Ocean." Welche Höhe der Gotteserkenntniß, welche Tiefe der Selbsterkenntniß findet sich darin! Die edelsten Dichter der Griechen, die größten Philosophen des ganzen heidnischen Alterthums — wie weit stehen sie in diesen Stücken hinter den Psalmisten Israels zurück! Wahrlich, wenn es irgendwo in alter Zeit „Anbeter Gottes im Geist und in der Wahrheit" (Joh. 4, 23) gegeben hat, so war es in Israel.
Ja, liebe Freunde, halten auch wir das fest: Von den Juden kam der Heiland —das ist wiederum geschichtliche Thatsache; sie bleibt zurecht bestehen, ob sie euch gefällt oder nicht. Von den Juden kam der Heiland — höret es und merket darauf, ihr Völker der Erde! Aus keinem von euch ist Christus, der Welt-Heiland hervorgegangen! Wo irgend Jemand von seinen Sünden los werden will, der muß den aus Israel gekommenen Heiland annehmen; einen anderen giebt es schlechterdings nicht! Aus dem Geschlechte Abrahams, vom Stamme Davids ging Christus hervor; eine jüdische Jungfrau, Maria, war seine Mutter, zu Bethlehem im jüdischen Lande stand feine Krippe! All die Städte und Märkte, die Berge und Thäler, die Häuser und Gärten, da Jesu heilige Füße gewandelt, da Jesu holdselige Lippen Worte des Lebens geredet, da Jesu segenspendende Hände Wunder der Macht und Liebe vollbracht, lagen in den Grenzen des jüdischen Landes. Den Stempel jüdischer Nationalität trugen ohne Zweifel auch „die Gebärden", darinnen der Menschensohn erfunden ward (Phil. 2, 7). In jüdischer Sprache redet und betet er gerade in ent- scheidungsvollen Tagen und in weihevollsten Stunden: mit einem „Hephatha“ (Thue dich auf) öffnet er dem Taubstummen das Ohr und löst ihm die Zunge; mit einem „Talitha Kumi“ (Mägdlein, stehe auf) erweckt er $am Töchterlein; mit dem dreimaligen „Abba“ (Mein Vater) durchkämpft er Gethsemanes schwere Stunde; mit dem „Eli, Eli, lama asabthani“ (Mein Gott, mein Gott, warum haft du mich verlassen) stirbt er, der Gerechte, den Tod der Ungerechten und Sünder. — Jüdisch waren auch Jesu Ehren-Titel: „Rabbi", „Rabbuni", „Du Sohn Davids erbarme dich unser", „Messias". So ward auch Pilatus zum Verkündiger der Wahrheit, als er die Kreuzes - Inschrift schrieb: „Jesus von Nazareth, der Juden König."
Es waren jüdische Hirten, denen die Ankündigung galt: „Euch ist heute der Heiland geboren"; es waren jüdische Diener Gottes, die in Frieden heimfahren durften, nachdem sie den Heiland gesehen; es waren jüdische Eheleute, bei deren Hochzeitsfeier Jesus gegenwärtig war und seine Herrlichkeit offenbarte; es waren jüdische Kinder und Säuglinge, denen er segnend die Hänse auflegte; es waren jüdische Kranke, die er gesund machte, und jüdische Arme, denen er das Evangelium predigte; es waren jüdische Sünder und Sünderinnen, denen er die Absolution ertheilte: „Mein Sohn, meine Tochter, dir sind deine Sünden vergeben."
Prüfet diese Rede an der Hand der Geschichte! Woher waren denn die zwölf Apostel, die Alles verließen und Jesu nadifolgten ? woher die 70 Jünger, die bereitwilligst in seinen Dienst traten? woher die 500 Brüder, denen sich der Auferstandene offenbarte auf Einmal (1. Kor. 15, 5)? woher die 120 Männer und Weiber, die nach der Himmelfahrt Jesu einmütig mit Beten und Flehen bei einander waren ? woher die 3000 Seelen, die sich taufen ließen am Pfingstfeste? woher die 5000 Männer, die da gläubig waren geworden (Apostg. 4, 4) ? woher die vielen Priester, die in den Gehorsam des GlaubensItralen (6, 7) ? (Schluß folgt.)
deutschen Lehranstalten mehr und mehr aufgehoben werden und die Lehrer der Forderung, die russische Sprache in dem Grade zu erlernen, daß sie -sich derselben beim Unterricht bedienen können, nicht so rasch Genüge zu leisten im Stande siud.
— Die Militärärzte sind in Folge der Entdeckung des Tuberkeldacillus von der Medicinal-Abtheilung des Kriegsministeriums angewiesen worden, die Messungen des Brustumfanges von Rekruten alle 4 Wochen vor- zunehmen. Dies gilt besonders von denjenigen Mannschaften, welche schwachen Brustumfang haben, und soll nach der neuesten Verfügung schon als schwachbrüstig gelten, dessen Brustumfang nicht die halbe Centimeter- zahl der Körperlänge ausmacht. Hat daS Exercieren nicht die bekannte wohlthätige Wirkung, die Brustweite von Leuten mit geringerem Brustumfang zu erhöhen, so soll auf Anlage von Tuberkulose erkannt und der Betreffende baldmöglichst entlassen werden, damit er gesunde Soldaten nicht anstcckt.
— Wie die „Freisinnige Zeitung" zuverlässig erfahren haben will, wäre dem Hofprediger Stöcker die Verpflichtung auferlegt worden, nicht mehr in Berliner politischen Versammlungen als Redner aufzutreten. Derselbe habe sich dieser Weisung unweigerlich gefügt.
— DaS Deutsche Reich hat 250,000 Manlicher Gewehre in Steyr bestellt, steht allerdings wegen weiterer 650,000 mit der Waffenfabrik in Unterhandlung. DaS deutsche Manlicher System unterscheidet sich von dem österreichischen dadurch, daß das letztere einen kompakten, schweren, das erstere einen leichten Lauf mit Stahlrohrüberzug besitzt.
— Ein wahrer Strom von amerikanischen Touristen wird sich in diesem Sommer über Europa ergießen. In Newyork allein sind bis jetzt 100,000 Fahrkarten für die Reise nach London gelöst worden. An den Cook'schen Rundreisen wollen sich so viele Amerikaner betheiligen, daß die Agentur sich angeblich nicht mehr zu helfen weiß.
Mainz, 18. April. Die Ludwigsbahn hat beschlossen die Fahrpreise für Retourbillets zwischen Mainz und Frankfurt herabzusetzen, nachdem schon im Laufe des Monats Januar die Güterfrachten ganz erheblich ermäßigt worden waren.
Wiesbaden, 23. April. Die Kaiserin von Oesterreich und die Erzherzogin Valerie sind heute Morgen 7 Uhr mit dem Extrazug hier eingetroffen.
München, 23. April. Laut Meldung der hiesigen „Neuesten Nachrichten" hat sich das Befinden der Königin- Mutter sehr verschlimmert. — In letzter Nacht hat sich hier ein Gesangskomiker aus Dresden mit seiner Mutter durch Blausäure vergiftet; das Motiv waren Nahrungssorgen.
Tages-Greignisse.
Schlächtern. Wie uns mitgetheilt wird, hat die Verwaltung der Kreissparkasse beschlossen, mit Rücksicht auf das konstante Fallen des Zinsfußes der StaalSpapiere gute Hypothe ken in Zukunft zu 3'/j°/o Zins auszulechen.
— Trigonometrische Messungen. Im Anschluß an die vorjährigen Arbeiten werden im Laufe dieses Sommers — etwa vom 1. Mai ab — trigonometrische Vermessungen unter Leitung des Chefs der trigonometrischen Abtheilung der Landesaufnahme, Oberstlieutenant Morsbach, a la suite des Generalstabes der Armee, stattfinden. Im Regierungsbezirk Kassel werden die Arbeiten in Hauptnivellements und zwar von Bolzen 6728 nach Bahnhof Elm behufs Anschlusses an das Bayrische Nivellementsnetz, ferner von Hanau (Westbahnhof) nach Hanau (Ostbahnhof) und von Kahl (Höhenmarke) nach Kahl (Nivellementsgrenzpfeiler) außerdem in Signalbauten und Beobachtungen auf Punkten I. Ordnung bestehen. Topographische Vermessungen werden unter Leitung des Chefs der topographischen Abtheilung der Landes-Aufnahme, Oberst Steinhaufen, & la suite des Generalstabes der Armee, zur Äus- ührung gelangen.
— Die Preise für Salz, Zucker und Kaffee sind in ctztcr Zeit in die Höhe gegangen. Beim Zucker ist die Preissteigerung auf die Spckutalion zurückzuführen, die sich dieses Artikels voll und ganz bemächtigt und dürfen, nach allen Anzeichen zu urtheilen, für die Sommer-