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Mittwoch, den 22 Mai.
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1889.
Das Heil kommt von den Juden.
Von Pfarrer Har tm a n n- Schlächtern.
(Fortsetzung.)
Pastor W. kommt zuletzt zu dem Resultat: „Unsere Gesammtstellung zu den Juden muß — in theoretischer und praktischer Hinsicht — einer Revision unterzogen werden." Damit sind wir vollständig einverstanden, nur daß wir sagen möchten statt „in theoretischer und praktischer Hinsicht" — in socialer und religiöser Hinsicht, wovon weiter unten die Rede sein soll. Was er unter „theoretischer Hinsicht" meint, ist nicht recht klar, vielleicht das, was er im Folgenden vom Jugendunterricht in den christlichen Schulen und im Confirmandenunterricht sagt? Was er aber da sagt, das kann er jedenfalls nicht verantworten: „Es ist Thatsache — heißt es da — daß die Abneigung gegen Israel in unserer Zeit vielfach aus der Schule und dem Confirmandenunterricht stammt." Nur frisch- weg behauptet: „Es ist Thatsache", dann ist ja kein Beweis nöthig. Da habt ihr's nun, ihr Lehrer! Es wird euch künftighin mehr auf die Ringer gesehen werden müssen, ob ihr in euern Schulen keine Antisemiten und Judenhasser züchtet. Wollt ihr euch in Zukunft bei den Schulvisitationen keine Rüge zuziehen von euerM Oberschulinspector und wollt ihr euch den Dank der Juden verdienen, dann achtet auf das pädagogische Recept des Pastors W. aus Sydenham. Er giebt euch den Rath, bei der Behandlung der Alttestamentlichen Geschichte immer nur möglichst wenig von der Ä b- trünnigkeit und dem Ungehorsam des Volkes, sowie von den Drohungen und Gerichten Gottes zu reden, sondern mehr die Gnade und die Liebe Gottes heroorzuheben, die sich „nicht umsonst offenbart an Israel, die sich selbst in dunkeln Zeiten einen hl. Samen zu erhalten weiß, einen Elias mit 7000 übriggebliebenen Gottcsanbetern." Wie das nun zu machen ist, darüber müßt ihr euch nähere Auskunft in Sydenham holen. — Allerdings werdet ihr bei der Behandlung des Alten Testaments besonders die Gnade und Liebe Gottes heroorzuheben haben, mit der Er Sein Volk vom ersten Augenblick an getragen, geführt und geleitet hat; aber ich habe bisher gemeint, diese Gnade und Liebe Gottes könnte man nur dann erst ins rechte Licht stellen, wenn man auf der andern Seite auch die Abtrünnigkeit, die H a l s st a r r i g k e i t und den Ungehorsam des Volkes den Kindern immer wieder vor Augen führe. Ich wüßte nicht, wie man z. B. den Zug nach Kanaan anders behandeln sollte, als immer wieder „den Finger zu legen" auf die Abtrünnigkeit des Volkes, da ja die Geschichte dieses Zuges eben nur eine Geschichte des Absalles ist, — und der 40jährige Aufenthalt in der Wüste ist doch auch nichts anders, als eine Strafe f ü r den Abfall. Daß Gott der Herr dennoch Sein Volk nicht verstieß, sondern immer wieder Sich ihm zuneigte, sobald es Buße that, darin zeigt sich eben Seine unendliche Geduld, Seine unermeßliche Gnade und Liebe, die uns aber grade dann erst in ihrer ganzen Größe erscheint, wenn wir auf der andern Seite achten auf die Abtrünnigkeit des Volkes. — Wohl weiß ich es: ihr werdet cuern Kindern lieber von den Erzvätern erzählen, von den wunderbaren Führungen derselben und sie den Kindern als Vorbilderhinstellen, als von dem Volke auf dem Zuge nach Kanaan mit seinem fortwährenden Murren und seinem immerwährenden Ungehorsam; ihr werdet den Kindern mit größerer Freude die Geschichte der f r o m m e u Könige vortragen, als die der gottlosen, lieber das Volk ihnen zeigen, wie es Seinem Gölte dient im hl. Tempel, als wie es steht vor den Altären der Götzen. Aber ihr müßt das Eine thun und das Andere nicht lassen. Drum wenn auch i ch euch einen Rath geben darf, so bleibet lieber bei euerer seitherigen Praxis und zeigt den Kindern die Sünden des Volkes Israel in ihrer ganzen Größe, zeigt ihnen seine Abtrünnigkeit und Halsstarrigkeit, nicht freilich um Antisemiten aus ihnen zu machen, sondern um eben die Gnade Gottes in ein um so helleres Licht zu stellen, die Gnade Gottes, nach welcher Er festhielt an Seinen Verheißungen trotz den Ungehorsams Seines Volkes. Und auch die Droll ungen und Gerichte Gottes über dies halsstarrige Volk werdet ihr nach wie vor euer» Kindern i» ihrer ganzen Schwere vor Augen führen müssen,
nicht freilich um dadurch eine Abneigung gegen die heutigen Juden in die jungen Herzen zu pflanzen, sondern um diesen zu zeigen, daß Gott ein heiliger und gerechter Gott ist, dem die Sünde ein Greuel ist und der die Sünde nicht will ungestraft lassen hin- gehen, sondern der es ernst nimmt mit Seinem Worte: „Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in allem dem, das geschrieben steht in dem Buche des Gesetzes, daß er es thue." —
Und was die Behandlung der Neutestamentlichen Geschichten anlangt, nun so glaube ich nicht, daß ihr bisher immer solche Fragen au die Kinder gestellt habt — wie Pastor W. geneigt ist anzunehmen —, worauf die Antwort stets lauten muß: „Die Juden, die Juden!" Aber ich glaube auch nicht, daß ihr aus Rücksicht auf die heutigen Juden, oder aus Besorgniß die Kinder möchten eine Abneigung gegen die Juden bekommen, irgend etwas von der Sünde der damaligen Juden den Kindern vorenthalten werdet. Wohl werdet ihr lieber zu den Kindern reden von so manchem Jsraeliten ohne Falsch, welcher den Heiland erwartete und willkommen hieß, z. B. von einem Zacharias und einer Elisabeth, von den frommen Hirten, von einem Simeon und einer Hanna, — als von denen, die Ihn von vornehercin verfolgten, z. B. von einem Herodes, der so viel Jammer und Leid über Bethlehem brächte durch den Kindermord, nur um das Eine Kind Jesus zu tödten; werdet lieber reden von den Jüngern, die um Jesu willen „Alles verließen und Ihm n a ch- folgten", als von denen, die auf Schritt und Tritt Ihn verfolgten; lieber reden von dem Volk, wie es am Palmsonntag seinem Könige entgegenjanchzte: „Hosiannah dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosiannah in der Höh!" — als von demselben Volke, wie es 5 Tage später schrie: „Kreuzige, kreuzige!" Aber ihr werdet doch bei alledem nicht zu ängstlich sein dürfen, den Kindern es geradeheraus zu sagen, daß die Juden es waren, die den Heiland aus Kreuz gebracht haben, nicht freilich, um ihnen eine Abneigung gegen die h e u t i g e n Juden beizu- bringen, sondern um eben der Wahrheit die Ehre zu geben. Wenigstens glaube ich, daß ihr nicht ängstlicher sein dürft, als der Apostel Petrus, der sich nicht gescheut hat — obwohl früher Jude —, seinen eigenen Landsleuten ins Gesicht zu sagen: „Diesen Jesum..... Habt ihr genommen durch die Hände der Ungerechten und Ihn angeheftet und erwürget (Apgesch. 2,23); und wiederum: „Ihr aber verleugnetet den Heiligen und Gerechten und batet, daß man euch den Mörder (Barnabas) schenkte; aber den Fürsten des Lebens h a b t i h r g e t ö b t e t (3, 14. 15); und wiederum: „So sei euch und allem Volk von Israel kundgethan, daß in dem Namen Jesu Christi von Nazareth, welchen ihr g e kr e u z i g t h a b t, den Gott von den Todten aufcrweckl hat, steht dieser allhier vor euch gesund (4, 10)." — Dabei werdet ihr den Kindern freilich auch sagen, daß nicht nur die I u d e n den Heiland ans Kreuz gebracht haben, sondern daß auch alle die C h r i st e n Ihn immer wieder von Neuem kreuzigen, welche an ihren Sünden noch ein Wohlgefallen haben. Denn da Er um unserer Sünden willen in den Tod gegangen ist, so will Er, daß wir hinfort auch der Sünde nicht mehr dienen, sondern sie meiden und fliehen. —
Was nun den Confirmandenunterricht angeht, so weiß ich nicht, ob Pastor W. den seinigen s o ertheilt und s o einrichtet, daß ja keine Antisemiten daraus her- vorgehen, — i ch und gewiß alle meine Amtsbrüder, wir haben im Confirmandenunterricht etwas Besseres zu thun, als darnach zu fragen, ob die Confirmanden durch den Unterricht zu A u t i - oder P h i l o semiten erzogen werden. —
Jedenfalls hat Pastor W. mit seiner behaupteten „Thatsache, daß die Abneigung gegen Israel vielfach aus der Schule und dem Confirmandenunterricht stamme" etwas ganz Neues entdeckt, wofür ihm die Juden dankbar sein müßten. Ich habe wenigstens die ganze Bewegung gegen die Juden von Anfang an ziemlich genau verfolgt, habe aber noch niemals weder in judenfreund- lichen Broschüren, noch in Zeitungen den Vor- wurf gelesen, daß die Abneigung gegen Israel vielfach aus.der Schule und dem Confirmandenunterricht stamme.
Dies als „Thatsache" festzustellen, blieb erst dem Pastor W. aus Sydenham vorbehalten, — und, wie gesagt, die Juden müßten ihm für diese interessante Entdeckung ihren besonderen Dank abstatten, wenn sie nicht selbst recht wohl wüßten, daß diese „Thatsache" nur in d e r Phantasie des Pastors W. feststünde. —
Wenn nur der Pastor W. einmal mehrere Jahre bei uns auf dem Lande zubringen wollte, er würde bald die Erfahrung machen, daß es gar nicht nöthig ist, den Kindern schon in Schule und Confirmandenunterricht eine gewisse Abneigung gegen die Juden beizubringen, sondern daß die Juden schon selbst für eine solche Abneigung sorgen. Ja wahrlich, wer auf dem Lande aufgewachsen ist und längere Zeit auf dem Lande gelebt hat und sieht das Treiben der Juden, sieht, wie so mancher Bauer nur für den Juden sich plagt, sieht, wie hier und dort ein Bauerngut nach dem andern verkauft und verzettelt wird, der braucht nicht auf Schule und Confirmandenunterricht zurückzugehen, um dort die Quelle der Abneigung gegen die Juden zu suchen, der sieht es vor Augen, woher diese Abneigung stammt und wundert sich, daß sie nicht noch größer ist, als sie ist. Wenn aber einmal Jemand auf diese wirkliche Quelle der Abneigung hinweist, dann heißt es: „Das ist Judenhetze, wir werden verfolgt." Seien wir doch nur offen und ehrlich: — Wer ist denn in Wahrheit der Gehetzte und Verfolgte? Der Jude, der ungehindert sein Wesen treibt, der ein Bauerngut nach dem andern in seine Gewalt bekommt und der bei all seinem „Verfolgtwerden" immer reicher und reicher wird, oder der Bauer, der mehr und mehr umgarnt und umstrickt wird, der nur noch so lange auf seinem früheren Eigenthum geduldet wird, bis er g a r nichts mehr sein eigen nennen kann und der dann mit Weib und Kind von Haus und Hof getrieben wird, — ich frage: wer ist hier der Gehetzte und Verfolgte? Aber freilich das Geschrei von der „Judenhetze" ünd „Judenverfolgung" darf nicht verstummen, damit die Juden immer mehr als Märtyrer erscheinen und die Aufmerksamkeit von ihrem Treiben abgelenkt werde. —•
Ich erkläre es ausdrücklich, daß ich hier nicht von allen Juden rede, wie ich auch schon oben erklärt habe, daß nicht von allen Juden Unheil komme, sondern ich rede hier lediglich von den Wucherjuden, deren Treiben ich zur Genüge kennen gelernt habe, besonders in den Kreisen Fritzlar, Eschwege und Rotenburg, welches indeß überall dasselbe ist und welches nicht nur von Christen, sondern auch von einem großen Theil Juden verurtheilt wird, — nur daß letztere es nicht wagen, öffentlich dagegen aufzutreten. Wollten sie es thun, so würden sie einfach in den Baun gethan werden.
Ebenso wie es mir fern liegt, alle Juden als Wucherer beschuldigen zu wollen, ebenso fern liegt es mir auch, die Christen, die sich von Juden bewuchern und an den Bettelstab bringen lassen, zu entschuldigen; — nein, sie tragen in den meisten Fällen selbst ein gut Theil Schuld an ihrem Ruin, und ich habe die Ueberzeugung : es wird und kann mit der ganzen sogen. Judenwirthschaft nicht eher anders werden, als bis die Christen selbst anfangen, ihre Stellung zu den Juden — um mit Pastor Wagner zu reden — einer „Revision" zu unterziehen, und zwar in so c i al e r und religiöser Hinsicht. Was ich damit meine, davon soll der Schluß dieser Aufsätze handeln. (Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Von der Diemel, 11. Mai. Ein außerordentlich heftiges Gewitter hat die Gegend an der waldeckisch- westfälischen Grenze arg heimgesucht und der Landwirthschaft vielen Schaden gethan. In Olsberg schlug der Blitz in die Wirthschaftsgebäude des Posthalters Padberg und zündete, so daß in wenigen Minuten Alles in Flammen stand und das Gebäude sammt den Getreide- und Futtervorrüthen in kurzer Zeit total cinge- äschert wurde. Weiter schlug der Blitz in den Thurm der Capelle und verübte großen Schaden, in einem anderen Hause ging ein kalter Schlag hernieder, nahm den Weg durch's Fenster, zertrümmerte,die Fensterscheiben der Reihe nach und ging nach unten in die Wohnstube, wo die Familie des Hausesbeisammen war; die Hausfrau wurde getroffen und ihr der Haarpfeil auf dem Kose zertrümmert, darauf fiel sie betäubt zu Boden;