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SchlWernerMtung

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

48. Mittwoch, den 19 Juni. 1889.

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Schlächtern, im Juni 1889. Der Herausgeber.

Einige Gedanken über Volkswirthschaft.

1 Von A smus Mahne r.

(Fortsetzung.)

IV.

Das ist sicher. Vertrauen kann sich keiner selbst geben, aber er kann verhindern, daß es bei ihm Einzug hält. Und darin seid wieder besonders ihr Bauern stark. Wenn auch Einer räth, was gut ist für euch, wenn er die besten Absichten dabei hat, wenn ihr das auch selbst einseht ihr denkt doch:der will uns drankriegen. Das thun wir aber nicht!" Nun würde ich mich gar nicht darüber wundern, denn ich weiß, daß ihr euch in einer Art Nothwehr befindet; der, welcher euch räth, ist gewöhnlich gescheidter als ihr, und ihr meint, ihr müßtet durch Mißtrauen ersetzen, was euch an Klugheit abgeht. Ihr haltet euch dann für Wunders wie klug. Das ist aber nicht klug, sondern pfiffig. Und ihr wißt doch:Die klugen Hühner legen auch neben das Nest." Aber, wie gesagt, ich würde mich nicht so sehr darüber wundern, wenn nicht Eins wäre. Wenn irgend ein schlechter Kerl, ein Geldwucherer oder ein Bichwucherer kommt, von dem ihr ganz genau wißt, daß er schon mehr als Einen betrogen hat dem traut ihr, mit dem laßt ihr euch ein, da kriecht ihr in denJühresack". Wo bleibt denn da euere Klugheit? Da wäre euer Mißtrauen besser angewandt, als dann, wenn euch euer Pfarrer oder Lehrer oder Amtsrichter- oder Landrath etwas räth.

Aber dieses Mißtrauen ist nicht nur b;i den Bauern, sondern, Gott sei's geklagt, im ganzen Lande daheim. Im Jahre 1881 erging am 17. November eine Bot­schaft des lieben, alten Kaisers Wilhelm, worin er seine Unterthanen bat, ihm zu helfen,dem Vaterlande neue und dauernde Bürgschaften seines inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen größere Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistands, auf den sie Anspruch haben, zu hinter­lassen. Und es ist rührend, wie der alte Mann, Den die ganze Welt ehrt, sagt:In Unseren darauf ge­richteten Bestrebungen sind Wir der Zustimmung aller verbündeten Regierungen gewiß und vertrauen auf die Unterstützung des Reichstag ohne Unterschied der Partei­stellung." Der edle Dulder Friedrich sagt, in seinem Erlaß an den Reichskanzler:Einig mit den Anschau­ungen Meines Kaiserlichen Herrn Vaters, werde ich warm alle Bestrebungen unterstützen, welche geeignet sind, das wirthschaftliche Gedeihen der verschiedenen Gesellschaftsklassen zu heben, Widerstreitende Interessen derselben zu versöhnen und unvermeidliche Mißstände nach Kräften zu mildern." Der junge, kräftige Kaiser Wilhelm sagt am 18. Juni 1888:Auf den Thron Meiner Väter berufen, habe Ich die Regierung im Ausblick zu dem Könige aller Könige übernommen und Gott gelobt, nach dem Beispiel Meiner Väter Meinem Volke ein gerechter und milder Fürst zu sein, Frömmig­keit und Gottesfurcht zu pflegen, den Frieden zu schirmen, die Wohlfahrt des Landes zu fördern, den Armen und Bedrängten ein Helfer, dem Rechte ein treuer Wächter zu sein." Am 27. Juni 1888 sagt er in der Thron­rede zur Eröffnung des preußischen Landtags:Ich vertraue, daß es uns auch in Zukunft gelinge werde, in gemeinschaftlicher, von gegenseitigem Vertrauen ge­tragener und durch die Verschiedenartigkeit prinzipieller Grundanschauungen nicht gestörter Arbeit die Wohlfahrt des Landes zu fördern."

DaS sind Worte aus dem Munde dreier Kaiser, wie sie vordem nie gehört worden sind. Man sollte meinen, Jeder, in dem noch ein Funke Menschlichkeit ist, müßte solche Worte mit Jubel und Begeisterung aufnehmeu und das Vertrauen, welches ihm seine Kaiser entgegen- bringen, mit Vertrauen seinerseits und kräftiger Beihülfe erwidern. Statt dessen kommen Schnüffler und Nörgeler her- zucken die Achseln über ihre Kaiser, weil dieselben tnciuen, man glaubte ihnen, was sie da sagen. Soweit ist- im Lande der Treue und des TrauenS, soweit ist#

in Deutschland gekommen. Daran sind aber nicht die Kaiser, die sich redlich mühten, ihre Worte einzulösen, schuld, sondern daran sind schuld die Schlauen und Pfiffigen, die Besserwisser und Nörgeler. Ja, ihr Bauern habt bei euerem Mißtrauen eine große Collegen- schaft in der Welt. Denkt aber auch einmal an das Wort:Da sie sich weise dünkten, sind sie zu Narren geworden." Nun, wer helfen will, der lasse sich von solchen Narren, die sich für weiser halten als alle Anderen, nicht den Muth verderben, wie's unsere Kaiser auch nicht gethan haben. Wenn Einem von diesen Spießbürgern und Besserwissern das passirt wäre, was dem Kaiser Wilhelm anno 1878 zweimal passirt ist, als der alte, ehrwürdige Mann am eigenen Leibe den Dank für all' seine Mühe und Treue erfahren mußte, da verruchte Mörderhand sich gegen ihn hob wenn Einem von jenen Spießern das passirt wäre, sie hätten Zeter und Mord geschrieen:Polizei! Polizei! Man ist seines Lebens nicht sicher!" Und wenn sie die Ge­walt gehabt hätten, dann hätte man was erleben können. Was that aber der Kaiser, der Herr über Hundert- tausende von Soldaten? Er fuhr nach wie vor im offenen Wagen, er ließ seine Wohnung von Fremden aller Art besuchen, in den Gärten von Babelsberg konnte jeder ungehindert spazieren gehen und mancher Fremde hat sich da an einem freundlichen Wort oder Gruß seines Kaisers erfreut. Das ist doch wahrhaftig Ver­trauen! Und einem Mann, der seinem Volke ein solches Vertrauen entgegenbringt, sollte das Volk doch eher vertrauen als den superklugen Herrn, die über Alles, was über ihren beschränkten Horizont hinausgeht, ihre dummen Späße machen, und im Grunde für einen Anderen gar nichts übrig haben, wenn nicht ihr Profit sich dabei findet. Solche Leute begreifen 's nicht, wie jemand etwas aus Liebe zu dem Nächsten thun kann. Das begreift und thut eben nur der, der ein königliches Herz in der Brust hat, wenn's auch unter'm Kittel schlägt. Das ist nun aber auch der Grund, weshalb ihr Bauern so selten Jemand traut, der euch rathen und helfen will. Es giebt ein Sprichwort, das heißt:

Wenn der Bauer nicht muß, regt er nicht Hand noch Fuß."

Und das ist leider ein wahr' Wort. Weil ihr nun selber nur immer das thut, wozu euch der Schandarm treibt, oder was euch irgend einen Vortheil bringt, so meint ihr, es gäbe nur lauter Leute wie ihr. Das ist aber ein Irrthum von euch. Wenn, z. B., Asmus so wäre, dann ließ er's bleiben und schrieb' sich nicht die Finger wund, denn Geld giebt ihm der Herr Buchdrucker keins für seine Schreiberei, und Ehre wird's ihm auch wenig ein bringen, den n die Wahrheit hat wenig Ehr' zu erhosfen in der Welt. Aber er schreibt doch, weil er denkt, es könnte euch etwas nützen. Und so denkt, Gott sei Dank, noch maucher. Und wer so denkt, der hör nun zu, wie wir's machen wollen, daß den Leuten geholfen werde. Wir wollen ihnen vor allen Dingen zeigen, daß wir helfen wollen, daß wir ein Herz für sie haben, und dann wollen. wir ihnen zeigen, daß wir helfen können, daß wir Mittel und Wege haben, die aus der Noth herausführen. Helfen kann man aber nur, wenn man weiß, wo's fehlt. Darum ist die erste Pflicht für euch, die ihr den Willen zum Helfen habt, daß ihr die Noth keiinen lernt. Dem Arzt scheint nicht die Heilung der Krankheit das Schwerste, sondern die Erkenntniß der Krankheit. Grade so ist's bei der wirth- schaftlichen Krankheit unseres Volkes. Darum, ihr Pfarrer und Lehrer, wenn ihr helfen wollt, setzt euch nicht nur hinter den Studirtisch, sondern geht hinein in die Häuser und sucht in die Herzen zu kommen. Was soll die halbe Stunde Predigens helfen am Sonntag, wenn ihr den Leuten nicht helft, daß sie in der Woche leben können, wie ihr ihnen am Sonntag predigt? Die Predigt in Der Kirche allein hilft nicht mehr, denn die Zeiten haben sich geändert. Wenn der Pfarrer in

früherer Zeit in die Kirche ging, dann hatte er die ganze Gemeinde vor sich, denn Kirchenversäumniß wurde von staatswegen bestraft. Das ist heute zum Glück für die Kirche anders. Die Leute kommen nicht mehr zu euch, sondern ihr müßt zu ihnen kommen, wenn ihr nicht Miethlinge heißen wollt.

Ihr Herrn Lehrer, denkt nicht mit ein paar Stunden den Tag sei's gethan, der Rest gehöre dem Wirthshaus, dem Skat oder der Kegelbahn. Ihr verlangt immer mehr Achtung für eueren Stand. Wißt ihr was? Der Stand ist in mancher Beziehung wie der Rock. Wenn der Rock dem Mann die Ehre geben soll, dann ist's faul. Nein! Der Mann muß dem Rock die Ehre ver­schaffen. Grade so mit euerem Stand! Wo ein tüchtiger, ehrenfester, braver Mann den Stand vertritt, da sind der Mann und der Stand geachtet. Wo aber ein Windbeutel oder ein ungeschliffener Rüpel den Stand vertritt, da sind Mann und Stand beschimpft. Darum, wollt ihr wirklich, daß euer Stand geachtet sei, so seid selbst achtbare Leute, und wo Einer ist, der den Stand durch sein Betragen beschimpft, da glaubt nicht, ihr müßtet nun alle für ihn eintreten, sondern straft ihn im Gegentheil mit der ihm gebührenden Ver­achtung. Wenn aber doch irgend ein Dummkopf Einen drauf ansehen sollte, weil er ein Lehrer ist, dann denkt an die schöne Geschichte vom Kaiser Rudolf, als er den Ottokar besiegt hatte undfein graues Wams auch einmal über ihn lachen" ließ. Wenn euch Einer deshalb geringer achtet, weil ihr Lehrer seid, dann laßt euer graues Wams nur auch über seine Bornirtheit lachen. Aber, wie gesagt, der Mann muß dem Rock, wollt' sagen, dem Stand die Ehre verschaffen. Und dazu habt ihr jetzt herrliche Gelegenheit, indem ihr durch thätiges Mithelfen beim Steuern der socialen Noth euch als brave ehrenfeste Männer zeigt) Denen das Wohl und Wehe ihrer Mitmenschen am Herzen liegt, die nicht wie Tagelöhner und Knechte nur das thun, was sie bezahlt bekommen, sondern wie freie Männer sich selbst ihr Ziel möglichst hoch stecken, unbekümmert um Undank und Spott, denen noch Keiner entgangen ist, der für die Menschen gearbeitet hat.

(Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Leipzig. Bei einem hiesigen Juwelier wurden mittelst Einbruchs Werthsachen im Betrage von 75000 Mark gestohlen. In der Ladenkasse ist außer einigen Pfennigen nur eine Denkmünze in Form eines Zwanzig-Mark- stückes mit der Inschrift:Lerne leiden ohne zu klagen" vorgefunden worden. Der Hohn, der aus diesem Vor­gehen spricht, bedarf keines Kommentars.

Ncisse, 17. Juni. Während eine Prozession aus Patschkau gestern Abend in der Kapelle am Wartua- berge war, schlug der Blitz in die Kapelle. 40 Men­schen wurden betäubt und theilweise gelähmt, 3 Männer und 2 Frauen wurden getödtet.

Eisenach. Aus Furcht,sitzen zu bleiben", hatte ein etwas ältliches Mädchen aus der Gegend bei Eisenach ihren Taufschein gefälscht. Sie hatte damit ihren Bräutigam glauben machen wollen, daß sie erst ^5 und nicht schon 30 Jahre alt sei. Die Trauung ist auch vor sich gegangen, die Falscheren muß aber für ihre eigenmächtige Verjüngung 8 Tage ihrer Flitterwochen im Gefängniß zubringen.

Fürth, 16. Juni. Eine skandalöse Nohheit fand durch landgerichtliches Urtheil ihre gerichtliche Sühne. Der von der Musterung aus Fürth heimwärts gehende Rekrut Schneider, Metalldrucker aus Zirndorf, schlug dem am Wege sitzenden Drehorgelspieler Meyer zuerst aus purem Uebermuth die Orgel zusammen und stieß dem Bettler sodann mit seinem Spazierstocke das linke Auge vollständig aus. Das Gericht erkannte auf zwei Jahre Gefängniß und 5jährigen Ehrverlust.