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Mittwoch, den 3. Juli,

1889.

Denkbar beste" Beziehungen.

Viele Leute bemühen sich, aus dem Umstand, daß sich Rußland sofort den deutschen Forderungen an die Schweiz behufs energischer und unparteiischer Handhabung der Fremdenpolizei angeschlossen hat, darzulegen, daß da« Verhältniß Deutschlands zu dem benachbarten großen slavischen Reiche das denkbar beste sei, doch vermögen wir diese Auffassung keineswegs zu theilen.

Wenn Rußland in bereitwilliger Weise den deutschen Schritt bei der Berner Regierung unterstützte, so geschah dies lediglich in dem Bewußtsein, hier im ureigensten Interesse Vorgehen zu können. Rußland hat in Er­wägung des Umstände-, daß die Schweiz Hunderten von russischen Nihilisten, Verschwörern und Dynamit­helden seit Jahren bereitwilligst Obdach und Asyl ge- währt, mit Freuden die günstige, von Deutschland hervor­gerufene Gelegenheit benutzt, sich endlich einmal mit den Schweizer Behörden über den bereglen Punkt aus- etnanderzusetzen, ohne daran zu denken, ob es dadurch dem deutschen Reiche Vortheile oder Nachtheile bringe. AuS diesem Umstände schließen zu wollen, es habe somit eine Annäherung zwischen den beiden Kaiserstaaten statt- gefunden, ist verfehlt. Rußland hätte vielleicht schon eher selbstständige Schritte gegen die Schweiz unter­nommen, wenn es sich von seinem alleinigen Vorgehen irgend welchen Erfolg versprochen hätte. Daß eS jedoch erst jetzt im Verein mit Deutschland vorging, ist nur ein Zeichen der geringe» Selbstvertrauens der Russen zu der eigenen Macht und dient nur dazu, wieder einmal in grosser Weise den ganzen großen Egoismus zu zeigen, der durch die russische Politik geht, deren oberster Grundsatz zu sein scheint:Benütze alle, aber nutze nur dich selbst!"

Daß der russische Zar noch immer keine Anstalten getroffen, dem deutschen Kaiser seinen Gegenbesuch zu mache», ist jedenfalls nicht als ein Zeichen für die denkbar günstigen" Beziehungen zwischen den beiden Reichen anzusehen. Allerwärts erwartete man, daß der Großfürst-Thronfolger auf seiner Durchreise nach Stuttgart Gelegenheit nehmen werde, einen kurzen Halt in Berlin dazu zu verwenden, dem Kaiser Wilhelm persönliche Mittheilungen über seines Vaters demnächftigen Besuch am deutschen Kaiserhofe zu machen. Aber nichts davon ! Während der mit dem Thronfolger zusammenreisende König von Griechenland einen Tag in Berlin verweilte, fuhr ersterer bekanntlich durch Berlin hindurch, als ob es gar keine deutsche Reichshauptstadt, gar keinen deutschen Kaiser gäbeADer Großfürst-Thronfolger erfreut sich", wie dazu die K. Z. schreibt,nicht der allergrößten Kräfte. Wenn er trotzdem den Befehl erhielt, ohne Erholungs Aufenthalt direkt ourchzureisen, so erläutert da» gleichzeitig, in welch hohem Grade der Zar den Wunsch hegt, den Besuch deS deutschen Kaiser- zu erwidern." Die Ironie, welche in diesen Worten liegt, findet jeder sofort heraus. Die Köln. Ztg. will sagen, der Wunsch des Zaren, dem deutschen Kaiser den schuldigen Besuch avzustatten, sei nichts weniger als lebhaft.

Wenn der Thronfolger für die lange Reise zu schwächlich ist, so hätte er gerade einen kurzen Aufenthalt in Berlin nehmen sollen und der Zar hätte die günstige Gelegenheit benutzen könne», durch letzteren dem Kaiser Wilhelm endgültigen Bescheid über den beabsichtigten Besuch zu überschicken; daß eS nicht geschah, beweist eben den ge­ringen Eifer, mit welchem der Zar die Erwiderung deS Besuches betreibt.

Wir glauben, auf obige Erwägungen fußend, daß die augenblicklichen Beziehungen zwischen dem deutschen und russischen Reiche nicht gerade diedenkbar günstigen" sind. Daß ersteres nicht die Schuld daran trägt, wissen wir Deutsche am besten. An Entgegenkommen von Seiten der Regierung unseres Kaisers hat es wahrlich nicht gefehlt.

In Stuttgart haben Kaiser Wilhelm und der russische Thronfolger gelegentlich der JubiläumSfestlichkeitenkürzlich zusammen geweilt, und mit großer Genauigkeit berichteten die Zeitungen über jede- eingehende Gespräch, welches ersterer daselbst mit hervorragenden Persönlichkeiten ge» führt. U. A. berichtete ein längere- Trlegramnz der offiziösenNordd. Allg. Ztg." über die am Dienstag

auf den Canvstadter Wasen abgehaltene Parade, in dem es heißt:

Der Kaiser unterhielt sich sehr lebhaft mit dem Großheizog von Baden, dem König von Sachsen, dem Grafen Waldersee und dem General von Alvensleben; vor Allem aber mit dem König Karl, welchem Aller- Höchstderselbe sein Regiment, 2. Württembergisches Nr. 120, zweimal vorbeiführte."

Von einer Unterhaltung zwischen Kaiser Wilhelm und dem russischen Thronfolger steht hier nichts. Wären die russisch-deutschen Beziehungen so gar gute, unsere Kaiser hätte keinesfalls diese offizielle Gelegenheit, als welche die Parade der württembergischen Truppen auf- zufassen, vorübergehen lassen, mit dem Großfürst-Thron­folger ein mehr oder weniger eingehendes Gespräch zu führen, was dieN. A. Z." sicherlich nicht verschwie­gen haben würde.

Kaiser Wilhelm muß wohl genügenden Grund haben, weshalb er diesmal, entgegen seiner sonstigen Gepflogen­heit, dem russischen Prinzen eine ostentative Aufmerk­samkeit nicht gezeigt hat, und wir Deutsche können An­gesichts des russischen Eigendünkels die Handlungsweise unseres jungen, ernst wägenden Monarchen nur von Herzen billigen.

Deutsches Reich.

Berlin. In diesen Tagen ist die Zahl der Berliner Einwohner auf 1'/, Million angewachsen.

Ueber die Reise deS Kaisers nach der norwegischen Küste bringt dasKieler Tageblatt" folgende Angaben: Der Kaiser wird sich zum Ende dieses Monats, wie es heißt am 1. Juli, in Kiel und zwar auf seiner Dampf­yachtHohenzollern" nach Norwegen einschiffen. Die Jacht wird vom Kapitän zur See v. Arnim geführt werden. Ueber den Punkt, wo der Kaiser bei den Lofoten seine« Aufenthalt nehmen wird, ist noch nichts Näheres bestimmt, da der Kaiser sich alle Einzelheiten vorbehalten hat. Wahrscheinlich wird der Kaiser seine Wohnung an Bord deSHohenzollern" behalten, deren prachtvolle Räume jetzt auch elektrisch beleuchtet werden können. Anderenfalls dürfte an irgend einem passenden Punkt au der Küste ein Blockhaus für den Kaiser auf- geschlagen werden, wie seinerzeit ein solches für den Prinzen Friedrich Karl an der Küste von Rügen zu- sammengezimmert worden ist. Der Kaiser will in Nor­wegen nur dem Fischfang und der Jagd obliegen, Berge steigen und sich sonst gänzlich für einige Wochen der Ruhe hingeben. Ein norwegisches nnd ein schwedisches Kriegsschiff begeben sich bereits in den nächsten Tagen in den Westfjord, um Alles für die Ankunft des Monarchen vorzubereiten. Die JachtHohenzollern" wird noch von einem anderen Kriegsschiff auf der Reise begleitet sein. Wahrscheinlich wird die Lofoten-Jttsel Westvaagen vom Kaiser zu seinem Aufenthalt gewählt werden. Diese ist 75 Kilometer groß, trägt die hohen Berge Himmeltind, Guratind und Sjötind und wird als die fruchtbarste Insel bezeichnet. Diese Doppelinsel Ost- und Westvaagen ist als der beste Fischfangplatz in ganz Europa bekannt und wird in dieser Jahreszeit von etwa 5000 Fischerbooten mit einigen 20,000 Fischern und Handelsleuten besucht.

Wie dieVoss. Ztg." erfährt, wird dem Reichs­tage in der nächsten Session bestimmt eine Novelle zum Krankenkassengesetze zugehen.

Der Bruttoüberschuß der preußischen Staatsbahnver­waltung im Rechnungsjahre 1888/89 belauft sich auf etwas über 300 Millionen Mark. Im Rechnungsjahr 1887/88 betrug der Ueberschuß 273 400 000 Mark. Der Ueberschuß ist also um etwa 27 Millionen Mark gestiegen.

DasReich-gesetzblatt" hat jetzt das Gesetz, betreffend die Jnvaliditäts- und Altersversicherung, veröffentlicht. Dasselbe trägt das Datum des 22. Juni 1889. Das große Wett hat damit Gesetzeskraft erlangt und es wird jetzt rüstig zu den allerdings mühsamen und schwierigen Vorarbeiten der Ausführung geschritten werden. Es ist die bedeutsamste That der Reichsgesetzgebung seit den großen grundlegenden Gesetzen bei cher Errichtung des Reich»; darin stimmten Freunde und Gegner überein. Wenn irgend etwas die socialistisch erregten, dem Staat und der heutigen GcsellschafSordnung entfremdeten Arbeitermassen versöhnen kann, so ist es der Versuch, dieselben von der Fürsorge des Staat- und der bürgen j

liehen Gesellschaft zu überzeugen und sie mit festen Banden realer Interessen an die heutige Ordnung zu knüpfen. Möge das Gesetz zum Heile des Vaterlandes und unseres Volkes gereichen und zur Förderung des socialen Friedens beitragen.

Stuttgart. Einer Meldung aus Stuttgart zufolge ist bei den Jubiläumsfeierlichkeiten ein eigenthümlicher Zwischenfall vorgekommen. Das Stuttgarter Grenadier- Regiment, Oberst Pfaff, veranstaltete im Officierscasino ein Festessen, dem die als Glückwunschdeputation an­wesenden russischen Ofsiciere als Gäste beiwohnten. Unter den ausgebrachten Trinksprüchen war einer auf das Deutsche Reich. Bei diesem Trinkspruch blieben die russischen Gäste sitzen. Man gab ihnen zu ver­stehen, daß dieses Benehmen auffällig gefunden werde. Sie antworteten, sie seien hierher gesandt, an dem Jubiläum des Königs Theil zu nehmen; das deutsche Reich zu feiern, seien sie nicht verpflichtet. Es kam darauf zu lebhaften Erörterungen, deren Folge war, daß die russischen Gäste das Local verließen.

Bückeburg. Vor einiger Zeit wurde ein Jäger vom hier garnisonirenden 7. westf. Jäger-Bataillon getauft. Der Bataillons-Kommandeur, der Haupt­mann, der Feldwebel und ein Oberjäger der Kompagnie des Täuflings waren Taufzeugen. Der betreffende Jäger war als deutscher Unterthan im Ausland geboren und ohne Taufe aufgewachsen.

Torgau, 27. Juni. Laut einem heute bei der Parole verkündeten kaiserlichen Befehl werden die Rayongesetze für Torgau aufgehoben, welches somit aufhört eine Festung zu sein.

Cotta. Im Dorfe Lotta bei Dresden sind etwa 120 Personen nach dem Genuße von Rindfleisch, welches von einem kranken Thier herrührte, erkrankt. Mehrere Personen sind nach furchtbaren Schmerzen gestorben.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern. In den letzten Tagen gingen in unserer Umgegend vielfach heftige Gewitter nieder und hört man von allen Seiten Berichte über große Schäden, die durch dieselben verursacht wurden. Am Freitag Nachmittag schlug ein Blitz in den Schloßthurm zu Steinau ein und zerstörte denselben zumThcil. An derselben Stelle zündete der Blitz auch vor vierJahren. Am Sonntag Morgen gegen 10 Uhr traf ein Blitzstrahl einen der Thürme am hiesigen Kloster, ohne jedoch zu zünden. Außerdem wurden mehrere Bäume in unserer Stadt zersplittert.

* - Zu dem am Sonntag und Montag in unserer Stadt stattfindenden Verbandskricgerfest sind bis jetzt 38 Kriegervereine mit ca. 1000 Mann angemeldet. Weitere Anmeldungen werden noch erwartet.

* Die Gesammtkosten des öffentlichen Unterrichts in Preußen betragen bei einer Schülerzahl von nur 5 Millionen Kindern in den preußischen Volksschulen rund 200 Millionen Mark, während die Ausgaben für Schnaps jährlich sich auf 200 Millionen Mark belaufen. Indem die gesammlen Einkünfte aus den direkten StaatS- steueru 150 Millionen Mark betragen, so ergiebt sich, daß für Trinkschnaps in Preußen jährlich 50 Millionen mehr alS für die Schulbildung und 110 Millionen mehr als an StaatSsteuern ausgegeben werden. Das giebt zu denken!

* In der heißen Jahreszeit ist das Bedürfniß nach einem kühlen Trunk besonders groß. Die gewöhn­lich genossenen Getränke Bier, Wein, Schnaps erregen aber durch ihren starken Alkoholgehalt immer von Neuem wieder Durst und Hitzegefühl und sind deshalb, nament­lich im Laufe des Tages möglichst zu vermeiden. In Lasset hat man jetzt und zwar mit recht gutem Erfolge wieder begonnen, die früher üblichen, billigen und leichten Getränke, wie einfaches sog. Braunbier oder Schneider­bier, Waizenbier und den fast ganz in Vergessenheit gerathenen Haustrunk, das Fülldier, wieder zu vertreiben. Die im vergangenen Jahre begonnenen Versuche sind so gut ausgefallen, daß in diesem Jahre an 16 Vertrieb­stellen solche Getränke verkauft werden. Es wäre sehr zu wünschen, wenn auch in den übrigen Theilen Hessens dieses Vorgehen Nachahmung fände.

* Die Knickerei, die sich darin kund giebt, bei Be­zahlungen von Rechnungen durch Postanweisungen 20 Pfg. abzuziehen, ist einem Geschäftsmanne in Dortmund theuer geworden. Er hatte auch 20 Pfg. abgezogen