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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
^53.
Samstag, den 6 Juli.
1889.
PoftollltHrtMt oui ^^ «Schlüchterner Zeitung" yntl Ilyt werden noch fortwährend von allen
" Postanstalten undLandbrieftlägern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Einige Gedanken über Bolkswirthschaft.
Von Asmus Mahner.
(Fortsetzung.)
VII.
Wenn wir bis dahin gesehen haben, wie nicht geholfen werden kann, so wird es jc^t endlich an der Zeit fein, darau zu denken, wie geholfen werden kann und soll. Zum Helfe» sind Helfer nöthig, und Helfer müssen stark sein. Je stärker sie sind, desto besser für die, denen geholfen werden soll. Wer ist denn nun der Stärkste, Mächtigste in einem Volk? Natürlich der Slaat, der die Zusammenfassung aller Kräfte eines Volkes darstellt. Daher sagen wir: Wenn kräftig der Noth gesteuert werden soll, so muß vor Allem der Staat helfen. „Halt!" sagt da ein Liberaler, „der Staat hat nie das Recht, sich in die Verhältnisse Einzelner zu mischen. Die Noth ist ein Privatverhältniß, welches den Staat nichts angeht. Davon muß er die Finger lassen." (NB. Wenn hier von Liberalen die Rede ist, so ist dabei nicht an die politische Partei der National- liberalen zu denken, welche im Grunde eine consrrvalive, d. h. staatserhaltende Partei ist. Wenn wir politische Parteien nennen sollen, welche wir unter diesem Namen begreifen, so nennen wir die deutsch-freisinnige, demokratische und socialdemokratische Partei.) Die Idee, daß der Staat kein Recht habe, die Noth zu lindern, weil dieselbe ein Privatverhältniß sei, hat etwas Bestechendes, solange man der Ansicht ist, daß dem Einzelnen, sei es nun ein Stand oder eine Person, nur auf Kosten Anderer geholfen werden könne. — Liberal ist ein schönes Wort; und wer wäre nicht einmal liberal gewesen? Es ist ein schönes Wort, denn es hängt zusammen mit dem Worte über, frei; und Freiheit ist die Quintessenz des LiberaliSmuS. Da giebt eS Gewerbefreiheit, Freihandel, Freizügigkeit. Aber man bedeute doch stets, daß über auch das Lind heißt. Und fürwahr, eS sind kindliche Ideen, die der LiberaliSmuS, wenigstens der ehrliche, sich macht. Es ist eine kiudlichc Idee, wenn man meint, durch Freiheiten den Menschen Freiheit dringen zu können. Gewiß, wenn die Menschen wären, wie sie nach dem Ideal eines liberslis komo, d. h. eines edeldenkenden Mannes, sein sollten, dann würde eS unverantwortlich sein, wenn der Staat solchen Menschen jene Freiheiten vorenthalten wollte. Aber es ist die Welt nun einmal nicht so: jene Freiheiten passen wohl für ideale, aber nicht für thatsächliche Menschen, wie sie in der Welt umherlaufen. Ich muß, wenn ich solche Ideale deS LiberaliSmuS s,he, immer an den liberalsten Mann denken, den ich kenne, bei dessen LiberaliSmuS man freilich nicht in Bersuchung kommt, heran zu denken, daß über auch das Kind heißt. Dieses Mann sagt:
„Weh' denen, die dem Swigblinden des Lichtes Himmelsfackel leih'n, sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden und äschert Städt' und Länder ein."
Der ehrliche LiberaliSmuS hat gemeint, man brauche die Menschen nur in den Strahlenglanz der Freiheit hinrinzustellen, dann würden sie ihr Glück schon von selbst finden. Aber man hätte bedenken sollen, daß daS Auge, wenn eS nicht selbst sonnenklar ist, nicht kann der Sonne Glanz ertragen. Mit anderen Worten: "Wer nicht selbst ein freies und edles Herz hat, kann das edle Gut der Freiheit nicht ertragen." Wem haben olT die Freiheiten, welche uns der LiberaliSmuS gebracht hat, genügt? Etwa der armen, gedrückten Menschheit? Wer nicht seiner schönen Theorie zu Liebe die Augen vor den Thatsachen verschließt, der wird daS nicht behaupten können. Den Nutzen von diesen Freiheiten halten gewissenlose Kapitalisten, gewissenlose Börsen- speculanten, gewissenlose Gründer. Und die, denen geholfen werden sollte, hatten 'den Schaden davon, daß sie diesem Gaunervolke preiSgegeben sind. „Ja," wendet wir Einer ein, „daran sind aber doch nicht die Gesetze schuld, sondern die Menschen, welche dieselben so schlecht anwenden." Ganz meine Meinung! Ein scharfes Messer W ein sehr gutes Instrument, aber wer es in die Hand tiurS «indes giebt, der ist ein Thor ovcr ein Bösewicht
— und was sollen wir von dem sagen, welcher Gesetze in die Hand eines Volkes giebt, die das Volk nicht zu gebrauchen versteht? Seht, mit jedem Recht, das ihr den Menschen gebt, gebt ihr ihnen auch eine Pflicht, mit jeder Gabe auch eine Aufgabe. Gebt ihr nun die Rechte und Gaben eher, als die Menschen die damit verbundenen Aufgaben lösen können, dann macht ihr sie nicht glücklich, sondern unglücklich. „Nun," sagt Einer, „das weiß der Liberalismus auch, und er hat sich auch danach gerichtet. Dem Liberalismus verdanken wir einen ungeheueren Aufschwung des Unterrichtswesens, wodurch das Volk zur richtigen Handhabung der ihm gegebenen Rechte und Freiheiten kommen soll." Gewiß wird kein vorurtheilSfreier Mann dieses Verdienst dem Liberalismus schmälern wollen. Aber ich meine, es ist auch hier wieder neben das Ziel geschossen. Man meint, wenn man die Menschen recht eingehend unterrichtete, ihnen möglichst viel Kenntnisse mltgäbe, dann würden sie auch gute, edle Menschen; oder wie es Sokrates ausdrückt, die Tugend sei ein Wissen, die Sünde, die Schlechtigkeit also ein Mangel an Intelligenz. Aber diese Ansicht straft schon der gemeine Menschenverstand Lügen, wenn er sagt: „Die Gelehrtsten sind die Verkehrtsten." Nein, durch Unterricht wird kein Mensch gut, „Pflichten und Rechte" gehören nicht in das Kapitel „Logik", sondern in das Kapitel „Ethik". Nicht der Unterricht macht den Menschen edel, gut und frei, sondern die Erziehung. Und in diesem Punkte hat der Liberalismus, so groß seine Verdienste um den Unterricht sind, schwer gesündigt. Eine durchaus falsche Philanthropie (Menschenliebe) hat den Liberalismus verleitet, den Gebrauch deS Stockes, ja selbst der Ruthe als eine Entwürdigung des auch im Kinde steckenden freien Menschen zu betrachten. Gar mancher treue Lehrer leidet unter dieser Ansicht von Menschenwürde. Die bösen Buben lachen ihn aus ob all' seiner guten Ermahnungen, denn sie wissen, er darf ja nicht schlagen und alberne Eltern verfolgen den Mann mit Strafanträgen, dem sie Dank wissen sollten, daß er ihnen ihre Kinder erziehen hilft.
(Fortsetzung folgt.)
Der grosse Zahlmeister-Prozeß, der seit Montag voriger Woche vor einer der Strafkammern deS ersten Landgerichts in Berlin verhandelt wird, erregt die Aufmerksamkeit der weitesten Kreise, weil er ein grelles Licht auf das Lieferungswesen in der Armee wirft. Angeklagt sind die Militärlieferanten Hagemann und Wollank wegen wiederholter Bestechung von Beamten. 35 frühere oder noch active Zahlmeister und Zahlmeister-Anwärter sind als Zeugen geladen. Viele von ihnen sind in den Jahren 1885 und 1886 verhaftet gewesen, vor das Militärgericht gestellt und bestraft oder freigesprochen worden, ohne daß bet der Nicht-Oeffentlichkeit deS Verfahrens der Grad und der Umfang der Bestechungen bekannt geworden wäre. Jetzt erst, nach einer genauen vierjährigen Untersuchung, kommt Licht in die Sache. Was dabei einen besonders ungünstigen Eindruck macht, ist der Umstand, daß eS vielfach als ein allgemein üblicher und besonnter Gebrauch eingestellt wird, Zahlmeistern regelmäßige Zuwendungen von Seilen der Lieferanten zu machen in der Form von Geldgeschenken oder der Gewährung von Darlehen oder in Geschenken an die Frau Zahlmeisterin oder in freier Bewirlhung. Man erfährt, wie der „Kölnischen VolkS-Zeitung" geschrieben wird, von einer FrühstückS- Rechnnng für einen Zahlmeister von 28 Mark, von dem Geschenk eines Album» im Betrag von 75 Mark, eines ShawlS, eines Notenständers, von wiederholten monatlichen Geldsendungen im Betrag von 30 Mark und in vierteljährlichen bis zu 400 Mk. Eine Summe von über 8000 Mark soll in einem Jahr die Firma nach den in Geheim-Chiffre geführten Büchern an Zahlmeister verausgabt haben. Ja, es wird mehrfach fast als ein gerechtfertigtes Herkommen zu bezeichnen versucht, den Zahlmeistern 2 pCl. von dem Werth der Lieferungen abzugeben. Im Reichstag ist die Angelegenheit bereits vor Jahren zur Sprache gekommen, der Kriegsminister hat damals die strengste Bestrafung in Aussicht gestellt und zugleich eine Erhöhnung des Einkommens der Zahlmeister verlangt; der Reichstag hat im Wesentlichen die Forderung auch bewilligt, um seinerseits dem Borwurf zu entgehen, als ob er diese Beamten- !lasse vor Versuchungen nicht genügend geschützt habe. DaS
Uebel hat aber viel weniger in der Unzulänglichkeit der Besoldungen für Zahlmeister, als in der unumschränkten Macht gelegen, die denselben von den mit der Selbst- bewirthschaftung betrauten und lediglich aus Offizieren zusammengesetzte» Menage - Kommissionen eingeräumt worden war. Was der Zahlmeister, der selbst nicht einmal Sitz und Stimme in der Kommission hatte, vor- schlug, wurde von derselben im Vertrauen auf die Ortsund Sachkenntniß des Vorschlagenden meist anstandslos bewilligt und die Lieferanten gingen immer den sichersten Weg, wenn sie sich, anstatt an die Kommission oder an den Kommandeur des Regiments, an den Zahlmeister als die eigentlich entscheidende Persönlichkeit wandten. Die bei dem Prozeß nunmehr zutage tretenden Entdeckungen weisen auf eine gründliche Aenderung des Militärlieferungs-Wesens als eine dringende Nothwendigkeit hin. Nachdem die Militärverwaltung mit der Einführung des direkten Bezugs von den Produzenten in den Kreisen der Landwirthe so erfreuliche Ergebnisse erzielt hat, die auch vom Reichstag rückhaltlos anerkannt worden sind, wird es ihr gewiß gelingen, auch auf diesem Gebiet Wandel zu schaffen, damit die vom Reichstag für die Verpflegung der Truppen bewilligten Gelder nicht iu die unrechten Hände gelangen.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Juli. Es war eine festliche Woche. Zuerst die Vermählung desPrinzen Friedrich Leopold mit der Prinzessin Luise, welche hohe Gäste, wie den König und den Großherzog von Sachsen den Herzog von Altenburg, sowie eine Reihe glänzender Festlichkeiten an den preußischen Hof brächte. Nach dem Galamahle, welches der Trauung am Montag gefolgt war, reiste das Kaiserpaar na» Stuttgart zur Feier des 25jährigen Reg ierungSjubiläu m deS Königs Karl ab. Bei dieser war auch neben vielen anderen Fürstlichkeiten der Großfürst Thronfolger von Rußland anwesend, welcher auf der Hin- wie auf der Rückreise Berlin berührte, hier aber keinen Aufenthalt nahm. Bei dem großen Galafrühstücke im Landhause Rosenstein trank König Karl auf das Wohl der ver- sammcltenFörsten, namentlich der Kaiserlichen Majestäten. In seiner Erwiderung bezeichnete es der Kaiser als ein Vorrecht deS deutschen Volkes, daß die deutschen Stämme mit ihren angestammten Fürstenhäusern Freud und Leid theilen; bem Beispiele der Völker folgend seien die Fürsten herbeigekommen in Gefühle der Solidarität, das alle verbindet. Hieran schloß sich die Reise der Majestäten nach Sigmaringen zur Hochzeit deS Erbprinzen von Hohenzollern. Während die Kaiserin sich zur Kur nach Kisfingen begiebt und hier mit den drei ältesten Prinzen zusammentrifft, kehrte der Kaiser allein nach PotSdam zurück und hat am Montag die Reise nach Kiel und von da nach Norwegen angetreten. Der Reichanzeiger veröffentlicht das In v a liditä tS- und AlterSvelsicherungSgesetz, welches der Kaiser am 22. Juni vollzogen hat. Dir AuSführungS- bestimmungen, welche wegen der Größe und Neuheit der Aufgabe reiflicht Erwäguugen beanspruchen, wird der BundeSroth erst im Herbst vornehmen. Vor der Sommerpause, die etwa in der zweiten Jutiwoche beginnt, ist er noch von einer Anzahl VerwaltungS- angelegenheiten in Anspruch genommen. Dem Reichstag war eine Novelle zum Krankenkaffengesetze angekündigt. Aus Rücksicht auf die langwierigen Verhandlungen über das JnoaliditätSgesetz wurde sie nicht mehr vorgelegt, Nach den Mittheilungen des Ministerialdirektors Bosse in der Versammlung des deutschen Berufsgenossen- schaftStagS, dem jetzt 43 Genossenschaften angehören, befindet sich die Novelle an höherer Stelle, und wird erwogen, ob mit Rücksicht auf das Jnvaliditätsgesetz etwa neue Bestimmungen einzufügen sind. Ministerialdirektor Bosse wiedersprach auch entschieden der Annahme, alS ob, weil das Jnvaliditätsgesetz nicht auf den Genossenschaften aufgebaut sei, diese nicht mehr daS frühere Interesse erweckten.
Berlin. Der preußische Minister deS Innern läßt zur Zeit Erhebungen darüber anstellen, ob nicht in den durch ihre Lage Uederschwcmmungcn auSgesetzten Orten die Errichtung freiwilliger Wasserwehren und deren Ausrüstung mit einer genügenden Zahl von Booten empfehtenSwerth sei. Veranlaßt ist dies Vorgehen durch den Umstand, daß bei der letzten großen Ueberschwemmung