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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
M 54.
Mittwoch. den 10 Juli.
1889.
^»ftöllltMrtOtl auf bic „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen
- .....-=—^ ■ - -- Postanstalten undLandbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Einige Gedanken über Volkswirthschaft. Von A s m u s Mahner.
(Fortsetzung.)
VIII.
j Doch wir wollen hier keine Vorwürfe machen oder Propaganda für oder gegen irgend eine Partei treiben, denn das, worum es sich hier handelt, geht alle Parteien an, soweit sie Freunde des Vaterlandes sind. Nur müssen wir uns darüber klar werden, daß wir heutzutage nicht mehr die Staatshülfe bei der Linderung der socialen Noth abweisen dürfen, daß wir nicht bei dem laissez faire, laissez allez — zu deutsch: „Jeder sehe, wie er's treibe, Jeder sehe, wo er bleibe" — stehen bleiben dürfen. Darüber müssen wir uns klar werden, daß ein Heder dafür zu sorgen hat, daß solche Leute in die Volksvertretung kommen, von denen feststeht, daß sie nicht auf dem Standpunkt des erbarmungslosen Manchesterthums stehen, sondern eintreten für eine kräftige Socialpolitik^ Die schaudererregende Ei barmungs- losigkeit des Mancherthums hat in classischer Weise der witzigste Vertreter dieser Theorie, der freisinnige Abgeordnete Dr. A. Meyer am 10. Februar 1888 anläßlich des Vogelschutzgesetzes mit viel Behagen ausgesprochen, wenn er sagt: „Ich halte den Vogelschutz für eine sehr wichtige Aufgabe auf dem Gebiete der Cultur und Humanität, und ich meine, daß man unter dein Gesichtspunkte der Humanität n chl allein den Storch berücksichtigen soll. (Heiterkeit.) Die kleine Vogelwelt ist der Alliirte des Menschen im Kampfe gegen allerlei wirthschaftliche Schädlichkeiten. Er hilft ihm Dinge verrichten, die sich mit allen polizeilichen Maßregeln Nicht durchführen lassen. Eine reiche Vogelwelt ist ein weit besserer Schutz gegen Jusecten- Ichaden als irgend eine Polizei-Verordnung, die sich in schwerer Weise durchführen läßt. Ich habe unter diesem Gesichtspunkte vor einer Reihe von Iahten meine erste Sünde für die Druckerpresse gerade in dieser Angelegenheit begangen und habe damit geschlossen, daß ich eins der oenetianischen Epigramme Göthe'ü anführie:
Sprich, wie werd' ich die Sperlinge los, so fragte der Gärtner,
Und die Raupe dazu, f rner das Käfergeschlecht, Maulwurf, Erdfloh und Wespe, die Würmer, das Teufelsgezüchte?
Laß sie nur alle, so frißt einer den anderen auf.
(Große Heiterkeit.) Mir ist dieser Göthesche Vers immer als Inbegriff hoher Weisheit erschienen, denn er schließt all-s in sich, was wir als Manchestertheorie vertheidigen. (Heiterkeit.) Man soll der Natur die Zügel schießen lassen, dann geschieht dasjenige, was dem Menschen nützlich ist, ganz von selbst, und man erreicht einen besseren Effect durch dieses Waltenlassen der freien Natur wirthichaftlicher Kräfte, als durch künstlich ausgesonneue Polizeimaßregeln." Es ist gräßlich, wenn man sieht, wie ein Vertreter deS deutschen Volkes unter Lachen und Heiterkeit sich in dieser Weise über das himmelschreiende Elend unseres Volkes lustig machen kann. DaS ist also für diese Herren das Heilmittel gegen die Noch und den Jammer der Armen : „Laß sie nur alle, so frißt einer den anderen auf." Man sage hier nicht: „Dieser Dr. A. Meytr ist nicht so ernst zu nehmen." Der Herr Meyer würde es sich energisch verbitten, wollte man ihn für den Hanswurst des deutschen Reichstags erklären. Nein, diese Worte stimmen durchaus zu der freisinnigen Politik. Das »freie Waltenlassen der wirthschaftlichen Kräfte" aber — wozu hat es uns gebracht? Die Freizügigkeit vernichtete die feste Heimstätte und machte die Menschen an Zigeunern (auf deutsch: „Zieh-Gaunel"). Die freie Eoncurrenz brächte moralische Verwilderung, die Gewerbefreiheit wirthschaftliche Verlumpung. Aber, Gott sei Dank, diese Politik hat ziemlich abgewirthschaftet. Es hat schon ein Neues begonnen und dieses Neue ist der sociale Staat. Wer das nicht einsehen will, über den wird die Geschichte zur Tagesordnung übergehen. Es wag Einer sein, waS er will, und heißen, wie er will, wenn ei nicht einsieht, daß er die sociale Noth lindern helfen muß, so wird er von der Tagesordnung abgefetzt
werden, ebenso wie vor hundert Jahren das französische Volk König, Adel und Geistlichkeit absetzte, weil sie diese Einsicht nicht hatten oder sich doch nicht nach ihr richteten. Der Liberalismus selbst kommt allmählich zu dieser Einsicht und stellt sich neuerdings anders zu der Staatshülfe als früher. So schreibt die „Voss. Ztg." in einem Leitartikel vom 12. Januar 18ö8: „Die sociale Frage ist, wie Schulze-Delitzsch vor einem Vierteljahrhundert gesagt hat, die Sphinx, beten Räthsel die Gegenwart nothwendig lösen muß, will sie nicht dem sicheren Verderben entgegen gehen. Aus welchen Gründen immer in den modernen Staaten die Regierungen sich der socialen Probleme bemächtigt haben, immerhin muß anerkannt werden, daß die Theilnahme an dem Loose der Elenden und Enterbten, daß das Bewußtsein der socialen Pflichten des Staates und der Gesellschaft heute weitaus lebendiger ist, als seit langer Zeit. Man hat in früheren Jahrzehnten von dem Gegensatz von Staatsund Selbsthülfe geredet; man hat einerseits jeden Eingriff der Gesetzgebung in das wirthschaftliche Getriebe als unzulässig angesehen und entweder eine sociale Frage überhaupt geleugnet oder dieselbe ausschließlich als eine politische Freiheitsfrage und eine finanzielle Steuerfrage aufgefaßt; man hat andererseits sich dem Irrwahn hingegeben, der Staat allein und der Staat vollkommen sei in der Lage, die sociale Frage zu lösen und alles Elend aus der Welt zu schaffen. Die eine Anschauung ist so irrig wie die andere, und heute herrscht schwerlich über den Grundsatz Streit, daß weder die Staatshülfe noch die Selbsthülfe zur Beseitigung der vorhandenen MWände ausreichend oder entbehrlich sind, sondern daß beide sich gegenseitig zu ergänzen und zweckmäßig zu verbinden haben." Jawohl, über den Grundsatz herrscht kein Streit. Aber wie wird denn dieser Grundsatz in Praxis umgesetzt? Doch wahrhaftig nicht dadurch, daß Herr Dr. A. Meyer vier Wochen nach diesem Artikel der Tante Voß das „freie Waltenlassen der wirthschastlichen Kräfte" als „hohe Weisheit" proklamirt. Ja, Grundsätze sind bei diesen Leuten gut, um damit Parade zu machen. Wie stellen sich denn diese Herren, wenn es gilt nach ihren unbestrittenen Grundsätzen zu handeln? Der sociale Staat mit seinem socialen König hat sich gerade in der letzten Zeit kräftig geregt, um .der Roth zu steuern. Wir denken dabei an das Kranken- kassengcsetz, an das Unfallversicherungsgesetz, an das Alters- und Jnvalidcngesetz, vor allem an das erhebende Eingreifen Sr. Majestät des Kaisers in die Streikbewegung. Unter Hängen und Würgen gerade jener Leute mit dem unbestrittenen Grundsatz, daß die Staatshülfe zur Beseitigung der vorhandenen Mißstände nicht entbehrlich sei, sind diese Gesetze endlich zu Stande gekommen. Aber sie sind doch zu Stande gekommen, und wir sehen mit Freude, der Staat will helfen und hilft.
Aber der Einzelne darf sich nicht darauf verlassen. Wir dürfen nicht denken, der Staat wirds schon machen, daß Alles in Ordnung kommt und bleibt. Der Staat ist eine gar complicirte Institution, und es kann lange dauern, bis er im Stande ist, eine genügende Abhülfe zu schaffen. Außerdem wird er der Natur der Sache nach niemals dazu kommen, die Noth deS Einzelnen zu heben, denn er kann immer nur im Allgemeinen wirken; und ein solches persönliches Eingreifen deS Kaisers, wie eS in dem Bergarbeiterstreik geschah, wird wegen der Beschränktheit der menschlichen Natur doch stetS nur vereinzelt vorkommen können.
(Fortsetzung folgt.)
Brandstiftung durch Kinder.
AuS einem Vortrag des DirectorS der Provinzial- Städle-Feuersocletät der Provinz Sachsen, Kaßner, über obiges Thema geben wir unseren Lesern folgende Mittheilungen.
Während des Zeitraums 1879—1886 ereigneten sich in dem Geschäftskreis von 49 deutschen Feuerversicherungs- anftatten 4993 Schadenbrände, welche durch Kinder verursacht waren, wozu noch 418 Kinderbrand- stiftungcu kommen, für welche eine Entschädigung seitens der Versicherungsgesellschaften nicht gewährt wurde. Vergleicht man die in Betracht kommenden Jahre bezüglich der Zahl der vorgekommenen Schadenbrände, so ergiebt sich für das Jahr 1886 eine Steigerung von rund 120°/p gegen 1879,. Diese erhebliche Zunahme der von
Kindern verursachten Brände tritt in noch erhöhterem Maße hervor, wenn auch die Jahre 1872—1878 mit in Berechnung gezogen werden. Jene 4993 Brände m i t Schaden erforderten eine Jmmobilien-Vergütungs- summe von 10110 236 Mk., wovon auf das Jahr 1886 1 665 496 Mark, auf 1879 rund 818 882 Mark entfallen.
Die meisten Kinderbrandstiftungen geschehen in der wärmeren Jahreshälfte, von 131 in unserem Regierungsbezirk stattgehabten entfallen auf die Monate Mai bis September 101. Die Erklärung für diese Thatsache liegt offenbar darin, daß die Kinder in dieser Zeit in höherem Maße unbeaufsichtigt sind, als in der kälteren Jahreshälfte. Auch der Umstand, daß auf die Sonn- und Festtage die geringste Anzahl der durch Kinderhand verursachten Brandfälle kommt, erklärt sich auS der größeren Aufsicht, welche durch die anwesenden Erwachsenen geübt wird. In Bezug auf das Alter der jugendlichen Brandstifter erscheint die Feststellung von Interesse, daß die fünf- bis sechsjährigen Kinder, besonders die ersteren, kurz vor dem Uebertritt zur Schule stehenden, die meisten Brandstiftungen verursachen.
Ist auch die Zahl der durch Kinder hervorgerufenen Brände in unserem Regierungsbezirk ein nicht so erheblicher wie in anderen Landestheilen, so ist sie doch immerhin erheblich genug (16 Fälle pro Jahr), um alle Berufenen zu mahne», auf geeignete Mittel zur Besierung dieser stets wachsenden Landescalamität Bedacht zu nehmen. Die Eltern sind ja die zunächst Berufenen, aber wie oft werden sie sich außer Stand erklären, die gehörige Beaufsichtigung zu üben? Die Schule wird ihnen wie in allem zum Besten der Kinder dienenden gern die Hand reichen, sie wird auch in dieser Beziehung das Ihre thun. Aber die meisten jugendlichen Brandstifter gehören ihr noch nicht an! Wäre es da nicht eine Wohlthat, wenn die noch nicht schulpflichtigen Kinder eines Dorfs, denen ihre Eltern um ihrer Berufsarbeit willen eine ausreichende Beaufsichtigung nicht zu Theil werden lassen können, in der arbeitsreichen Zeit gesammelt, beaufsichtigt und nützlich beschäftigt würde«? Würde doch dadurch nicht allein für diesen besonderen Fall Abhülfe geschafft, sondern auch überhaupt der häuslichen Erziehung wirksam unter die Arme gegriffen. In einer Anzahl von Dörfern unseres Regierungsbezirks (z. B. Wolferborn, Keffelstadt, Seckbach) finden sich bereits solche von Diakonissen geleitete Kleinkinderschulen. Der Nothstand, auf den Director Kaßner hinweist, läßt aufs Neue ihren Nutzen erkennen und ihre Einrichtung wünschenswerth erscheinen. —h.
Deutsches Reich.
Berlin. In Bezug auf die russischen Werthe wird von amtlicher Seite gelegentlich der jetzt stattfindenden Umwandlung der 5prozentigen Anleihen in 4prozentige ein Jeder davor gewarnt, fein Geld in diesen Papieren anzulegen. Es wird vielmehr empfohlen, sich den Nennwerth baar auszahlen zu lassen, wozu jetzt Gelegenheit geboten ist.
Aus Westfalen wird ein Wiederbeginn des Berg- arbeitcr-Streiks gemeldet.
München, 7. Juli. Der Schnellzug Frankfurt- München entgleiste heute bei Röhrmoos infolge falscher Weichenstellung in einem Sackgeleise. Von Reisenden waren acht sofort todt und elf schwer verwundet. Den Verletzten wurde bald Hülfe zu Theil; von München wurden sofort zwei Sanitätszüge nach der UnglückSstelle gesandt. Der Weichensteller ist geflüchtet. Die ganze Umgegend ist in furchtbarer Aufregung; der Anblick der Unglücksstätte ist ein entsetzlicher. Einige der getödtetrn Reisenden lebten noch zwei Stunden unterdem Trümmerhaufen und stürben, als sie frei gemacht worden.
Hsmburg, 5. Juli. In dem Ausstellungspark wurden in der vorletzten Nacht ein Schutzmann und ein Feuerwehrmann verhaftet, welche in dem dortigen Cafe selber einen Einbruch verübten.
Chemnitz, 3. Juli. Eine etwas merkwürdige Auffassung von dem Beruf der Feuerwehr hatten zwei Mitglieder der Lugauer Löschmannschaft, die kurz nach Rückkehr aus einer Feuerwehr-Versammlung ein Gehöft in Brand setzten, „damit die Lugauer Feuerwehr wieder einmal etwas Ordentliches zu thun bekomme". Die beiden schlimmen Feuerwehrleute wurden von dem