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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
Die RaMei-scuschen Darkehnskafsen, ; ein Mittel zur Hebung des BarrernstandM Von A s m u s M ahne r.
II.
' Damit Wr's nun nicht wieder vorkommt, wie neulich, wo ich auch über diese Kassen sprach, daß pnch -Einer fragt: „Wer ist denn eigentlich dieser Weibsen ?", so will ich erst eine kurze Löbettsgeschichte dieses Mannes geben, den sich mancher Bürgermeister und auch sonst Mancher zum Vorbild nehmen könnte.
• Der Ptaun heißt Friedrich Wilhelm Raiffeisen, und hat seinem großen Namensvetter Friedrich Wilhelm 1. von Preußen, der einer der besten Haus- und Volks- wirthe war, alle Ehre gemacht. Er wurde geboren am 30. März 1818 in Hamm an der Sieg als Sohn des Bürgermeisters (SoitTrub Naisfeisen. Er besuchte die Schule seines Hcunnthdorfes, und da Familienverhält- nisse es seinen frommen Estern nicht erlaubten, ihren Sohn eine höhere Schule besuchen zu lassen, so erhielt er seine w'cuere Ausbildung durch den Pfarrer des Orts. Schon früh mußte er das Vaterhaus verlassen. 17 Jahre alt trat er bei der Festungsartillerie in Köln ein. Schnell wurde er zum Overfeuerweiker befördert und war als solcher bei der damaligen königlichen Geschützgießerei in Sayu beschäftigt. Ein Augenleiden, welche? später seine fast vollständige Erblindung herbeiführrei zwang ihn, den Militärdienst zu verlassen. Er wurde «»«. Supernumerär bei der Äö.rigliche» Regierung in Cobleuz. Hier war er stets der Erste bei der Arr ;i und der letzte, der fit verließ. Bis tief in die Nächte Hküein ftn bitte er die Acleü, um sich in alle Z-vstge seines künftige!! Berufs möglichst rasch einzuarnuteaa So konnte es nicht stylen, daß sich die Austuerkiamkeit seiner Borges!tzleü sehr bald aus ihn richtete, und er ihr Wohlwollen und ihre Achtung derart erwarb, daß er schon im Jahre 18-13 zum Kreissekretär des Kreises Maßen ernannt wmbe. Zwei Jahre darauf wurde ihin die Bei Wallung der Bürgermeisterei WU)erbusch übertragen und 1848 dibjeuige. von Flamersfetd hinzugegeben, sodass er zeitweilig beide Bürgermeistereien mit zusammen 58 Ortschaften verwaltete. Im Jahre 18i>2 wurde Raiffeisen nach Heddersdorf versetzt, jedoch mit der von der Königlichen Regierung ausdrücklich gestellten Bedingung, daß er die in FlaMersfeld begonnene sogen. Rheinstraße, eine der schönsten Chausseen der Provinz, von seinem neuen Wohnorte aus fettig stellte.
Während seiner Amtsperiode in Heddersdorf hatte sich bei ihm ein nervöses Kopfübel ausgebildet, eine Folge der Strapazen seines AmteS und ganz besonders der bewundernswerlhen Aufopferung, mit welcher er für die von einer typhusartigen Kramhcit befallenen Einwohner einer Ortschäft seines Bezirks sorgte. Er selbst wurde von der heimtückischen Kräulheil ergriffen. Die Folgen waren derartige, daß er um seine Pensionirung nachsuchen mußte. Diese wurde ihm denn auch unter höchst schmeichelhafter Anerkennung seiner Verdienste gewährt.
_ Während seiner ganzen Verwaltungsperiode hatRaiff- eisen stets die Interessen seiner Pflegebefohlenen gegen Eingriffe jeder Art gewahrt. Was er reiflich durchdacht und als ausführbar sich vorgenommen, das führte er stets mit eiserner Energie durch. Noch nach seinem Rücktritt vom Amt wär er es, der durch eine unermüdliche Agitation eL dahin brächte, daß die rechtsrheinische Bahn gebaut wurde. Das Andenken an seine segensreiche Verwaltung, deren Spuren man überall in den Bezirken, die unter ihm gestanden hatten, begegnet, wird sorlstben in den Herzen Aller, welche seiner Pflege befohlen waren.
Auf den Gedanken, Durch gemeinsame Kassen den Bauernstand zu heben, kam er zuerst in Wryervusch, da es ihm ging wie Jesu, der das hungrige Volk ansah und sagte: „Mich jammert deS Volks!" Und es war Wahrhaftig ein Jammer in dem armen Westerwald. Einstell-Bleh, welches der Bauer für den Viehhändler füttern mußte, da er kein eigenes Vieh sich a:,schaffen WNle, war fast die Regel. Was die Leute mit sauerem Schweig.erarbeiteten, floß in die Taschen ihrer Gläu- ^ger. Dabei saß der Hunger mit zu Tische. Neben °^, leiblichen Noth war, wie fast immer, auch die Eilige groß. Sagt, ihr Bauern von Spessart, Vogels ^rg und Rhön, ists nicht porträtähnlich — wie im
Ttiges-Ereignisse.
Breslau, 8. Juli. Von der Strafkammer wurde der Bäckergeselle Bit tu er welcher im vorigen Frühjahr in Canth statt eines Zehnmarkstückes eine unechte Denkmünze mit dem Biidmß Kaiser Friedrichs III- in Zahlung gegeben, mit 4 Jahren Zuchthaus nebst 1500 Mark Geldbuße bestrast.
Lilbekk, 15. Juli. In Neustrelitz werden auf dem alten Fucdhof sechs Grqhgewölb: erbrochen. Elf Särge wurden nach Kostbarkeiten und Schuincksachen durchwühlt.
Aus Nordschleswig, 13. Juli. Das verhänguißvollc „Häugenspielen" hat zivei Knaben in Raager-Kirkeph lKreis Haderslebeu) das Leben gekostet. Ein Ber- roanber des Lehres, ein 13jähriger Knabe, legte sich im Scherze einen Strick um Den Hals; kurz darnach kam die Schwester hinzu und fand den Unglücklichen an der Treppe erhängt vor) der Tod war bereits ein-
Westerwald damals in 1849 so bei uns heute 1889? Gar mancher sieht das Elend und sagt auch: „Mich jammert drs^Bolkes-! Aber es ist nichts zu machen, die Wucherer hal:^ alles in Dir Hand." Nun, Raiffeisen ist damals nicht verzweifelt, laßt uns heute auch nicht verzweifeln! Seine Darkehuskasscu haben das Elend dort trotz eines so traurigen Anfangs nicht nur gelinoert, sondern beseitigt. Die Dortige Bevölkerung hat mit Hülfe dieser Kassen die Blutsauger abgeschüttelt und lid) selbst wieder zu einem menschenwürdigen Dasein gebracht. Was dort gelungen ist, warum soll's nicht auch bei uns gelingen? Der edle Menschenfreund Raiff eisen ist am i 1. März 1888, fast 70 Jahre alt, in Frieden heimgegaugen zu dem großen Menschenfreunde Jesus. Er hat es noch erlebt, wie die von ihm gegründeten Kassen sich nicht nur in seiner Heimaty am Rhein, sondern über ganz Deutschland verbreitet haben, er hat es noch gesehen, daß er nicht umsonst gearbeitet hatte. Ehre und Liebe aller Guten waren die Früchte, die ihm reichlich zufiAen. Jetzt nuht er aus von seinem schweren Werke. Uns aber ruft sein Grab zu: „Gehet hin und thuet desgleichen i" Zum Schluß noch das herrliche Wort, mit welchem Ra.fs.isen 1886 den großen Verauslag der ländlichen Genossenschaften in Köln schloß: „Jemehr wir überzeugt sind, daß es nicht ein Menschen, sondern ein Gottes welk ist, wofür wir arbeiten, desto mehr ist es unsere Pflicht, alle unsere Kräfte bis auf's Aeußetste anzufpanueü für ihn, den obersten Leiter; und da wir für ihn selbst nichts thun können, gär die geringsten unter unseren Brüdern, für die Nothleideuden, einmülhig "zusammen zu wirken." (Fort,etznM folgt.)
Ein Zeichen der Zeit.
Am-vergangenen Sonntag ist in Paris der inter- nauouate Au b e i t e r c v n g r e ß, eine Versammlung socialdemokratischer Abgeordneten aus aller Herren Länder, eröffnet worden. Ueber die Betheiligung an demselben bringt das socigtholMratische VolkSvlatl^ folgende ü)itt= theilnug: Erschienen sind aus Paris 78 — aus den französsichen Provinzen 95 — aus Rufst and 6 — aus Belgien 14 - aus Polen 4 — aus Schweden 2 — aus Holland 4 — aus Ungarn 3 — aus Spanien 2 — aüu Oestreich 8 — aus England 21 — aus der Schwuz ö — aus Amerika 4 — aus Rumänien 4 — ans Italien 11 — aus Portugal 1 — aus Griechenland 1 — aus Böhmen 1 —■ aus Norwegen 1 — ans Dänemark 2 — aus Bulgarien 1 — aus Deuts ch- l a n b 83 socialdemotransche Abgeordnete. Deurschland schickt also fast soviel Socialdemokraten als das übrige Europa zusammen, Frankreich abgerechnet. Diese Thatsache führt eine Sprache an unser Volk, lauter als Posaunenschall. Sie ruft uns zu: Schafft Ungerechtigkeit, Härte und Elend aus dem socialen Leben nach Kräften hinaus! Der Spießbürger beruhigt sich so gern dabei, daß bet n n S die Verhältnisse doch üüch relativ gut seien. Die 83 Socialdemokraten Deutschlands auf dem Pariser Arbeitercongreß sind ein schönes B^wAs mittet |ür dlese „relative Gn'e" der Verhältnisse! Mit Redensarten, die aus einer totalen Unkenntnis) der Sachlage beruhen, kämpft man nicht gegen solche Thatsachen, sondern allein mit Thaten der Liebe. Pkene, mene, tUel, npharsin!
getreten. Die Dorfbuben unterhielten sich über den traurigen Borfall und konnten sich die „Ungeschicklichkeit" des Erhängten nicht erklären; ein Vorwitziger wollte seinen Kameraden beweisen, daß man sich mit Leichtigk.it selbst befreien könne. Er legt den Strick um den Hals, läßt die Hände los, und die Schlinge zieht sich zusammen; der Knabe war todt, ehe er be- [reit wurde.
Aschaffenburg, 17. Juli. Ein höchst freches Gauner- stückchen verübte vor einigen Tagen der Barbiergehülfe Valentin Arnold aus Frankfurt a. M. im Bezirksamte Haßfurt, indem er sich fein gekleidet mittelst Chaise in verschiedenen Ortschaften einfand und ein Schreiben vor- zeigte, welches ihn als von der Regierung beauftragt hinftetite, die Kassen zu visitieren. In den Gemeinden Kleiusteinach, Mechenried und Humpertshausen gelang ihm auch die Gaunerei. Er erhielt die Schlüssel, worauf er bett Bürgermeister und den Kassirer mit der herablassenden Weisung fortichickte, er wolle sie bei den Erntearbeiten nicht aulhalten, er könne die Sache schon allein machen. Von Humpertshausen wandte er sich nach Uchenhofen; hier schöpfte jedoch der Lehrer Verdacht und sandte einen Boten an's Bezirksamt mit der Bitte um Aufschluß, der ihm auch ward, indem ein Gendarm kam, den sehr verdutzten Herrn Controleur beim Kragen sagte und ihn alles Sträubens und Schimpfens ungeachtet mit der Equipage, die den Gauner hergebracht, ins Gefängnis spedierte. Bei dem „Herrn Assessor" wurden über 200 Mark in Gold gefunden, welche er in den drei ersten Gemeinden gestohlen hatte.
' Lokales und Provinzielles.
-o- Schlächtern, 23. Juli. Unser Artikel in der letzten Nr. dieser Zeitung betr. die Empfehlung unserer Sradt als Luftkurort hat seine Wirkung nicht verfehlt. Er bildet allgemein das Tagesgespräch. Beweis genug, daß man sich hier für die Sache lebhaft interessiert. Indessen haben wir die Beobachtung machen müssen, daß unsere Erörterungen zum Theil falsch aufgefaßt, zum Theil als unausführbar erklärt worden sind, oder wenigstens nur mit Ueberwindung großer Schwierigkeiten zur Verwirklichung kommen könnten. Wir wollen zunächst die falsche Auffassung, die Waldanlage am Acisbrunnen durch ein daselbst zu errichtendes Hotel (!) zum Luftkurort zu schaffen, insofern richtig stellen, als wir diesen Vorschlag in dem betr. Artikel nicht erwähnten. Wenn ein Hotel auf dem Acisbrunnen erbaut wird, dann hat die Sradt selbst äußerst wenig von den dort sich einlogierenden Fremden. Außerdem wer wollte Vorteil ein für ca. 100 Personen großes Haus erbauen! Nein, der Mittelpunkt des Fremdenverkehrs muß Schlächtern bleiben. Von hier aus können die Fremden die mannigfaltigsten Spaziergänge nach allen Richtungen hin unternehmen und sind gleichzeitig nicht von allem Verkehr abgeschlossen. Was die geltend gemalten Schwierigkeiten aubelangt, so sind diese insofern nicht allzuschwer zu überwluden, als Diese auf eine Reihe von Jahren, dem zunehmenden Fremdenverkehr entsprechend, verteilt werden können. So kann auch beispielsweise die angeführte Wohnungsnoth allmählich beseitigt werden. Unternehmende Leute werden schon Neubauten aufführen, sobald sie die Rentabilität derselben erkennen. Schließlich wollen wir allen Bedenken entgegeutreteu durch den Hinweis aus die Entwickelung anderer Luftknrorte. Nennen wir u. a. Die uns näher bekannten Orte im Taunus, wie Eppstein, Königstkin, Schmitten u. s. w. Von diesen hat das letztere die denkbar ungünstigste Lage: 5 bezm. 6 Stunden von der nächsten Zahnstation entfernt. Noch vor sechs Jahren war Schmitten ein unscheinbares Dörfchen von 5—600 Einwohnern, in dessen einzigem Gasthaus man kaum verpflegt werden konnte. Trotz dieser primitiven Verhältnisse gelang es einem jungen Arzte, Schmitten derart zu heben, daß nunmehr jährlich bis 300 Fremde Dorten verkehren. WaS in Schmitten unter den geschilderten Umständen möglich war, warum sollte das hier in Schlächtern nicht zur Ausführung gebracht werden können, das nicht im Geringsten die Schwierigkeiten bietet, die Dorten störend im Wege standen.
-o- In unserer Stadt weilen gegenwärtig 30 Fremde theils zum Besuch, theils zu ihrer Erholung. Schon ein ganz hübscher Anfang für einen neuen Luftkurort!