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Die Raiffeisenschen Darlehnskassen, ein Mittel zur Hebung des Bauernstandes.

. . Von Asmus Mahne r.

III.

Raisfeisen hat durch seine Kassen die Dörfer seiner Bürgermeisterei aus Nestern des Elends, zu denen sie durch die lüderliche Wirthschaft der Bauern und durch die gewissenlosen Wucherer geworden waren, zu Stätten der Wohlhabenheit gemacht. Er hatte außer der großen Noth auch eingesehen, daß Almosengeben den Leuten nicht hilft, sondern sie nur noch schlaffer und unselbst- ständiger macht. Er hatte erkannt, daß, wenn gründlich geholfen werden sollte, es nöthig sei, die Lenke wieder selbstständig zu machen, daß sie in dem begründeten Bewußtsein ihrer eigenen Stärke wieder arbeitsfrei) und willenskräftig würden. Und dieses Ziel hat Naiff- eisen du^ch die Einrichtung seiner Kassen erreicht. Durch Almosengeben wird so etwas nie erreicht, denn das Almosen hat für den Empfänger immer etwas Nieder­drückendes, nichts Erhebendes. Mit Recht sagt ein süddeutscher Pfarrer, der selbst Vorsteher einer solchen Kasse ist, daß diese Vereine, gleich wie Petrus an der Thüre des Tempels dem Lahmen von Mutterleibe an nicht etwa ein Almosen zuwarf, sondern ihn bei der Hand nahm und zu ihm sprach:Stehe auf und wandle!", also daß er gehen und stehen konnte, wandelte und sprang und Gott lobte daß diese Vereine das große Ver­dienst haben, ohne Almosen, ja ohne jedes eigentliche Geldopfer einen wirthschaftlich oder sittlich Schwachen, ja schon Versinkenden unter seiner eigenen steten Mit­arbeit auf seine eigene Füße zu stellen, und ihn da­mit der Familie, dem Vaterlande und dem Reiche Gottes zurückzugeben.

Sollen wir's nicht auch versuchen, durch dieselben Kassen die Noth und die Wucherer aus unseren Dörfern, zu vertreiben?Ja", sagt ein Pfiffiger,die Kassen mögen schon für andere Gegenden passen, aber für uns sind sie nichts." Nnn, dann gehe z. B. in den Krus Hersfeld, da werden die Verhältnisse nicht viel anders sein als bei uns. Dort bestehen die Kassen und sind ein Segen für die Leute. Ein Zaghafter meint: Der Raiffeisen war doch so zu sagen ein studierter Mann, der konnte so etwas e «richten, aber wir können das nicht." Nun, wenn s denn absolut ein Studierter sein muß in euerem Dorf ist ja auch ein studierter Mann, der's einrichten kann und die Mühe nicht scheuen wird, wenn ihr ihn nur drum angeht. Das ist euer Pfarrer; und auch euer Lehrer wird sich gern beseitigen. Einer aber, der's nicht nöthig zu haben meint, ein Geldprotz, der's machen kann, sagt: Was brauchen wir neue Kassen? Die Landeskredilkasse borgt genug." Aber der scheint gar nicht zu wissen, wie umständlich, wie zeitraubend das ist, bei der Landes kreditkaffe zu borgen. Bei Vielen aber kommt's darauf an, daß sie für den Augenblick Geld haben; in 14 Tagen oder drei Wochen ist's zu spät. Und dann borgt meines Wissens die Landeskredilkasse gesetzlich nicht unter 300 Mark, mancher braucht aber für den Augenblick nur 50 oder 100 Mark, um sich zu helfen. Doch, was soll ich mich mit diesen Nörgelern herumschlagen? Wer nicht will, der will eben nicht, und wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu helfen. Ich will statt alles dessen lieber einen Borlrag hierher setzen, den ein Mann, der in diesen Sachen Erfahrung hat, der Herr Oekonom L. Roll in Bingartes bei Hersfeld, auf der General­versammlung deS landwirthschaftlichen Vereins Hersfeld gehalten hat. Die Frage, über die er sprach, lautete: Entsprechen d ic Maiffeifen'schen Darlehns- lassen den gehegten Erwartungen und ist eine größere Au s b r e i tun g wün s ch en s w erth?

Was den elften Theil der Frage angeht, so hat der­selbe dadurch seine Erledigung gefunden, daß der Herr Landrath zufällig so ziemlich dieselbe Frage an die be­treffenden Herren Bürgermeister derjenigen Ortr, an welchen sich Darlehenskassen-Vereine befinden, gerichtet und dieselben zum Berichte aufgefordert hatte. Der Herr Landrath war so freundlich, mir die eingegangenen Berichte zur Verfügung zu stellen, und erlaube ich mir, Ihnen dieselben vorzulesen, soweit dieselben von allge­meinem Interesse sind.

Die Frage, welche der Herr Lardrath an die Herren Bürgermeister gestellt, lautet: Ich veranlasse Sie hier­

durch, mir bis zum 20. d. M. eingehend zu berichten, ob der für das dortige Kirchspiel gegründete Raiffeisensche Darlehenskassen-Verein den von mir ausgesprochenen Erwartungen bis dahin entsprochen hat, ob dies auch für die Z kunft zu gewärtigen ist, oder ob etwa be­gründete Bedenken und namentlich hinsichllich der Soli- darhast gegen dieses Institut daselbst entstanden sind!

Herr Bürgermeister Lorenz in Kerspenhausen be­richtet: Nach meiner Ueberzeugung hat der für unser Kirchspiel gegründete Raiffeisensche Darlehenskassen- Verein den betreffenden Forderungen vollständig ent­sprochen und wird auch ferner entsprechen. Begründete Bedenken wegen der Solidarhaft sind in keiner Weise erhoben worden.

Herr Bürgermeister NutznAsbach. (Derselbe Ver-, ein.) Der für das hiesige Kirchspiel gegründete Raiff- eisensche Darlehenskassen-Verein hat über alle Erwartungen hinaus den Forderungen entsprochen, wird auch ferner meinem Dafürhalten entsprechen. Bedenken resp. Miß­trauen gegen die Solidarhaft sind in keinerlei Weise zu Tage getreten bezw. bekannt geworden.

Herr Bürgermeister GebührHeringen. Der für das hiesige Kirchspiel gegründete Raiffeisensche Dar- lehenskassen-Verein hat den von Ew. Hmhwohlgeboren ausgesprochenen Erwartungen bisher entsprochen und wird dies auch für die Zukunft zu gewärtigen sein. Begründete Bedenken sind auf keinerlei Weise, auch nicht hinsichtlich der Solidarhaft gegen den Verein entstanden.

Herr Bürgermeister BiederNiederaula. Soweit mir bekannt, st.hl der das hiesige Kirchspiel umfassende Raiffeisensche Darlehenskassen-Verein in gutem Zuwachs, und ist Bedenken über die Solidarhaft bis jetzt noch nicht zu Tage getreten, denke auch, daß solches in Zu­kunft nicht vorkommensollte, wenn mit dem Ausleihen der Gelder, wie bisher geschehen, vorsichtig zu Werke gegangen wird. (Ausgeliehen vom 1. April 15400 Mk.)

Herr Bürgermeister LingemannPhilippsthal. Ich versetzte nicht, ganz ergebenft zu berichten, daß der da- hier gegründete Raiffeisensche Darlehenskassen-Verein ganz den Erwartungen Ew. Hochwohlgedorcu entspricht, ein Bedenken gegen die Solidarhaft ist bis jetzt nicht zu meiner Kenntniß gekommen, auch glaube ich nicht, daß ein solches auflauchen wird, weil so zu sagen der Verein die bestsituirten Personen des Kirchspiels mehrsten- theils zu Mitgliedern hat. (Ausgabe 6393 Mark.) (Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 23. Juli. Die deutsche Regierung hat am 20.1. M. den Niederlassungsvertrag mit der Schweiz vom 27. April 1876 nebst den Zusatzprotokollen vom gleichen Datum und vom 21. Dezember 1881 gekündigt. Da nach Artikel 11 des Vertrages dieser bis Ablauf eines Jahres vom Tage an in Geltung bleibt, an welchem der eine oder der andere der vertragschließenden Theile ihn gekündigt, so wird der Vertrag am 20. Juli 1890 außer Kraft treten.

Lokales und Provinzielles.

Cassel, 23. Juli. Die Kaiserin wird Kissingen bereits am Sonnabend, Mittags 2 Uhr verlassen und Abends 10 Uhr mit den Prinzen in Wilhelmshöhe eintreffen.

Cassel, 14. Juli. Nachstehende polizeiliche Bekannt­machung hat die hiesige Polizeibehörde erlassen: «Die Berechtigung der laut gewordenen Klage, daß in vielen hiesigen Bierwirthschaften die Gäste» dadurch benach- theiligt weiden, daß ihnen beim Barverkauf das Bier­gefäß bis zum Füllstrich nicht mit Bier, sondern zu einem großen Theil mit Bierschaum ge­füllt wird, hat sich durch die gemachten Feststellungen bestätigt. Es erhält also zum größten Theil der Gast nicht das Bierquantum, welches er bezahlt. Nachdem nun sämmtliche Wirthe unter Hinweis auf § 263 des Straf Gesetz-Buches verwarnt worden sind, fordere ich das Publikum auf, weitere Aenachtheiligungen dieser Art der Polizei-Behörde oder deren Beamten zur Anzeige zu bringen, behufs strafrechtlicher Verfolgung der be­treffenden Wirthe. Cassel, den 13. Juli 1889. Der Königl. Polizei-Director Graf Königsdorff." Vielleicht fühlt sich auch anderswo so mancher Wirth getroffen und geht in Folge dieser Warnung in sich!

Ausland.

Amerika. Die vier bisherigen Territorien Washington, Norddakota, Süddakota und Montana sind als Staaten in die Union ausgenommen und in Folge dessen das Banner der Bereinigten Staaten um vier neue Sterne vermehrt worden. Die amerikanische Nationalflagge hat jetzt 42 Sterne und 13 Streifen.

Die Cholera ist nach amerikanischen Blättern in dem durch die Ueberschwemmungen bereits so furcht­bar heimgesuchten Johnstown in Folge des anhaltenden feuchten Wetters mit großer Heftigkeit ausgebrochen und hat nicht nur die eigentlichen Bewohner, sondern auch mehrere Mitglieder der Hülfsausschüsse ergriffen, so den General Hasting^ und den Oberst Douglas. Unter den bei der Ausräumung allgestellten Arbeiten allein waren am Vorabend des Nationalfeiertages (4. Juli) 100 Cholerakranke.

Erwiderung aus den Angriff des Herrn Pfarrers Hartmann.

In Nr. 58 dieses Blattes hat Herr Hartmann eine an Schimpfwörtern, sowie an Irrthümern reiche Ent­gegnung auf die Geschichte:Der schlimme Jude" gebracht. Auf die Beschimpfungen in gleichem Tone zu erwidern, verbietet mir jener natürliche Anstand, den uns weder die christliche, noch die jüdische Religion lehren kann, sondern welcher Sache des Herzens ist. Auch müßte ich fürchten, dabei den kürzeren zu ziehen, Denn ich habe mich nie darin geübt, einen Gegner mit Koth zu bewerfen. Auch auf die kindischen Scherze des Herrn H. mit meinem Namen :c sowie auf seine Bemerkungen über meine Befähigung und den Werth der kleinen Geschichte gehe ich nicht näher ein, denn erstere'verdienen nur ein Lächeln der Verachtung; letztere lassen mich- im höchsten Grade gleichgiltig, denn Äe literarische Vorbildung des Herrn scheint nicht derart zu sein, daß sie ihn zum Verständniß einer Satire, wie diejenigeDer schlimme Jude" sein sollte, befähigt. Doch nun zur Sache: Zunächst will ich dem Herrn Hartmann den Haupt-Irrthum benehmen, daß jene Satire eine Erwiderung auf seinen vor vielen Wochen erschie­nenen ArtikelDas Heil kommt von den Juden" sein sollte. Allerdings wurde ich damals von einem geachteten jüdischen Bürger gefragt, ob ich eine Erwiderung für nöthig hielte, eventuell ob ich selbst eine solche verfassen wollte. Beides verneinte ich, weil ich der Ansicht war, daß jener Artikel bei dem Leserkreis dieses Blattes kein weiteres Unheil anrichten könne, denn abgesehen von einigen übelwollenden, beschränkten Köpfen ist man in Schlüchtern und Umgegend viel zu aufgeklärt, um nicht ganz genau zu wissen, welcher Jude Zutrauen und Achtung verdient, welcher nicht. Denjenigen also, welchen meine Erwiderung damals hätte nützen sollen, hätte sie nichts genutzt. Außerdem war ich der Ansicht, daß die Uebertreibungen und die leichtsinnigen Angriffe gegen die Juden im Allgemeinen von dem gesunden Sinne der Bevölkerung dieses Kreises nach ihrem wahren Verdienst gewürdigt werden würden. Ueberdies wollte ich auch nicht den leisesten Schein erwecken, als ob ich für die Wucherer und Betrüger unter den Juden eintreten wollte;.kein Christ kann so erbittert sein ü ber die se E le n d e n, welche dem anständigen Juden seine gesellschaft­liche Stellung so sehr erschweren, als ich selb st."

Dies waren also die Gründe, welche mich s. Z. von einer Erwiderung abhielten. Ich hatte schon die ganze Geschichte von dem Heil und Unheil, das von den Juden kommen sollte, wieder vergessen, als auf einmal in diesem Blatte die FabelDer Wolf im Schasstall" erschien, deren kurzer Sinn einfach der war, daß die Juden die Emanzipation nur zur Ausbeulung ihrer christlichen Mitbürger benutzt hätten und aus der Gesell­schaft auszustoßen seien. Der Biedermann, welcher sich unter dem PseudonymThomas Frey" versteckte, wurde gleichzeitig von einem anderen PscudonymAsmus Mahner" unterstützt, der in nicht mißverstehender Weise für die Ziele Stöckers eintritt. Auf die Artikel des letzteren etwas zu erwidern, war mir nicht der Mühe werth, denn ich halte meine Zeit für zu kostbar, um mich mit volkswirtschaftlichen Dilettanten, wie Herr Asmus Mahner einer ist, zu beschäftigen. Ich sah, daß die