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Mittwoch, den 31. Juli.
1889.
IHM
Die Raiffeisenschen Darlehnskassen, ein Mittel zur Hebung des Bauernstandes.
Von A s in u s M a h n e r. (Fortsetzung.)
Herr Bürgermeister Boß—Kirchheim. Der hiesige Raiffeisensche Darlehnskassen-Verein hat sich seit der Gründung desselben jedenfalls als recht gut bewährt, und sind in Betreff der Solidarhaft bis jetzt keinerlei Bedenken entstanden und werden wohl auch keine darüber en tstehen, da sowohl der Vorstand des Vereins aus tüchtigen Männern besteht, als überhaupt die ganze Vereinsbildung hier eine glückliche genannt werden kann, da sehr viele begüterte Einwohner des Kirchspiels dem Verein beigetreten sind. (Ausgabe 4588 Mk.)
Herr Bürgermeister Höll—Friedewald. Berichtet, das; die Darlehnskasse dem Kirchspiel schon viel Segen gebracht hat.
Herr Bürgermeister Schmidt—Frielingen. Der für das hiesige Kirchspiel gegründete Raiffeisensche DarlehnS- kassen-Verein ist von sehr großem Nutzen. Der Verein hat kaum 8m Jahre bestanden und schon sind über 6000 Mark ausgeliehen, es hilft dadurch der Bemittelte dem Unbemittelten, und sind dadurch die Unbemittelten aus den Händen der Wucherer herau^gekommen. Daß der Verein für die Zukunft fortbesteht, darüber steht bis jetzt kein Bedenken, und ist die Solidarhaft gerade der richtige Standpunkt, welcher die Kasse aufrecht hält.
Herr Bürgermeister Großkurth—Unterhaun. Der am 1. März d. J. ins Leben getretene Raiffeisensche Dar- lehnskassen-Verein hat sich bis jetzt durchaus gut bewährt und verspricht auch für die Zukunft ein segensreiches Institut zu sein. Durch Gewährung von Darlehn ist mancher den Händen der Wucherer entrissen worden, zumal bei den schlechten Ernteergebnissen der letzten Jahre viele genötigt sind, Geld zu borgen. Bedenken gegen den Verein haben sich bis jetzt als nicht begründet erwiesen, und liegen auch jetzt keine vor. Auch die Solidarhaft scheint die richtige Grundlage des Vereins zu sein, da dieselbe dem Creditor vollständige Sicherheit gewährt und er auch deshalb stets den erforderlichen Credit genießen wird. (Ausgabe vom 1. März bis 1. Oktober 1881 : 12323 Mark.)
Durch diese gleich günstigen Berichte über die 8 im hiesigen Kreise bereits bestehenden Vereine aus den verschiedenen Theilen des Kreises ist es meiner Ansicht nach vollständig erwiesen, daß die Vereine den gehegten Erwartungen entsprechen.
Was den zweiten Theil der Frage betrifft, so beantwortet sich derselbe schon durch den ersten Theil, ich will mir jedoch erlauben, auf verschiedene Punkte, welche meiner Ansicht nach die weitere Verbreitung dieser Vereine sehr wünschenswerth machen, hinzuweisen:
Wie Ihnen ja Allen bekannt, haben wir in Hersfeld zwei Geldinstitute, die städtische Sparkasse und .den Vor- schußvercin, welche den Bedarf an Geld in Stadt und Land vollständig decken können, auch wollen wir nicht verleimen, daß eben diese Institute bisher den kleinen Grundbesitzer, soweit es ihren Statuten und Einrichtungen nach zulässig war, geholfen haben, jedoch war die Erlangung dieser Hülsen oft so mit Umständen, Zeit und Geldopfern verbunden, daß dieses viele Landleute abhielt, dorthin zu gehen und ihren Geldbedarf zu decken, hierdurch wurden die Geldbedürftigen genöthigt, zu dem den Credit viel leichter gewährenden Wucherer zu gehen, und dorten direkte und indirekte Zinsen zu zahlen, welche oft eine kolossale Höhe erreichten. Wohin durch diese Art von Geschäften unser Bauernstand gekommen, ist Ihnen ja wohl Allen bekannt.
Viele mit den Verhältnissen vertraute Männer sind UUn der Ansicht, daß hier etwas geschehen muß, wenn Unser Bauernstand und was ziemlich gleich bedeutend, Unsere Landwirthschaft nicht vollständig zu Grunde gehen soll, aber woher sollen wir die nöthige schnelle und billige Hülse erwarten, sollen wir auf den langsamen Gang der Gesetzgebung unsere Hoffnung setzen? Ich glaube, wenn wir warten wollen, bis die verschiedenen Parteien dahin einig werden, daß dem Bauer überhaupt geholfen werden müsse, wird dieser lange dahin gekommen sein, daß ihm überhaupt nicht mehr zu helfen ist. Ich glaube nirgends ist das alte Sprichwort „Hilf dir selbst, so Wirt dir Gott helfen" besser anzuwenden als hier.
Diese Selbsthülfe ist nun meiner Ansicht nach am besten durch Einführung der Raiffetsenschen Darlehus
lassen zu bewirken. Was ist heute der Credit, welchen der einzelne Bauer bei dem Kapitalisten besitzt, und gewährt ein solcher wirklich denselben, was hat der Bauer für Sicherheit zu geben durch Hypotheken :c. und hierdurch was für Kosten?
- Wie anders ist es, wenn mehrere Dörfer zusammentreten und durch Gründung eines Darlehnskasseu-Vereins sich einen gemeinschaftlichen Credit verschaffen, indem sie den sämmtlichen Grundbesitz der Mitglieder als Sicherheit den Creditoren bieten; es kann doch keine größere Sicherheit für solche, welche Geld auszuleihen haben, geben, als dasselbe einem solchen Vereine anzu- vertrauen, denn welche Sicherheit wäre besser, als die im Grund und Boden ruhende?
Daß die Darlehnskassen-Vereine ihren Mitgliedern eine billigere Hülfe leisten können, als alle anderen Geldinstitute, liegt schon darin, daß keine hohen Gehalte n. s. w. gezahlt weiden, daß überhaupt die Geschäftskosten sehr gering sind, Alles, was verdient wird, bleibt dem Verein, oder wird, wenn sich ein gewisser Betrag als Reservefonds angesaminclt, für gemeinnützige Zwecke in den betreffenden Gemeinden gegeben.
Einen sehr großen Vortheil verspreche ich mir für den mit dem Darlehnskassenverein leicht zu vereinigenden gemeinschaftlichen Ankauf von Consumartikeln (Flitter- mittel, Düngemittel rc.) Hierüber fehlen zwar bis jetzt, soviel mir bekannt, bei uns noch die Erfahrungen, aber ich denke doch, daß dieser Sache durch Zusammentreten etwa der Vereine im Kreise Hersseld bald mehr Nutzen abgewonnen werden kann, und weshalb sollen wir diesen Nutzen nicht in unsere Taschen spielen. Sollte es denn unmöglich sein, daß unsere Regierung einen geringen Theil der Gelder und überhaupt der Vortheile, welche heute dem Großkapital vom Staate gewährt sind, auch einmal dem Kleincapital überweisen könnte, indem von dem Staate gehörenden Geldern an die Darlehnskassen- Vereine zu 3°/o Zinsen gegeben würden. Ich glaube, dieses wäre ein kleines Mittel, um die Bevorzugung des Großkapitals vor dem Kleincapital in etwas aus- zugleichen, die Darlehnskassen-Vereine würden jedenfalls die einfachste Sicherstellung des Staates sein.
Aber die Darlehnskassen-Vereine sollen nicht nur den nöthigen Geldbetrag decken, sie sollen auch in sittlicher Beziehung die Lage der Mitglieder verbessern. Sollte es auf das in Noth sich befindende Gemeindeglied gar keinen Eindruck machen, wenn es sieht, daß ihm seine Nachbarn mit ihren Mitteln helfen wollen, sollte es nicht auf den Gedanken kommen, ich will die Hülfe annehmen, dann aber auch Alles thun, um das Vertrauen, welches noch in mich gesetzt wird, zu rechtfertigen, sollte dieser Mann nicht dazu kommen, darüber nachzudenken, was aus seiner Familie geworden wäre, wenn er von einem hartherzigen Gläubiger von Haus und Hof ins Elend gejagt sei ? Wenn wir auch Vielen vielleicht Hülfe gewähren, von welchen wir diese Fragen nicht mit ja zu beantworten glauben können, so sind doch gewiß auch einige da, welche die ihnen gewährte Hülfe dankbar aneikennen. Wenn wir nun noch berücksichtigen, was es bei unserer heutigen Gemeindeeinrichtung ausmacht, wenn in dem Bezirk eines Darlehnskasscn-Vereins nur 3—4 Familien so über Wasser gehalten werden, daß es dem Familienvater möglich ist, seine Familie von seinem Gütchen selbst zu ernähren, oder wir sehen denselben, aus diesem Herausgetrieben, nach Westfalen gehen, indem er Frau und Kinder der Gemeinde überläßt, so glaube ich, daß wir aus voller Ueberzeugung sagen können, thue ein Jeder sein Möglichstes, um die DarlehnS- fassen vereine zu verbreiten und glaube ich, daß ich im Sinne sämmtlicher Mitglieder der Darlehnskassen-Vereine im Kreise Hersfelo spreche, wenn ich sage: wir sind dem Herrn Landrath großen Dank schuldig, daß er uns diese so segensreichen Institute aus seinem früheren Wirkungskreise mitgcbracht hat.
(Fortsetzung folgt.)
Nnfall-EntsLvädignug sonst n^d jetzt.
Am 30. November v. I. war ein Maurer auf dem Bau verunglückt. Die BauberusSgenossenschaft setzte auf Grund des UnfaUversicherungsgesetzes der Witwe eine jährliche Rente von 252,60 Mark, den beiden hinterlassenen Kindern bis zur Vollendung ihres 15. JahreS je 189,60 Mark aus. Man würde sich aber irren, wenn man nur in der Höhe der Renten die große Wohl
that der Unfallversicherung erblicken wollte. Verglichen mit dem früheren Zustand unter dem Hastpflichtgesetz, unter dem häufig erst der kostspielige und langwierige Klageweg von dem Verletzten beschritten werden mußte, fällt die glatte Erledigung der Ansprüche noch mehr ins Gewicht. In dieser Beziehung ist folgender von einem Rechtsanwalt in der Kölnischen Zeitung mitgetheilte Fall sehr lehrreich:
Am 27. August 1884 verunglückte ein jugendlicher Arbeiter, der erst einen Tag an einer Kreissäge beschäftigt worden war, in einer Dampfschneidemühle eines Zimmermeisters an einer nicht genügend gegen Unfälle geschützten Kreissäge derart, daß er am Vorderarm so schwer verletzt wurde, daß er für Lebenszeit außer Stand gesetzt war, sein Gewerbe als Zimmermann fort- zusetzen und überhaupt sich von seiner Hände Arbeit sich sein Brot zu verdienen. Obwohl seine Entschädigungs- forberung eine überaus geringe war (für den Sommertag 1,80 JL, für den Winlertag 0,70 ^), so lehnte doch der Zimmermeister jede Entschädigung ab. Es ging, also aus Prozessiren. Das Gericht erster Instanz wies. zunächst (2'ft Jahre nach dem Vorfall) am 28. AprN 1887 die Klage ab, das Gericht zweiter Instanz erkannte am 9. März 1888 den Entschädigungsanspruch dem Grunde nach für gerechtfertigt und behielt die Entscheidung über den Betrag des Anspruchs der weiteren Beweisaufnahme und dem Eudurtheil vor; das Reichsgericht, das der Zimmermeister hieraus angerufen hatte, bestätigte dieses Urtheil am 5. Juli 1888. Jetzt versuchte der Verunglückte sofort von Neuem durch seinen Anwalt VergleichsPeHaudlungen, um die weitere Verzögerung durch sieche Beweisaufnahme zu vermeiden; schon hatte endlich der beklagte Zimmermeister sich bereit erklärt, eine Entschädigungssumme von 8—9000 X am 29. November 1888 zu zahle», da brach unmittelbar darauf der Konkurs über das Vermögen des Zimmermeisters aus. Nach weiteren Verhandlungen gelang eS im März 1889 vom Gläubigerausschuß das Anerkenntnis einer Entschädigungssumme in Höhe von 6000 ^ zu erlangen. Und da etwa 33'/z Prozent der Forderungen in der Masse sein soll, so wird bei der Ausschüttung, die sich noch längere Zeit hinziehen wird, der arme Arbeiter schließlich etwa 2000 JL erhalten. Von seinem Unglück an, also vor jetzt 5 Jahren, hat aber der völlig arbeitsunfähige Arbeiter bis jetzt auch noch nicht einen Pfennig Entschädigung von seinem Arbeitgeber erhalten. Hätte der Vorfall ein Jahr später, nach dem 1. Oktober 1885, sich ereignet, so wäre alles Prozessiren — die beiderseitigen Anwaltskosten für die drei Instanzen sind schon jetzt auf über 1000 ^ gestiegen — »»nöthig, nach Lage des Falls unmöglich gewesen, und der Verunglückte wäre sofort durch die Berufsgenossenschaft in den Genuß einer ausreichenden Levensrente gewiesen worden.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist am Sonnabend von seiner Nordlandsfahi't zurückgekehrt und in WilhelmShafen eingetroffen. In einigen Tagen begiebt sich derselbe mit großem Gefolge nach England, um daselbst seine Großmutter, die Königin von England, zu besuchen.
Als eine Folge der in neuerer Zeit vorgekommenen BestechungSafsairen ist es wohl zu betrachten, daß bei den bevorstehenden diesjährigen Manövern mit dem bisherigen System der Versorgung durch LieferungsUnternehmer möglichst gebrochen und der Bedarf der Manövermagazine gleich an Ort und Stelle von den Produzenten direkt gegen sofortige Baarzahlung gekauft werden soll.
— Demnächst werden neue Postwerthzeichen ein- geführt, die sich von den bisherigen durch den neuen Reichsadler unterscheiden. Was die Farbe der neuen Werthzeichen betrifft, so werden die Maiken zu 3 ^ in braun, ju 5 ^ in grün, zu 25 ^ in Orange und zu 50 ^ in rothbraun hergestellt, während bei den Marken zu 10 und 20 wie bisher die rothe bezw. blaue Farbe zur Verwendung kommen wird. Ebenso erhallen die gestempelten Briesumfchlage und Streifbänder, sowie die Postanweisungen und Postkarten einen entsprechend andersfarbigen Aufdruck. Bei den Postkarten kommt außerdem die deutsche Schrift anstatt der lateinischen Schrift zur Verwendung. Die Bestimmung darüber, von welchem Z-itpunkte ab die jetzigen Frei,