Das rauchlose Pulver, an dessen Zusammenstellung wohl schon seit einem Dutzend Jahren gearbeitet wird, scheint nun in brauchbarer Form gesunden zu sein. Wie bekannt, hat die preußische Garde-Feld-Artillerie bei ihren letzten Schießübungen bereits dies Pulver, bei welchem Rauch und Knall auf ein sehr geringes Maß beschränkt sind, verwendet, und die gewonnenen Resultate haben im hohen Maße befriedigt. Bei den Kaisermanövern sollen Versuche in noch größerem Umfange vorgenommen werden, und wird dann die Einführung der neuen Munition in unsere Armee sowohl, wie in alle europäischen Armeeen nur noch eine Frage der Zeit sein. Das Repetir- gewehr hat schon eine gewaltige Umwälzung im Militär- wesen hervorgerufen, aber von viel einschneidenderer Bedeutung noch wurde die Anwendung des neuen Pulvers in einem Kriege sein. Die Schlachten bekommen ein ganz verändertes Bild. Kein Donner der Geschütze mehr, kein knatterndes Kleingewchrfeuer mehr, der Pulverdampf ist verschwunden, klar wird sich das blusige Schauspiel vor Aller Augen abspielen. Das rauchlose Pulver erleichtert den höheren Führern die Truppenbewegung, aber es stellt an den einzelnen Mann ganz beträchtlich erhöhte Anforderungen. So beschäftigt sich ein kürzlich in der „Deutschen Militär-Zeitung" erschienener Artikel besonders mit dem Einflüsse, welchen das rauchfreie Pulver auf die Disciplin der Infanterie haben wird. Hierbei wird zunächst hervorgehoben, daß die neue Erfindung den Aufklärungsdienst wesentlich schwieriger als bisher gestalten wird. Die vorgehende Militärkolonne, die heranschleichende Patrouille werden nicht mehr durch den Knall und Rauch auf die Stellung des Gegners aufmerksam gemacht werden. Ihnen gegenüber wird das Gewehr die recht eigentliche Waffe beS Franktireurs, die das Geschäft des Aufklärungsdienstes zu einem unheimlichen macht. Ebenso wird es mit dem Sicherheitsdienst bestellt sein. Ueberrumpelungen und Ueberfälle oder wenigstens die Versuche dazu werden zu häufigen Vorkommnissen gehören, und die größte Anspannung der Posten und Patrouillen nothwendig machen. Eine fernere, durch das rauchlose Pulver bedingte Aenderung ist es, daß durch das Fehlen des Rauches beim Feinde dem Schützen das Zielobjekt entzogen wird. Die Feuer-Disciplin wird also eine ausgezeichnete sein müssen, wenn das Schützenseuer wirklich guten Erfolg haben soll.
Die bedeutsamste Aenderung aber sieht die Militär- Zeitung in der entsetzlichen Klarheit, der erschütternden Deutlichkeit, mit der jeder Mann die Scenen der Vernichtung und Verwüstung um sich her wird beobachten können. „Wohlthätig erstickte bisher das Rollen des Schützenfeuers die Klagetöue der Verwundeten, verbarg dem Manne den Augenblick, in welchem die Stimme des altbewährten FührerS brach; sorgfältig verhüllte der zähe Pulverdampf bisher die schrecklich verstümmelten Körper der Gefallenen, ihre letzten Zuckungen und ihr qualvolles Ende. Hinter seiner Dampfwolke feuernd, nur ab und zu nach einer Feuerpause oder einem frischen Windstoße einen schnellen Ausblick nach dem Feinde Nehmend, lag der einzelne Schütze seinem — ihn aller», dings betrügenden, deswegen aber nicht weniger wirksamen — Instinkt nach wohlgeborgen, bis ihn selbst die feindliche Kugel traf. Wie wird es diesem Bilde gegenüber in Zukunft in der Schützenlinie aussehen? Jeder Treffer des Feindes wird von dem ganzen Zuge,, dem der Verwundete angehört, beobachtet werden können, jeder Verzweiflungsschrei wird von der Hälfte der Compagnie gehört werden müssen. Die Schwankungen,' die durch den raschen Wechsel im Kommando aus Anlaß der Verwundungen unvermeidlich sind, werden den ein# zcluen Mann sthr stark beeinflussen." All' diesem kann nur durch stählerne Ruhe und klare Erkenntniß eines jeden einzelnen Mannes entgegengetreten werden. Dann wird das rauchfreie Pulver für eine Armee erheblichen Vortheil bringen; gestattet es doch, wie schon oben »»gedeutet, dem zielbewußten Heerführer, Bewegungen der Truppen im Nu anzuordnen, während seither lange Erkundigungen häufig nöthig waren. Die deutsche Armeewaltung kann mit unseren Truppen, die allesammt wissen, worauf es ankommt, das Wagniß wohl unter« Nehmen; ob nun jeder europäischen Armee das rauchfreie Pulver zum Nutzen gereichen wird, muß freilich dahingestellt bleiben- An Eins aber wird zu denken
sein: Die ungeheure Vervollkommnung aller Waffen wird die Zahl der Schlachten vermindern: Künftig wird die Niederlage einer Armee ihrer Vernichtung gleichkommen.
In Anknüpfung an dieses geben wir über die in unserer Armee angestellten Versuche mit sogenanntem rauchfreien Pulver Folgendes wieder:
Die diesjährigen Schießübungen der Garde - Feld- Artillerie-Brigade auf dem Schießplatz zu Hammerstein in Ostpreußen waren diesmal noch viel wichtiger und demgemäß interessanter als vor zwei Jahren, wo die Garde-Artillerie zum ersten Mal ihre Schießübungen in Hammerstein abgehalten hat. Galt es doch, der ersten ernstmäßigen Verwendung von sogenanntem rauchfreiem Pulver („Bläitchenpulver" oder „Pikrinhaltigcs Pulver", wie seine verschiedenen Benennungen lauten) und, was mit der im Vergleich zu unserem bisherigen „grobkörnigen Geschützpulver" gänzlich anderen Kraft- äußerung des rauchfreien Pulvers zusammenhängt, den Schießversuchen mit neuen Feldgeschützen. Das neue (rauchfreie) Pulver hat die Proben gut bestanden. Das erste Regiment war mit 11 Batterien, das zweite mit 8 Batterien ausgerückt und jede hat mindestens einen Tag zum Schießen mit allen Geschoßarten Kartuschen verbraucht, die rauchfreies Pulver enthielten. Die Rauchbildung pro Schuß bestand nur in einem sich schnell vertheileuden und verschwindenden Rauchball von etwa 1 Meter Durchmesser und schwarzer Farbe. Der Rückstand im Rohr ist so gering, daß die Anwendung des Borstenwifchers zur Reinigung während des Schießens gänzlich unterlassen werden kann; nur ein Durchfahren mit einem ölgetränkten Lappen durch das Rohr ist zeitweise erforderlich. Die Kartuschen waren nicht so stark, wie die mit dem alten Geschützpulver gefüllten. Der Knall gleicht dem des bisher geführten Pulvers. Weil nun das rauchlose Pulver in der zu einem Schuß be- nöthigten Menge das Gußstahlgeschütz mit der Zeit in die Gefahr des Springens bringt, sind neue Feldgeschütze in Bronce construirt und mitgeführt worden. Die 8. Batterie des ersten Garde-Feld-Artillerie»Regimen1s hat mit den Broucegeschützen neuester Art, sowie mit ihren alten Geschützen, Construction 73, geschossen. Ueber das Ergebniß der Versuche müssen wir uns Schweigen auferlegen. Jedoch so viel ist sicher, daß wir mit der Anschaffung von Broucegeschützen für die Feldartillerie nach und nach vorgehen werden. Auch neue Geschoßzünder sind zum Versuch gekommen. Großartig waren die mit einem Geschoß erzielten Zahlen der Sprengstücke und deren Form. Circa 7 */2 Kilogramm wiegen die Geschosse und diese Menge von Metall wird in lauter unregelmäßige, scharfkantige, oft nadelspitzige Sprengstücke im Gewicht bis zu 15 Gramm zertrümmert. Es kommt selten vor, daß ein Geschoß nicht krepirt,
Von Jutereffe ist es nun auch zu hören, was man sich bei unseren Gegnern in einem künftigen Kriege von dem „rauchlosen Pulver* und dessen Wirkungen verspricht. Ein Artikel der Petersburger „Nowoje Wremja" beschäftigt sich mit dem Gegenstand und führt aus, daß es rauchlose Pulver auch schon früher gegeben habe, daß sie aber sich entweder leicht von selbst entzündet oder die Geschützläufe angegriffen oder giftige Gase entwickelt oder andere Uebelstände gehabt haben. Wenn das Scheiblersche Pulver dieselbe Kraft hat, wie das alte Pulver, ohne die erwähnten Mißstände, dann giebt das genannte Blatt zu, daß es Epoche machen im Kriegshandwerk und die Art der Kriegsführung wesentlich beeinflussen wird. Der Pulverrauch, heißt es weiter, ist für uns ein Nachtheil, für den Feind ein Vortheil. Uns hindert er am sicheren Ziel, dem Feind bietet er ein Ziel, oft das einzige, aber ein Ziel, aus dem wichtige Schlüsse über Zahl und Stillste der Abtheilung u. s. w. gezogen werden können. Der glückliche Staat, der ein wirklich brauchbares rauchloses Pulver besitzt, ist doppelt so unverletzbar, also auch doppelt so stark, wie sein Gegner, dem ein solches Pulver fehlt. Scheibler hatte also wohl einen RathStitel verdient, wenn sein Geheimniß ein Geheimniß bleiben könnte. Aber wahrscheinlich wird eS bald allen so zugänglich sein, wie Milinit und andere Explosionsstoffe. Wenn aber beide Gegner ein Pulver besitzen, daS weder Rauch noch womöglich eine Detonation bewirkt, so werden unwillkürlich beide Parteien einander so weit näher rücken,
daß wieder nachdem sichtbaren Ziel geschossen wird. Das Schießen auf einen unsichtbaren Feind wird als resultatlose Munitionsverschwendung bald aufgegeben werden.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist am Samstag Nachmittag wohlbehalten in Wilhelmhafen wieder eingetroffen. Das Geschwader und die TorpedoflottiUe warfen auf der Rhede Anker, worauf Se. Majestät auf der „Hohen- zollern" eine Umfahrt um die ankernden Schiffe unternahm und dann in den neuen Hafen einfuhr, woselbst der Kontre-Admiral an Bord kam. Der Kaiser verließ dann das Schiff und fuhr nach kurzem Aufenthalt mit dem bereitstehenden Extrazug nach Berlin. — Die Kaiserinnen Viktoria Augusta und Augusta sind am Tonnersstag aus Wilhelmshöhe resp. Koblenz in Potsdam eingetroffen und haben im Neuen Palais resp, auf Badelsberg Wohnung genommen.
— Der Kaiser und die Kaiserin werden am 21. dS. Monats zu zweitägigen Aufenthalt in Straßburg eintreffen, am 23. Metz besuchen und am 27. in Darmstadt den Großherzog besuchen.
— Die Sammlung für das Denkmal, welches die deutschen Kriegervereine Kaiser Wilhelm I. auf dem Kyffhäusererrichten wollen, hat bisher etwa 75000 Mark ergeben.
— Das große Loos der preußischen Lotterie (600 000 Mark) ist erst am vorletzten Ziehungstage, am Freitag Nachmittag, gezogen worden. Die Glücksnummer ist 140239.
— Die Fürstensalons der Bahnhöfe stehen nach einer Kundgebung der Eisenbahndireklion in Erfurt fortan deu katholischen Biichöfen und den evangelischen Generalsuperinteudenteu zur Verfügung.
Aus Kissiugeu wird berichtet: Hofrath Streit, der Badepächter, erhielt auf Befehl der deutsch m Kaiserin die Summe von 30 000 ^ für Miethe und sonstige Bezüge ausbezahlt. Der dre Kur der Kaiserin leitende Arzt Dr. Sotier erhielt 2000 c< und außerdem einen BnUantring im Werthe von 1500 ^ Der Postmeister Schmalhofer und der Bahnverwalter Abel empfingen kostbare Busennadeln, der für den Kaiserlichen Privat- Depeschendienst auf der oberen Saline stationierte Tele- graphen-Assistent Schmidt aus Romsthal (Kreis Schlüch- tern) eine goldene Uhr mit goldener Kette.
Essen, 10. Aug. In unserer Stadt, die sich für gewöhnlich vorzüglicher Gesundheitsoerhältnisse erfreut, kommen gegenwärtig zahlreiche Fälle von Unterleibstyphus vor. Mancher Arzt hat über 50 Typhuskranke in Behandlung. Die Krankenhäuser sind überfüllt und was in Essen nicht untergebracht werden kann, wird nach Werden und Haus Berge geschafft. Herr Krupp hat eine seiner Lazareth-Barackeu für 50 Kranke zur Verfügung gestellt. Zum Glück ist der Verlauf der Krankheit meistens kein bösartiger, so baß bis jetzt nur wenige Sterbefälle vorgekommen sind. Das Oberbürgermeisteramt hat sich trotzdem veranlaßt gesehen, die üblichen Vorsichtsmaßregeln in Erinnerung zu bringen und bezüglich der Anmeldung von Erkrankungsfällen Anordnungen zu treffen. Von ärztlicher Seite wird das starke Auftreten der Krankheit auf ungesunde Bodenverhältnisse zurückgeführt. Auch in Gelsenkirchen hat sich die Krankheit gezeigt.
Pf-rzhcim, 6. August. Seit Ende voriger Woche hat auch Pforzheim einen Ausstand und zwar einen von höchst merkwürdiger Art. Stehen sich hier doch nicht Arbeiter und Arbeitgeber gegenüber, sondern wir sehen auf der einen Seit-' das fseijdp und wursteffende Publikum, das ist den größten Theil unserer Einwohner-, auf der anderen die hiesigen Fleischer und Wurstler AlS am vorigen Donnerstag die hiesige Metzger zunft, nachdem schon verschiedene Preiserhöhungen vorausge- gangen waren, einen allgemeinen Aufschlag aller Fleisch- und Wurstsorten verkündete, da verabredeten die hiesigen Goldarbeiter eiligst einen Wurststrike, find am nächsten Morgen frühstückten 10—12,000 Arbeiter statt Knack-, Grieben- und Leberwürste — Rettige, Käse und Butter. Die langen Gesichter der Metzger kaun man sich , denken und diefelber wurden noch länger, als. nach Erscheinen deS „Stadtanzeigers" der Aufforderung zu einer allgemeinen Enthaltung von Fleisch und Wurst fast allerseits Folge gegeben wurde. Obwohl schon am Sonn»