Deutsches Reich.
Straß bürg, 24. August. Der Erlast des Kaisers an den Statthalter lautet:
„Der Empfang, welcher Ihrer Majestät der Kaiserin, Meiner Gemahlin, und Mir bei unserem Besuche der Reichslande- Elsaß-Lothringen bereit worden, ist ein so glänzender gewesen, daß er unsere Erwartung weit übertxoffen hat. Der reiche Schmuck, in welchem . besonders die Städte Straßburg und Metz prangten, die festlichen Veranstaltungen, die getroffen waren, um uns den Aufenthalt in diesen Städten so angenehm wie möglich zu machen, die Huldigungen, welche uns, wo auch immer wir erschienen, aus allen Schichten der Bevölkerung jubelnd entgegengebracht wurden, haben Ihre Majestät die Kaiserin, Meine Gemahlin, und Mich nicht nur mit Freude und Befriedigung erfüllt, sondern auch in uns die Ueberzeugung befestigt, daß diese ursprünglich deutschen Landescheile von einem biederen und einsichts- vallen Packe bewohnt werden, welches je länger je - festeren das deutsche Vaterland sich wieder anschließen wird. In diesem wohlthnenden Gefühle können Ihre. Majestät die Kaiserin und Ich nicht aus den Reichslandcu scheiden- ohne ihrer Bevölkerung für die uns erwiesene Aufmerksamkeit unseren herzlichsten Dank auszusprechen.
Ich beauftrage Sie diesen Erlaß zu veröffentlichen. sV^
Metz, den 23. August 1889.
W i l h e l m."
München, 24. Aug. Einer Meldung aus Nürnberg zufolge ist König Otto von Bayern am 10. August mit knapper Noth der Gefahr, erschlagen zu werden, entgangen.. .Ilm Speisesaale des Schlosses zu Fürstenried stürzte der große Kronleuchter herab, als König Otto sich grade in diesem Saale befand. Der König wurde nicht verletzt, ein Stück des Kronleuchters traf jedoch einen Krankenpfleger.. Eine sofort angestellte Untersuchung ergab, daß das ganze Schloff baufällig ist. Die Nachricht macht hier großes Aufsehen.
Aus Baden. Die „Bad. Laudpost" und Vreisgauer Z," sprechen sich gegenden „kolossalen Verei ns- und Festschwin del aus, der am Wohlstand des Volkes zehrt". Wir können den Blättern hierin aufs lebhafteste zustimmen; es hat sich ein Uebermaß solcher Feste eingestellt, das geradezu erschreckend wirkt und den Sinn für häusliches Familienleben bis aufs tiefste erschüttert. Dabei spielt die Eitelkeit der Veranstalter und R e d e h a l t e r (Redner wäre zu viel gesagt!) eine- überwiegende Rolle, und alle diese Leute warten mit Sehnsucht, darauf ihre „gelungenen" und musterhaften Leistungen in einem Dutzend Blätter verherrlicht zu sehen. Demosthenes und Cicero erscheinen in hundertfacher Zahl zum zweiten Male auf unserer Erdkugel und treiben das bischen Bescheidenheit noch völlig aus den Köpfen hinaus, das aus besseren Tagen vielleicht noch zurückgeblieben ist. Die Presse aber mnü sorgsam Register führen über alle die 5«, 10», 29-, und 2djährigen „Feste" der modernen Vereinsmeierei, weil die einzelnen Blätter, wenn sie in dem Weltlauf Zurückbleiben, ver- vkhiut und zu Gunsten jener: abbeftellt werden, die am breitesten und eingehendsten von dem Flaggenschmuck, den F,estjungfrauen und dem „tiefen Eindruck" zu reden lvffsen den die Redner desTages hervorgebrachthaben; auch der Tanz, der den'Schluß bildet, darf nicht ver- kussen werden mit dem Beifügen, daß Phöbus schon seine Rasse einspannte, als die Letzten der Gesellschaft ben Heimweg von einem „Feste antraten, das allen Theilnehmern in unauslöschlichem Andenken bleiben toiM. „So geht's von Fest zu Fest. — In einer Frauen - Zeitung hat sich eine Frau über die wenig Würdige Seite dabei ausgesprochen, die der Mann tot Grunde dabei spielt. Sie hat an und für sich nichts gegen die Vereinsbestrebungen, aber sie fragt mit Recht: „Ist es durchaus nöthig, daß der Schütze nm Feste so lange tafelt und trinkt, bis sein unsicheres Auge nicht einmal mehr die Hausthüre aufs Korn zu nehmen vermag, geschweige, daß seine Hand noch daS Schlüsselloch zu treffen vermöchte; daß der gefeierte Turner so lange zecht, bis die schlotternden Glieder der fremden Stütze bedürfen? Muß der Sänger wirk- ^ so lange beim Humpen sitzen, bis seiner Stimme Md zum Kreischen und Brüllen herabgesunken ist?
Mittwoch, den 28. August
Maß der Gemeinnützige so lauge beim Glase „wirken", bis mch und nach sein Familienglück verwirkt ist? Ist es nithig, daß der Politiker, der den Staat gerettet hat, erst dann Schluß erklärt, wenn er, zum heimischen Herde zurückgekehrt, selbst vor der einfältigsten Magd seine Stellung als Hausherr nicht mehr zu behaupten verfielt?" Das Vereinsleben hat nach dieser Seite die ernstesten Schattenseiten, es zerstört die beiden natürlichsten Verbände: die Familie und die Gemeinde.
Hechingen. Eine heitere Geschichte von den Wirkungen eines Kinderspielzeuges, einer kleinen Gießkanne, veröffentlicht ein Apotheker aus Hechingen in der „Heil- bromer Zeitung". Die Sache hat, wenn man der Darstellung des Apothekers glauben kann, wochenlang die Bewohner der gyten Stadt Hechingen in Aufregung erhalten. Nach der Erzählung des Apothekers ist der Sachierhalt kurz folgender: Ein Landrichter in Hechingen geht mit seiner Gattin über den Marktplatz, auf welchem eine Schaar Kinder mit einer kleinen Gießkanne spielt. Hieibei soll der Gattin des Landrichters ein wenig Wafer ins Gesicht gespritzt sein, was der Apotheker übrigens bestreitet. Der Herr Landrichter läuft spornstreichs zum Rathhause, und nach kurzer Zeit erscheint bei dem Vater des kleinen Missethäters, eben unserem Apotheker, der Polizeidiener und kündigt diesem ohne jeglche Untersuchung eine Ordnungsstrafe an. Der Apotheker antwortet mit Recht, daß er über den Sach- verlalt erst Erkundigungen einziehen müsse. Daraufhin sammt, wie der Apotheker wörtlich erzählt, der Herr Landrichter an demselben Abend vor 9 Uhr noch einmal an, „Haus für Haus wurde ansgefragt, Leute, welche, berüts geschlossen hatten, wurden herausgeschellt, aber — die Zeugen waren rar." Der Apotheker fährt fort wie.-folgt: „Einige'Tage-war nun Pause, dann wurden Herren vor Gericht geladen, die mit der Sache eigentlich gar nichts zu thun hatten, sie waren nur bekannt als Stammgäste dieser oder jener Wirthschaft,, und man wollte von ihnen wissen, was im Wirthshaus gesprochen werde, ob meine Ausdrücke alle wohl bedacht,' gemessen waren u. s. w." .... „Jetzt kam die Reihe an die Bewohner des Marktplatzes, nacheinander wurden sie vorgeladen — im Ganzen 10 bis 20 Zeugen — „wegen des auf dem Marktplatz stattgehabten groben Unfugs." Von den Männern war nichts herausbringen,' deshalb probirte man es mit dem zarten Geschlecht. Die Aufregung wuchs, manche Thräne wurde vergossen, eine Frau von 61 Jahren, welche zum ersten Mal schwören mußte, alterirte sich so, daß geistliche und ärztliche Hilfe nöthig wurde." Nach der Erklärung des Apothekers in der „Heilbronner Zeitung" ist die Sache noch nicht abgeschlossen. Aber selbst wenn der geärgerte Apotheker in seiner Darstellung übertrieben haben sollte, ist die Geschichte mit dem' Gießkäunchen doch immerhin recht lehrreich.
Aus der Rheinpfalz, 21. Aug. Einem in Rückgang Gekommenen zu Speier wurde die Kartoffelernte auf dem Acker gepfändet. In ihrer Noth holte aber trotzdem dessen Frau einen Korb Kartoffeln von dem betreffenden Acker, wofür derselben vier Tage Gefängniß zuerkannt wurden. Der Prinzregent begnadigte jedoch die Verurtheilte und übersandte der bedauerns- werthen Familie gleichzeitig auch noch 50 Mark.
Lauf (Baiern), 23. Aug. Beim Haferdreschen mit der Göpelmaschine kam das einzige dreijährige Söhnchen des Bürgermeisters Hofbauer von Goffelding dem Dresch- cylinder so nahe, daß ihm der Brustkasten und der Kopf total zerquetscht wurden. — Der 14jährige Bauerssohn Haselmeyer auf der Brückmühle bei Herrieden war seinem Nachbar beim Maschineudreschen behilflich. Er warf die Getreidegarben durch das Bretterloch in die Maschine, und so kam es, daß er sammt einer Garbe in die Maschine fiel, wodurch er derartige Verletzungen am Kopfe sich zuzog, daß sein Tod nach kurzer Zeit eintrat.
WormS. Ein Brodhändler aus der Rheinpfalz hat sein aus erster Ehe stammendes, sechsjähriges Mädchen an eine umherziehende Zigeunerbande gegen ein Pferd vertauscht. Der kaum glaubliche Fall soll bereits zur gerichtlichen Anzeige gebracht sein.
Mainz, 19. August. Dem Polizei-Commissar von Kastell ist eS gestern gelungen, hier einen guten Fang zu machen. Demselben ist nämlich in der Messe hierein Individuum in die Hände gerathen, das als Hoch-
1889.
stapler in allen größeren Städten Europas sein Wesen trieb und das wegen der verschiedensten Verbrechen und Vergehen von Brüssel, Wien, Berlin, Breslau, Frankfurt, Hannover, Hamburg steckbrieflich verfolgt wurde. Der Gauner, der sich als angeblicher Ingenieur in der letzten Zeit hier herumtrieb, war unter dem Verdacht, auf dem Bahnhof in Kastei einen Taschendiebstahl verübt zu haben, vor Kurzem schon einmal verhaftet, aber von der Staatsanwaltschaft wegen mangelnden Beweises wieder entlassen worden. Erst nach der Freilassung wurde man gewahr, welchen schlimmen Vogel man hat entweichen lassen, weshalb alsbald die sorgfältigsten Recherchen nach demselben eingeleitet wurden, die dann auch von Erfolg gekrönt waren. Der Verbrecher macht jetzt eine unfreiwillige Rundreise nach den verschiedenen Städten seiner früheren Thätigkeit.
Leipzig. Ein neuer Quellenfinder wird in dem Grafen Wreschowetz in Neiße bewundert. Derselbe operiert auf eine ganz eigenthümliche Weise, welche indessen durchaus nichts Geheimnißvolles darstellt. Am Körper desselben befindet sich eine elektrische Batterie, deren Drähte sich um den Leib, Arme und Beine schlingen und auf einer Seite in einxr an einer Kette hängenden kleinen Kugel endigen. Der Wassersucher beschreitet das vorher von einem erhöhten Standpunkt aus besichtigte /Terrain N den Stellen, wo er Wasser vermuthet, die Kugel dicht über den Erdboden haltend. Sobald diese anzieht, was sofort zn bemerken ist, so ist Wasser an -der betreffenden Stelle vorhanden. Der Manometer zeigt genau an, in welcher Tiefe das Wasser vorhanden ist, von welchem Gehalt und in welcher Menge. Bon 3000 Experimenten find diesem berühmten Quellensinder nur 9 mißglückt. In Alt-Scherbitz hat derselbe kürzlich für die- dortige- Irrenanstalt reichliche Wasserquellen gefunden, eine für eine solche Anstalt überaus werthvolle Bereicherung!
Magdeburg. Auf- der landwirtschaftlichen Ausstellung zu Magdeburg wurden ein Paar Zugochsen vorgeführt, die eine bisher wohl noch nie erreichte Last zogen, nämlich 370 Centner. Bemerkenswert ist, daß die Ochsen ohne Peitsche getrieben wurden und lediglich auf. die freundliche Ermunterung ihres Führers die ungeheure Last in Bewegung setzten.
Breslau, 20. August. Der Brand, welcher, wie gemeldet, seit einigen Tagen in einer bei Pleß (Ober- schlesien) errichteten und zur Grube „Emanuelssegen" gehörigen Kohlenhalde wüthet, dauert noch immer fort. Zahlreiche Feuerwehren haben versucht, den Feuerherd zu beschränken; das ist insofern auch gelungen, als die gefährdeten Grubengebände .sämmtlich unversehrt geblieben sind. Die auch von den Nachbargruben herbei- geeilten Grubendirectoren ließen Löschversuche mit Schwefelsäure und Schwefeloxydgas machen, welch letzteres die Eigenschaft hat, durch Verbindung mit atmosphärischer Luft eine crystallisirende Kruste zu bilden. Später gab man diese Löschversuche auf und ließ von den Bergleuten und den Feuerwehrmannschaften große Sandberg^ aufführen. Unter diesen Sandmassen wüthen die Feuer- massen weiter und eS ist das Ende des Brandes noch gar nicht abzusehen. Während der Rettungsarbeiten, die das Resultat hatten, daß ca. 30,000 Centner Kohlen auSgesondert und fortgeschafft werden konnten, explodirten große Kohlenstücke und flogen wie Granaten durch die Luft. Die bisherigen Rettungsarbeiten kosten bereits 8000 Mark. — Einer merkwürdigen Todesursache ist her Oberstabsarzt Dr. Scharm in Schweidnitz zum Opfer gefallen. Bei der Untersuchung eines djphteritis- kranken KinbeS ist ihm ein Theilchen des HüsteNbelages in das Auge geflogen, worauf bald Erblindung eintrat. Von hier aus mag sich das Gift auch dem übrigen Körper mitgetheilt haben, so daß nach etwa 8 Tagen der Tod des Arztes erfolgte.
^ Ratibor, 22. August. Ein großer Prozeß wird sich demnächst vor der hiesigen Strafkammer abspielen. Dieser Tage ist 66 Agenten und deren Helfershelfern, von denen sich ein Theil schon seit Jahresfrist in Haft befindet, die Anklageschrift, welche, in polnischer Sprache abgefaßt, nicht weniger als 200 Druckseiten in Großformat umfaßt, zngestellt worden. Die Angeklagten ind, so schreibt man der „Köln. Ztg.", dunkle Ehrenmänner, die mit Personen, die. sie zur Auswanderung theils durch allerlei Vorspielungen, theils durch List und Gewalt zu bewegen wußten, einen wahren Handel