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Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin sind nach Schwerin gereift. Am Freitag, den 4. Oktober, treffen die Majestäten wieder in Potsdam ein. Am 17. Oktober erfolgt die Abreise der Majestäten nach Monza in Italien und von dort weiter nach Neapel, Griechenland und Konstantinopel. Ursprünglich hieß es, die Abreise erfolge schon am 10. Oktober. Doch erwartet man für diesen Tag den Besuch des Kaisers von Rußland.
— Eine Entscheidung des Ministers über den Besuch von Fortbildungsschulen. Die Jmnnigevorstände zu Bitterfeld hatten an die zuständigen Behörden eine Eingabe gerichtet, den Besuch der gewerblichen Fortbildungsschule nur während der Wintermouate für obligatorisch zu erklären, sodaß der Unterricht während der Sommermonate, ausschließlich des Zeichnens, in Wegfall kommen möge. Dem Aulrage hat jedoch seitens des Herrn Ministers nicht stattgegcden werden können, der in seinem Bescheide darauf hinweist, daß der Unterricht an den Wochentagen von ’/a8 Uhr an und außerdem am Sonntage außer der Kirchenzeit stattfinde, also zu solchen Zeiten, wo die Arbeiten im Handwerk in der Regel beendet sind oder ruhen; ferner darauf, daß auf eine Verwendung der Lehrlinge zu häuslichen Arbeiten oder gar auf eine die Gesundheit gefährdende Aus Nutzung von deren Arbeitskraft keine Rücksicht genommen werden könne. Weiter hebt der Bescheid hervor, daß der Unterricht in der Fortbildungsschule nicht nur zur sittlichen Ausbildung der Lehrlinge britragen soll, sondern auch zur gewerblichen und technischen Ausbildung, für welche nach § 126 der Gewerbeordnung die Lehrmeister verantwortlich sind. Es sei sehr nothwendig, daß Rechnen, eine gewisse Beherrschung der deutschen Sprache und für zahlreiche Berufsarten das Z ichnen auch dem kleineren Handwerker verständlich sei, damit er konkurrenzfähig bleibe, und daß diese Fertigkeiten regelmäßig in den Fortbildungsschulen genügend gepflegt und erworben werden. — Möge diese Entscheidung dazu beitragen, daß in Zukunft unsere Fortbildungsschule mehr als bisher gewürdigt werde. (B. T.)
— Das preußische Ministerium des Innern hat neuerdings eine Verfügung erlassen, nach welcher die Leichen aller in Gefangenen-Anstalten gestorbenen Sträflinge auf Verlangen an die anatomischen Institute der Universitäten abzuliefern sind. Ausgenommen sind nur die Leichen derjenigen Gefangenen, deren Angehörige Widerspruch erheben und die Beerdigungskosten übernehmen, oder solcher Gefangenen, denen etwa zu ihrer Beruhigung in der letzten Krankheit zugesichert wurde, daß ihre Leiche nicht zu anatomischen Zwecken verwendet werden solle. Die anatomischen Institute haben nach gemachtem Gebrauch für angemessene Beerdigung nach dem konfessionellen Ritus des Verstorbenen Sarge zu tragen. Bekanntlich wird in Folge der Ausdehnung und Spezialisirung der medizinischen Studien das Bedürfniß an Leichnamen, die zur Sektion geeignet sind, immer größer, sodaß eine Neuregelung dieser äußerst schwierigen Frage dringend geboten war.
— Die nächstjährige Berliner MasiviehauSstellnng wird in beu Tagen des 7. und 8. Mai in den Hallen des Central Viehhofes abgehalten werden. Der Kaiser hat zwei große goldene Medaillen, der Landwirthschafls- ministcr außer den üblichen Geldpreisen mehrere Bronze- statuetten bereits bewilligt. In dem für die Ausstellung ausgestellten Programm sind als neu strengere Vorschriften für die Kontrolle der Alters- Und Rasscnan- gaben hervorzuheben.
— Wolleinfuhr aus Australien. Die Verkchrser-^ Maserungen, welche durch die neu eingerichteten, vollst Reiche subventionirten Dampisch sfehrten nach Australien bewirkt werden, haben für die dcui'che Wollproduktion b't unliebsame Folge, daß die Einfuhr australischer Wallen dadurch gesteigert wild. An Stelle der früheren absoluten Abhängigkeit vom englischen Markt ist seit einigen Jahren bereits der direkte Bezug durch Per, «titteluiig deutscher EtukaufShäudler in Australien getreten, und neuerdings haben namentlich sächsische und
bayerische Fabriken eigene Einkäurer nach Australien gesandt, um den Wollbedarf an Ort und Stelle mit völliger Umgehung des englischen Zwischenhandels ein- zukaufen.
Clausthal, 22. (gips. Der Harzer Bergbau begeht in diesem Jahr ba8 25jährige Jubiläum der Vollendung des „Ernst-August-Stollens", einer der größten bergmännischen Unternehmungen aller Zeiten. Der „tiefe Georgs-Stollen" hatte bislang die Grubenwasser der Harzer Bergwerke abzuführen gehabt; als er nicht mehr auslangte, ward der „Ernst-AugustStollen" angelegt, der nun die Grubenwasser sämmtlicher Gruben abführt. Am 21. Juli 1851 begonnen, währte der Bau zwölf Jahre und elf Monate und wurde am 22. Juni 1864 vollendet. Man hatte nicht viel über die Hälfte der in Aussicht genommenen Dauer zum Bau gebraucht. Von allen Höhen verkündeten die Böller den allgemeinen Jubel hinaus in die Lande, war doch der größte Tunnel der Welt von etwa 3 deutschen Meilen Länge geschaffen, gemessen vom Ende des Bockswieser Flügelorts bis zum Mundloch bei Gittelde unweit Osterode. Der Pulververbrauch war ein enormer gewesen, 3500 Zentner! Die Kosten betrugen gegen 700,000 Thaler. Den Tag der Uebergabe feierte das ganze Bergwerkspersonal des Oberharzes, alle Bergbau betreibenden Staaten Europas halten Deputationen nach Clausthal gesandt.
Schwelm, 23. Sept. Vor sieben Jahren wanderte der Schmied W. von hier nach Amerika aus, seine Frau und zwei Knaben hier zurücklassend. Er bat seine Familie wiederholt, zu ihm nach Amerika zu kommen; allein das geschah nicht, der Briefwechsel schlief ein, und die Frau betrachtete ihren Mann als verschollen. Sie heirathete vor einigen Jahren ihres Mannes Bruder, aus welcher Ehe vier Kinder hervorgingen. Vor einigen Tagen nun erscheint der tobtg glaubte Mann, der eS in Amerika zu Etwas gebracht hat. So liegt die Sache, und vorläufig ist seine Lösung des Knotens abzusehen.
Nordhausen, 24. Sept. Die Wahrheit des Wortes, daß „ein Unglück selten allein kommt", hat jetzt der Rittergutsbesitzer Oekonomierath Andreae im Nachbar- dorf Nüxleben erfahren müssen. Derselbe erhielt am vorgestrigen Sonntag die Schreckensnachricht, sein Sohn, der Obeiprimaner auf der Klosterschule zu Roßleben, sei in Folge eines unglücklichen Sturzes aus dem Fenster auf den Tod verletzt-. Sofort und unverzüglich eilten die zu Tode erschrockenen Eltern zur nahen Bahnstation und reisten nach Roßleben. Bald nach ihrer Abreise, kurz nach Mittag, brach daheim auf ihrem Gute eine Feuersbrunst aus; der Kuhstall, der 70 Haupt Rindvieh enthielt, stand zu gleicher Zeit an allen vier Ecken in Flammen, so daß allgemein angenommen wird, das Feuer sei durch Frevlerhand angelegt worden.
Aus Witleuberg wird der „N. A. Ztg." depeschirt: Heute Vormittag explvdirte auf dem Bahnhof in Frankenberg eine Lokomotive, als sie sich dem nach Witten- berg bestimmten Zug vorsetzen wollte. Maschinen! ührer Baxmann ist todt. Heizer Schulz wurde schwer verwundet ; Beide sind in Roßlau zu Hause. Das Geleise ist gesperrt. Der Verkehr geht über Jüterbog.
Leipzig, 23. Sept. In diesen Tagen ist vom Reichsgericht ein Urtheil bestätigt worden, nach dem 3 Pferdehändler wegen gemeinschaftlicher Erpressung bei einem Pferdehandel zu längeren Gefängnißstrafen verurtheilt worden sind. Die Verhandlung ergab interessante Aufschlüsse über das Treiben einer gewissen Sorte von Pferdehändlern, das im Interesse des großen Publikums bekannt zu werden verdient. Ein jedenfalls beschränkter Bauer verkaufte ein Pferd auf dem Markre in Duder- stadt an den Pferdehändler Cappel Heilbrunn. Dieser behauptete nun, um den Bauer über das Ohr zu hauen, daß das Pferd ein Krippeusetzer sei, und diese durch nichts bewiesene Behauptung wurde der Borwand zu einer Erpressung, die der Bauer auch über sich ergehen ließ. Doch nicht zufrieden mit dem Erfolg der geübten Gaunerei, wurde daS freche Spiel mit dem armen Bäuerlein fortgesetzt. Es mischte sich nämlich ein zweiter Handelsmann Namens Wallach in den Handel, behauptete, bet Bauer fei ein straffälliger Betrüger Und müsse ein halbes Jahr inS Zuchthaus. Er wolle aber den Bauer vor diesem Unglück bewahren, indem er daS für 270 Mk. verkaufte Pferd mit 175 Mk. übernehmen wolle, wenn es kein Kehllopfpfeifer sei. Indem die beiden Händler nun dem Bauer aus eine scheußliche Weise zusetzten,
gelangte Wallach in den Besitz des Pferdes für 155 M. Nun kam aber der Hauplkniff. Die beiden Knm- pane spannten das Pferd vor einen Wagen, dessen Räder vorher bremsartig gehemmt waren. Natürlich konnte da das Pferd nicht Galopp laufen, sondern war sehr bald abgespannt und triefte vor Schweiß. Nunmehr kam ein dritter Pferdehändler Namens Esberg hinzu und rief: Das ist ja ein Kehlkopfpfeifer ! Jetzt schrien alle Drei dem Bauer ins Gesicht, er sei ein „öffentlicher Betrüger" und müsse ins Zuchthaus. Diese Vorgänge spielten sich vor der Wohnung Esberg's ab, dauerten mehrere Stunden und endeten damit, daß der Bauer, gänzlich eingeschüchtert, dem Wallach unter Zurückgabe von 55 M. das Pferd ohne irgend welche Garantie für 100 M. verkaufte. Das Landgericht ver- urtheilte die drei Geschäftsleute wegen gemeinschaftlicher Erpressung zu längeren Gefängnißstrafen. Nachdem ihre Revision dagegen verworfen war, erreichten sie dre Wiederaufnahme des Verfahrens, mürben aber zu den gleichen Strafen verurtheilt. E. beruhigte sich bei dem Urtheil, während die beiden anderen abermals Revision einlegten. Wegen eines prozessualen Verstoßes hob das Reichsgericht das Urtheil dann auf, aber das Landgericht Göttingen verurtheilte H. wiederum zu fünf, und W. wieder zu vier Monaten Gefängniß. Dieses Urtheil । ist nun endgültig vom Reichsgericht bestätigt worden.
Coburg, 25. Sept. Ein unter eigenthümlichen Umständen ausgeführter Straßenraub ist, wie der „A. Z." gemeldet wird, am Sonntag Nachmittag in der Nähe von Kaltenbrunn verübt worden. Unter dem Vorgeben, sich nach Großheirath fahren lassen zu wollen, hatte am genannten Tage ein fremder junger Mann den Einspänner des Botensuhrmauns Rützel in Untermerz- bach gemietet und mit dem Letzteren das Gefährt bestiegen, das von Rützel gelenkt wurde. Nicht weit von Kaltenbrunn brachen Plötzlich drei Kerle aus einem Hinterhalt hervor, die sich anschickten, dem Pferd in die Zügel zu fallen. Dies sehend, trieb Rützel daS Pferd zum Ausgreifen an, wurde aber in seinem Vorhaben, sich durch die Flucht zu retten, durch seinen Fahrgast gehindert, der ihm die Zügel aus der Hand riß, während gleichzeitig einer der Kerle das Pferd am Zaume festhielt und die beiden anderen dasselbe ausspannten. Mit dein Pferd eilten alle Vier davon und ließen den bestürzten Fuhrwerksbesitzer zurück, der nicht wagte, sie zu verfolgen.
Ueber die Ermordung eines Soldaten wird aus Jttlingen in Baden unter dem 16. September berichtet : Unser friedliches Elsenzthal wurde in den jüngsten Tagen in große Aufregung versetzt. Der aus sehr achtbarer Familie stammende Obergefreite Fritschle beim Artillerie-Regiment Nr. 14 wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. d. M. auf der Gemarkung Reihen auf seinem Heimweg von einem Besuche bei seinen Eltern in das Cantonnementsquartier meuchlings auf der Landstraße Überfällen und durch drei Revolverkugeln getödtct. Der blühende, junge, allgemein beliebte Mann wäre in einigen Tagen nach dreijähriger tadelloser Dienstzeit zur Freude der Eltern heimgbkehrt. Die oder der Thäter hatten denselben nach Aneignung von Uhr und Geld etwa 300 Meter theils getragen, theils geschleift und in die Elsenz geworfen, wo derselbe Tags darauf, nachdem sein Fehlen seitens der Batterie an- gezeigt war, von seinem Vater gefunden wurde. Heute bei dessen Beerdigung kam eine große Abordnung seiner Batterie mit zwei Stabsoffizieren, dem Batteriechef und einigen Lieutenants, auch nahmen die hier im Quartier liegenden zwei Kompagnien des Regiments Nr. 111 mit ihren Offizieren, sowie der hiesige Krieger- nnd Gesangverein mit umflorten Fahnen Theil. Allgemein ist die Theilnahme, ebenso aber auch der Wunsch, daß die in Dunkel gehüllte Unthat aufgedeckt werde. Da der Rock und die Mütze des Gemordeten fehlen, so wurde gestern durch den Ersten StaatSanwalt Fieser angeordnet, daß der Bach und Umgebung genau abgesucht werden. Eine große Anzahl hiesiger Bürger machten sich heute früh trotz Nebel und Nässe an die Aufgabe, ohne jedoch das Gewünschte zu finden. Die Stsatsanwaltschaft Heidelberg hat eine Belohnung von 300 Mark für die Ermittelung des Thäters auSgeseyt.
— Der Jassir er der Unterstützungskasse der Buchdrucker in Nürnberg ist mit 6000 Mark flüchtig geworden,