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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

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Samstag, den 5. Oktober

1889.

Rl»stpl!liriN-N "^ ^eSchlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen

--.......'- ' Postanstalten undLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Teutsches Reich.

Berlin. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Verordnung vom 30. September d. Js., betreffend die Einberufung des Reichstages. Der Reichstag wird berufen, am 22. Oktober dieses Jahres in Berlin zusammentreten, und der Reichskanzler mit den zu die­sem Zwecke nöthigen Vorbereitungen beauftragt.

Magdeburg. Ein'Autsatz derMagdeb. Zeitung", in welchem in sachlicher Wnse der vermuthliche Ausfall der Abgeordnetenwahlen in Frankreich besprochen wurde, gab einem sich in Spaa aufhallenden Franzosen Anlaß, der Schriftleitnug des genannten Blattes nachstehende Zeilen zu senden, die unter voller Wahrung ihrer Eigenthümlichkeiten hier wiedergegeben seien: Herr Redakteur! In Ihrer Zeitung den 16. in der Morgen- Ausgabe Nr. 469, Politischer Wochenbericht, wird von Frankreich in einer Weise gesprochen, daß es jeder Franzose nur wünschen möge, daß diese Gesinnung, bei einen jeden Deutschen, volle treue Ueberzeugung bleibe; damit nächstens die entsetzliche Enttäuschung, um so vernichtender in den deutschen Dleifyen würke! Die Stunde der Rache ist nicht mehr ferne, wo Ihr erfahren werdet, daß Ihr es erneuert mit der großen französi­schen Nation zu thun haben werdet, und nicht mit dem Söldner-Heere Napoleons des II!.! Seit sicher, daß, an dem Tage, wo französische et russische Millionen Bajonnetten nach Deutschland unaufhörlich hereinstürmen werden, wird auch Euertreuer" Alliirter, Oester­reich, seine Auferstehung feiern!---Der Fran­zose war immer ritterlich und menschlich, gegen seinen jeweiligen Politischen Gegner. Gegen das entmenschte preußische Brigantenthum, das ohne Ende im Sieges­räusche französischen Blutes, frech schwelgt, et mit er- presten französischen Gelde, Orgien feiert, wird Frankreich summarisch handeln, schlimmer wie mit den Wilden in l'Afrique I Nach tausend Jahren sollen Eure Nachkommen noch mit Schrecken, der französischen Ver­geltung gedenken!! Beispiellos war Euer Glück, wo Franzosen in ihrer Verblendung, ihr Land von den Lumpen Napoleon 111. zu befreien, das Land wehrlos einen tückischen Erbfeinde preisaab! Die Zeit ist vor­über! Noch kurze Zeit möget Ihr fort V.ll n, bis der Schreiber dieses bei den Herren der Magdeburgi­schen Zeitung seine feuerliche Visite gemacht haben wird, um sie über Frankreich, eines Beßeren zu belehren!

A tantöt monsieur! Ein Franzose.

Wittenberg, 27. Sept. Die gemeldete Explosion auf Bahnhof Falkenberg hat eine ganz unglaubliche Kraft entwickelt. Aus dem hinteren Theil der Maschine, dem Dampsentwickler, ist ein etwa 4 Zentimeter schweres Stück Eisenwand von 1 und ein halb Meter Länge und 1 Meter Breite herausgerissen und mit dem getödtcten Maschinenführer weit fortgeschleudert worden. Zu Zeugen hat die Katastrophe außer den nicht so sehr, wie anfänglich angenommen, verletzten zwei Heizern, Arbeiter gehabt, die von dem furchtbaren Knall aufge­schreckt, die Bruchstücke und den Maschinenführer tu die Luft fliegen sahen. Die Maschine selbst ist hochge­sprungen, hat sich in der Luft umgedreht und ist, das Oben nach unten, niedergefallen, Schienen, Schwellen Weichen durcheinander reißend. Die Explosion fand beim langsamen Vorfahren statt. Der Lokomotivführer wurde 93 Meter von dem Explosionsorte entfernt todt aufgefuiiden. Die Lokomotive selbst wurde durch den Druck des ausströmenden Dampfes aufgehoben und umgeworfen, die Kuppelungen zwischen der Lokomotive und dem Tender wurden zerbrochen und letzterer gleich- sallS aus dem Geleise gerissen. Die Geleis- und Wei- chenanlagen wurden stark beschädigt. Bei der Unter- suchung deS herausgerissenen Kesseltheiles ließ sich fest- ßUlen, daß an der inneren Kesselwandung ein alter Riß vorhanden war, welcher die ursprünglich 16 Milli­meter starke Wandung in einer Tiefe von 10 Millimeter durchsetzt. Dieser Riß befand sich unter der sogenannten Nietlappung und konnte daher bei keiner Revision der Lokoilivlive bemertt werden. Nach Angabe deS Heizers W zur Zeit des Unfalles der höchst zulässige Dampf­druck noch nicht erreicht gewesen, so daß eine andere

Ursache der Explosion wie die oben angegebene nicht angenommen werden kaun.

Hamburg, 23. Sept. Neulich wurde bericht.t, daß ein Amerikaner den Versuch machen wolle, lebendes Rindvieh von Amerika nach Deutschland einzuführen. Dieser Versuch ist gemacht worden. Ueber den Erfolg wird gemeldet:Von den aus Chicago nach hier be­förderten 110 Ochsen sind zehn krepirt und ins Meer geworfen worden. Von den übrigen, welche am Donners­tag ankamen, hatten zwei beide Hinterbeine gebrochen, weshalb sie sofort nach der Ankunft hier geschlachtet werden mußten. Mehrere andere sind von den Stra­pazen erkrankt." Es bedeutet das keineswegs, wie einige Blätter annehmen, einen großen Mißerfolg des Unter­nehmens. Schon auf der Fahrt von Deutschland nach England krepirt oft genug ein größerer Prozentsatz von Ochsen, als bei dieser Fahrt von Newyork.

Bor einiger Zeit wurde in einem Vororte ein dort ansässiger Arzt in der Nacht von zwei Herren herausgeklingelt, welche ihn dringend baten, einem Ver­wundeten Hilfe zu bringen, der in einer benachbarten Straße liege. Der Arzt lehnte dieses Ansinnen unter mancherlei Vorwänden ab, er wies darauf hin, daß er gesetzlich durchaus nicht verpflichtet sei, einem solchen Rufe Folge zu leisten; er gehe auch nachts überhaupt nicht zu Kranken, man möge sich an den Polizeiarzt wenden, der ja für solche Fälle angestellt sei und des­halb kommen müsse. Die beiden Menschenfreunde suchten nunmehr den Polizeiarzt auf, welcher nach ungefähr anderthalb Stunden endlich zur Stelle gebracht wurde und die Ueberführung des Verunglückten nach der Po­lizeiwache anordnete, weil er dem Verunglückten an Ort und Stelle die nöthige Hilfe nicht zu leisten vermochte. Bei der Beförderung zur Wache starb der junge Mann. Bei Feststellung der Persönlichkeit der Leiche stellte sich heraus, daß ein Vater seinem Sohne die ärztliche Hilfe versagt hatte, denn der Verunglückte war der Sohn jenes Arztes, den man zunächst zuziehen wollte.

Ein R ie s e nsch w e in wurde dieser Tage auf dem Hamburger Sternschanzviehmarkt verkauft. Das aus dem gesegneten Angeln stammende Borstenthier hatte das enorme Gewicht von 1124 Pfund und wurde für 600 Mark nach Braunschweig verkauft.

Ausland.

Italien. Rom, 30. Sept. In der vergangenen Nacht hat in dem Tunnel zwischen Ariano und Pia- neroitolo ein Zusammenstoß zweier Personenzüge von Neapel und Foggia stattgefunden. Eine größere Anzahl von Waggons ist zertrümmert, mehr als 30 Personen sind todt oder verwundet. Unter den leicht Verwundeten sollen sich sechs Soldaten der mobilen Miliz befinden. Der Zusammenstoß wurde um so heftiger, weil der von Foggia kommende Zug Verspätung hatte und mit sehr großer Schnelligkeit über einen ziemlich steilen Abhang dahinfuhr. Im Tunnel gestaltete die vollständige Fin­sterniß den Vorgang zu einem besonders entsetzlichen, da die unbeschädigt gebliebenen Reisenden inmitten der Todten und Verwundeten und einer Anzahl am Leben gebliebener Rinder, mit denen die ersten Waggons beider Züge beladen waren, herumtasten mußten, um einen Ausgang zu finden.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 4. Oktb. Der ev. Pfarrer Eh ring- Haus zu MottgerS wurde zum Localschulinspektor ernannt.* Die definitive Anstellung erhielten Lehrer I f f l a n d zu Kerbersdorf an die Kath. Schule daselbst, und Lehrer Rothschild zu Heubach an die isr. Schule daselbst. Provisorisch angestellt wurde Lehrer Franke zu UttrichshauseN als Lehrer an die ev. Schule in Roxhausen, Kr. Homberg. Als Lehrgehilfe wurde bestellt Schulamtskandidat Eckhardt aus Breiten­bach für die Stadtschule zu Lichtenau.

Von der Rhöu, 30. Sept. Gestern Abend bräunten in Otzbach bei Geisa zwei Hofraithen nieder, die zwar einem Besitzer gehörten, aber zwischen den übrigen Ge- bäulichkciten des OrteS lagen. Durch umsichtiges Ein­greifen der von allen Seiten herbeigeeilten Feuerwehren und Dank der günstigen Windrichtung blieben andere Gebäude unbeschädigt. Das Rindvieh wurde durch den Hütejungen gerettet. Leider verbrannten drei an einen Metzger verkauften Schweine, fast alle Hausgeräthe und

die ganze Ernte. Dem Eigenthümer der beiden Hosi raithen sollten am folgenden Tage alle beweglichen Gegenstände durch den Gerichtsvollzieher verkauft werden.

Erinnerungen ans Kinzigthal.

Von Dr. G. Anders. (Fortsetzung.)

Was für eine gewaltige Sprache, um nur eines zu erwähnen, redet doch aus den Tagen der Vergangenheit zu uns das deutsche Pisa! Soll ich das überaus be- klagenswerthe Schicksal der einst so stolzen Barbarossa­pfalz in der einstmals freien Reichsstadt Gelnhausen beschreiben, jener Barbarossapfalz, deren Bau 1170 be­gonnen wurde und die, einst besucht, geachtet und geehrt von manchem deutschen Kaiser, heute in Trümmern liegt und trotz aller Bemühungen des hessischen Ge- schichtsvereineS, insonderheit seines 1878 verstorbenen hochverehrten Mitglieds, des Consuls und Landtagsab­geordneten Schöffer, immer mehr verfällt, weil die staatliche Beihilfe versagt wurde? Oder soll ich nach­weisen, daß Gelnhausen den Namen eines deutschen Pisa mit Unrecht trägt, denn ein aufgefundenes Kupfer- weiß von Merian zeigte 1630 den schiefen Thurm, das Wahrzeichen der Stadt, noch gerade und auch die Bau­führung hat es bestätigt, daß dieser schiefe Thurm nicht als ein barockes Kunststück des Mittelalters zu betrachten sei, sondern durch Witterungseinflüsse nach der Westseite zu sich geneigt und nur durch Anwendung von Ketten in der schiefen Gestalt sich so lange erhalten habe, bis der Abbruch der Spitze nothwendig wurde? Oder soll ich von dem Vandalismus reden, dessen vergangene Geschlechter gerade in Gelnhausen sich schuldig gemacht, die manch' ein schönes Stück mittelalterlicher Baukunst vernichtet oder profanen Zwecken, als Kornböden und Pferdeställen, dienstbar gemacht haben? In überaus herrlicher Schönheit ist die aus dem ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts stammende Stiftskirche in Geln- Haufen wieder erstanden. Herr Schöffer und sein hoch­herziger Herr Schwiegersohn haben sich unsterbliche Verdienste um diesen Renovationsbau erworben. Aber was für unsägliche Mühe hat es doch gekostet, um dieses köstliche Bauwerk des Mittelaltcrs, wie verjüngt, wieder erstehen zu lassen! Herr Consul Schöffer hat in seiner liebenswürdigen Weise vor Jahren selbst das Mentoramt übernommen und mir gezeigt, wessen der Barbarismus vergangener Zeiten fähig war, hat mir gezeigt, wie nach unendlich saurer Arbeit das schöne Material des röthlichen Sandsteines wieder frei gelegt wurde, wie die Säulen und schwungvollen Bogen der erhabenen Kuppelgewölbe mit den wertvollsten Bild- Hauerarbeiten an Capitälen und Consolen zur Freude aller, wie neu, erstand.», was alles vergangene Geschlechter zugeschmiert, verklext und unsichtbar gemacht und dann mit Tünche überstrichen hatten, hat mir an Ort und Stelle gezeigt, wie die Vorfahren in diesem Heiligthume gehaust, wie man, um einen Grabstein irgend einer vornehmen Person aufstellen zu können, ohne weiteres ganze Stücke aus den herrlichen Tragesäulen weggehauen und sich nicht entblödet habe, sogar im Kreuzschiffe der Kirche die schlanken Ziersäulen mit ihren reichen Ca­pitälen wegzuschlagen, um häßliche Emporen um so be- guemer bauen zu können, und so das Ganze kaum mehr als einem Krüppel glich, dem die Füße und Beine ge­nommen sind, ja er zeigte mir auch, was für einen Blödsinn die Kunstgeschichte aus diesem herrlichen Baue sich ungeeignet habe, wie in derselben eine Console im Chor als die betende Jungfrau bezeichnet worden sei und eine andere Console mit ihrem Bildwerk zwei sich schnäbelnde Vögel dargcstellt habe, nun aber, nachdem Heu und Lehm weggekratzt, sich dort ein Mannskopf mit regulärem BoUvart und hier Drachen sich entpuppt Hütten, die sich in die Schwänze beißen.

Doch aber, wo komme ich hin? Nur vorübergehend wollte ich bei Gelnhausen verweilen, an den Quellen der Kinzig und an dem ersten Stücke ihres Laufs wollte ich ja Halt machen, und auch da bietet die Geschichte schon einen über die Maßen großen Reichthum, den ich in diesem Rahmen unmöglich ganz bringen kann.

Unweit der Quellen der Kinzig liegt das freundliche Landstädtchen Schlüchtern, in dem es, wie in manch anderem Städtchen noch recht patriarchalisch zu geht. Da hört man auch heute noch den Kuhhirten mit seiner