MüchtemerAitung
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M 80. Mittwoch, den 9. Oktober 1889.
Aus Baden. Ueber eine Rede, welche der Groß- Herzog von Baden am 30. September in Bruchsal auf dem Gauverbandstage des Militärvereinsverbandes gehalten hat, wird Folgendes berichtet:
Auf einen ihm dargebrachten Toast antwortete der Großherzog in einer längeren, das Wesen der Krieger- vereine und ihre Stellung zur Gesellschaft beleuchtenden Rede. Indem der Großherzog auf die Entstehung der badischen Militärvereine verwies, die sich vor fünfzig Jahren im Lande gebildet hatten, fuhr er wörtlich fort: „Wir müssen uns immer fragen: ist es nur die Erinnerung, welche die alten Krieger in Vereinen zu- sammenführt, oder ist es vielmehr die Sckule, die sie durchgemacht haben. Ich bleibe gern bei letzterer stehen, denn Sie werden es alle empfunden haben, wie bedeutungsvoll es ist, die Schule der Armee durchgemacht zu haben. Es gehört sehr viel dazu, um den Pflichten zu genügen, welche die Heerespflicht an den Einzelnen stellt. Wer die glücklich durchgemacht, hat die Lebensschule durchgemacht, und bringt nach Hause diejenige Erfahrung, welche nützlich ist im ganzen bürgerlichen Leben, und so begrüße ich insbesondere das Bestehen und die Fortentwickelung der Militärvereine, denn das Pflichtgefühl, die Treue, die Hingebung, die aufopfernde Selbstlosigkeit, das sind Eigenschaften, die gepflegt werden da, wo Gehorsam verlangt wird. Gehorsam allein lautet sehr hart, aber er wird verstanden, weil er den Eigenschaften, die ich vorhin nannte, vorangeht, und weil man die Ueberzeugung hat, daß ohne diesen Ge- horsam weder in der Armee noch im Leben irgend etwas mit Erfolg durchgeführt werden kann. Halten Sie also fest an den Grundlagen, auf denen die Militärvereine aufgebaut sind, und sorgen Sie auch dafür, daß auch die nachfolgende Generation, diejenigen jungen Leute, die aus der Armee heraustreten, reichlich den Militärocreinen beitreten, um die erworbene Schule mehr und mehr zu pflegen und um sich an Denjenigen zu erheben, die schon Größeres und Ernsteres erleb: haben. Sie, meine älteren Freunde, sind ganz besonders dazu berufen, diese Schule mehr und mehr zu pflegen und durchzuführen. Trachten Sie darnach, daß Derjenige, welcher seine 3 Jahre gedient hat, mit Ihnen sich vereinigt, daß er an diesen Vereinigungen sich mehr und mehr erhebt, dann werden wir auch mit Ruhe und Zuversicht jedweder Zukunft entgegensehen können. Und daß dies sehr nothwendig ist, werden Sie wohl alle zugeben, wenn Sie einen Blick in die Zeit werfen, in der wir uns bewegen, wo es immer nothwendiger wird, große Kräfte zu entwickeln, um zu erhalten, was wir errungen haben. Es ist nothwendig, daß die Militärvereine dazu beitragen helfen, den Sinn der treuen Hingebung zu den bestehenden Verhältnissen fester zu gestalten und mehr zu pflegen." — Der Großherzog schloß mit dein Ausdruck seiner Ueberzeugung, daß dieser Geist in den Militärvereinen lebe und von ihnen fort- gepflanzt werde.
Hannover, 3. Oktober. Dem hier wohnenden so- zialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Karl Egon Frohme ist durch Verfügung des Regierungs-Prä sidenten v. Wurmb in Wiesbaden auf ein Jahr der Aufenthalt in den Kreisen Frankfurt a. M., Hanau, Höchst, und dem Obertaunuskreise auf Grund des Sozialistengesetzes untersagt worden.
Braunscheig. Die Maul- und Klauenseuche greift in Deutschland immer weiter um sich. So wird der „Dass. Ztg." aus Wolfenbüttel geschrieben, daß wegen Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche unter dem Viehbestände Immehr als 30 braunschweigischen Ortschaften behördlicherseits die Abhaltung der für die nächsten Wochen angesetzten Vichmärkte untersagt worden ist.
AuS Thüringen. Sitzt da gegen Ende vorigen Jahres ein wohlhabendes Bäuerlein in der Gemeindeschenke zu Martinroda bei Ilmenau und raissonnirt nach Herzenslust über die vermeintlichen Benachtheiligungen, die er bei der jüngst stattgehabten Grundstückszusammenlegung (Separation) erfahren. Dieses bestreitet ein als Gast mitanwesender armer Arbeiter, indem er manche Lichtseiten des neuen GutsplaneS hervorhebt und dabei auch auf ein zwei Hektare umfassendes Grundstück besonders hinweist. „DaS Stück schenke ich Dir," rief daraus der rabiate Bauersmann, und der also Apostrophirte hatte nichts Eiligeres zu thun, als die biedere Rechte
IbfMlHtlillW Quf bic »Schlüchterner Zeitung" ^imUUliyill werden noch fortwährend von allen '■'■■ ..'——-; . ./ -= Postanstalten undLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der „Reichs- und Staatsanzeiger" schreibt in seiner neuesten Nummer, was folgt:
„S. M. der Kaiser und König hat von dem Inhalt der „Kreuzzeilung" vom 26. v. M. Kenntniß genommen und die darin ausgesprochenen politischen Auffassungen und Angriffe auf andere Fraktionen lebhaft gemißbilligt. Se. Majestät gestalten keiner Partei, sich das Ansehen zu geben, als besäße sie das kaiserliche Ohr. Der Kaiser sieht aber in der Verständigung und gegenseitigen Schonung der staatserhaltenden Parteien untereinander eine für unser parlamentarisches Leben sachlich nützliche Einrichtung und hat die allerhöchste Mißbilligung der dagegen von der „Kreuzzeitung" gerichteten Angriffe und Insinuationen unzweideutig ausgesprochen. Seine Majestät sieht in dem Kartell eine den Grundsätzen Seiner Regierung entsprechende politische Gestaltung und vermag dir Mittel, mit denen die „Kreuzzeitung" dasselbe angreift, mit der Achtung vor der allerhöchsten Person und vor unseren verfassungsmäßigen Institutionen nicht in Einklang zu bringen."
Es ist nicht das erste Mal, daß S. M. der Kaiser durch einen öffentlichen Erlaß seine Anschauungen über die politischen Fragen des Tages zu allgemeiner Kenntniß bringen läßt, so entschieden und so eingehend aber wie hier ist es bisher noch nicht geschehen. Man sieht aus dieser Veröffentlichung des eigentlich amtlichen Blattes, daß der Kaiser nicht nur über die Tagesfragen genau unterrichtet ist, sondern daß er sogar zu einzelnen Aeußerungen der Zeitungen seinen bestimmten ^Standpunkt nimmt und diesen, wenn es ihm nöthig erscheint, kein Bedenken trägt, bekannt zu geben. Die hochkonservative „Kreuzzeitung" ist dasjenige Organ, das bisher sich immer den Anschein zu geben g wußt hat, als vertrete eS allein und ausschließlich im echt preußischen Sinn die preußische Königstreue und zwar in der Auffassung, wie sie am preußischen Hof selbst für die richtige gehalten werde. Und dieselbe „Kreuzzeilung", die auch den Namen „Neue Preußische Z itung" und das eiserne Kreuz im Titel führt, die muß sich nun vom deutschen Kaiser sagen lassen, daß ihre letzten gegen das Kartell der Nationalliberalen und Konservativen gerichteten Artikel das höchste Mißfallen erregt haben und durchaus nicht im Simi des Kaisers gewesen sind.
■ Vielmehr billigt S. M. der Kaiser ausdrücklich das Kartell und erklärt, daß dieses den politischen Grundsätzen seiner Regierung entspreche. Das ist ein schwerer Schlag für die hochkonservative Partei, der dadurch nicht gemildert wird, daß der Kaiser sich überhaupt dagegen verwahrt, von irgend einer politischen Partei als ihr zugehörig bezeichnet zu werden. In weiten staats-und rcichstreuen Schichten des deutschen Volkes aber wird diese Erklärung des Kaisers mit hoher Genugthuung und lebhafter freute begrüßt werden, denn sie beweist, daß S. M. der Kaiser, jedem einseitigen engherzigen Parteistandpunkt abhold, die großen Ziele der deutschen Politik mit klarem Auge verfolgt, als deren einzig richtige Stütze er die gemäßigten Mittelparteien bezeichnet.
* — Das preußische Ministerium hat angeordnet, daß in Zukunft bei Kaiserparaden und ähnlichen Anlässen nur solche Krieger- und Militär-Vereine zur Ausstellung zugelassen werden, welche entweder dem «Deutschen Kriegerbunde" oder einem größeren Landesverbände angehören.
— Die Zahl der Personen, die infolge des Krieges von 1870/71 aus dem Reichs-Juvalidenfonds Pensionen beziehen, beläuft sich für das nächste Etatsjahr, vom Feldwebel abwärts, auf rund 36,000, an Offizieren und Aerzten aller Grade auf 2200, für Beamte aller Grade auf 2300 Personen, bezüglich der preußischen Militärverwaltung. Bewilligungen für Hinterbliebene der Obertassen wurden gewährt an ca. 430 Wittwen, an Hundert und einige zwanzig Kinder udd an drei Eltern gefallener Offiziere. An Bewilligungen für Hinterbliebene der Unterklassen kommen in Betracht 4530 Personen, außerdem 1039 Kinder und 2134 foltern, von denen jedes .Etternpaar jl60 M. jährlich erhält.
Jenes zu ergreifen und unter Ausdrücken herzlichen Dankes warm zu schütteln. Etliche Tage später will der Arbeiter die Schenkung amreten, stößt aber bei dem Besitzer auf so heftigen Widerstand, daß ihm nichts übrig bleibt, als den Rechtsweg zu beschreiten. Und das Eisenacher Landgericht hat ihm nun kürzlich wirklich das Eigenthum an dem bewußten Grundstücke zugesprochen, weil der Beklagte sich bei jener Willensäußerung in zurechnungsfähigem, wenn auch erregtem Zu» stände befunden habe und somit nach dem im Groß- herzogthum Sachsen-Weimar giltigen bürgerlichen Rechte eine vor Zeugen wirksam vollzogene Schenkung vorliege. Zu weiteren Prozessen wirds wohl künftig den beiden „Gutsnachbarn" nicht ohne Gelegenheit fehlen. — In Neustadt bei Coburg hat ein Knabe beim Zusammenkleben eines Papierdrachens, zu dem er buntes Papier nöthig hatte, einen zu Hause auf dem Tische liegenden 50- und einen 5 Markschein verwendet. Als die bestürzten Eltern den Verlust merkten, ließ der Junge gerade auf der Straße den Drachen, in dessen Mitte der 50 Markschein und an dessen Ende der 5 Markschein prangten, emporsteigen.
Gießen. Der der vorsätzlichen Tödtung eines Wilderers angeklagte Jagdhüter des Reichstagsabgeordneten Buderus in Hirzenhein, Carl Lambmann von Gebern, ist heute von den Geschworenen freigesprochen und demnach sofort auf freien Fuß gesetzt worden. Sämmtliche Kosten, auch für die Vertheidigung, trägt die Staatskasse. Der Mann hat 4 Monate in Untersuchung gesessen.
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern. Wir scheinen wieder in eine Periode der Eisenbahnunfälle hineingerathen zu sein, denn in wahrhaft beängstigender Weise mehren sich auf den Bahnen die Unglücksfälle. Innerhalb einer Woche er« I folgten Zusammenstöße bei Stuttgart, im Bahnhof Ge- münden und im Tunnel von Ariano und haben wir heute leider schon wieder mehrere Eisenbahnunfälle zu melden. Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof fuhr am Freitag Morgen der Mainzer Schnellzug wider den Prellblock, den die Maschine in Stücke riß. Donnerstag Abend stieß der Schnellzug von Posen bei Lastwitz auf einen Güterzug. 4 Personen sind getödtet, 16 verwundet, davon 9 schwer. Auch aus anderen Ländern laufen Nachrichten über Eisenbahnunglücke ein. Aus London wird telegraphisch gemeldet: Freitag Abend fand bei Manchester auf der Nord - Western-Eisenbahn ein Zusammenstoß-zwischen einem Eilzuge und einem Güter- zuge statt. Drei vollbesetzte Personenwagen wurden vollständig zertrümmert, 3 Personen getödtet, sehr viele verletzt, darunter 12 schwer. Die meisten der Verwundeten erlitten Gliederbrüche.
* - Jetzt bei dem frühen Dunkelwerden müssen bekanntlich alle auf öffentlichen Straßen fahrenden Wagen mit brennender Laterne versehen sein, sobald die Dunkelheit eintritt. Diese Bestimmung wird häufig unbeachtet gelassen. Weil nun aber dieses Nichtbeachtcn der gesetzlichen Bestimmungen nicht allein den Passanten der Straßen gefährlich werden, sondern sich auch an den Besitzern der Geschirre schwer rächen kann, so empfehlen wir die strikte Befolgung dieser Vorschrift. Der Fuhrmann, durch dessen nicht beleuchtetes Fuhrwerk irgend ein Unfall herbeigeführt wird, hat nämlich nicht nur Bestrafung zu erwarten, sondern ist auch zur völligen Schadloshaltung der Geschädigten verpflichtet.
—- Durch den preußischen Minister für Landwirth- schaft, v. Lucius, sind vor längerer Zeit Versuche bei Kindern angeordnet worden, um die Frage zur Entscheidung zu bringen, ob durch die Impfung ein Schutz gegen die Lungenseuche herbeigeführt werden könne oder nicht. Durch diese Versuche ist mit Sicherheit erwiesen, daß Rinder, welche mit frischer Lymphe geimpft worden, gegen die Lungenseuche geschützt sind.
* — Bei der gelegentlich der landwirthschaftlichen Kreisausstellung in Langenselbold stattgehabten Ver» loosung von landwirthschaftlichen Gerüchen rc. sind eine Anzahl Gewinne noch nicht abgeholt worden. EssinddicS diejenigen, welche auf die Nummern 236 908 1116 1384 2036 2320 2389 3380 3990 4355 4721 5113 5149 5249 5311 5347 6129 8205 8446 8502 9580 9855 gefallen sind. DaS Verloosungs-Comitee macht nun» nehr bekannt, daß die betreffenden Gewinne bis längstens den ö. November b, Js, bei Herren B, Oppkst»