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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Reife oder deren Raum 10 Pfennig.

Tirfll'lhntn^tl auf btc "Schlüchterner Zeitung" u U tlyl il werden noch fortwährend von allen ' ~ - '" ' - Postanstalten undLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Bielefeld. Die Kolonie für EpileptischeBethet" besteht nun 21 Jahre und umfaßt auf einem Flächen- raume von etwa 300 Morgen Ga ten, Feld und Wald­land ca. 65 größere und kleinere Gebäude, mit 2500 Bewohnern, darunter 1000 epileptische Kranke. Um die nöthigen Pflegekräfte für diese große Anzahl schwer Leidender zu gewinnen, wurden eigene Anstalten zur Ausbildung von Diakonen und Diakonissen in Ver­bindung mit der Kolonie errichtet, welche ihre ausge­bildeten Pflegekräfte auch in zahreiche auswärtige An­stalten und zur Privatpflege abgegeben, weil die wenig­sten Pfleger und Pflegerinnen im Stande sind in dem aufreibenden Dienst unter den Fallsüchtigen beständig zu verbleiben. Es sind von letzteren bis jetzt 2400 ausgenommen worden. Da für die wenigsten Kranken ein ausreichendes Pflegegeld bezahlt werden kann, bei den Armen aber die Noth immer am größten und die Unterbringung in Anstaltspflege immer am meisten noth­wendig ist, so bedarf die Kolonie sehr bedeutender Zu­schüsse, ca. 165000 Mark jährlich, um diese so überaus wichtige und segensreiche Liebesarbeit durch- führen zu können. Aus Hessen-Nassau sind bis jetzt 250 Kranke ohne Unterschied der Konfession ausgenom­men worden, meist aus den ärmlichsten Verhältnissen, so daß für diese allein ein jährlicher Zuschuß von 26000 Mark nöthig ist, welcher bis jetzt durch die Bei­träge aus der Provinz nicht gedeckt werden kann. Das Hauptstreben geht dahin, alle Kranke in geeigneter Weise zu beschäftigen und innerlich aufzurichten, um die Lage derjenigen, welche keine Heilung finden können, was nur bei etwa 10 Prozent gelingt, wenigstens er­träglich zu gestalten und dem Fortschreiten des Leidens bis zum Irrsinn zu wehren. Auswärtige Kranken können durch die Anstalt die bewährteste Arznei beziehen, nach­weislich Arme unentgeltlich. Möge diesem in seiner Art einzig dastehenden Werke der Barmherzigkeit reich­liche Hilfe auch fernerhin zu Theil werden.

Anslaird.

Rom. Ein ticukS Denkmal, das sich würdig an das Giordäno-Bruno-Denkmal reihen und den Vatikan be­greiflicher Weise nicht wenig reizen würde, soll in Rom erstehen. Wie der Römische Korrespondent nämlich schreibt, wird jetzt in der ewigen Stadt dafür-Propa­ganda gemacht, ein Denkmal zur Erinnerung an den 2o, September, d. h. an den Fall der pÄostlichen Herr­schaft zu errichten. Die gute Idee ging, was das Merkwürdigste an der Sache ist, nicht etwa von einem Spießgesellen des bösen Crispi, sondern von einem römischen Priester aus!

Frankreich. Ein unterirdischer Fluß wurde bei Miers im französischen Departement Lot entdeckt. Man ist seinem Laufe 2 Kilometer weit gefolgt, ist dabei niit dem Kahn durch wunderbare Grotten gekommen und hat 7 Seen und 32 Wasserfälle gefunden. Man nimmt an, daß der unterirdische Flußlauf 7 Kilometer lang ist und eine der großen Quellen speist, welche bei St. Dcms-Martel sich in die Dordogne stürzen.

In vielen Städten der amerikanischen Union ist der 6. Oktober von den Deutschen feierlich begangen worden, weil an diesem Tag vor 200 Jahren der erste deutsche Ansiedler in Amerika gelandet ist.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtcru, 11. Oktober. Der auf Widerruf be» stellte Kaiastcr-Kontrolkur Blume ist definitiv zum ^ulastcr-Kontroleur in Schlächtern ernannt.

Aus Kurhessen, 6. Okt. In Wickersrode bei Witzen- hausei, kam bei einem vorgestern ausgebrochenem Brande das 3 und ein halbjährige Kind eines Landwirths, Kelches im Bette lag, in den Flammen um. Die an» ^ren Kmdcr wurden unter Lebensgefahr noch im letzten Augenblick gerettet. DaS Feuer entstand im Wohnhause;

Kinder waren allein gelassen und spielten anfangs »nt Streichhölzern, wodurch das Bett in Brand geriet.

In dem Dorfe DaukmarShausen bei Bebra entstand Estern Mittag ebenfalls ein großes Feuer, welches so

chen, die er in einem dicken Kästchen den Wassern der Kinzig anvertraule, gespeist hat.

Endlich aber kam der längst ersehnte Adjutant mit der Meldung, daß die Pässe im Kinzigthale bei Aufenau, unweit Gelnhausen, unbesetzt seien. Nous passerons le Rhin! mit diesen Worten athmete er auf und befahl sofort den Aufbruch, und die Geschichte hat bewiesen, wie klar er gesehen. Hätte General von Wrede das Kinzigthal mit seinen Bergen und Anhöhen besetzt und Napoleon so den Weg verlegt, kein Franzose wäre über den Rhein gekommen, zumal General von Dork ihnen auf den Fersen saß.

Bei diesem eiligen Abzüge wollten dann aber doch die Franzosen im Kloster, das sie so gastlich beherbergt hatte, ein Zeichendes Dankes" zurücklassen und zün­deten mitten im großen Auditorium um die Säule, welche die Decke und die oberhalb befindlichen Lehr- zimmer trug, ein mächtiges Feuer an. Doch der Ab­zug war zu eilig gewesen, und ehe das Feuer recht um sich greifen konnte, war es gelöscht und das alte Kloster gerettet. Doch ehe der Schaden wieder gut gemacht wurde, dauerte es bis 1820.

Von dem Durchzuge der Franzosen durch Steinau erzählte mir mein Glöckner, der 1878 hoch betagt unter meinen Augen starb und als Jüngling diese ganze Schreckenszeit mit durchlebt hatte. Solche Tage, wie den 27., 28. und 29. Oktober 1813 möchte ich, so sagte er, nie wieder sehen. Ei du Liberei! das waren seine flehenden Worte, wenn er etwas Schreckliches berichten wollte, was haben wir doch alles erleben müssen I Drei Nächte sind wir nicht zu Bette gekommen, weil wir fürchten mußten, daß solche Scheusale, wie die Fran- zoses waren, uns bei Nacht Überfüllen, unsere letzten paar Lumpen uns noch nehmen und bei einiger Gegen­wehr uns über den Haufen stechen würden. Gnade und Erbarmen schienen ihnen überhaupt unbekannt zu sein. Unter den Augen ihrer Offiziere, die mit Hohngelächter unsere Schmerzensrufe begleiteten, verübten sie Schand­thaten, wie sie kaum bei wilden Menschen vorkommen dürften. Doch der alte Gott lebt noch und läßt solche Schandthaten nicht ungestraft, das hat er auch bewiesen an diesem Napoleon.

Die Franzosen schleppten 700 preußische Gefangenen mit sich. Hungernd und frierend wurden sie in die Reinhardtskirche eingesperrt, meinem Vater, der vor mir Glöckner war, wurden die Kirchenschlüssel abgenommen, die Kirche wurde von einer Schaar Soldaten umstellt, so daß ein Entweichen der Gefangenen unmöglich war, aber auch meinem Vater und mir wurde nicht gestaltet, das Abendläuten zu besorgen.

In der Frühe des 29. Oktobers zogen sie fort, aber wer beschreibt das Erstaunen, als sie statt der 700 Gefangenen nur noch 699 fanden! Nun ging es an ein Demoliren des heiligen Gotteshauses, sämmtliche Kirchstähle wurden erbrochen, Bretter und Dielen los­gelöst, die Orgel zertrümmert, der Thurm bestiegen, und wären die Verfolger nicht so nahe daran gewesen, so hätten die Franzosen wegen dieses einzigen Gefange­nen vielleicht die ganze Kirche ist Brand gesteckt.

Kaum war die Vorhut abgezogen, als Napoleon, auf einem Schimmel reitend und umgeben von einer glänzenden Suite, an dem alten Pfarrhause der Rein- hardtskirche vorüberzog. Sein Blick war wüst und finster, doch er, der als ein Beglücker der Völker kommen wollte, hinderte es nicht, daß seine Garde noch die Greuelthaten der übrigen Truppen übertrete. Der damalige Pfarrer T., der des Französischen mächtig war, hatte die Leute getröstet, daß er, so viel in seiner Macht stände, seine Pfarrkinder wärde zu schützen wissen. Kaum aber waren die Garden eingezogen, da ertönte ein jämmerliches Wehklagen aller Orten. Mit den Ladcstöckcn trieb man die Leute aus ihren Häusern, den armen, halbverhungerten Kindern nahm man die Brot­krusten weg, an denen sie kauten, und gab eS da und dort doch noch ein Stückchen Vieh, unbarmherzig wurde es mit fortgeschleppt. Schon am Abend zuvor hatten wir uns mit noch anderen Ungläckegenossen im Pfarr- Hause einquartirt und auf der großen Steintreppe vor dem Pfarrhause hatten wir die Franzosen an uns vor- überziehen lassen. Pfarrer T., der zu den Unglücklichen eilen wollte, aber mit Gewalt von unS zurückgehalten wurde, stand an der obersten Stufe. Es dauerte aber auch gar nicht lange, so kamrn Stieseplerle mit großen

schnell um sich griff, daß in kurzer Zeit sechs Gebäude, darunter drei Wohnhäuser und mehrere mit Getreide vollgepfropfte Scheunen in Asche gelegt wurden. Auch hier soll ein vierjähriges Kind durch Fahrlässigkeit den Brand verursacht haben.

Cassel. Die dieser Tage durch die Zeitungen ge­gangene Nachricht, wonach der hiesigen Lokomotiven- und Maschinenfabrik von Henschel u. Sohn, bekanntlich eine der bedeutendsten des Kontinents, von der Eisen- bahndirektion Magdeburg 37 Personenzug-Lokomotiven und 57 Tender-Lokomotiven in Auftrag gegeben worden seien, können wir auf Grund bester Information dahin vervollständigen, daß die Fabrik von der Eisenbahnbe­hörde weitere sechzig Locomotiven, insgesammt nämlich 153 Lokomotiven von einem annähernden Gesammt- werthe von 67 Mill. Mark, in Auftrag erhalten hat. Der Auftrag ging zwar von der Eisenbahndireklion Magdeburg aus, allein es wird eine Vertheilung an die verschiedenen Eisenbahndireklions-Bezirke und an einzelne Betriebsämter je nach Bedarf vorgenommen werden.

Das Projekt der städtischen Behörden, den Handel mit Großvieh in den Stallungen des Viehhofes auch am Sonntag außerhalb der Kirchen-Stunden zu- zulassen, ist einstweilen zurückgestellt worden, da beider Eisenbahn-Behörde Bedenken gegen die Einlegung der erforderlichen Züge obwalten. Uebrigens hatte sich auch das hiesige Polizei-Präsidium aus Gründen der Sonn- tags-Heiligung gegen die Zulassung des Viehhandels am Sonntage ausgesprochen."

Das Fleisch der amerikanischen Ochsen, welche in der vorigen Woche auf dem Schlachthofe verkauft wurden, hat rasch Ansatz gefunden. Wettere Viehtrans- porte, man spricht von 10000 Stück Ochsen, sollen von Amerika unterwegs sein. Dort kostet das Stück durch­schnittlich 25 Dollar (100 Mark), während hier 500 bis 700 M. pro Stück erzielt wurden.

Als Beleg für die Rentabilität der Bienenzucht mag die Thatsache dienen, daß ein Bienenzüchter zu Offenbach von 40 Völkern in diesem Sommer' 8 Ctr. Honig erntete, welche ihm die respektable Summe von 800 M. eintrngen.

Zu der Stelle des ersten Bürgermeisters in Saat­feld haben sich bis jetzt gemeldet: 5 Referendare, 8 Gerichtsassissoren, 21 Bürgermeister, 1 vom Bergfach, 2 Kaufleute, 2 Polizei-Jaspektoren, 1 Amtsrichter, 1 Rechtsanwalt, 1 Magistrats-Afsessor, 2 besoldete Stadtrüthe, 2 Privatiers, 1 Polizeihauptmann, 1 Po- lizeilicuteuant, 1 vom Baufach und 1 Polizcisekretär. Die Polizei ist gut vertreten.

Erinnerungen aus Kinzigthal.

Von Dr. G. Anders. (Fortsetzung.)

Es war am 27. Oktober 1813, so berichteten mir vor Jahren »och Augenzeugen, als die Vorhut der Franzosen ins Thal einrückte. Raubend und plündernd durchzogen sie Schlächtern und machten dann in Steinau Quartier. Am 28. Oktober langte Napoleon mit seiner decimirten Garde in Schlächtern an und bezog mit seiner Suite im alten Benediktinerkloster in den Wohn- räumen des Rektors Hasselmann Quartier. Eine große Karte war auf dem Fußboden des einen Zimmers aus­gebreitet. Adjutanten kamen und gingen; ohne Ruh und Rast schritt der Kaiser durch die Zimmer, dann durch die Säulengänge des Klosters, ging die Treppen herab und wieder herauf und wieder herab, ging heraus aus den Klosterräumen bis zur Klostermühle, bis zur Kapelle, und hier war es, wo der damalige Candidat der Theologie, Bey, der des Französischen mächtig war, ihm entgegentrat und den Kaiser, den er wwderholent- lich, aber vergeblich um Audienz gebeten, um für seine von den Soldaten namenlos gequälten und gepeinigten, ja, fast viehisch oftmals tractirten Mitbürger, denen nicht nur fast alle Speisevorräthe verzehrt oder ^unge­nießbar gemacht worden waren, sondern auf der Straße selbst die Stiefeln von den Füßen gezogen wurden, einen kaiserlichen Befehl zu erwirken, von oben bis unten anspuckte. Nur durch schleunigste Flucht vermochte er sich zu retten. Unter einer entlegenen Kinzigbrücke hat er drei Tage lang im Wasser gestanden, während welcher Zeit der sogenannte Hutzelmüller ihn mit Bröt­