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Jf 90. Mittwoch, den 13. November
1889.
Spurgeons Reden hinter dem Pflug, allerlei Leuten aus Stadt und Land dargeboten von A s in u s Mahner.
(Fortsetzung.)
Wer von der Hoffnung zehrt, hält ein karges Mahl. Wenn Hans Habenichts nie eine Tante gehabt hätte, würde er vielleicht seine Aermel anigcwickelt und tüchtig gearbeitet haben. Man sagte ihm aber immer, er sei ein Glückskind, und so machte man einen Einfaltspinsel aus ihm, der sich zur Arbeit schickt, wie die Kuh zur Hasenjagd. Will irgend Jemand Bauer Hans mit einer Erbschaft bedenken, so wird er ihm sehr dankbar dafür sein, er bittet aber es ihm vorher nicht wissen zu lassen, sonst zieht er am Ende nicht mehr so grade Furchen wie seither; besser, man vermache ihm noch einmal so viel und überrasche ihn damit, oder noch besser man schenke es dem Waisenhaus oder der Fulder evangelischen Kirche. Ich wünschte, man ginge weniger auf die Glücksjagd und pflanzte dafür mehr Arp'el- bäume. Hoffnungen, die aus Gräbern wachsen, sind tödtliche Irrthümer, und wenn sie einen Menschen an der vollen Anspannung seiner Kräfte hindern, so sind sie wie ein Henkersstrick, der einem am Halse hängt.
Einige Leute sind am 1. April geboren und hoffen immer ohne Sinn und Berstand. (Die Bismarcks kann man mit der Laterne suchen und findet, ihrer doch nicht viele.) Ein Schiff soll in ihren Hafen entlaufen, sie werden einen Top' mit Gold aufgraben, oder sonst eine glückliche Nachricht empfangen Die albernen Menschen ! Sie haben sich etwas in den Kopf gesetzt und träumen im Wachen. Sie können die Maulsperre bekommen, bis ihnen eine gebratene Taube in den Mund fliegt, und doch scheinen sie wirklich zu glauben, daß eines Tages irgend ein glücklicher Zufall, so ein Regen von goldenen Aepfeln, sie aus aller Not erlösen und zu reichen Leuten machen werde. Man kann lange pfeifen, ehe einem Goldfische in die Hand springen. Einem unter einer Million mag vielleicht einmal ein plötzliches Glück in den Schooß fallen, aber Tausende richten sich selbst zu Grunde mit eiteln Erwartungen. Wer da erwartet, daß er die Hälfte bekommen wird von dem, was er erwirbt, ein Viertel von dem, was ihm zukommt, und nichts von dem, was er verliehen hat, hat seine Rechnung so ziemlich richtig gestellt. Wer aber denkt, daß ein Schatz vom Monde auf ihn herabiaUcn wird, der ist der größte Narr auf Erden. Man sollte seine Hoffnungen innerhalb der Schranken der Vernunft und des guten, alten Bibelbuchs halten. Die Hoffnung lehnt sich auf einen Anker.
Aber was hilft ein Anker, wenn man nichts hat, woran man ihn hält, und keinen Grund hat, woran er sich hält. Eine Hoffnung ohne Grund ist ein Faß ohne Boden, ein Pferd ohne Kopf, eine Gans ohne Rumpf, ein Schuh ohne Sohle, ein Messer ohne Klinge. Wer sonst als Hans Dummerich würde sein Haus beim Dache zu bauen anfangen ? Es muß eine Grundlage haben. Hoffnung ist keine Hoffnung, sondern offenbare Thorheit, wenn ein Mensch auf Unmöglichkeiten hofft oder Ernten erwartet ohne Samen zu säen und Glückseligkeit ohne Gutes zu thun. Solche Hoffnungen sind viel Geschrei und wenig Wolle, sie sind ein Irrlicht, welches den Wandrer in den Sumpf lockt. Die Luft durchpflügen ist sehr leicht, nutzt aber auch herzlich wenig. Wer mehr in dieser Welt zu erlangen hofft als er mit seiner Hände oder seines Kopses Arbeit verdienen kann, hofft Pfirsiche von einem Schlehdorn zu pflücken. Wer ein liederlich s und putzsüchtiges Mädchen heirathet und eine gute Hausfrau an ihr zu bekommen hofft, der könnte sich grad so gut eine Gans taufen und daß er eine gute Milchkuh hätte. Wer seine Söhne nach dem Wirthshaus mit nimmt und sie zu nüchternen Menschen zu erziehen meint, setzt seinen Kaffeetopf aufs Feuer und glaubt, daß er so blank aussehen werde, wie neues Zinn. Ein Mensch kann seine fünf Sinne nicht Mehr beisammen haben, wenn er mit schlechtem Malz braut und dabei gutes Bier erwartet, oder ein böses Beispiel gibt und dabei auf eine wohlgezogene Familie rechnet. Man mag hoffen und hoffen bis einem das Herz bricht, wenn man aber seinen Jungen den Schornstein hinaufschickt, so kommt er doch schwarz herunter, man mag hoffen, was man will. Lehre ein Kind zu lügen und dann hoffe, daß ein ehrlicher Mensch aus
ihm wird — nein! setze lieber eine Wespe in ein Th erfaß und walte drauf, daß sie Honig machen wird. Was aber die W.lt angcht, so ist es jammerschade, daß man nicht ein wenig vorsichtiger ist, wenn man davon spricht. Wenn ein Trunkenbold stirbt, so sagt sicherlich der Eine oder der And^ ,,Jch hoffe, er ist im Himmel." Es ist ganz schön, einen solchen Wunsch zu hegen, aber eine solche Hoffnung auszusprechen ist doch etwas Anderes. Manche wenden ihr Gesicht der Hölle zu und hoffen im Himmel anzukommen; warum laufen sie nicht in die Pferdeschwemme und hoffen trocken zu bleiben ? Mit der Hoffnung auf den Himmel ist es ein ernstes Ding, welches am Wort Gottes sollte geprüft werden. Ein Mensch könnte ebenso gut hoffen, Trauben von den Dornen oder Feigen von den Disteln zu lesen, wie unser Heiland iagk, als eine selige Ewigkeit am Ende eines schlechten Lebens erwarten. Es giebt nur einen Felsen, auf den man gute Hoffnungen bauen kann, und das ist nicht Sankt Peter und nicht Sakramente, sondern das ist das Verdienst des Herrn Jesu. Darauf gründet sich Bauer Hans und fürchtet sich nicht, denn das ist ein sicheres Fundament und gibt einem eine feste Hoffnung, die weder Tod noch Leben erschüttern kann. Doch ich darf den Pfarrern nicht ins Handwerk pfuschen; ich bitte deswegen bloß zum Schluß noch zu bedenken, daß der falsche Wahn eine Leiter ist, die dem, der hinaufklettert, den Hals bricht; wer also sein Leben lieb hat, der versuche es ja nicht!
Gsetz ist bekanntlick ußerordentlich streng, und bie Mindeststrafe von U-rm Jahr Gefängniß schwebt als Damoklesschwert über dem Haupte desjenigen, welcher sich gegen das Gesetz vergeht. Der Angeklagte war ein alter, schlichter Maurer, welcher in dem Dorfe Glauchow eine Scheune gepachtet hatte. In dieser Scheune fand der Angeklagte vor etwa zwei Jahren eine Kiste vor, welche zahreiche Dynamit-Patronen mit den dazu gehörigen Zündschnüren enthielt — gerade genug, um ein ganzes Dorf damit in die Luft zu sprengen. Der Mann hat in der Unschuld seines Herzens die gesähr- liehen Hülsen neugierig betrachtet und, ohne auch nur entfernt die zerstörende Kraft derselben zu ahnen, die Kiste einfach in eine Ecke seiner Behausung gestellt. Lange Zeit war darüber vergangen, als der Lehrer des Ortes bemerkte, daß die Schulkinder mit einigen blanken Hülsen spielten, welche die Form von Nadelbüchsen hatten, und als er näher zusah, bemerkte er mit Entsetzen, daß nach der Aufschrift auf diesen Hülsen zweifellos Dynamit-Patronen in die Hände der Kinder gelaugt waren. Die Kunde davon brächte bald den ganzen Ort in Aufregung, und diese steigerte sich noch bedeutend, als bekannt wurde, daß dieses seltsame Spielzeug ans einer ganzen Kiste, die in dem Hause des Angeklagten stand, herrührte. Welches Unheil damit hätte angerichtet werden können, das war der Gegenstand ängstlicher Unterhaltung im Dorskruge, wie auch in den Familien. Schließlich kam die ganze Geschichte auch zur Kenntniß des Amtsvorstehers; derselbe betraute einen ehemaligen Ulanen, welcher sich mit chemischen Experimenten viel beschäftigt hat, mit der Untersuchung der blanken Büchsen, und dieser gab sein Gutachten dahin ab, daß es sich um Schießbaumwolle handle. Die Ortsobrigkeit konnte sich von der gefährlichen Kiste nur durch den Beschluß befreien, dieselbe zum Untergang in den Wellen zu verurtheilen, und in der That wurde die ganze Kiste auch feierlich in die Flnthen versenkt. Damit war aber in dem gegen den Angeklagten ringe- leiteten Strafverfahren das Hauptbeweismittel verschwunden, und die Anklagebehörde mußte, um die erste Grundlage für die Anklage zu gewinnen, von dem Gerichtschemiker Dr. Bischofs in Berlin ein sachverständiges Gutachten einholen. Der Sachverständige gab nun auf Grund seines Studiums der Akten am Donnerstag in Gilben sein Gutachten dahin ab, daß es sich nicht um Schießbaumwolle, sondern thatsächlich um Dynamit gehandelt habe, doch hatte Herr Dr. Bischof einen Umstand entdeckt, welcher schließlich den Angeklagten vor Gefängniß bewahrte. Es ist nämlich festgestellt worden, daß die Kiste an ihrem Aufbewahrungsorte in der Zcheune unter der Einwirkung des HochwasserS wiederholt längere Zeit im Wasser gestanden hatte. Daraufhin konnte Dr. Bischoff begutachten, daß zu der Zeit, als der Angeklagte die Kiste aufgefunden, die Dynamitpatronen ihre Explosivkraft bereits verloren hatten. Daraufhin erfolgte die Freisprechung des Angeklagten. Wie die mysteriöse Kiste übrigens in die Scheune gekommen, Darüber fehlt jeder sichere Anhalt.
Chcmuitz, 10. Nov. Gestern wurde hier am Hellen Tage auf offener Straße ein Raubmord verübt. Dem Gemordeten, einem Lehrling, wurde der Hals durchschnitten und ihm das Geld abgenommen, welches er bei sich trug.
Jserloh», 6. Nov. Wie man durch seltsame Verkettung von Umständen in Haft, unter Anklage und vor das Schwurgericht kommen kann, beweist folgende Geschichte. Im März d. Js. begab sich der Händler I. Buchheim von hier nach Brockhausen, um seine Braut zu besuchen. Er betrat nachgewiesener Maßen, waS deS Mannes Glück war. Nachts 12 ’/< Uhr die Straße Dedinghoven-Brockhausen und fand nach fünf Minuten Weges den Tagelöhner F. Ebe im Schnee liegen. Da Buchheim den Mann nicht erfrieren lassen wollte, so richtete er ihn auf und suchte ihn mit sich zu ziehen. Zum Danke wurde er von dem anscheinend betrunkenen E. gewürgt, es gab eine kleine Balgerei, und B. schüttelte den E. dadurch von sich ab, daß er ihm ein paar derbe Püffe gab. B. wanderte weiter nach Brockhausen, klopfte Leute heraus und man machte sich auf den Weg, den E. zu suchen. Dieser war inzwischen schon von anderen Leuten gefunden worden, und als ihm nun B. entgegenkam, erklärte er, dieser habe ihn übersatten und beraubt. Die Sachlage erschien bis-
Deutsches Reich.
Berlin. Die zu Ehren des deutschen Kaiserpaares in Konstantinopel verunstalteten Festlichkeiten haben am Mittwoch mit einem Frühstück in Douna Bagdsche, wo auch die erste Begrüßung mit dem Sultan stattgefunden hat, ihren Abschluß gefunden. Es waren das ganze Gefolge des Kaisers, der deutsche Botschafter mit Familie und von türkischer Seite der Großvessier, die Minister, die Generalität und andere Würdenträger, im Ganzen 50 Personen, dazu erschienen. Der Sultan, welcher Marschalls-Uniform mit dem Stern des Schwarzen Adlerordeus uud der Kette des Hohenzollern-Ordens trug, saß bei Tisch zwischen dem Kaiserpaar. Während die Herrschaften nach Aufhebung der Tafel einige Zeit im Kaffeesaal verweilten und sich lebhaft unterhielten, versammelten sich die türkischen Würdenträger auf der zum Bosporus führenden Treppe, auf welcher dann einige Minuten vor zwei Uhr die Fürstlichkeiten erschienen. Der Abschied des Sultans von den Majestäten war sehr herzlich. Der Kaiser sagte, er werde den Aufenthalt in Konstanlüiopcl nie vergessen und wiederholte diese Worte mehrmals, inb.m er dem Sultan die Hände schüttelte, welcher in gleichem Sinn dankte, Unter Salutschüssen von den deuischen und türkischen Schiffen und stürmischen Hochrufen der am Ufer versammelten Menge fuhr die Kaiserin in einer Barkasse nach der Jacht „Hohenzollern", während sich der Kaiser mit dem Prinzen Heinrich an Bord des Panzerschiffes „Kaiser" begab. Punkt zwei Uhr dampfte das Geschwader ab, welches von der Jacht des Sultans „Jzzedin" bis Mytilene begleitet wurde. JuMytilene haben sich am Donnerstag Mittag die übrigen Schiffe angeschlossen, die inCorfu 12 Stunden anlegen, welche Zeit der Kaiser benutzen wird, um der auf der Insel verweilenden Kaiserin von Oesterreich einen Besuch abzustatten. Graf Herbert Bismarck ist am Mittwoch Abend mittelst Sonderzuges von Konstantinopel in der Richtung nach Wien abgereift; es heißt, er werde in Pest Aufenhalt nehmen und dafelbst mit dem Grafen Kalnoky zusammen- treffen. Der Korrespondent der „Times" bemerkt in seinem Bericht über den Besuch des Kaiserpaares in Konstantinopel, die ungewohnte Thatsache, daß der Sultan mit einer christlichen Fürstin durch die Hauptstadt gefahren sei, bilde gegenwärtig das Tagesgespräch in ganz Konstantinopel. Des Weiteren berichtet der Korrespondent, daß der Sultan dem Kaiser vier herrliche arabische Stuten, der Kaiserin eine Menge kostbarer Stoffe zum Geschenk gemacht habe. Anfangs habe der Sultan der Kaiserin Juwelen von großem Werth verehren wollen, doch seien dagegen Einwände geltend g'macht worden.
Gubcn. Eine interessante Anklage wegen Vergehens gegen das Dynamit - Gesetz beschäftigte am jüngsten Donnerstag die hiesige Strafkammer. Das Dynamit-