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Jf 92. Mittwoch, den 20. November
1889.
Spurgeous Reden hinter dem Pflug, allerlei Leuten aus Stadt und Land dargcboteu von A s m u s Mahner.
3. Von Prahlern.
Die Kunst des Ucdertreibens wird heutzutage weit und breit ausgeübl. Man hört von Stachelbeeren, die zweimal mehr wiegen als möglich, und wer-Zeitungen lieft, kennt die riesigen Enten der Sauregurkenzeit. Wenn ein Wagen vorüber fährt und einer alten Frau Kaffeekannendeckel rappelt, so wild von einem Erdbeben berichtet. Nette Phantasiebilder sind durchaus nicht selten. Gewisse Leute schauen immer nach Wundern aus, und wenn sie keine sehen, so erst 'den sie welche. Sie sehen jede Nacht Kometen und hören jeden Tag eine merkwürdige Geschichte. Alle ihre Mautwurfshaufen sind Berge, alle ihre E! teil fLib Schwäne. Sie haben das Multipliziren gut stndiit und machen um umschränkten Gebrauch von ihrer Wissenschaft. Haben sie sechs Köters beisammen gesehen, so schwören sie drauf, daß sie hundert Jagdhunde sahen; ja wzÄ und werden fuchswild, w nn irgend Jemand ein wenig zweifelhaft bei ihrer Erzählung aussieht; eS dauert nicht lang und sie reden sich selbst vor, das; es zehntausend Löwen waren; denn alles wächst bei ihnen so schnell wie Pilze und schwillt ihnen an zu Bergen.
All-s um sie her ist wunderbar; was aber ihre eigene werthe Person angeht, so ist Niemand gut genug, ihnen die Stiefel zu putzen. Sie sind so stark wie Simson und können besser ziehen als Bauer Hans Gespann, wvllens aber nicht probiern, w ''l sonst die Stränge reißen könnten. Ihr Reichthum ist ganz riesig. Sie könnten, wenn sie nur wollten, die ganze Feldmark aufkaufen. Wenn sie einen Laden haben, so setzen sie mehrere Millionen jährlich um. nnb sie schränken ihr Geschäft nur aus Mitleid mit den Nachbarn ein. Sie verkaufen die besten Waaren zu den niedrigsten Preisen, factisch unter dem Selbstkostenpreise, und mit ihnen kann Keiner im Lande konkurriren. Wenn sie Landwirthschaft treiben, so thun sie es nur zum Vergnügen, um den dummen Bauern zeigen, wie man's avuifangen hat. Alle ihre Thaten sind wahre Wunder; wie die Menagerie, die neulich hier war, sind sie eine ganz „einzigartige, originelle und unübertreffliche Erscheinung". Und doch sind sie ein ebenso fauler Zauber, wie es mit jener wilden Thstrschau war; das ^ife dran waren die Bilder, dio außen an der Bude angebracht waren, und gerade so steht's mit ihnen. Doch ist es zum Erstaunen, wie sie den Mund aufreißen können. Man höre sie reden! Das geht immer grougedruckt und mit AuS- rnsungszeichen. „Haben sie je so ein prächtiges Pferd gesehen, mein Herr ? Es läuft schneller wie der Wind ! Diese Kuh da, ich muß Sie bitten, nehmen Sie dieselbe recht in Augenschein, denn sie ist hierlands einzig in ihrer Art, sehen sie nur wie graziös sie mit dem Schwanz wedelt! Mein Junge da, d e^hat ihnen einen Kopf, weit über seine Jahre! Ein wob reS Wunderkind! Sicht seinem Vater ähnlich, meinten Sie ? Sehr verbunden — ist aber etwas Wahres dran, denn, glauben Sie nur, wer mir die Spitze bieten will, muß früh aufstchen! Allen Leuten steh ich im Wege; macht mir ober nichts! Sehen Sie nur mein Feld an ! Haben Sie je solche Rüben gesehen ? Sie meinen: die Blätter zerfressen ? Fehlgeschossen! Sicht nur so aus! Ist eine ganz besondere Art von Rüben mit Ventilationsblättern, die von Natur durchlöchert sind, um die Luft aus und einzulassen! Zu viel Maulwurfshanfen, meinen Sie? Hat eine besondere Bewandtniß damit. Unsere Maul- Würfe sind nämlich eine große Seltenheit. Sie werfen größere Haufen als sonst welche im Land sind, von einer ganz besonderen Art, die sonst ausg-storben ist. Sehen Sie diese ungeheure Disteln? beweist die Vor- züglichkcit des Bodens! Drum war auch unser letzter Weizen so erstaunlich schwer, daß wir gar nicht wußten, wie wir ihn eiribringeu sollten. Die Wagen ächzen förmlich unter der Last. Der halbe Kreis kam zu- fammm, um beim Dreschen zuzufchen, und die ältesten Lutte im Kirchspiel sagten, sie hätten so etwas nie erlebt. Gut war's, daß die Maschinen erfunden sind, Menschenhände hätten es nun und nimmer dreschen können."
Wenn Jemand in diesem Tone zu reden an sich
hat, so ist es ihm eins, worauf er loshämmert, es ist allemal das größte, das schönste, das allerwunderbarste im ganzen Land, oder aber das allerschrecklichste, gräßlichste, fürchterlichste in der ganzen Welt. Seine Stiefel würden Goliath freilich zu klein sein, aber seine Zunge ist viel zu groß für des Riesen Mund. Er malt mit einem Besen, er bezuckert seine Kräbbel mit einem Spaten und legt seine Butter mit der Kelle auf. Sein Pferd, sein Hund, seine Flinte, sein Weib, fein Kind, sein Gesang, seine Pläne sind lauter Gibts-Nicht-Mehr. Er ist das Vorderpstrd der Pfarrei; er ist Numero Eins und zwischen ihm und Numero Zwei ist ein großer Zwischenraum. Das Wasser aus seinem Brunnen ist kräftiger als Wein, in sein Regenfaß regnet es Erbsensuppe, an seineuJohannisbeersträuchern wachsen Trauben, in seinen Kürbissen kann ein Mensch aufrecht stehen. Das Merkwürdigste ist, daß Menschen dieses G llichters nicht sehen, daß Jedermann sie auslacht: sie müssen von ihrer Prahlerei blind geworden sein. Jeder sieht den Boden ihrer Schüssel, und sie nennen dieselbe beständig einen Ocean, als ob es lauter Dümmlinge wären, mit denen sie cs zu thun haben.
(Fortschnng folgt.1
Deutsches Reich.
Berlin. Das Kaiserpaar ist am Freitag Mo-gen um 8 Uhr im allerbesten Wohlsein wieder nach Potsdam zurückgek hrt. Zur Begrüßung der Majestäten halten sich die Schwester der Kaiserin, die Prinzessin Friedrich Leopold, und der Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein, sowie mehrere dem Kaiser dienstlich nahe stehende Offiziere und Mitglieder des Hofstaates auf der Station Wildpark eingefu iden. Der Kronprinz und die längeren Prinzen begrüßten ihre Eltern bei dem Eintreffen im Neuen Palais. Damit hat die von der ganzen Welt als denkwürdiges Ereignis mit Spannung verfolgte ürientreife des deutschen Kaiserpaares ihren Abschluß gefunden. Mit hoher Befriedigung mag der jugendliche Monarch auf diese Fahrt zurückolicken, die ihn auf klassischen Boden, auf den Schauplatz welibcwegender geschichtlicher Ereignisse geführt und ihm in der schönen, farbenprächtigen, milden Natur des OrientS, wie in den Sitten und Anschau- ungen seiner Bewohner eine neue Welt erschlossen hat. Wenn sich auch die politische Bedeulung der Reise vor her Hand noch nicht voll ermessen läßt, so wird doch Niemand mehr bcstrciten wollen, daß eine solche zweifellos »orhanden ist, daß die neuen persönlichen Beziehungen, die der Kaiser angckuüpft hat, der Erhaltung des Friedens dienen und im Fall eines Krieges zu Gunsten Deutschlands bezw. des Dreibundes schwer in die Waagschale fallen werden.
J — Unter den Geschenken, die der Sultan dem Kaiserpaar machte, befanden sich ein prächtiges Album mit Photographien der Hauptstadt, kostbare Steine und Stoffe und die vollständige Ausstattung eineö türkischen Gemachs für die Kaiserin, nebst einem halben Dutzend milchweißer Pferde und einem juwelenbesetzten Säbel von geschichtlichem Interesse für den Kaiser. Dagegen hat der Sultan, wie die Freist Ztg. berichtet, dem Wunsche der Kaiserin nachgebend, von der Schenkung des kostbaren Diamantendiadems Adstand genommen.
Kiel, 14. Nov. Wie der „Hbg. Gen.-A." schreibt, hat in Schleswig« Holstein der Lehrermangel seltsame Zustände hervorgerufen. In Dithmarschen hat man einen Kaufmann, der vor langen Jahren zeitweise Prä- parand gewesen ist, eine Lehrerstclle übertragen. An einer anderen Stelle sucht man sich mit einem mehr als 50jährigen Präparanden zu behelfen. An einer dritten Stelle wirkt ein alter, bereits emeritirtcr Lehrer; im Kreise Tonderu hat sogar ein Landmann Anstellung gefunden.
Heide, 13. Nov. Die Leiche eines vor ca. acht Tagen begrabenen Mannes aus GauShorn wurde gest rn auf Veranlassung des Staatsanwalts wieder ausgegraben und einer Obduktion unterzogen. Es hatte sich hier nämlich das Gerücht verbreitet, daß dcr Betreffende nicht auf natürliche Weise gestorben sei, sondern daß seine Verwandten ihn einer Erbschaft halber auf unmenschliche Weise durch Nahrungsentziehung und grauenhafte Vernachlässigung aus dem Wege geräumt hätten. Die Obduktion der Leiche bewies die Wahrheit des Gerüchts auf das Vollständigste. So wurde unter anderem lon-
ftatirt, daß dem Verstorbenen beide Augen von Ratten ausgefressen waren. Der muthmaßliche Hauptschuldige dies s scheußlichen Verbrechens befindet sich bereits in Haft.
Halle, 15. Nov. Kürzlich wurde über eine un- i heimliche Sendung berichtet, die an das hiesige Amtsgericht gelangte (als Requisitionsbehörde), wo es sich um Theile einer in einen entfernten Orte vor drei Jahren beerdigten, jetzt aber wieder ausgegrabenen Frau handelte, die erschlagen worden sein soll. Jetzt ist nun wieder eine ähnliche Sendung hier angelangt. Es ist dies die vor zwei Jahren in einem thüringischen Orte gestorbene, dort beerdigte, jetzt aber wieder ausgegrabene bildschöne Tochter eines hiesigen gut fituirten Einwohners H. Das Mädchen starb seiner Zeit plötzlich, hatte ein Verhältniß mit einer dortigen Persönlichkeit, die einen höheren Rang bekleidete und soll von diesem unter Abtreibung der Leibesfrucht vergiftet worden sein. Vergehen gegen St. S. 218 bis 220. Durch besondere Umstände ist jetzt erst hierüber etwas an die Oeffentlichkeit gedrungen. Die chemische Untersuchung ist bereits angeordnet.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 19. Nov. Ein hiesiger Ortsbürger scheint sich der besonderen Huld Fortunas zu erfreuen. Vor zwei Jahren kam derselbe ganz unerwartet durch eine überseeische Erbschaft in den Besitz eines größeren Kapitals, und am letzten Sonnabend hatte er das Vergnügen, auf einem Stück Rottland bei Hof Reich beim Pflügen eine größere Anzahl Goldmünzen sehr alten Gepräges und von verschiedener Größe zu finden. Eine uns vorgelegte Goldmünze von der Größe eines 50-Pfenuigstücks ist sehr gut erhalten, zeigt auf der einen Seite das Bild eines Heiligen mit Umschrift und auf der andern einen Bischof vor einer Frauen- gestalt mit Heiligenschein knieend. Den Goldwerth der gefundenen Münzen schätzt man auf über 1000 Mark. Wer diesen offenbar schon Jahrhunderte lang vergraben gewesenen Schatz dem Schoße der Erde anvertraut hat und das Wiederholen vergaß, davon hat Niemand eine Ahnung.
— In der Zeitung „Deutschland" wird gefragt, woher der große Preisunterschied bei den Kartoffeln in den einzelnen Städten käme. In Stettin kostet der Zentner 80 Pfg., in Berlin 1 Mark, in Weimar 2,50 bis 3 Mark und in Jena ebenfalls 3 bis 3,25 M.
— Im Verlag von Theodor Hofmann in Gera ist unter dem Titel ..Futterplätze für die Vögel im Winter" von Theodor Liebe ein Schriftchen erschienen, welches wir für alle Schulbibliotheken zur Anschaffung empfehlen. 1 Exemplar kostet 20 Pfg., 10 Exemplare
1 Mk. 50 Pfg., 25 Exemplare 2 Mk. 50 Pfg., und 50 Exbm. 3 Mark 50 Pfg. Wir ersuchen noch besonders die Herren Lehrer, sich die allgemeinere Verbreitung und Durchführung der dort zum Schutz der Vögel im Winter empfohlenen Rathschläge angelegen sein zu lassen.
^2 Schwarzenfels, 16. Nov. Im Laust des kommenden Woche erscheint im Verlag von Max Brünne- mann in Gaffel in handlichem Format und guter Ausstattung ein Büchlein, auf das hiermit die Aufmerksamkeit der Landwirthschaft treibenden Bewohner des Kreises gelenkt sei. Dasselbe führt den Titel: Das Vieh- mängelgesetz deS vormaligen Kurfüi stenthums Hessen vom 23. Oktober 1865 sowie die Gesetze des Groß- herzogthUmS Hessen, des Königreichs Baieru und des FürstenthumS Waldeck über Gewährleistung bei Vieh- veräußerungen. Mit Anmerkungen erläutert und zum praktischen Gebrauch bearbeitet von R.. Limberger, GerichtSasftssor. Der Herr Verfasser stellt tn^ einer Einleitung in lichtvoller gemeinverständlicher Sprache den Gang eines ViehmängelprozesseS an einem gutge* wählten Beispiele dar und bi-tet Muster der in einem solchen Prozesse anzubringenden Anträge, sowie einer Klagschrift. Alsdann folgt daS turhessische Gesetz. Die dasselbe erläuternden zahlreichen Anmerkungen z ichnen sich durch Wissenschaftlichkeit uNd ausgiebige Benützung der vorhandenen Judikatur und Literatur, sowie insbesondere dadurch aus, daß sie eine reiche Fülle von Beispielen und Fällen bieten. Nachdem sodann in einem besonderen Abschnitt erörtert ist, welch s örtliche Recht zur Anwendung zu kommen hat, wenn der Handel