SchlüchternerMtung
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M 93. Samstag den 2.3. November 1889.
Die Proklamirnug der Republik in Brasilien. |
Eine überraschende Nachricht, deren Bestätigung' der politischen Physiognomie des südamerikanischen Kontinents mit einem Schlage ein vollständig verändertes Aussehen giebt, übermittelt das transatlantische Kabel: Revolution in Brasilien, Sturz d s Kaiserthums, Proklamirunq der Republik und Einsetzung einer pro visorischen Regierung.
Die provisorisch« Regierung hat in jeder der 21 Provinzen an Stille des Präsidenten einen Gouverneur eingesetzt. Die Gouverneure sind Militärpersonen. In einer Proklamation, die der jetzige Präsident, der General Fonseca, erlassen hat, ist gesagt: l) daß die Republik proklamirt ist; 2) daß die Provinzen Brasiliens die durch die Förderation vereinigten Staaten von Brasilien bilden; 3) daß jeder einzelne Staat seine eigene Lokalregierung bildet; 4) daß jeder Staat einen Vertreter zu dem demnächst zu berufenden Kongreß entsendet, dessen entgiltigen Beschluß die provisorische Regierung erwartet, während inzwischen die Gouverneure 'Dias n ibmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zum Schutze der bürgerlichen Rechte treffen ; 5) daß einstweilen die inneren und auswärtigen Beziehungen durch tue provisorische Regierung vertreten werden.
Die Umwälzung ging mit Ausnahme eines Vor- kommmsseS unblutig ab. Der Marineminister Baron de Ladario wollte die Soldaten veranlassen, zum Kaiser zu halten. Hierbei wurden 3 Schüsse auf den MirMer abgegeben, daß er schwerverwundet zusammensank. Jetzt henscht überall Ruhe und Frieden.
Dem abgesehen Kaiser Dom Pedro soll ein jährliches Ruh- und Gnadeng.halt von 450,000 DoUarS oder 1,890,000 Reichsmark ausgesetzt werden. Die Höhe der BaarentschädigUng für die an den Staat fallenden Domänen wird sei schieden angegeben.
Der Kaiser Dom Pedro hat auf die Note, worin ihm mitgetheilt wurde, daß er abgesetzt wäre, geantwortet, er weiche der G walt, beuge sich aber vor der vollendeten Thatsache. Er widme dem Glück und Gedeihen Brasiliens seine Wunsche.
Die Flagge wird aus den Landesfarben Grün und Gold gebildet; ein blaues Feld in der Ecke trägt 21 Sterne.
In den Südprovinzen oder Südstaaten, wie es nun heißt, leben einige 200,000 Deutsche; ihren Haupt- sitz haben sie im Staate Rio Grande da Sul. Es sind die klimatisch günstigsten Provinzen und für deutsche Kolonisation in Zukunft jedenfalls noch besser geeignet als bisher, da die Verhältnisse in den freien Staaten unzweifelhaft sehr bald einen allgemeinen Aufschwung nehmen werden. Die Deutschen in Brasilien sollen sich der republikanischen Bewegung gern ange schlössen haben.
Deutsches Reich.
Berlin. Der preußische Finanzminister hat den Inhabern von vierprozentigen Prioritäten verstaatlichter Eisenbahnen neuerlich den Umtausch gegen dreieinhalb- piozcntigc Konsols angeboten. Diese Umwandlung be- trifft eine Summe von nicht weniger als 400,130,700 Mark.
— Zu den Truppenverlegungen am 1. April 1890 wird den „Hamburger Nachrichten" offiziös aus Berlin geschrieben, der Plan erstreckte sich im Allgemeinen auf die Belegung der besonders gefährdeten Fronten und auf die Belegung der voraussichtlichen Operationslmien mit allen drei Waffen derart, daß bei den Truppenanhäufungen unserer Nachbarn an den Grenzen des Reichs eine vorübergehende Ueberflulhung der Grenzländer verhütet werden könne. Die Folge davon sei eine Verdünnung und ein gänzliches Eingehen vieler Garnisonen im Innern des Reiches, so daß das deutsche Heer am L April 1890 einen Garnisonwechsel durchwacht, wie er seit 1871 nicht mehr dag Wesen ist.
—* Einer amtlichen Aufstellung zufolge herrschte die Maul- und Klauenseuche in 169 preußischen Kreisen bezw. 922 Gemeindegutsbezirken. Vollständig seuchen« frei waren zu Ende v. Mts. nur Berlin, die Re gierungsbezirke Stralsuud, Stade, Osnabrück, Aurich, Münster, Koblenz und Aachen, sowie die Provinz Schleswig-Holstein und die HohenzollcrnschtN Lande.
— Die Lebensrnittel- und die Futterpreise sind im Oktober d. J. wiederum gestiegen. Die amtliche „Statist. Korresp." giebt für Preußen folgende Zahlen : (die eirg klammerten bedeuten die Preise im September ds. Js)
Für je tausend Kilo Weizen 182 (September: 181) Mail, Roggen 161 (158) Maik, Gerste 156 (153) Mark, Hafer 154 (152) Mail, Kocherbsen 223 (222); für je ein Kilo: Rindfleisch 1,22 (1,22) Mark, Schweinefleisch 1,43 (1,43) Mark, Kalbfleisch 1,22 (1,20) März, geräucheiter inländischer Speck 1,84 (1,80) Mark, inländisches Schweineschmalz l,71 (1,69) Mark. Für ein Schock Eier wurden durchschnittlich 3,75 (3,30) Mark bezahlt.
Die Preissteigerung von Oktober 1887 bis Oktober 1889 beträgt für Weizen 18,2 Prozent, Roggen 38,8 Prozent, G rste 25,8 Prozent, Hafer 45,3 Prozent, Kocherbsen 1 l,5 Prozent, Speisebohnen 10,8 Prozent, Linsen 2,5 Prozent, Richtstroh 56,2 Prozent, Rindfleisch 5,2 Prozent, Schweinefleisch 19,2 Prozent, Kalbfleisch 10 Prozent, Hammelfleilch 4,3 Prozent, geräucherter inländischer Speck 15 Prozent, Eßbutter 2,3 Prozent, Weizenmehl 10Prozent, Roggenmehl 12,5 Prozent, mittlerer roher Javakaffee 1,5 Prozent, inländisches Schweineschmalz 11,8 Prozent, Eier 7,8 Prozent.
—* Ein „Brandversicherungs - Verein preußischer StaatS-Eisenbahu-Beamtcn" tritt am 1. Januar 1890 in Wirksamkeit. Derselbe beruht auf Gegenseitigkeit und bezweckt, allen Eisenbahn - Beamten eine bequeme und billige Gelegenheit zur Versicherung ihres beweglichen Gutes zu bieten. Die Minister der öffentlichen Arbeiten und des Inneren haben ihre Genehmigung dazu ertheilt. Der Jahresbeitrag ist auf vorläufig 60 Pf. für je 100 Mark Versicherungssumme bemessen. Man rechnet auf eine günstige Eutwick. lung, da daS Beamtenpersonal außerordentlich zahlreich ist und die Verwaltungskosten gering sind, weil alle Geschäfte ehrenamtlich geführt werden. Schon jetzt liegen über 10,000 Beitrittserklärungen vor.
— Ein Wirth in Berlin wurde auf die Beschwerde eines Gastes wegen schlechten EinschenkcnS durch polizeiliches Strafmandat in Geldstrafe genommen, wogegen er Einspruch erhob und vom Schöffengericht freigesprochen wurde, weil im Gesetzt nicht ausdrücklich vorgcschrikbeir fei, daß das Bier bis an den Aichstrich reichen müsse. Der Staatsanwalt legte Berufung ein, und der angeklagte Wirth wurde auch wegen Betrugs zu 20 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Die Berufungskammer erklärte in ihrem Urtheil, daß der Aichstrich an den Trinkgesäßen eine öffentlich rechtliche Bedeutung habe und dem Gaste die Kontrole darüber biete, ob er für sein gezahltes Geld das ihm zustehende Quantum des betreffenden Getränkes auch wirklich erhalte, es mache sich also ein Wirth durch schlechtes Einschenken des Betruges schuldig.
Lokales und Provinzielles.
Hanau. Straskammersitzung vom 18. November. Das Schöffengericht in Salmünster hatte einen Tag- löhner von Ahl mit 3 Mark bestraft, weil er aus einem an seiner Wohnung vorbeiführenden öffentlichen Weg sein Holz gelagert und diesen dadurch versperrt hatte. Der Angeklagte behauptet nun, der Weg sei kein öffentlicher und habe er sich deshalb keiner strafbaren Handlung schuldig gemacht. Nachdem heute fest- gestellt war, daß fraglicher Weg auch über zweiPrival- grundstücke führt, nimmt der Gerichtshof an, der Angeklagte habe sich in dem guten Glauben befunden, daß der Weg wirklich kein öffentlicher sei und sprach denselben kostenlos frei.
Hanau, 18. Novbr. Wie heute aus Berlin gemeldet wird, beabsichtigt das KriegSministerium Hanau wegen seiner günstigen strategischen Lage zum Waffen- platz dritten Ranges zu erheben. Außer den Ulanen kommt ein ganzes Infanterie - Regiment nach Hanau. — Bei der Explosion in der Hanauer Pulverfabrik sind im Ganzen neunzehn Personen umgekommen.
Kassel, 17. Nodr. Wenn ein gewöhnlicher Mensch, ohne zwingende Nothwendigkeit, Gegenstände, welche einem Vater oder Großvater eigen waren, und deren Werth hauptsächlich darin besteht, daß sie als liebe Er- innerungSzeichen an die Verstorbenen dienen, veräußert,
so ist ganz naturgemäß ein herbes Urtheil über solch pietätloses Verfahren die Folge. In Köln läßt die Enkelin unseres letzten Kurfürsten, Gräfin Bensch, Tochter der zweiten Tochter Kur üi ft Friedrich Wilhelm I. vom 27.—30. d. M. einen Theil des Nachlasses ihres jüngst verstorbenen Ouk ls, des Fürsten Moritz von Hanau, dessen Erbin sie ist, »öffentlich versteigern. Der über die unter den Hammer kommende Gegen- stände veröffentlichte Katalog weist Dinge aus, welche bei einiger Pietät wohl ihren Platz in der Familie hätten behalten müssen oder in einem hessischen Museum den geeigneten Ort zur Aufbewahrung gefunden hätten. Welchen Zweck kann "es für die Erbin haben, eine Uniform, welche der Kurfürst getragen, Orden, welche Kurfürst Wilhelm II. eigneten, ja sogar die Uhr, ein Geschenk der Liebe und Ehrfurcht, welches hessische Männer dem in der Verbannung weilenden Kurfürsten machten, Erinnerungszeichen, welche wohl jede Familie mit Stolz aufbewahrt, meistbietend zu versteigern? Wahrlich meint die „K. A. Z", es fehlen die Worte, um dieses Verfahren genügend zu bezeichnen. Es ist der Vorschlag laut geworden, wenigstens die persönlichen Erinnerungszeichen an den letzten Kurfürsten für unser Museum zu erwerben. Ob es dazu kommt? Oder sollen die Hessen die Freude haben, die Uniform ihre- Kurfürsten einen Trödelladen in Köln zieren zu sehen? Wahrscheinlich. Dem, der die erwähnte AuctionS- anzcige ließt, fällt unwillkürlich das Wort Nathans ein: „Zu klein? WaS war für einen Großen auch zu klein."
*— Die schlimmste Folge deS übermässigen Trinkens von Spiritussen ist die, daß dadurch ein wesentlicher Einfluß auf die Nachkommenschaft auSgeübt wird, was jetzt wissenschaftlich unzweifelhaft festgestellt ist. Nicht nur leiden Kinder von Trinkern — mögen eS nun Schnaps- oder Bier- oder Weiutrinker sein — an Stümpfen und Epilepsie, sie bleiben auch in der Entwickelung zurück und es ist für sie, und das ist das Traurigste, fast zwingende Nothwendigkeit, selbst wieder Trinker zu werden. Die Trunksucht ist erblich. Diese Eigenschaft derselben ist fürchterlich und ist eS deshalb doppelt nothwendig, daß alle Stände in einmütiger Thätigkeit dahin wirken, daß die Trunksucht auf das möglich geringste Maß beschränkt und unnachsichtlich gegen dieselbe eingeftritten werde. — Der Kasseler Bezirksverein gegen Mißbrauch geistiger Getränke beabsichtigt in größerem Maßstabe in dem Regierungsbezirk Saffel Flugschriften zur Vertheilung zu bringen und fordert alle Freunde der Mäßigkeilssache, welche in der Lage sind, diese Schriften geeigneter Weise zu verbreiten, sich an den Vorsitzenden bei VereinS, Herrn Dr. jur. Rudolf OsiuS in Sasse! zu wenden.
Wiesbaden. Das Schwurgericht Hierselbst hat den Lehrer Reinhardt aus Merzhausen wegen Sittlichkeit-» verbrechen tu 15 Jahren Zuchthaus verurtheilt.
Vom Rhein. Daß am Rhein noch manch' guter Tropfen wächst und auch entsprechend gewürdigt wird, das beweist der Preis, der für das beste Halbstück 1886er aus der Fürstlich Metternischen Kellerei zu Schloß Johannisberg erzielt wird. Das betreffende Halbstück ist kürzlich auf Flaschen gezogen worden und der Preis des Weines ist so normiert, daß dasselbe 20,000 Mk. oder die Flasche ca. 25 Mk. kostet.
Lpurgeons Reden hinter dem Pflug, allerlei Leuten aus Stadt und Land dargeboten von A s in u s Mahner.
(Fortsetzung.)
Ich habe Menschen kennen gelernt, die ihren Mund aufrissen, wie ein Scheuertyor, um sich damit zu brüsten, was sie alles thun würden, wenn sie in den Schuhen eines anderen steckten. Wenn sie Abgeordnete wären, so würden sie alle Steuern abschaffen, Armenhäuser in Paläste verwandeln, aus den Brunnen Bier fließen lassen und die Flüsse in Brand stecken, weil so viel Leute drin ertrinken. Aber daS Alles hängt von einem Wenn ab,unddies Wenn ist wie ein hoherLattenzaun, über den sie noch nie gesprungen find. Wenn der Himmel herunterfällt, kann man Spatzen fangen.
Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht, Hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.
„Wenn" ist ein schönesWort; wenn ihm ein Mensch