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J2 10.
Samstag, den 1. Februar.
1890.
Uu Frauenbreitungen durch dieselbe Krankheit das Gehör verloren.
Lokales und Provinzielles.
t Schlüchtern, 31. Januar. Wie wir erfahren hat sich im hiesigen Krankenhaus in der Nacht vom 28. auf den 29. d. Mts. ein trauriger Vorfall zugetragen. Ein gewisser August Müller, Schlosser von Beruf und aus Berlin gebürtig, der schon seit dem Herbst vorige« Jahres hier krank darniederlag und verpflegt wurde, hat seinem traurigen und hoffnungslosen Dasein, nachdem er erst in voriger Woche sich das Heilige Abendmahl geben ließ, durch Erhängen im Bett ein Ende gemacht. Wie der Krankenwärter ihm das Morgenessen brächte, fand er ihn kalt und starr in der Schlinge, die über seinem Bette angebracht war, um ihm das Erheben des Oberkörpers zu erleichtern.
* — Lehrer Walther und Lehrer König zu Schlüchtern, sowie Lehrer Kirst zu Ramholz sind auf die Dauer von 6 Jahren als Vertreter der Kassenmit- glicdcr des Kreisvoestandes der Elementarlehrer- Wittwen und Waisenkasse gewählt worden.
* — Das Bestreben Militairpflichtiger, sich der Militai:Pflicht durch Auswandern zu entziehen, wird, so schreibt der „Hann. Cour.", dadurch besonders begünstigt, daß nach § 1 des Gesetzes über das Paßwesen vom 12. Oktober 1867 in Verbindung mit § 107 Nr. 1 der deutschen Wehrordnung an Wehrpflichtige Auslandspässe bis zum Zeitpunkte ihres Eintritts in das militär- pflichtige Alter bedingungslos ertheilt werden müssen. Es wird beabsichtigt, diesem Uebelstande je nach Ausfall desfallsiger stalistlscherHeststellungen durch Aenderung der geltenden Bestimmungen im Wege der Gesetzgebung abzuhelfen.
* — In der Angelegenheit der Fortbildungsschulen ist endlich ein Urtheil der höchsten preußischen Instanz | erfolgt. Die der verschiedenen Gerichte
lauteten theilweise widersprechend: daS eine Gericht urtheilte so, das andere in entgegengesetztem Sinne. Jetzt liegt endlich eine endgiltige Entscheidung des Kam- mergerichtS vor. Der Fall. Um den eS sich handelt, ist, nach der „Magdeb. Ztg.", kurz folgender: Der Malerlehrling Lesniewski in Pudewitz war von der Polizeibehörde daselbst wegen Versäumniß der Fortbildungsschule in 3 Mark Geldstrafe genommen worden. LesniewSki beantragte gerichtliche Entscheidung, und das Schöffengericht in Pudewitz hielt die Strafe aufrecht. Auf die von dem Angeklagten eingelegte Berufung wurde derselbe von der Strafkammer des Posener Landgerichts freigesprochen, weil der Schulzwang nur gegen Kinder, welche daS 14. Lebensjahr noch nicht zurückgelegt, Anwendung finden könne. In Folge der von der Staatsanwaltschaft gegen dies Urtheil eingelegten Berufung gelangte diese Strafsache an das Kammergericht in Berlin, welches in feiner Sitzung vom 15. Januar den Ausführungen deS Posener Landgerichts vollständig bei- trat und den Angeklagten von Strafe und Kosten freisprach. —- Die zahlreichen Prozesse in dieser Angelegenheit werden wohl j-tzt ein Ende nehmen, denn auf Grund des obenerwähnten Kammergerichtserkenntnisses ist eS in das Belieben der Herren Lchrjungen gestellt, ob sie in die Schule gehen wollen oder nicht, ganz wie bei den Studenten, da sie ja nicht gezwungen werden können.
* — Eine neue Fahnenordnung für Kriegervereine haben die Minister des Innern und des Krieges am 10. Dez. v. I. erlassen. Danach wird die Erlaubniß zur Führung von Fahnen in Zukunft in der Regel nur dann ertheilt werden, wenn die Kriegervereine, welche dieselbe nachsuchen, ohne Anrechnung ihrer Ehren- Mitglieder, wenigstens dreißig Mitglieder zählen und sich in dieser Stärke durch eine einwandsfreie, der Bedeutung dieser Erlaubniß entsprechende Haltung während drei Jahren bewährt haben. Vereine, deren Statuten bestimmen, daß auch Personen, welche nicht im Heere gedient haben, als Ehrenmitglied ausgenommen oder zu Jahresgästen ernannt werden dürfen, erhalten die Erlaubniß zur Führung einer Fahne erst nach Beseitigung dieser Bestimmungen.
* — Ueber die Einwirkung des Genusses von kaltem Wasser auf den Kopfschmerz macht A. Thielsch nähere Mittheilungen. Er hat in 200 Fällen die Patienten gegen Kopfschmerzen kaltes Wasser schlürfen lassen. Bei einem großen Theil ließen die Schmerzen
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Jan. Die Zeitungsnachricht, daß der Kaiser am Begräbnißtage der Kaiserin Angusta 100000 Mk. für eine dritte, aus freiwilligen Spenden neu zu erbauende Kirche in Berlin geschenkt habe, wird der „N. Pr. Ztg." bestätigt. Die weitere Angabe, daß die neue Kirche in der Heiligkreiiz-Gemcinde gebaut werden solle, darf als wahrscheinlich gelten, gewiß ist es noch nicht.
— Der neue Reichstag, der am 20. Februar gewählt wird, soll, wie aus Berlin mitgetheilt wird, noch vor dem 20. März einberufen werden.
— Das Sozialistengcsetz ist am Sonnabend vom Reichstag in der von der Kommission ihm gegebenen Fassung d. h. ohne den AusweisungSparagraphen mit 169 gegen 98 Stimmen abgelehnt worden.
— Ueber die Neiibewaffnniig der Kavallerie ist folgende Kabinetsordre ergangen: Ich bestimme 1. Die Kavallerie wird nach Maßgabe der verfügbaren Mittel mit Stahlrohrlanzen des mir vorgelegten Modells ausgerüstet; 2. die leichte, Kavallerie hat fortan Lanzen- flaggen nach der für die Kürassier- und Ulanenregimenter festgesetzten Probe zu führen.
— Am 21. dö. ist der Reichspostdampfer Kaiser Wilhelm 11. von seiner ersten Reise nach Australien wieder auf der Rhede in Bremerhaven eingetroffen. Der Erfolg des Schiffes im Auslande ist über alle Erwartung groß gewesen, und sowohl der Bulcan als Erbauer, wie der Norddeutsche Lloyd als Besitzer dürfen sich eines außergewöhnlichen Triumphes rühmen. In Australien selbst ist die Ankunft des Schiffes wie sonst nur ein Ereigniß von höchster politischer Wichtigkeit au.f- genommen worden. Der Gouverneur der Colonie Süd- australien, Carl of Kintor, und • der Gouverneur von Neusüdwales. Lord Corrington, besuchten mit ihrem Stäbe das Schiff und beehrten Cäpitän und Officiere mit Einladungen; die Ministerien und Parlamente sowie alle Staatsbeamten von Bedeutung ftntMen dem Dampfer ihren Besuch ab, ebenso selbstverständlich die Directoren der englischen Damprergesellschaften. Das einstimmige Urtheil lautete, wie zu erwarten war, dahin, daß keiner der englischen Riesendampfer sich mit dem Kaiser Wilhelm überhaupt messen kann. Vielfach wurde von besonderen Chauvinisten Zweifel daran gehegt, daß das Schiff überhaupt in Deutschland gebaut sei. Die großen Tageszeitungen, sowie die illustrirten Blätter aller Colonieen brachten Abbildungen des Dampfers. In Sydney wurde das Schiff an einem einzigen Tage von 15000 Menschen besucht.
— Die Gesammteinlagen der preußischen Sparkassen betrugen im Jahre 1889 fast 2900 Millionen Mark. Man wird also nicht fehlgehen, wenn man die Ge- sammteinlagen bei den deutschen Sparkassen auf fast 5 Milliarden veranschlagt. Im letzten Jahre betrug der Zuwachs an Spareinlagen in Preußen allein 216 Millionen Mark. Die preußischen Staatsschulden, die durch die Eisenbahnvcrstaatlichung so sehr angeschwollen sind, betragen dagegen 5 ’/* Millionen Mark.
— Mehr denn 70 Selbstmörder beiderlei Geschlechts, darunter sogar mehrere Knaben im schulpflichtigen Alter, sind in diesem Monat in das königliche Leichenschauhaus eingelicfert worden. Diese Ziffer soll in dem gleichen Zeitraume bisher noch nie erreicht worden sein. Die weitaus größere Zahl dieser Selbstmörder ist durch Erwerbslosigkeit in den Tod getrieben worden.
In Markranstädt bei Leipzig wurde die Tochter des kürzlich verstorbenen Bürgermeisters Schrön verhaftet, unter dem Berdacht, ihre Eltern vergiftet zu haben. Die nachträglich erfolgte Sektion der Leichen hat eine Arsenikvergiftung ergeben. Kurz vor dem Tode deS ElternpaareS, das mit ansehnlichen Summen in einer Lebensversicherung versichert war, hatte sich in M. ein Liebesroman abgespielt, in welchem die Bürger- Meisterstochter und ein Schauspieler die Hauptrollen spielten. ,
Den Arbeitern cher Kammgarnspinnerei in Eisenach ist in voriger Woche ohne jeden Antrag und jedes Zuthun ihrerseits in Rücksicht auf die gegenwärtigen LebenS- Verhältnisse der Wochenlohn doppelt ausgezahlt worden. Dieser hochherzige Entschluß hat dem Geschäft eine Mehrausgabe von ungefähr 10000 Mk. verursacht. — In Herrenbreitungen hat der Lehrer Blumenstein infolge frier Influenza daS Augenlicht und der Gastwirth Eberlein
nach, bei einem kleineren Theil blieben sie unverändert, und bei dem Rest verschlimmerten sie sich sogar. Diese Abweichungen sind in den besonderen zu dem Blutdruck in Beziehung stehenden Konstitutionen der verschiedenen Patienten begründet. Beobachtet wurden die Wirkungen des kalten Wassers schon beim Nippen desselben, während dessen der Puls sofort stieg, während er nach beendetem Schlucken auf der Stelle wieder abnahm. Da es keine billigere und auch keine unschädlichere Medizin geben dürfte, so können wir nur Jedem, der mit Kopfschmerzen behaftet ist, rathen, die Wirkung des kalten Wassers an sich selbst zu erproben.
* — Die Zeit zum Pflanzen der Obstbäume naht! Um mit Erfolg Obstbäume zu pflanzen, ziehe man in erster Linie Lage, Boden und Klima in Betracht und wähle hiernach mit Hilfe Sachkundiger die geeigneten Obstarten und Sorten.
Leider ist noch immer das fehlerhafte Herrichten der Baumgruben (Pflanzlöcher) zu beklagen und sei in Nachstehendem eine kurze Anleitung zur Anfertigung derselben gegeben:
Auf hochgelegenen Terrains und auf solchen, welche zeitig im Frühjahr die Winterfeuchtigkeil verlieren, also der Boden bald austrocknet, sind die Obstbäume im Herbst oder doch zeitig im Frühjahr, spätestens im Monat März zu pflanzen. Die richtige Anlage der Baumgruben ist eine Hauptbedingung zum guten Anwachsen wie auch zum ferneren Gedeihen der Bäume. Zunächst müssen die Baumgruben in gehöriger Breite und Tiefe angelegt werden. In schlechtem, magern Boden ist eine größere Tiefe anzurathen, und zwar müssen hier die Gruben einen Durchmesser von 1,50 bis 2. Meter und eine Tiefe von 0,80—1 Meter haben. In gutem, nahrhaftem Boden hingegen ist eine Tiefe von 0,60 Meter und eine Breite von 1 Meter hinreichend. Vortheilhaft ist es, die Baumgruben einige Wochen, wenn möglich noch früher vor dem Pflanzen der Bäume auszuheben. Unter der längeren Einwirkung der atmosphärischen Luft wird der Boden milde und mürbe, was namentlich bei festen, bündigen Bodenarten von großem Nutzen ist. Beim Ausgraben selbst ist darauf zu achten, daß die verschiedenen Erdschichten je nach ihrer Qualität gesondert neben das Loch gelegt werden, um später beim Pflanzen den besseren Boden möglichst in die Nähe der Wurzeln bringen zu können. Bei Unfruchtbarkeit des Bodens ist durch Zufuhr von Compost oder guter Gartenerde nachzuhelfen.
Ferner ist eS wesentlich, daß die Sohle der Grube nicht fest und unaufgelockert bleibt, sondern daß sieum- gegraben, oder wenn sie sehr hart ist, aufgehackt wird, so daß auch der Untergrund der Einwirkung von Luft und Feuchtigkeit zugänglicher gemacht wird.
WaS die Form der Baumgruben betrifft, so muß sie derart sein, daß die Seitenwände nach unten zu sich seitlich ausdehnen, nicht aber senkrecht oder cylindcrför- mig auslaufen. Bei strenger Beobachtung dieses letzten Punktes wird durch geringen Arbeitsaufwand den Wurzeln somit ein entsprechend großes Volumen lockern, unter Umständen wohl gar verbesserten Bodens gewährt.
Die in solch' vorgerichtete Baumgruben regelrecht gepflanzten Obstbäume gedeihen gewiß.
Orb, 28. Jan. Wie der „O. B." miltheilt, hat der am 23. d. M. stattgchabte Windsturm im hiesigen Stadtwalde nicht' unerheblichen Schaden verursacht. Nach, vorläufiger Einschätzung sind in den Nadelholz-Distrikten Kleffelberg, Bremergrund, Kurzethal und Gipfelsberg ca. 11,5 Hektr. Fläche total vom Sturmwind vernichtet und sind ca. 830 Festmeter — 1185 Raummeter Nadelholz-Derbholz geworfen worden. Wie ein Augenzeuge berichtet, so hat ein Wirbelwind von Westen nach Osten kommend, Nachmittags gegen 4 Uhr den Schaden verursacht und habe derselbe binnen 3 Min. die Verheerung angerichtet; die Bäume seien unter lautem Krachen gestürzt. Viele Stämme sind auf 1—5 Meter und darüber über der Erde abgebrochen, mehrere Stämme sind sogar 2mal gebrochen, ein großer Theil der Stämme ist aber auch aus der Erde gehoben und liegt alles Holz kreuz und quer durcheinander; es lohnt sich der Mühe die Verheerung an Ort und Stelle an» zusehen. Aepfelbäume, die längst der Villbacher Straße angepflanzt, und sehr schöne und werthvolle Bäume waren, sind zum Theil wie ein Halm über der Erde geknickt, andere mit großen Erdbällen aus der Erde gehoben worden. Als Curiosum ist zu bemerken, daß