Einzelbild herunterladen
 

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

^^^EWWWMM^N'-^eNI^MMsllMrfTMNNVMIMeMIIMMMHE'«''--"'^"'"^-'''^'^"^^'^^" ^''' ^' ''"'^""^'-''' >.»4«ij-~^..a..t,-^ ^---'^'---- w»>.-t.^«^>^^~i---'^aM«»,<wa»m»-^iK^'«mTm.'!!tm'z..«.wu<miru^ lr^^^l!,l,1M^{ffmW*iWmil1ltllllIWWHinWMBIMWBMM1

JS 12. Samstag, den 8. Februar 1890.

at&asgagiEt^agmaaisMSiim&i^Eg^^

Eine Stimme aus dem Bauernstände.

Zur Ermunterung der Wähler ist in freisinnigen Blättern viel von einemZuge nach links" die Rede, der sich demnächst mitelementarer Gewalt" offenbaren solle. Indessen scheinen die Beobachtungen in den Wahlkreisen den gehegten Erwartungen keineswegs zu entsprechen und soll deshalb nach den Angaben national­liberaler Organe die Stimmung unter den freisinnigen Führern im Grunde recht flau sein. Die freisinnige Partei hat Wunders was zu erreichen geglaubt, wenn sie den höheren Stand der Preise verschiedener Lebens- mittel recht ausbentete und alle ihre Geschütze auf die Getreidezölle richtete. Möglich, daß sich großstädtische Bewohner hierdurch täuschen lassen; was der Freisinn hier gewinnen könnte, wird er ohne Zweifel in länd­lichen Kreisen reichlich verlieren. Den Bauern, Hand­werkern und Kleinbürgern auf dem Lande kann er mit seiner Theorie, daß der Volkswohlstand allerwege die billigsten Preise erforderte d. h. daß die freieste in- und ausländische Concurrenz gegen die Werthe erzeugenden Stände walten müsse, nicht kommen und gerade der Versuch, in die langsame Besserung der Lage der Land­wirthschaft durch Aufhebung der Getreidezölle einzu- greifen, findet die entschiedenste Vepurtheilung.

Zum Beweise, wie man auf d m Lande über die Antizollagitatoren denkt, entnehmen wir einer längeren Zuschrift eines Kleinbauern folgende Stellen:

Nur eine blühende Landwirthscha't kann eine blühende Industrie erzeugen, werden Ersterer jedoch die Lebensadern auf Jahre hinaus unterbunden, so könnte selbst der intelligenteste Bauernstand zum Proletariat herabsinken. Wir Alle danken unserem eisernen Herrn Reichskanzler, sowie allen braven deutschen Herren Reichstagsabgeordneten für den gegebenen Koru- zoll aus tiefstem Herzen! Wir wissen avcr auch, daß nicht gedachter Zoll allein etwas bessere Korrpreise her- vorgerufen, sondern sehr mittelmäßige Ernten in anderen Reichen zum Steigen derscld-u mit beigetragen haben.

Was sind denn die Folgen einer gedeihlicheren Lage der Landwirthschaft? Daß jeder richtige tüchtige Landwirth seine erübrigten Mark zur Verbesserung seines Grundstücks verwendet: sei es zu Bauten, für landwirthschaftliche Maschinen, Ackergeräts Drainagen rc. Und wer findet bei all dem Genannten seine Rechnung? Wer sich augenblicklich mit offenen Ohren und gesunden Augen im Kreise tüchtiger Handwerker und fleißiger nüchterner Arbeiter bewegt, kann aus deren Munde die Freude über sich bessernde Verhältnisse in der Landwirth­schaft vernehmen, die ihnen Arbeit bringt und daß sie in Folge dessen gerne 1 Pfennig für 1 Pfund Brod, auch 10 Pfennige mehr für 1 Pfund Fleisch opfern wollen, wenn nur der Landwirthschaft die Mittel zu ferneren Ausgaben verbleiben.

Selbst in unserem kleinen Dörfchen, welches 22 Mehr oder weniger große Bauerngütern zählt, wird sich schon in diesem Jahre eine rege Bauthätigkeit entwickeln Und landwirthschaftliche Ackergeräthe z. B. Wieseneggen, neu verbesserte Pflüge, Landeggen, Kornrcinigungs- maschinen rc. sind schon jetzt bestellt, oder auch schon angekommen.

Hieraus müßte es doch endlich gesunden Menschen klar werden, daß dem Landmann, der sich wirklich im Schweiße seines Angesichts wohl am Schwersten sein Stückchen Brod verdienen muß, von Seilen einiger der Herren Abgeordneten etwas mehr Wohlwollen und Achtung gezollt werden könne.

Hat einer der Herren schon in eigener Person bei Sturm, oft Regen, täglich 10 Stunden lang den Pflug geführt, in den trockenen Jahren von 3 Uhr Morgens an bis 9 Uhr Vormittags ohne Frühstück seine Wiesen gemäht, dann aber hinter Krümmer und Egge bei oft 24 und 28 Grad Hitze in der Sonne bei Staub und Wind seine Becker zur Saat vorbereitet, bei Wind und Regen Dünger, Jauche rc. gefahren, Kartoffeln gelegt, sie wieder nach der Reife ausgelesen, Heu geworfen, Letzteres geladen und wieder abgeladen, oder im Winter in der Scheune Korn gedioschen, dasselbe gereinigt und endlich Scheffelweise oft 2 Treppen hoch zum Boden gebracht??!'

Ja! Genossen werden täglich Brot, Butter, Milch und von den Herren auch Fleisch in allen erdenklichen Kormen, da aber alle diese Gottesgaden nicht gleich

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat, wie dieNationalztg." berichtet, kürzlich an die in die Armee eingetretenen Kadetten von Groß-Lichterfelde eine Ansprache gehalten und in derselben betont:Wir leben in einer ernsten Zeit, in der an jeden einzelnen die höchsten Ansprüche gemacht werden müssen. Einfachheit und Mäßigkeit müssen den Offizier auszeichnen. Er, der Kaiser warne sie, sie sollten sich vor Aufwand und Luxus hüten. Aus vielen Gegenden des Reiches seien Beschwerden über Ausschreitungen gegenüber Untergebenen an ihn gelangt. Der Offizier solle nicht forsch und schneidig gegen die Mannschaft sein, sondern Langmuth und Geduld üben und von keinem der Leute mehr verlangen, als er leisten könne. In einer Z it, in der die Monarchie vielfach angegriffen werde, sei es Pflicht der Offiziere, dieselbe nicht nur im Dienst, sondern auch im alltäg­lichen Leben nach besten Kräften zu stützen."

Bei den preußischen Eisenbahnen werden vom 1. Juni d. I. alle Personenzüge in wirkliche Personen- züge ohne Mitnahme von Eilgütern, Vieh rc. umge- schaffen und ihre Fahrgeschwindigkeit auf 60 km und die Schnellzüge auf 90 km in der Stunde erhöht.

Die Stadt Hanuovck ist vom Kaiser zur Haupt- »Nd Residenzstadt erhoben worden. Der darauf bezügliche Erlaß des Kaisers an den Minister des Inneren lautet: Auf den Bericht vom 15. d. M. will ich der Stadt Hannover, als ein Zeichen Meiner besonderen Huld, die BezeichnungHaupt- und Residenzstadt" hierdurch in Gnaden verleihen. Berlin, den 20. Januar 1890.

Wilhelm R.

Essen, 3. Februar. Hier hat gestern eine stürmische Versammlung der Delegierten der Bergarbeiter statt- gefunden, die schließlich den Beschluß gefaßt hat, an der Lohnerhöhung von 50 pEt. und der Sftünbigen Schichtzeit festzuhalten.

M.-Gladbach, 3. Februar. Laut Bekanntmachung des Oberbürgermeisters sind hier die Pocken auSge- brochen. Gestorben sind bisher drei Personen, zwei Kinder und ein Erwachsener. Im Contagicnhause be­fanden sich am letzten Sonnabend bereits zehn Kranke. Seit zwei Tagen hat sich derKöln. Volksztg." zufolge die Zahl der Erkrankungen auf 30 bis 40 vermehrt. In der Bürgerschaft herrscht eine gewisse Erregtheit. In den Schulen werden unentgeltlich Impfungen vor­genommen, auch an Erwachsenen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 5. Febr. Im Oktober v. I. versuchte ein zugereister unbekannter Mann, sich in der Nähe der hiesigen Station von einem Zuge überfahren zu lassen. Derselbe wurde jedoch von den Räumern der Locomo- tive zur Seite geworfen und trug nur eine geringe Kopfverletzung davon, mit welcher sich der Lebensmüde entfernte. Heute nun fand man in der Nähe des Bahn­hofs in einem Durchlaß des Bahnkörpers die Leiche eines Mannes, in welcher man jenen Unbekannten er­kennen will. Vermuthlich hat derselbe sich damals in diesen versteckten Winkel zurückgezogen und ist daselbst vom Tode ereilt worden. Derselbe war bekleidet mit braunkarrirtem Schoßrock, schwarzer Hose und guten Zugstiefeln mit Doppelsohlen, braunem Filzhut. Gesichts­züge waren nicht mehr zu erkennen, da die Verwesung schon zu weit vorgeschritten. Legitimationspapiere fan­den sich bei demselben nicht vor, dagegen aber ein leder­nes Portemonnaie mit 109 M. 39 Pfg., eine silberne Cylinderuhr in einer Kapsel mit Stahlkette, ein Messer und ein Regenschirm.

* Der § 5, Absatz 9 des Unfallversicherungs- gesetzes vom 6. Juli 1884 scheint im Kreise der Arbeit­geber und auch der Arbeiter noch wenig oder gar nicht bekannt zu sein. Nach diesem § muß vom Beginn der fünften Woche nach Eintritt des Unfalls, bis zum Ab­lauf der dreizehnten Woche die gewöhnliche Kranken- Untelstützung um die Hälfte erhöht werden. Bezicht also jetzt ein Arbeiter 70 Pfge. Krankenunterstützung pro Tag, so hat er bei einem Unfälle von der fünften Woche ab 1 Mk. 05 Pfg. pEr Tag zu fördern. Der Unternehmer desjenigen Betriebs, in welchem der Unfall

fertig auf ban Felde wachsen, so haben eben Menschen, die von den Mühen und Sorgen eines Landmannes nichts verstehen, auch k in Verständniß."

sich ereignet hat, ist aber verpflichtet, die Differenz zwischen der gewöhnlichen und der erhöhten Kranken- unterstütznng im obigen Falle also 35 Pfg, per Tag der Krankenkasse zu ersetzen. Die Berufsge­nossenschaft (Unfall-Versicherung) übernimmt erst von der vierzehnten Woche ab nach dem Unfälle die Für­sorge für einen Verletzten. In den ersten dreizehn Wochen hat also die Krankenkasse oder wenn der Ver­letzte bei dieser nicht angemeldet ist, der Arbeitgeber einzutreten. Im Interesse der Arbeiter einerseits und der Berufsgenossenschaften andererseits dürfte es nun liegen, wenn der betreffenden Krankenkasse von jedem Unfälle sofort Nachricht gegeben wird.

* In Wallroth passirte am gestrigen Tage beim Graben eines Brunnens ein schweres Unglück, welches wieder einmal zeigt, wie gefährlich die Verwendung des Pulvers in ungeübten Händen werden kann. Zwei Arbeiter waren in einem 40 Fuß tiefen Brunnen mit Sprengarbeiten beschäftigt, wahrscheinlich entzündete sich die Ladung, durch Unvorsichtigkeit herbeigeführt zu früh­zeitig, wodurch die beiden Arbeitsleute schwere Körper­verletzungen erhielten.

Eschwege. Die Bürger von Niedernjesa auf der Jagd nach dem Glück. Aus Niedernjesa, einem Dorf« im Kreis Eschwege, wird geschrieben: In große Auf­regung wurde vorgestern Nachmittag unser Ort versetzt durch die Kunde, daß dem Herrn Gemeinderechnungs- sührcr beim Zählen von Papierscheinen am offenen Fenster zwei Hundertmarkscheine durch den Wind ent« führt worden wären. Diese Kunde verbreitete sich von Haus zu Haus; überall stürzte man herbei, dem Herrn Rechnungsführer nach, der die Jagd auf die blauen Scheine aufnahm. Die entfernt wohnenden Einwohner sahen die Jagd und in der Meinung, daß es sich um die Verfolgung eines Diebes handele, ergriffen sie Dreschflegel, Mistgabeln und sonstige vertrauenerwecken.de Gerüche, um schleunigst zur Hilfe zu kommen. Endlich, nachdem sich noch mehrere Köter den wild dahinrasenden Menschen angeschlossen, gelang es, den einen SchM, der gegen einen Baum geflogen, zu erwischen, wähttnd der eine in eine Wasserlache fiel und so am Weiter- fliegen gehindert, ebenfalls in die Hände des ausathmen­den Besitzers zurückgelangte. Außer einigen kleinen Be­schädigungen. die ein Bauer, welcher im Eifer der Jagd in eine glücklicher Weise leere Mistgrube hineingefallen war, erlitt, ist noch alles gut abgelaufen.

Im Biebricher Feld bei Mainz gerieth am Don- gerstag ein Strohhaufen in Brand, welchen 5 Hand- werksburschen zum Nachtlager gewählt hatten. Drei der letzteren wurden durch Brandwunden schwer verletzt, einer ist bereits gestorben.

Aus der guten alten Zeit.

(Schluß.)

Freilich zurückrufen, wie man sein Söhnlein zurück ruft, wenn es beim Bäcker oder Fleischer etwas holen soll und das Geld vergessen hat milzunchmen, ohne weiteres zurückrufen läßt sich so etwas wie die alte Tugend und Frömmigkeit unserer Ahnen nicht. Nie­mand kann ja die Tage seiner Jugend, da das Auge noch klar und das Haar noch braun oder blond war, wieder herbeizaubern, und der Zauberstab, der die Todten wieder aus dem Grabe weckt, soll auch erst noch gefmv den werden. Aber so ists auch nicht gemeint. Unsere Zeit soll sich ja nur an der guten alten Zeit ein Muster nehmen in den Dingen, in welchen sie wirklich eine gute alte Zeit gewesen, wir sollen lernen an unsern Alten, was an ihnen zu lernen ist, sollen uns im Spiegel der Vergangenheit beschauen und besser und frömmer zu werden durch das bcjdjÜmenbe Bild der Tage, die da gewesen sind. Und so gilt es denn immer und immer wieder hinzuwersen auf das gute Alte und durch Lehre und Mahnung zu versuchen, der neuen Zeit dies und jenes, was unsre Alten gepflegt und gethan, wieder annehmbar zu machen. Wie mir scheinen will, geschieht das noch immer nur zu selten. Wir leben und weben viel zu sehr in der Gegenwart, in der sich der Mensch vor lauter Lärm und Geräusch, vor lauter Mühe und Arbeit kaum mehr auf sich selbst besinnen kann, wir denken viel zu wenig an die Vergangenheit, aus welcher wir doch alle herausgewachsen sind, wie der Zweig aus bim Stamm: herauswächst, wir zu enlern