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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

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Mittwoch, den 12. März

gesellschaft, wegen Kolonisierung großer Landstrecken im Staate Chlhuahua in Mexiko durch deutsche Aus­wanderer unterhandelt und daß ein deutsches Syndikat zum Ankauf der Ländereien bereits gebildet sei. Aus Kolonialkreisen wird diese Mittheilung bestätigt, die Verwirklichung des Projektes soll nahe bevorstehen.

In Weißensee bei Berlin hat sich der Arbeiter Ludwig Zachau erhängt, und zwar deshalb, weil dort bei der Stichwahl nicht der sozialdemokratische Kandidat die meisten Stimmen erhalten hat. In manchen Orten hat eben die Agitation die Leute buchstäblich verrückt gemacht.

Halle, 6. März. Die hiesigen Maler-, Lackirer- und Anstreicher-Gesellen haben ihren Meistern folgenden Wunschzettel unterbreitet, welcher bis zum 1. April er­füllt werden muß, widrigenfalls gestreikt wird. Die Arbeitszeit soll von 10 auf 8'/-9 Stunden täglich herabgesetzt werden. Statt dem bisherigen Lohn von 30 Pfg. pro Stunde jetzt mindestens 40 Pfg. für An­streicher und 45 Pfg. für Maler; Akkordarbeit soll ganz Wegfällen. Ueberftunben bis 10 Uhr Abends 10 Pfg. später 25 Pfg., Sonntagsarbeit 50 Pfg. Zulage pro Stunde, Landarbeit außer obigen Sätzen noch 1,50 M. Extrazulage pro Tag, außerdem Reis-vergütung 3. Cl. Für Fa^adenarbeit 5 Pfg. Zulage pro Stunde. Der Lohn ist jeden Sonnabend bis 6 Uhr Abends auszu- zahlen, jedes längere Warten wird gleich den Ueber- stunden berechnet. An den Vorabenden vor Ostern und Pfingsten soll nur bis 4 Uhr gearbeitet, der Tag aber als voll bezahlt werden. Dem Meister, welcher durch die Zeitung oder sonst wie Arbeiter sucht, anstatt durch den Arbeitsnachweis der Gesellen, wird die Werk­statt gesperrt. Ob die Meister wohl annehmen?

Kottbns, 25. Fcbr. Die Besitzer der hiesigen großen Tuchfabriken haben sich in Folge des Ende des adge- laufenen Jahres in Scene gesetzten Ausstandes der Ar­beiter einer hiesigen großen Kammgarnspinnerei gegen­seitig solidarisch verpflichtet, im Fall eines künftig anS= brechenden Streiks sämmtliche hiesigen Fabriken stehen zu lassen. Zur Sicherung dieses Ü-berenckommens ist die Hinterlegung einer Kaution von 500 000 Mark bei einem hiesigen Geldinstitut erfolgt. Kein Arbeitgeber darf im Fall erncs Ausstandes seinen Betrieb eher wieder eröffnen, als bis ein allgemeiner Ausgleich im Sinne der Fabrikanten stattgefunden hat. Letztere haben ein mit 60 Unterschriften versehenes Plakat in den Arbeitsstilen aushängen lassen. In demselben er­klären sich die Unterzeichner bereit, den in geziemender Form vorgetragenen Beschwerden der Arbeiter jederzeit Gehör zu geben und dieselben, falls sie berechtigt sind, abzustellen, jedoch auch unberechtigten und durch un­gesetzliche Arbeitsverweigerungen geltend gemachten An­sprüchen in jeder zulässigen Weise entgegenzutreten. Eine Kommission soll die Beschwerden prüfen und un­parteiisch entscheiden.

Die Riemendreher in Barmen beanspruchen, wie es jetzt üblich, höhere Bezahlung und kürzere Arbeitszeit; um diesebillige" Forderung zu erzwingen, haben ca. 3000 Arbeiter in 34 Fabriken die Arbeit niedergelegt. Die Fabrikbesitzer wollen jedoch aus wirthschaftlichen Gründen nicht darauf eingehcn. Beide Theile sind entschlossen, an ihren Beschlüssen festzuhalten.

In Elberfeld sind drei im Sozialistenprozesse aus­getretene Zeugen wegen Meineids zu 1 bezw. 1'/^ Jahr Zuchthaus und sämmtlich außerdem zu 5 Jahre Ehr­verlust verurtheilt worden. Der Staatsanwalt hatte 3 resp. 2 Jahre Zuchthaus beantragt.

KÜln, 26. Febr. Die Rheinaustraße war vorgestern gesperrt, da in derselben zur Ueberführung eines Geld- schrankcs in die oberen Räume eines Bankhauses Ge­rüste aufgeschlagen waren. In diesem Riesengeldschrank kann man, wenn die Gefach-Einlage herausgenommen ist, auf- und abgehen; er ruht auf eisernen Säulen, die auf dem Kellergewölbe stehen.

Aachen, 1. März. Einen sonderbaren Streich hat die Influenza hier in der Nähe einem Brautpaar ge­spielt. Eines Sonnabends sollte die Hochzeit gefeiert werden und der Hochzeitskuchen war bereits gebacken, da legte sich Freitags vorher die Braut, an der In­fluenza erkrankt, zu Bett. Die Hochzeit mußte daher auf den folgenden Sonnabend verlegt werden. Aber an diesem Tage lag der Bräutigam krank darnieder und aus der Hochzeit würde wiederum nichts, Die^

Schlossermeistcr Deppe tut StaatSrathe.

ImKonservativen Verein" zu Magdeburg schilderte Herr Schlossermeister Deppe die Eindrücke, die er als hinzugezogenes sachverständiges Mitglied im Staats­rathe in Berlin empfangen hatte. Seiner Rede ent nehmen wir nach demAmtl. Anz." folgende Einzel­heiten: Sc. Majestät verstand es besser noch als Herr Professor Götze, (der Vorsitzende des Vereins)/ und der versteht es doch, wie bekannt, meisterlich die Sitzungen zu eröffnen, zu vertagen und zu schließen, das Wort zu ertheilen, oder selbst zu nehmen, das Wort auch abzukürzens wenn der R dner sich verirrte. Der Erst­und der Letzte auf dem Platze, folgte er den Verhand­lungen mit gespannter Aufmerksamkeit. In den Fnüh- stückspauscn, in welchen der Herr Minister des Innern uns an verschiedenen Tischen in zwangsloser Weise be­wirthete, wurde aus dem pflichttreusten der leutseligste Monarch. Ja man vergaß ganz, daß es der deutsche Kaiser war, wenn man allein oder im Kreise von Einzelnen vor ihm stand, diese oder jene Frage er­läuternd. Als ich, bescheiden zurückstehend, vom Herrn Minister von Bötticher am Arm genommen und vor St. Majestät geführt wurde, hatte ich zugleich Ge­legenheit, am Disput mit dem sozialdemokratischen Herrn Buchholz, der als Arbeitervertreter und nicht ständiges Mitglied der Unfallversicherung circa 650,000 Stimmen auf sich vereinigt hatte, theilzunehmen. Herr Buchholz, mit dem eisernen Kreuz dekorirt, wollte durchaus nicht das Regiment Sr. Majestät beseitigt wissen. Hierauf sagte Se. Majestät:Glauben Sie, daß Ihre Führer im Reichstag etwas für Sie thun werden?" Herr Buchholz antwortete:Jawohl, Majestät, sie haben es versprochen, und wenn sie nichts thun, dann wühlen wir sie nicht wieder." Hierauf sagte Se. Majestät:Nun, wir werden ja sehen. Wenn man nur einmal die Probe machen könnte, u id diese Herren die Verantwortung der Regierung tragen müßten, aber ich kann doch nicht Bebel auf den Thron lassen." Wir Handwerker, Herr Tischlermeister Vorderbrüggc und ich, brachten nun Herrn Buchholz in die Enge, aber als Se. Majestät am anderen Morgen fragte: Na, haben Sie ihn denn h^rumgehiegt?" mußte ich doch mitNein" antworten. Nach Schluß der Sitzungen lud uns Se. Majestät am anderen Tage zur Mittags­tafel um 7 Uhr im Schlosse ein und es kam denn auch am anderen Tage ein Hofwagen bei meinem Quartiere vorgefahren, um die Einladung per Karte zu bringen. Im Schlosse sehen nun die Herren Minister und die Mitglieder des Staatsrathes ganz anders aus. Die mit Orden überfäeten Uniformen sind vorherrschend. Auch Fürst Bismarck und sein Sohn Herbert waren zugegen. Ais sich Ersterer mit mir vor dem Essen in ein Gespräch herabließ, drückte ich meine besondere Freude darüber aus, daß uns bei den Berathungen Se. Majestät selbst das Wort ertheilte. Jetzt wollte ich", sagte Se. Durchlaucht,daß Se. Majestät das Wort zum Essen ertheilte, denn es dauert doch recht lange." Bald darauf stieß auch der Marschall mit den Stäbe auf und der Aufbruch zUm mir Essen in der Bildergallerie begann. Ich hatte die Freude, neben dem militärischen Erzieher der Prinzen, Herrn Major von Falkenhagen, und dem Hofmarschall Grafen Pückler zu sitzen. Die Tafel zierten die schönen silbernen Tafel-Aufsätze, die G.schenke der großen Städte zu des Prinzen Hochzeit. Das Beste sollte aber noch kommen. Nach der Tafel fand Vor­stellung vor Ihrer Majestät der Kaiserin statt. Auch mich zog der Staatsselretär Bosse heran und da stand ich nun, vom Kaiser selbst mit wohlwollenden Worten vorgestellt, vor der deutschen Kaiserin. Aus der Unter­haltung mit Ihrer Majestät sei das Wort erwähnt: Nun dann muß ich recht bald auch mal nach Magdeburg kommen."

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser, die Kaiserin, die Mitglieder Und die Gäste der Kaiserlichen Familie wohnten am Sonntag der Gedächtnißfeier für Kaiser Wilhelm I. im Mausoleum zu Charlottenburg bei.

Nah einer Mittheilung des Berliner Tageblatts meldet derNew-Uork Herald", daß Der Unternehmer Louis Hüller in Mexiko mit dem Fülstcn Hohenlohe- Waldcnburg, dem Vorsitzenden der Deutschen Kolonial-

1890.

folgende Woche hindurch lag der Pfarrer schwer krank darnieder, und so ist die stark influenzirte Hochzeit erst nach dreimaligem unfreiwilligen Aufschub in der vierten Woche glücklich zu Stande gekommen.

Löweubcrg. Unlängst war einem am Fuße leidenden Arbeiter eröffnet worden, daß eine Amputation von drei Zehen nothwendig sei. Bevor aber der Arzt dazu schreiten konnte, vollzog der Arbeiter selbst die Ope­ration, wobei ihm seine Tochter das Stemmeisen, dessen er sich dazu bediente, halten mußte. Jetzt wird dem Manne wahrscheinlich das ganze Bein abgenommen werden müssen.

In einer Mühle bei Sagan erstickte ein Müller- Lehrling, indem derselbe so unglücklich in einen ge­füllten Mehlkasten hineinfiel, daß er sich nicht mehr herausarbeiten konnte.

Aus Baiern, 26. Februar. Ein schreckliches Ver­brechen wurde in der Papiermühle unweit Soppenheim entdeckt. Die 22jährige Dienstmagd Maria Hemeder, die schon als 14jähriges Mädchen einem Bauern das Anwesen angezündet hatte, ferner auch schon wegen Verbrechens des Kindesmords in Untersuchung gesessen hatte, jedoch wegen Mangel an Beweisen entlassen wurde, hatte nämlich heimlich geboren und ihr Kind lebend den Schweinen vorgeworfen. Dasselbe wurde nämlich, da es die Schweine entsetzlich verstümmelt zum Trog hinausgescharrt hatten, auf dem Misthaufen auf­gefunden. Ob dieser grausigen That ist die ganze Gegend in Aufregung.

Lokales und Provinzielles. * Schlüchtern, 11. März.

In den 8 Wahlbezirken des Regierungsbezirks Cassel find gewählt : 1) Rinteln - Hofgeismar: Werner (Antisemit); 2) Cassel-Melsungen: v. Weyrauch (Kon­servativ); 3) Fritzlar: Li-bermann (Antis.)- 4) Eschwege- Schmalkalden: Wilisch (Deutschfreisinnig); 5) Marburg: Dr. Böckel (Antis.); 6) Hersfeld-Notenburg-Hünfeld: v. Schleinitz (Kons.); 7) Fulda-Schlüchtern-Gersfeld: v- Droste (C-ntr.); 8) Hanau-Gelnhauseu: Dr. Schier (Kons.)

In diesem Jahre wird das 450jährige Jubiläum der Buchdruckerkunst gefeiert werden.

* Die Strafkammer zu Hanau verurtheilte am vorigen Mittwoch einen Sattlerlehrling von Schlüchtern zu 14 Tagen Gefängniß wegen eines. Vergehens gegen die Sittlichkeit.

Hanau. Herr Oberbürgermeister Westerburg hat bei den hessischen Stadtbehörden die Gründung eines Städtetages für den Regierungsbezirk Cassel angeregt und wird wahrscheinlich die erste konstituirende Ver­sammlung im Monat Mai d. J. in Fulda tagen.

Fnlda, 8. März. Der heutige Schweinemarkt war mit 22 Läufern und 130 Ferkeln betrieben. Der Durchschnittspreis stellte sich bei Läufer auf 32, bei Ferkel auf 13 M. per Stück.

Frankfurt, 9. März. Die Frühjahrs-Ledermesse be­ginnt für Sohl- und Oberleder Dienstag den 8. April und endet Sainstag den 12. April.

Als Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1883 in Kreuznach war, besuchte er auch die dortige Nadelfabrik und nahm von den Vorgängen bei Herstellung der Nadeln und von den dazu gehörigen Maschinen mit hohem Interesse Kenntniß. Besonders überrascht war er über die außer- ordentliche Feinheit einer gewissen Sorte von Nadeln. Der Monarch sprach unveihol.cn seine Verwunderung aus darüber, daß es möglich sei, diese feinen Gegen­stände mit einem Oehr zu versehen. Da erbat sich der das Bohren besorgende Arbeiter ein Haar vom Haupts des Kaisers, das ihm auch g-währt wurde. Der Ar­beiter bohrte nun ein Loch durch das Haar und zog einen Faden, so fein wie ein Spinngewebe, hindurch, diese seltsame Nadel dem Kaiser überreichend, dessen höchstes Erstaunen die Leistungsfähigkeit des Arbeiters wie der Maschine erregte. Im Jahre 1884, während der Ausstellung von Nadelarbeiten in Sydcnham, ge­hörte oiescs durchbohrte silberweiße Haar zu den am meisten bewunderten Gegenständen, und das kleine Glas- kästchen, in welchem auf dunklen Sammt die wunder­bare Nadel lag, war stets von einer Schaar Beschauer umgtben. Jetzt befindet sich diese Reliquie im Besitze der Königin von England,