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Samstag, den 15. März
1890
Wirkungen des Wahlkampfs auf dem Lande.
Ein Unparteiischer schreibt in der Dorfzntung:
Die nachfolgende Schilderung beruht auf strengster Wahrheit und soll nicht den Wahlkampf oder Klassenhaß verschärfen, sondern sie geht hervor aus reiner Liebe zum Vatcrlande und zum Frieden. Der Schreiber ist seit 20 Jahren Beobachter und Freund des Volkes in Freud und Leid. Mit Schmerz muß er bekennen: noch niemals hat der Wahlkamps der Moral schwerere Wunden geschlagen als diesmal! Das Dorf, das ins Auge gefaßt ist, wird von Bauern, Handwerkern und Hand- orbeiterii bewohnt, von denen ein Theil auch in die Stadt zur Fabrik geht. Bis vor wenigeJahren herrschte in diesem Dorf' eine musterhafte patriarchalische Einigkeit wie praktischer christlicher Gemeinsinn. Arme gab es nicht, denn die Wohlhabenden sorgten dafür, daß auch die Minderbegüterten ihr gutes Auskommen hatten, in Noth und Krankheit halfen sie sich gegenseitig und reichlich, die Männer saßen im Wirthshaus an einem Tisch, nur die Jugend sonderte sich etwas ab, die Frauen gingen in eine Stube bis zur Frau des Nachtwächters herab, die von diesem gemeinsamen Kreise auch nicht ausgeschlossen war. Es herrschte ein rühmlicher sozialer Friede, keiner schlug seinem Nachbar und Gc- meindemitglicde eine Bitte ab, gemeinschaftlich feierten alle ihre Feste, Taufen, Hochzeiten, Erntefest und Kirmesschmaus, und bei einer Beerdigung war jedes Haus, jede Familie mit Kränzen und Theilnehmern vertreten. Man teilte eben Freud und Leid, Glück Und Sorgen, wenn auch die Leute keineswegs Engel waren und jeder seine Fehler da oder dort hatte, sie wurden von den andern ertragen.
Wir ganz anders ist es, seitdem der Wahlkampf und die Hetzerei die Gemüther ergriffen und -aufgewühlt haben! Zuerst wurden die Fabrikarbeiter aufsässig, setzten sich nicht mehr zu den andern, sondern suchten eine Winkelkneipe auf. Dort wurden die Knechte und wohl auch die Mägde gegen die Bauern aufgereizt; während früher das Gesinde oft jahrelang in ein und demselben Haus gedient hatte, laufen jetzt Knechte und Mägde davon. Grobheit und Widersetzlichkeit gegen die Hofbesitzer sind an der Tagesordnung. Diese, dadurch gereizt, verlieren ihre frühere gutmüthige Fürsorge für die Armen. Auch die Handwerker des Dorfes halten nicht mehr mit den Bauern zusammen, obgleich sie sich gegenseitig brauchen. Vieles, was früher auf dem Lande gekauft und bestellt worden ist, wird jetzt in der Stadt getauft. Die gefällige Einigkeit ist gestört, kein gemüthliches gemeinsames Gespräch findet mehr statt; die Anhänger der verschiedenen Parteien blicken finster aufeinander. Die sich früher täglich mit Handschlag begrüßt hatten, wenden einander jetzt den Rücken. Auch die Frauen kommen nicht mehr zusammen, so gern sie vielleicht auch möchten; eine fürchtet sich vor der anderen. Das Ansehen des Ortsvorstandes wird nicht mehr geachtet, selbst bei einer kürzlich erfolgten Beerdigung ist diese Spaltung der Gemeinde deutlich her- vorgetreten. Kurz, es ist ein Jammer für jeden Volksfreund. Daß auch die kirchliche Einheit, der Besuch der Gottesdienste darunter leidet, ist ganz natürlich, obgleich der Ortspfarrer sich alle Mühe giebt, keiner Partei Recht zu geben, sondern alle auf ihre Einseitigkeit ausmcrkfam zu machen. So ist auch diese kleine, ehedem so glückliche Gemeinde ein Bild des armen parteizerrissenen Vaterlandes geworden. Wann wird das wieder besser werden?
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Deutsches Reich.
Berlin. Die Gerüchte von einer Kanzlerkrisis treten leider immer bestimmter auf. Die überraschendste Nachricht darüber bringt die Wiener Montagsrevue, welcher auf außerordentlichem Wege gemeldet worden ist, daß dir deutsche Reichskanzler-Krisis in ein Stadium getreten sei, in dem sie nur mehr durch gänzlichen Rücktritt deS Fürsten Bismarck in naher Zeit ihre Lösung finden könne. Zwischen dem Kaiser und dem Kanzler habe sich ein solcher prinzipieller Widerspruch in allen Anschauungen herausgestellt, daß eine dauernde Verständigung so gut wie ausgeschlossen erscheine. Nach der Rheinisch-Westfälischen Ztg. soll dagegen das sozialpolitische Gebiet, auf welchem fortdauernd Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kaiser und dem Kanzler bestehen, derart abgegrenzt worden fein und Fürst
Bismarck dergestalt die Einwirkung darauf aufgegeben haben, daß Konflikte ausgeschlossen erscheinen müßten. Doch gelte eine weitere Erleichterung der Geschäftslast des Fürsten Bismarck in näherer oder fernerer Zukunft als wahrscheinlich.
— Mit der Verwirklichung des kaiserlichen Programms in der Ardcilcrschutzfrage ist in den staatlichen Betrieben bereits erfolgreich vorgegangen. Während bisher in der Regel 10—12 Stunden täglich in der ArtiUcriewerkstall und in der Gewehrfabrik zu Spandau gearbeitet wurde, ist jetzt in der Mehrzahl der Betriebe der zehnstündige Maximalarbeitstag durchgeführt worden. Diese Anordnung ist auf Befehl des Kaisers getroffen worden.
— Bon gut unterrichteter Seite wird mitgetheilt, daß die neue Milimroorlage bereits dem im April zu- sammentrctcnden Reichstage zugehen wird. Es werden über 70 neue Batterien nebst den dazu erforderlichen Spezialtruppen (Pioniere, Train) gefordert.
— Bei dem nunmehr eingeführten rauchschwachen Pulver bilden die Helme der deutschen Infanterie mit ihren weithin blinkenden Beschlagtheilen ein treffliches Zielobjekt. In deutschen Armeckreisen erwägt man nun die Frage einer Aenderung in der Kopfbedeckung oder doch den Ersatz der glänzenden Messingtheile des Helms durch solche aus matter Bronce.
— Der Abgeordnete Eugen Richter ist aus dem Vorstände der Vandtagsfraktion der freisinnigen Partei ausgeschieden.
— Aus den deutsch - ostafrikanischen Schutzgebieten kommt die Nachricht, daß der Reichskommissar Major Wißmann den Araberführer Bana Heri zum zweiten Male geschlagen hat. Die deutsche Schutztruppe marschierte am 9. März von Saadani mehrere Stunden landeinwärts nach dem von Bana Heri neu errichteten befestigten Lager, welches mit Sturm genommen wurde. Bana Heri entfloh in die Wälder. Ein deutscher Offizier ist gefallen, ein Anderer wurde verwundet und ein Dritter erlag dein Sonnenstich. Mehrere deutsche und eingeborene Soldaten wurden verwundet, andere erlagen der Hitze. Der Verlust der Araber ist sehr groß.
Stuttgart. Aufsehen erregt hier die Verhaftung des Mechanikers Hartmann. In demselben, der seither als ein fleißiger, braver Handwerksmann galt, entdeckte die Polizei einen berufsmäßigen Dieb und Einbrecher. Er wurde ertappt, als er Samstag Nachts nach vollzogenem Ernbruchsdiekstahl einen großen Sack voll gestohlener Waaren seiner Wohnung zuschleppte. Eine Haussuchung bei ihm forderte ein großes Lager gestohlener Sachen aus Licht. Der Verhaftete ist vcrheirathet und Vater von sechs" Äsirdern.
Würzburg. Ein seltener Fall von Ungehorsam wurde von dem Militärbezirksgericht (Kriegsgericht) zu Würzburg abgeurtheilt. Angeklagt war ein Soldat des 14. Jns.-Regts. wegen wiederholten Verbrechens der Widersetzung, nachdem er schon eine längere Festungsstrafe verbüßte. Beim Regiment wieder eingestellt, war er widerspenstiger als zuvor. Vom Regimentskommandeur zur Rede gestellt, nahm er Helm und Seitengewehr und warf es ihm vor die Füße mit den Worten: „Kaufen Sie sich Bleisoldaten, wenn Sie welche gebrauchen!" Dem ihn transportirenden Sergeanten wollte er das Gewehr entreißen, was aber nicht gelang. Seinem Vertheidiger, (welcher ihm nach dem Militär- gerichtSgesetz zusteht), verbot er, mildernde Umstände zu beantragen und gestand die ihm zur Last gelegten Reale völlig ein. Der Gerichtshof erkannte auf zwei Jahre Festung. Nach Verkündigung des Urtheils riß er die Kokarde ab, warf sie nach dem Stabsauditeur, drohte diesem und dem Gerichtshof mit geballten Fäusten und konnte nur mit Gewalt in seine Zelle gebracht werden.
Aus Thüringen. Eine unheimliche Geschichte wird aus Wallendorf gemeldet. Daselbst ist einem Kaufmann beim Auszählen einer Tonne Häringe die fatale Bescheerung passirt, daß er in der Mitte des Fasses zwischen den Häringen die Leiche eines neugeborenen Kindes fand. Dieser schauderhafte Fund wurde natürlich sofort angezeigt und ist die gerichtliche Untersuchung bereits im Gange. Es ist nur gut, daß von diesen Häringen noch keiner gegessen war.
Berichten aus Weißenfels zufolge scheint es nunmehr festzustchen, daß ein vor Kurzem stattgehabter Brand, dem 7 Menschenleben zum Opfer fielen, bös
willig angelegt worden ist. In Verdacht hat man einen Arbeiter, der kurz vor dem Feuer wegen sozialdemokratischer Umtriebe von seinem Arbeitgeber entlassen worden war; derselbe soll flüchtig sein. Von Seiten der Staatsanwaltschaft zu Naumburg sind 3000 Mark Belohnung für Ergreifung des Thäters ausgesetzt.
Barmen, 11. März. Die Riemendrchergesellen von sieben Fabriken haben die Arbeit bedingungslos wieder ausgenommen, nachdem sich auswärtige Arbeitskräfte zahlreich gemeldet hatten.
Altenkirchen, 10. März. Wie dem Altenkirchener Kreisblatt mitgetheilt wird, werden in jüngster Zeit in geradezu erschreckender Weise die Hunde von der Influenza mitgenommen. Die Krankheit äußert sich bei denselben in einer akuten Schleimhautentzündung, die sich alsbald auf den Magen und die Nieren dergestalt wirft, daß die armen Thiere im Verlauf weniger Stunden unheilbarem Starrkrampf unterliegen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 14. März.
* — Im Laufe der nächsten Woche steht uns ein seltener Genuß bevor. Fräulein Mary Bredull, eine junge, sehr begabte Sängerin, die in Frankfurt ihre Studien machte und bereits an mehreren großen Opern mitwirkte, wird, unterstützt von der rühmlichst bekannten Klaviervirtuosin Fräulein Wilhelmine Hass el im Saale des Hotels,, zum Stern" konzertieren. Wirkönnen dem geehrten Publikum, wenn es sich einen genußreichen Abend verschaffen will, den Besuch dieses Conzertes nur angelegentlichst empfehlen, denn wir sind sicher, daß die zum Vortrag gelangenden PiLcen der beiden Damen allseitigen Beifall finden werden. Den Tag des Conzertes und alles Nähere werden die Programme enthalten.
— Aus der fünfte Fischerbrütungsanstalt des land- wirthschaftlichen Centralvereins zu Hahlingsmühle, Post Hofbieber, sönnen wie in den Vorjahren im Monat März und Anfangs April 200 000 Stück Forellen- letzlinge bezogen werden. Bestellungen beliebe man an den Mühlenbesitzer Anton Reinhardt zu Hahlingsmühle zu richten. Desgleichen können während derselben Zeit mit Sicherheit Edelkarpfen und Schleiensetzlinge, sowie einige tausend Stück der in der Neuzeit vielgerühmten Lederkarpfen abgegeben werden. Bestellungen auf die letzteren Fischarten richte man an den Anstaltsvorstand Herrn Gutsbesitzer Herrlein zu Margrethenhaun, Post Fulda.
In Kassel streiken gegenwärtig die Zimmergesellen. Die Meister haben erst vor Kurzem aus freien Stücken eine Lohnerhöhung bewilligt, damit sind die Gesellen aber nicht zufrieden und um die Meister zu mehr zu zwingen, haben sie die Arbeit niedergelegt.
— Die 22. Kavallerie-Brigade (Hessisches Husaren- Regiment Landgraf von Hessen-Homburg Nr. 14 in Cassel und Thür. Ulanen-Rcgimcnt Nr. 6 in Mühl- Hausen) wird in diesem Herbst an den Manövern des 4. Armeekorps in der Provinz Sachsen theilnehmen.
In Fritzlar wurde der Zimmermeister Selzer von einer umstürzenden Werkzeugbude erschlagen.
Aus Klcin-Auheim wird der Offenbacher Zeitung berichtet: Die Gebrüder Rousselle aus Groß-Steinheim, welche in der hiesigen Gemeinde eine Backsteinfabrik Pr Verblendsteine anzulegen beabsichtigen, haben mit der Gemeinde einen Vertrag abgeschlossen, wonach sie 200 Morgen Wald zur Ausbeute des nöthigen Thons chr 250 000 Mark erworben haben. Der Vertrag hat sier große Freude h:rvorgerufen: in sämmtlichen Wirthschaften gab es seit 4 Uhr — Freibier.
Ausland.
Oesterreich. Die in Italien aufgetretene geheimniß- volle neue Krankheit „Nona" ist nun auch in Oesterreich aufgetreten. Die Erscheinungen sind ähnlich wie bei der Influenza, doch verfallen die Kranken bald in einen tiefen, drei bis vier Tage dauernden Schlaf, aus welchem sie nicht mehr erwachen.
Italien. In Santiago schenkte dieser Tage eine unge Frau einem Kinde das Leben, welches ein förm- ich teufelsmäßiges Aussehen hat. Auf dem Borderkopf hat diese sonderbare Mißgeburt zwei hornartige Auswüchse, das Rückgrat besitzt eine schwanzförmige Verlängerung. Der ganze Körper des Neugeborenen ist