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Erscheint Mittwochs und Sonnabends. — Preis vierteljährlich 1 Mark. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.
M 24. Samstag, den 22. März 1890.
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Schlächtern, im März 1890. Der Herausgeber.
Deutsches Reich.
Berlin, $8, März. Die kaiserliche Genehmigung des gestern vom Fürsten Bismarck eingereichten t^ntlassnngsgesuchs aus seiner Stellung als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident wird unmittelbar erwartet. Graf Herbert Bismarck wird voraussichtlich im Amt bleiben.
Berlin. Eine Extraausgabe des f„Reichsanzeigers" veröffentlicht folgenden kaiserlichen Erlaß:
Deutsches Reich.
Sc. Majestät der Kaiser haben Allergnädigst geruht: den Reichskanzler Fürsten von Bismarck auf seinen Antrag von dem Amte als Reichskanzler zu entbinden und den kommandirenden General des 10. Armee-Korps, General der Infanterie von Caprivi zum Reichskanzler zu ernennen.
— Dem Fürsten Bismarck wurde bei seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienste von Se. Majestät dem Kaiser der Titel „Herzog von Lauenburg" allerhnldvollst verliehen, desgleichen die Würde eines Generalobersten der Cavallerie mit dein Rang eines General-Feld marschaUs.
Berlin, 19. März. Die Stimmung ist hier in allen Kreisen, Msonders aber im Abgeordnetenhaus eine sehr ernste; in Bundesrathskreisen herrscht geradezu Bestürzung über die Kanzlerkrisis. Man spricht davon, daß sämmtliche preußische Minister und die Chefs der Reichsümter dem Kaiser ihre Aemter zur Verfügung stellen würden. Der Landwirthschaftsminister v. Lucius i soll am entschiedensten auf Seiten des Fürsten Bismarck ! stehen, man hofft den Fürsten veranlassen zu können, daß er wenigstens die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten behalte.
Man schreibt aus Württemberg: „Eine zuerst in Italien und dann in Oesterreich beobachtete gefährliche Nachfolgerin der Influenza, die Nova, ist in Oberschwaben eingezogen. In Waidsee verfiel ein kräftiger Mann Plötzlich in einen tiefen Schlaf, der drei Tage dauerte, worauf der Tod in Folge von Lungenentzündung eintrat. Derselbe Fall ereignete sich in dem Donaustädtchen Friedingen, Oberamt Tuttlingen. Auch hier wurde ein Mann von jener rüthselhaften unüberwindlichen Schlafsucht befallen und liegt den neuesten Nachrichten nach immer noch im tiefsten Schlaf. Ebenso wird von Leutkirch gemeldet, daß ein wandernder Gerbergeselle in das städtische Krankenhaus gebracht wurde, weil er sich plötzlich schwach und krank fühlte. Dort fiel er in mehrtägigen Schlaf und starb endlich, ohne vorher zum Bewußtsein gekommen zu sein. Es . scheint, daß zum Unterschied von der Influenza beider Nona der tödtliche Ausgang nicht die Ausnahme, sondern die Regel bildet."
Aus Thüringen, 16. März. Die von dem Sonneb. 20M- verbreitete Nachricht, daß ein Kaufmann in Wallendorf in einem Heringsfasse die Leiche eines Kindes gefunden habe, wird von dem Saatfelder Kreisblatt als erfunden erklärt mit dem Hinzufugen, daß gegen die bett., Zeitung aus dem genannten Anlaß das Strafverfahren eingeleitet worden sei.
Trier, den 16. März. Ein Bauer lieh am 4. Jan. 1889 von einem Handelsmann zwei Kühe mit je einem Kalb auf halben Gewinn. Der Preis dieser Thiere wurde auf 255 Mk. festgesetzt (damals stand der Vieh- preis gering). Der Bauer zog die Kälber auf, welche jetzt schon schöne Rinder sind, und die beiden Kühe brachten wieder Kälber. Nun wollte der Bauer nicht I wehr länger in des Handelsmannes Tasche arbeiten i und ersuchte daher denselben, den Werth des Viehes zu j bestimmen, er wolle dasselbe als Eigenthum kaufen und < bezahleü. " Die beiden Kühe wurb n am 4. März 1890 ! veranschlagt zu 420 Mk., die beiden Rinder zu 210 , Mk. und die Kälber zu 135 Mk., zusammen also zu ' 7öö Mk.; der Handelsmann erhielt, der „Kölnischen .
musikalischen Vorträge wurden von Frl. Hessel so herrlich zum Ausdruck gebracht, daß es ein Vergnügen war, diesen in ruhigem und sicherem Strome sich er- giißenbcii Tönen zu lauschen. Beifalls- und da capo- j Rufe erschollen daher von allen Seiten, und wir kommen einem lebhaften Wunsche des Publikums entgegen, wenn wir die Damen ersuchen, baldigst ein nochmaliges Conzert zu veranstalten.
— Ueber falsche Zinsscheine macht die Hauptverwaltung für L-taatsschulden Folgendes bekannt: „Im Laufe der letzten Wochen sind an verschiedenen Orten einzelne falsche Zinsscheine von Schuldverschreibungen der konsolidirten vierprozentigen Staatsanleihe zum Vorschein gekommen, durch welche denjenigen Personen, die solche in Zahlung angenommen haben, Verluste entstanden sind. Wegen gerichtlicher Verfolgung der Ver- fertiger dieser Scheine ist das Erforderliche veranlaßt. Wir machen indeß noch besonders hiermit darauf aufmerksam, daß für falsche Zinsscheine in keinem Fall von uns Ersatz gewährt wird. Das Publikum kann sich vor Verlusten der erwähnten Art dadurch schützen, daß dasselbe die Annahme von Zinsscheinen bei Zahlungen ablehnt, da dieselben nicht dazu bestimmt sind, als Zahlungsmittel im Privatverkehr zu dienen. Die Zins-1 scheine haben lediglich den Zweck, von den dazu be-f stimmten Kassen eingelöst zu werden."
Bolkmarsen, 17. März. Zwei Eisenbahnarbcitcr, Polen wie gesagt wird, hatten bei einer Wittwe hier eingemiethet. Der Frühling, welcher naturgemäß den Wandertrieb fördert, hat jedenfalls auch die beiden Gesellen wanderlustig gemacht. Sie machten sich reisefertig, schnürten Abends ihre Bündel, um letzten Sonntag früh 3 Uhr zu gehen, was die Wirthin auch gar nicht stutzig machte. Sorglos begab man sich zu Bett; aber in später Nacht wird die Hausfrau durch ein Geräusch im Hause geweckt und gewahrt, daß man ihrer Rauchbühne einen Besuch abstattet. Schlau weiß sie es anzufangen. Ein Knabe muß rasch und lautlos den Weg durchs Fenster nehmen und 2 Polizisten herbeirufen. — Als diese in das Schlafzimmer der verdächtigen Burschen eindringen, liegen unsere Schlauberger im scheinbar tiefsten Schlafe und schnarchen wie die Bären. Man macht jedoch kurzen Proceß, untersucht ihre Reiseeffecten und siehe da, man findet Würste, Speck, Brod, Leinen rc. und sogar noch andere vor Kurzem einem hiesigen Bürger gestohlene Kleidungsstücke, anf die man schon lange vergeblich gefahndet harte. Ohne langes Besinnen wurden die Verblüfften Nachts ! 1 Uhr hinter Schloß und Riegel gebracht. i
Volkszeitung" zufolge, vorab den Kaufpreis mit 255 Mk. und bann noch die Hälfte des noch verbleibenden Restes von 510 Mk. als halben Gewinn mit 255 Mk, h.at somit in vierzehn Monaten 100 pCt. Zinsen von seinen Auslagen, oder pro Jahr mehr als 85 pCt.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, den 21. März. Gestern Abend konnten die musikalisch gestimmten Bewohner Schlüchterns ihrer Lust an der edlen Frau Musika vollauf Genüge leisten, denn zwei künstlerisch gebildete Damen von an- muthigem, gewinnendem Aeußern veranstalteten unter gütiger Mitwirkung des Herrn Musiklehrers Löwe ein Conzert, dessen geschmackvoll zusammengesetztes Programm schon von vornherein ein günstiges Vorurtheil erwecken mußte. Beide Damen, Frl. Bredull und Frl. Hessel, wetteiferten in ihren Vorträgen und errangen sich dadurch eine Reihe auserlesener Beifallsbezeugungen. Die Stimme des Frl. Bredull, die für den kleinen Saal anfangs etwas zu hell klang, gewann im Verlaufe des Abends immer mehr an Fülle und Tonfarbe und ent- N^te stch herrlich in den beiden volkSthümlichen Liedern „Mein Schatz ist ein Weber" und in dem „Geburtstaglied", welche bei den Hörern ganz entzückend wirkten und stürmisch zur Wiederholung verlangt wurden. Die
Offenbach, 13. März. Ein seltsames Plakat hat ein hiesiger Wirth in der Trinkstube aufgehängt. Wie es scheint, wird bei diesem häufig gerauft, denn mittelst dieses Plakates werden die „werthen" Gäste ersucht, sich bei Schlägereien keiner Stühle oder Gläser zu bedienen, am Büffet ständen massenhaft Prügel zur Verfügung.
Die Launen des Glücks.
Ein Roman aus dem Leben von Paul Böttcher. (Fortsetzung.)
Und dabei that er Alles mit der größten Uneigen- nützigkeit, lohne auf einen Dank zu rechnen. — Oder sollte er von einer anderen Triebfeder geleitet worden sein, als er dem armen Mädchen das Gold in die Tasche schob, ohne daß sie es bemerkte? War sein erster Besuch in ihrem Hause von eigennützigen ober gar unlauteren Absichten begleitet? — Nein! Er hatte ihr nur die Mittel in die^Hand geben wollen, daß sie wieder repräsentabel auftreten und ein geeignetes Unterkommen finden konnte, er halte sie nur besuchen wollen, um sich von der nützlichen Anwendung seiner Unterstützung zu überzeugen und ihr zu sagen, daß sie bei seiner Tante die Stelle einer Gesellschafterin über«
1 nehmen könne. Er war an dem gleichen Abend, wo : er Elwira gesehen, zu Schuppert zurückgegangen, um sich nach der Adresse des Mädchens zu erkundigen, er
• halte noch au dem gleichen Abend die Familienverhält- : nisse Enviras bei dem Polizeilieutenant des Reviers, in welchem sie wohnte, erkundet und erfahren, daß diese L ute unverschuldet in Unglück und Elend gerathen waren, und somit hatte sich sein Urtheil, welches er sich von der ersten zufälligen Begegnung mit Elwira gebildet, bestätigt, er sah sich in seiner Ueberzeugung, daß sie das Opfer unverschuldeten Mißgeschicks sei, nicht getäuscht.
Mag auch die Anmuth und Lieblichkeit Elwiras dazu beigetragen haben, das Mitleid für dieselbe in seinem Innern hervorzurufen, so war es doch vornehmlich sein Wohlthätigkeitssinn, der ihn zum barmherzigen Samariter werden ließ.
Und diesen Samariterdienst dehnte er soweit aus, daß er, so oft seine Zeit es ihm erlaubte, sich an das Krankenlager Elwiras begab; er setzte seine ganze Kraft daran, dieselbe von ihrer Krankheit, welche in einem Typhus wurzelte, zu heilen und er fühlte eine freudige Genugthuung in dem Bewußtsein, seine Patientin nach 6 Wochen mühevoller und aufopfernder Behandlung der | Wiedergenesung entgegengeführt zu haben.
Als die Kranke zum klaren Bewußtsein erwachte: saß der junge Mann gerade an ihrem Lager. Aber er bemerkte dieses Erwachen nicht, denn er hielt n diesem Augenblick seine Augen träumerisch zu dem Fenster hinaus in die immer noch winterliche Landsch oft gerichtet, als wollte er die Schneeflocken zählen, welche langsam und vereinzelt vom Himmel Herniederfie len.
Elwira blickte verständnißlos im Zimmer umh er, sie sah sich auf dem Krankenlager und einen jungen Mann neben sich sitzend. Das ganze Zimmer schien eine Ver- änderung erfahren zu haben; sie sah viele Gegenstände, welche vorher nicht in demselben gewesen waren. Wiederholt schweifte ihr Blick von den Medizinkolben auf den jungen Mann und erst jetzt begann in ihr die Gewißheit anfzudämmern, daß sie die Patientin, der junge Mann an ihrem Lager aber der Arzt sei. Aber wer hatte den Arzt gerufen? wer honorirce denselben? — der Pater? —
Und mit dem Gedanken an den Vater wurde auch die Erinnerung an das Vorgefallene, an die Vergangenheit in ihrem Geiste wachgerufen.
Alles, was sie bisher durchlebt, zog an ihrem geistigen Auge vorüber — der Auftritt in Schuppens Laden — das Geschenk des Unbekannten — die entsetzliche Gewiß»