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lüchternerMun

Erscheint Mittwochs und Sonnabends. Preis vierteljährlich 1 Mark. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfennig.

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Mittwoch, den 9. April

1890.

^fMImttWtt auf d'° »Schlüchterner Zeitung" ^mitullHUt werden noch fortwährend von allen !l__3=?" " Postanstalten undLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Dem Bundcsratb ist der Entwurf einer Verordnung zur Ergänzung der Verordnung vom 14. April 1888, betreffend die Abänderung und Ergänzung der Ansführungsbestimmungen zu dem Gesetz über die Kriegsleistungen zugegangen. Die Abänderung bezieht sich auf folgende Einschaltung: Für die schweren Pferde kaltblütigen Schlages beträgt der Tages-Fouragc-Satz 12000 Gr. Hafer, 3000 Gr. Heu und 3000 Gr. Fullerstroh. Eine zweite Veränderung betrifft das entsprechende Formular der Marschrouten für Kriegsverhättnisse hinsichtlich der Verpflegung der Pferde nach Gewicht.

g^ Wie bekannt trat am 1. April die neue Armee- eintheilung ein. Seit Anfang der 70er Jahre sind in diesem Umfange Truppenverlegungen nicht mehr vor- genommen worden. Während bisher für die Truppen- Vertheilung verwaltungstechnische Rücksichten und die Ausbildung der Truppen mehr maßgebend waren, ist nach dem neuen Plan mehr der strategische Aufmarsch der Grundgedanke. Nach der neuen Eintheilung wird die militärische Front nach Frankreich zu durch drei deutsche Armeekorps (14., 15., 16.), die Front gegen Rußland durch 4 Armeekorps (1.,2., 5., 12.), geschützt sein.

Aus Sansibar ist am 2. April folgende Mit­theilung eingegangen: Emin ist in deutsche Dienste ge­treten und wird am 20. April mit einer Karawane eine Reise nach dem Nyanza-See antreten. Bwana-Heri schloß Frieden mit den Deutschen und kehrt auf Ersuchen des Reichscommissars Wißmann nach Saadani zurück.

Mit dem 1. April ist auf sämmtlichen preußischen Staatsbahnen ein neuer Personentarif zur Einführung gelangt. Die Abänderungen lezw. Ergänzungen der bisher bestandenen Vorschriften sind theilweise sehr ein­schneidende und für das reisende Publikum wichtige. Die Aenderungen der neuen Tarifordnung schwanken zwischen Herabsetzung, Gleichstellung und Erhöhung der früheren Fahrpreise. Nach den angestellten Vergleichen stellt sich auf den meisten Strecken eine Herabsetzung des Fahrpreises heraus. Neben diesem Vortheile ist dann noch besonders die allgemeine Einführung der 4. Wagenklasse hervorzuheben. Für dieselben werden aber nur einfache Billets (keine Retourbillets) ausge­geben. Durchschnittlich ist der Preis für ein Billet 4. Klasse gleich demselben für ein Billet 3. Klasse.

München, 2. April. Gestern, am ersten Tage der Bierpreis-Erhöhung, haben zahlreiche Arbeiter mit dem Bierstreik begonnen. Wirthe, die früher 7080 Liter zu Mittag verzapft haben, setzten kaum 10 Liter ab; dagegen trinkt man Weißbier. Die in der Eisengießerei bei Kustermann beschäftigten ungefähr 600 Arbeiter haben unter sich ein Abkommen dahin getroffen, daß jeder, der Braunbier trinkt, fünf Mark Strafe zahlen muß; es ist daher gar kein Bier in die dortige Kantine gefahren worden. Das in anderen größeren Fabriken z. B. bei Landes vorgefahrene Bier wurde wieder zurück- geschickt. Das beste Geschäft machen die Weißbier­brauereien; es wird nur Weißbier oder Schoppenwein getrunken. Der Restaurateur der Centralwerkstätten des Centralbahnhofes, woselbst an tausend Arbeiter be­schäftigt sind, mußte der Löwenbrauerei das Bier zurück­schicken und weitere Zufuhr abbestellen, da die Arbeiter sich sämmtlich des Genusses von26 Pfennig-Bier" enthalten, ebenso die Arbeiter in den Betriebswerkställen. Die besuchtesten Lokale der Stadt, wo die Erhöhung des Bierpreises auf 26 Pfg. eingetreten ist, bleiben leer.

Aus Eckernförde wird demB. Tageblatt" ge­schrieben : Noch leben wir mitten im großen Krach der Sparkasse, Und schon wieder beschäftigt eine ähnliche Begebenheit alle Gemüther. Die Kreiskrankenkasse hat sich mit einem großen Defizit bankerott erklärt. Alle Einschüsse, die die Arbeitgeber, dir Arbeiter und die Dienstboten seit drei Jahren geleistet haben, sind verloren. Der Geschäftsführer war ein Beamter der Hardesvogtei in Barby.

Das Schöffengericht zu Altona verurtheilte am Sonnabend einen Butterwaarenyändler aus Ottcus-n, der in verschiedenen Fällen anstatt Naturbutter Misch-

butter verkauft hatte, zu 1200 Mark Geldstrafe. Das Urtheil wird in drei Zeitungen auf Kosten des Ber- urtheillcn publizirt.

Das Städtchen Mörchingen in Lothringen hat in Folge der Neubildung des 16. Armeekorps gleich eine ganze Brigade als Garnison erhalten, welche am Diens­tag mit klingendem Spiel in die festlich geschmückte Stadt eingerückt ist. Die Stadt hat Mittags den Offizieren einen Ehrentrunk gegeben und Abends die Mannschaften festlich bewirthet. Der kommandirende General des 16. Armeekorps, Graf Häseler, hat am Dienstag eine Parade über die in Metz garnifonirenben Truppen des 16. Armeekorps abgehalten.

Lokales und Provinzielles.

* Schlächtern, 8. April. In Sachen der Kohlenzeche Kohlenhof" bei Elm ging uns eine Zuschrift von dem ehemaligen Reh: äsentanten genannter Gewerkschaft, Herrn F. W. Wasserfuhr in Köln zu, in welcher uns derselbe mittheilt, daß zwar in Folge eines Prozesses, welcher jetzt zur Entscheidung gekommen ist, seiner Zeit gerichtlicher Arrest auf das Inventar gelegt worden war, daß derselbe jetzt aber nach Zahlung der ftieitigen Summe aufgehoben worden ist. Die Ankündigung des Verkaufs sei deshalb übereilt gewesen und von einer Katastrophe könne keine Rede sein. Da die Grude jetzt durch Kauf in neuen und festen Händen sich be­findet, so soll begründete Aussicht vorhanden sein, daß dieselbe demnächst wieder in Betrieb genommen werden wird, eine Nachricht, die wir im Interesse unserer Gegend nur mit Freuden begrüßen können, da die Kohle auch Industrie herbeizieht. Hoffentlich bleibt's nicht blos bei der Vermuthung, sondern es wird baldigst eine Thatsache.

* Aus Bayern wird von dortigen Blättern ge­meldet, daß auf mehreren bayrischen Vichmäikten die Viehpreise in letzter Zeit gesunken seien. An der Tauber soll z. B. das Schweinefleisch nur noch 40 bis 43 Pfg. pro Pfund Lebendgewicht kosten.

DenStein der Weisen" für die Landwirthschaft will, demLeipziger Tageblatt" nach, ein Herr Julius Hensel gefunden haben. Genannter Herr nennt sein Rec pt für die Landwirthschaft ein neues Morgenroth, durch welches sich eine Perspektive für den Landmann der ganzen Welt eröffne! Nach seinen sehr interessanten Erörterungen ist der schwarze Basaltstein dazu da, einer Menge Noth und Elend ein Ende zu machen. Dieser Basaltstein, zu Pulver gemahlen, fei der steinerne Guano, der beste und billigste Dünger! Den Beweis dafür tiefere der Pflanzenwuchs bei Eisenach. Dort seien in allen Urgesteinen (Porphyr, Granit, Gneis und Schiefer- felsen) die zum Planzcnwachsthum nothwendigen Erden in abwechselnden Mischungs-Verhältnissen beisammen. Was Winlerfrost und ^Regengüsse allmählich an solchem Urgestein, dessen Geröll, in die Ebene Hinabschwcmme, erzeuge den Ackerboden. Nun sollen wir nicht müßig die Hände falten und den Naturproceß der Jahrhunderte in der Zerbröckelung der Felsen abwarten, sondern mit Hülfe eines Sektorators das Gestein in Pflanzennahrung verwandeln. Bei Anwendung dieses Düngers schwänden die erheblichen Nachtheile bei Kerwendung des Mistes. Denn die damit gedüngten Felder wnnmeltt von R.gen« Würmern und Engerlingen. Der Harm habe keine Kraft und Festigkeit, daher das sogenannte Lagergelreide, die mit Mist gedüngten Kartoffeln seien schcrfig und grindig, die mit Mist gedüngten W'esen lieferten ein Gras, in welchem statt Kalk, Magnesia, Kali und Natron viel­mehr ammoniakalische Verbindungen vorherrschten und zu Krankheiten des Virhstandes führten rc Das neue Morgenroth steige herauf, die Ingenieure sprengten die Felsen nicht bloß, um Straßenpflaster daraus zu machen, und für das heruntergekommene und zum Stillstand ge­brachte Müllergewerbe erblühe ein neuer lohnender Erwerb durch das Mahlen des steinernen Guanos.

Wer sich vor Strafe schützen will, möge nicht versäumen, seine nach Ostern neucintreiendcn Lehr­linge W. bei der betreffenden Ortskrankenkasse anzu- melden.

Eschwege, 4 April. Im Laufe des Winters sind die Nachgrabungen nach Kupfer und Silber in dem /a Stunde von Frankenhausen gelegenenKupferberg« werke" am Meißner ins Werk gesetzt und mit allen Kräften gefördert worden. Ein großer Stollen beginnt

etwa 10 Minuten vom Dorfe Wellingerode und ist be­reits in einer recht beträchtlichen Länge fertiggestellt; ein zweiter Stollen soll vomHöllenthal" aus in das Bergwerk führen, auch sollen natürlich später noch mehrere Stollen errichtet werden. Wie dem amtlichen Kreisblatte mitgetheilt wird, verspricht das Unternehmen große Erfolge; denn schon jetzt werden massenhafte Kupfererze zu Tage gefördert. Das hier zum Abbau kommende sog.Bcilstcin-Kupferschicfcrflötz" soll schon im 15. Jahrhundert im Betrieb gewesen sein, wie historische Dokumente feststcllcn; auch bis zum Anfang dieses Jahrhunderts ist der Abbau fortgesetzt worden, dann aber weil angeblich nicht mehr lohnend eingestellt worden.

Frankfurt a. M., 6. April. Die Aktienbrauerei von vormals Henninger Söhne wurde heute früh ein Raub der Flammen. Der Schaden soll beträchtlich sein. Sämmtliche Feuerwehren sowie Militär rückten gegen 3 Uhr aus, um zu löschen. Trotzdem sind der Malzboden, sowie der Hopfenboden und das Sudhaus vollständig niedergebrannt.

Wiesbaden, 4. April. In der Nacht zum Donners­tag wurde von böswilliger Seite das Drahtseil der Nerobergbahn, welche gestern ihre Fahrten wieder er­öffnen sollte, durchgehauen. Die Wiederaufnahme des Betriebs ist daher auf unbestimmte Zeit verschoben. In der zur hiesigen Stadt gehörigen Theilgemeinde Sichertrhausen ereignete sich heute ein schrecklicher Un­glücksfall. Der Knecht des Bauers K. daselbst fühlte sich unwohl und konsultirte den hiesigen Krankenkassen- arzl. Dieser verschrieb ihm Tropfen mit der Weisung, alle 2 Stunden 10 Tropfen davon zu nehmen. Sei eS nun, daß der Mann die Sache besonders gut machen wollte, ober geschah es im Ucbcrmuth und Leichtsinn, kurz der Mann trank die gefammte Mixtur auf ein­mal aus und ließ sich darauf noch 2 Glas Bier schmecken. Kaum hatte er aber das Bier ausgetrunken, da fiel er vom Stuhl und war eine Leiche.

Kassel. Hier ist jetzt eine Post- und Eisenbahn- Fachschule ins Leben gerufen, in welcher junge Leute mit gewissen Schulkenntnissen, Militär-Anwärter rc. zur Post- und Eisenbahn-Gehülfen-Prüfung vorbereitet werden.

Die Launen des Glücks.

Ein Roman aus dem Leben von Paul Böttcher.

, (Fortsetzung.)

Gerade, weil meine Verwandte deS Abends nie das Haus verläßt, wird diese, so denke ich, eine Aus­nahme machen und wenigstens Ihnen gestatten, daß Sie mich in das Theater begleiten dürfen. Sie sind übrigens recht Übel daran, liebes Kind, bei Ihrer Jugend muß Sie in diesem Hause die Langweile verzehren."

Sie irren, Herr Hellert," entgegnete Elwira;ich bin glücklich, hier Aufnahme gefunden zu haben und ich habe mich in die Verhältnisse des HauseS bereits so eingelebt, daß noch nie der Wunsch auf eine Aende­rung in mir rege geworden ist.

«Sie kennen die Welt noch nicht, schönes Kind, Sie wissen noch nicht, wie sie aussieht, welche Freuden uns in dieser Welt winken. Sie haben noch kein anderes Bild gesehen, als das einfarbige, trostlose Dienstver- Hältniß, in welchem Sie sich jetzt befinden, jedenfalls armer Eltern Kind, haben Sie keine Ahnung von dem Glanz, welchen die Welt entfaltet, von der Pracht der Natur außerhalb der Mauern Berlins, von den prächtigen Denkmälern und erhabenen Kunstschöpfungen bei sonnigen Südens, von Gesellschaften, von Bällen und Soireen. Haben Sie noch nie ein Bedürfniß gefühlt, sich in die ür Sie noch fremde Welt eingeführt zu sehen?"

Sagten Sie nicht selbst vorhin, Herr Hellert, daß ich keine Ahnung von all diesem Glänze habe? Sie haben Recht, aber darum verlangt es mich auch nicht darnach, diesen Glanz kennen zu lernen. Ich bescheide mich gern und gönne meinen Mitmenschen von Herzen die Freude, in dem Glanz dieser Welt leben zu dürfen."

Wenn nun aber Jemand vor Sie hintreten würde, der Ihnen das Anerbieten macht, Sie durch die Freuden dieser Welt zu führen, würden Sie ein solches Aner­bieten zurückweisen?"

Elwira heftete bei dieser Frage ihre Augen, in denen der Ausdruck kindlicher Unschuld und Unbefangenheit lag, auf den Sprecher. Sir hatte geglaubt, daß seine